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Jäh erinnerte sie sich, dass sie nicht allein war, und drehte sich zu ihm um. Er hatte die Arme vor der Brust verschränkt und trommelte mit den Fingern auf seine Oberarme. In seinem Gesicht lag ein milde amüsierter Ausdruck, und dann – das Ganze hätte ihr peinlich sein sollen, aber sie konnte nicht anders – warf sie sich ihm in die Arme und drückte ihn, so fest sie konnte. Nach kurzem Zögern erwiderte er die Umarmung, und sie schloss die Augen, so wohl fühlte sie sich. »Gratuliere«, flüsterte er an ihrem Ohr. Sofort kamen Olive wieder die Tränen. Als sie in Adams Auto – einem Toyota Prius, was niemanden überraschen konnte – zum Campus zurückfuhren, war Olive immer noch ganz aus dem Häuschen. »Er wird mich nehmen. Er hat gesagt, er wird mich nehmen.« »Es wäre dumm von ihm, dich nicht zu nehmen.« Adam lächelte sanft. »Ich wusste, dass er zusagen würde.« »Hat er es dir erzählt?« Ihre Augen wurden groß. »Du wusstest es und hast mir nichts davon …« »Nein. Wir haben nicht über dich geredet.« »Ach nein?« Sie wandte sich zu ihm um. »Warum nicht?« »Eine unausgesprochene Vereinbarung zwischen Freunden. Wir könnten in einen Interessenkonflikt geraten.« »Verstehe.« Natürlich. Das ergab Sinn. Ein guter Freund und die feste Freundin. Die feste Fake-Freundin, um genau zu sein. »Kann ich dich etwas fragen?« Sie nickte. »In den USA gibt es viele Labore, in denen an Krebs geforscht wird. Warum hast du dir gerade das von Tom ausgesucht?« »Das hab ich nicht. Ich habe mehrere Leute angeschrieben – von denen einige an der UC San Francisco arbeiten, was viel näher ist als Boston. Aber Tom war der Einzige, der mir geantwortet hat.« Sie lehnte sich auf ihrem Sitz zurück. Zum ersten Mal wurde ihr bewusst, dass sie alles, was ihr Leben hier ausmachte, mindestens ein Jahr lang auf Eis legen musste, wenn sie nach Harvard ging. Ihre WG mit Malcolm, ihre Filmabende mit Anh. Die Treffen mit Adam. Den Gedanken schob sie sofort beiseite, sie war noch nicht bereit, sich näher damit zu befassen. »Warum antworten Professoren eigentlich nie auf die Mails von Studierenden?« »Weil wir etwa zweihundert am Tag kriegen, die meisten davon Variationen der Frage: ›Warum habe ich eine Drei minus?‹« Er schwieg einen Moment. »Für die Zukunft würde ich dir empfehlen, solche Korrespondenzen deiner Betreuerin zu überlassen, statt sie selbst zu führen.« Olive nickte – das würde sie sich merken. »Aber ich bin froh, dass es mit Harvard geklappt hat. Tom ist so renommiert, und in seinem Labor zu arbeiten eröffnet mir alle Möglichkeiten. Ich werde rund um die Uhr forschen, und wenn die Ergebnisse so ausfallen, wie ich vermute, kann ich sie in einflussreichen Fachzeitschriften veröffentlichen und wahrscheinlich schon in ein paar Jahren mit den klinischen Studien anfangen.« Die Aussicht war berauschend. »Hey, jetzt sind wir nicht nur exzellente Fake-Dating-Partner, sondern haben auch noch einen Kollegen gemeinsam!« Da kam ihr ein Gedanke. »Worum geht es eigentlich bei eurem großen Projekt?«