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Alissa jagt die Piraten Kir Bulytschow Der Kinderbuchverlag Berlin 1988 ISBN 3-358-00467-8 1. Auflage 1988 DER KINDERBUCHVERLAG BERLIN - DDR 1988 (für diese Ausgabe) Verlag Lumina, Kischinjow 1984 Lizenz-Nr. 304-270/62/88 Gesamtherstellung: Karl-Marx-Werk Pößneck V 15/30 LSV 7733 Für Leser von 10 Jahren an Bestell-Nr. 633 1518 00670 Inhalt ERSTER TEIL Der Gast aus der Vergangenheit Und wenn nun eine Schlange hinter der Tür ist? Nein, das ist nicht Indien Der gleichaltrige Großvater Liebst du Mangomelonen? Der Autobus fährt nirgendwohin Auf zum Kosmodrom! Wie kommt man auf ein Raumschiff? Schwarzfahrer in der Vase Die Mißerfolge der Piraten Ein Besuch im Kosmoszoo Gib acht auf das Myelophon! Zurück zur Zeitmaschine! ZWEITER TEIL Die drei Koljas Sie kann sich an nichts erinnern Wir haben drei Koljas in der Klasse Ich bin doch dein Papa! Wie sich alles zugetragen hat Die Schuhe des Doktors Die Flucht Die Retter Wir werden gemeinsam lernen Ich habe sie noch nie gesehn Der Ersatzspieler Das ist ein Bandit aus der Zukunft Handfeste Beweise Ein seltsames Mädchen Frag den Sadowski Ein Supergirl Sie ist gefährlich Zweimal Alla Sergejewna Ischutin hält sich raus Kriegsrat Die Suche geht weiter Ischutin wird entlarvt Leb wohl, Supergirl! ERSTER TEIL Der Gast aus der Vergangenheit 7 1. Und wenn nun eine Schlange hinter der Tür ist? Koljas Eltern sind verhältnismäßig jung - noch keine vierzig, Auch sie selber halten sich keineswegs für alt; sie haben sich ein Boot gekauft, basteln daran herum, hätscheln es, schleppen es an Land und lassen es wieder zu Wasser. Sie laden Gäste ein, um Schaschlyk zu braten und über Wassertouristik zu reden. Doch was sind das, bei Licht besehn, schon für Touristen. Sie können nicht das geringste mit ihrem Glück anfangen. Voriges Jahr zum Beispiel schipperten sie zwei Wochen über die Wolga, legten aber nur ganze hundert Kilometer zurück - zum Totlachen! Kolja findet es langweilig mit ihnen, ihre Romantik sagt ihm nicht zu, sie ist ihm zu komfortabel, Und so weigerte er sich an jenem Sonntag im April kategorisch, ihnen beim Lackieren dieses Prunkstückes, der »Tschaika«, zu helfen. Er behauptete, am nächsten Tag eine Klassenarbeit schreiben zu müssen, und die Eltern waren so gerührt von seiner Gewissenhaftigkeit, daß sie ihm seinen Willen ließen. Auf diese Weise hatte Kolja plötzlich einen völlig freien Sonntag vor sich ohne Eltern und ohne Pflichten, er konnte fröhlich in den Tag hinein leben, wie einst der griechische Philosoph Epikur. Als Kolja erwachte, waren die Eltern bereits fort. Auf dem Tisch lagen ein Zettel mit der Bitte, Kefir zu holen, und ein Rubel. Am Morgen glaubt man, so ein freier Tag sei unendlich lang, deshalb ließ Kolja sich Zeit. Er schaltete 8 das Radio auf volle Lautstärke und überlegte, wen er anrufen könnte. Doch es war noch zu früh, seine Freunde schliefen gewiß alle. Also beschloß er, den Kefir zu holen. Er nahm den Rubel, eine Tasche, leere Flaschen und trat auf die Treppe hinaus. Auf der Treppe kamen ihm zwei Sanitäter mit einer zusammenklappbaren Trage entgegen. Sie waren schon älter und kräftig, erinnerten an Transportarbeiter, nur daß sie weiße Kittel und Käppis trugen. Kolja blieb stehen und bemerkte, daß die Tür des Nachbarn lediglich angelehnt war; Stimmen drangen aus der Wohnung. Die Sanitäter verschwanden mit der Trage hinter dieser Tür - dem Mieter, Nikolai Nikolajewitsch, mußte etwas zugestoßen sein. Der Mann lebte allein, war oft auf Dienstreise, doch über seine Arbeit wußte Kolja nichts. Er beschloß zu warten. Bald darauf öffnete sich die Tür, und die Sanitäter kamen mit der Trage heraus, auf der Nikolai Nikolajewitsch lag, blaß und fast bis zum Hals zugedeckt. Ein junger Arzt mit dickem Köfferchen folgte ihnen, er blieb an der Schwelle stehen und fragte: »Was soll mit der Wohnung werden?« In diesem Augenblick bemerkte Nikolai Nikolajewitsch, sichtbar erfreut, den jungen. »Grüß dich, Namensvetter«, sagte er leise. »Gut, daß ich dich treffe. Mein Herz macht Schwierigkeiten, weißt du. Ein Pech ist das!« »Keine Bange«, erwiderte Kolja, »Sie werden wieder gesund.« 9 »Danke für die guten Worte. Ich hätte eine Bitte an dich: Nimm meinen Schlüssel. Ich erwarte dieser Tage einen Freund aus Murmansk, und er weiß, daß der Schlüssel bei euch liegt, wenn ich nicht zu Hause bin.« »Aber klar, wie immer«, sagte Kolja. Und dann, an den Arzt gewandt: »Ziehen Sie die Tür einfach ran, und geben Sie mir den Schlüssel.« Kolja begleitete Nikolai Nikolajewitsch hinunter. Die Sanitäter schoben die Trage behutsam in den Krankenwagen - Herzpatienten brauchten absolute Ruhe. »Wann werden Sie wieder rauskommen?« fragte Kolja den Nachbarn, der bereits im Wagen lag. »In einem Monat, vielleicht auch eher. Ich rufe an, sobald ich aufstehn darf.« »Ja, rufen Sie an, ich komm Sie besuchen«, versprach Kolja. »Vielleicht möchten Sie auch etwas Obst, sagen Sie nur, was Sie brauchen.« »Mein Freund aus Murmansk wollte mir eine bestimmte Medizin bringen, ich verlaß mich auf dich.« »Geht schon klar«, erwiderte Kolja, »meine Eltern helfen Ihnen gleichfalls gern.« Der Krankenwagen fuhr eilig davon - zur Sklifassowskiklinik, wie Kolja vom Arzt erfuhr. Der junge stand da, sah dem Wagen hinterher. Nikolai Nikolajewitsch tat ihm leid; der Nachbar war ein sympathischer Mann, der einem niemals mit Belehrungen oder Moralpredigten kam und mit dem es sich interessant reden ließ. Dann ging Kolja in den Laden, um Kefir zu kaufen. Als er bezahlen wollte, geriet ihm der Schlüssel der 10 Nachbarwohnung in die Finger, und er nahm sich vor, ihn gleich, wenn er zurück war, an gut sichtbarer Stelle im Flur aufzuhängen: Sollte der Freund aus Murmansk kommen, wäre der Schlüssel sofort zur Hand. Doch zu Hause angelangt, kam Kolja eine andere Idee. Die Sache war nämlich die, daß auf dem Schreibtisch von Nikolai Nikolajewitsch das Modell einer Fregatte stand. Sie war aus Holz, besaß gewaltige Segel, Wanten aus Bindfaden und Kanonen aus Kupfer. Der Nachbar hatte einmal gesagt, diese Fregatte bestände aus zweitausend Einzelteilen und sei die genaue Kopie eines richtigen Schiffes. Kolja betrachtete das Modell sehr gern; wenn man davorsaß und die Augen zukniff, konnte man sich direkt vorstellen, wie es über den Ozean glitt, mit schlaffen Segeln, weil schon die zweite Woche Windstille herrschte. Als Fima Koroljow, ein Mitschüler von Kolja, von der Fregatte erfahren hatte, wollte er mit zu Nikolai Nikolajewitsch. Doch Kolja hatte keine Eile: Es war gefährlich, Fima irgendwohin mitzunehmen, denn er war furchtbar vorlaut und tolpatschig, unter Garantie faßte er was an und machte es kaputt. Fima hatte es dann satt gehabt, Kolja zu drängen, und nur noch verlangt: »Schreib wenigstens die Maße von der Fregatte auf. Ich will ein Segelschiff basteln, aber es gibt kaum Anleitungen. Was kostet's dich schon, mir zu helfen!« Das Gespräch mit Fima hatte erst gestern stattgefunden, Nikolai Nikolajewitsch aber war heute ins Krankenhaus gekominen. Abends würden die Eltern wieder da sein und den Schlüssel vielleicht an sich 11 nehmen - doch Fimka glaubte ihm bestimmt kein Wort und hielt das Ganze für eine Ausrede. Deshalb nahm Kolja, zu Hause angelangt, ein Blatt Papier, Lineal und Bleistift zur Hand und betrat die Wohnung des Nachbarn. Er war überzeugt, nichts Unrechtes zu tun, denn hätte er Nikolai Nikolajewitsch um Erlaubnis gefragt, so hätte der nichts einzuwenden gehabt. Kolja schloß die Tür hinter sich, steckte den Schlüssel in die Tasche und machte im Korridor Licht, um die afrikanischen Masken zu betrachten, die dort zähnebleckend an der Wand hingen. Dann begab er sich ohne Hast in das große Zimmer, das Nikolai Nikolajewitsch zum Arbeiten und Schlafen diente. Aufdem Sofa lag noch das Bettzeug, das Laken war zerwühlt, der Telefonhörer baumelte knapp über dem Fußboden. Kolja stellte sich vor, wie der Nachbar versucht hatte, das Telefon zu erreichen, um die 03 zu wählen. Er legte den Hörer wieder auf. Kolja war noch nie allein in dieser Wohnung gewesen, und sie kam ihm jetzt, obwohl es sich um eine ganz gewöhnliche Behausung handelte, sehr verlassen und sogar ein bißchen unheimlich vor. Wie er so in der Mitte des Zimmers stand, spürte er auch, daß er nicht gerade anständig handelte. Er hätte am liebsten kehrtgemacht, ohne die Maße von der Fregatte zu nehmen. Das aber tat er nicht, und zwar weil an der Wand eine alte Steinschloßpistole hing. Nikolai Nikolajewitsch hatte Kolja manchmal erlaubt, sie in die Hand zu 12 nehmen, doch es war nur das halbe Vergnügen, wenn man dabei beobachtet wurde. Nachdem Kolja die Pistole ausgiebig betrachtet und sie an die Wand zurückgehängt hatte, fiel sein Blick plötzlich auf die Tür, die zum Hinterzimmer führte. Obgleich eine Tür wie jede andere, hatte es mit ihr eine besondere Bewandtnis: Sie war stets verschlossen. Sooft Kolja den Nachbarn auch besucht hatte, sie war in seinem Beisein kein einziges Mal geöffnet worden. Der Junge zerbrach sich seit langem den Kopf darüber, was sich wohl dahinter verbergen mochte, und so fragte er eines Tages. »Und was ist hinter der Tür dort?« »Hast du schon mal was von Ritter Blaubart gehört?« fragte Nikolai Nikolajewitsch zurück. »Aber Sie sind doch gar nicht verheiratet.« »Ich halte dort kleine neugierige Jungs versteckt«, erwiderte der Nachbar. »Sieben an der Zahl. Es ist noch Platz für einen achten.« Damit war das Gespräch beendet, und Kolja fragte nie wieder - schließlich hatte man seinen Stolz. Doch nun bemerkte Kolja, daß der Schlüssel in der Tür steckte. Offenbar hatte Nikolai Nikolajewitsch nicht damit gerechnet, krank zu werden. Kolja ging zur Tür und begann zu überlegen. Wahrscheinlich befanden sich wichtige Papiere oder Wertsachen in dem Raum. Vielleicht auch eine Briefinarkensammlung. Und überhaupt: Wenn jemand nicht gewillt ist, dir sein Zimmer zu zeigen, hast du nichts darin zu suchen. 13 Kolja war schon drauf und dran, zu der Fregatte zurückzukehren, als es ihn plötzlich durchzuckte. Und was, wenn der Nachbar irgendein seltenes Tier in dem Zimmer verborgen hielt? So selten und gefährlich, daß er es niemandem zeigen durfte? Eine Schlange vielleicht, eine Anakonda von zwölf Metern Länge? Nun saß dieses seltene Tier hungrig hinter der Tür und hatte keine Ahnung davon, daß es einen ganzen Monat nichts zu fressen kriegen würde. Bei einer Anakonda oder einem Kamel wäre das nicht weiter schlimm, die überstanden einen Monat ohne Essen und Trinken ohne weiteres. Doch wenn's ein Tiger war? Der würde mehrere Tage durchs Zimmer hetzen und schließlich vor Hunger krepieren. Natürlich nahm Kolja nicht ernsthaft an, daß sich ein Tiger hinter der Tür verbergen könnte. Er hatte einfach das unwiderstehliche Verlangen, einen Blick in das geheimnisumwobene Zimmer zu werfen, doch dafür brauchte es eine moralische Rechtfertigung. Eine bessere Rechtfertigung aber als die Sorge um ein hungerndes Tier konnte es nicht geben. Kolja blieb noch einen Augenblick unschlüssig stehen, lauschte auf Geräusche aus dem Nebenraum - alles still. Da drehte er den Schlüssel herum und öffnete die Tür. 14 2. Nein, das ist nicht Indien Kolja wollte nur einen kurzen Blick in das Zimmer werfen und sich gleich wieder zurückziehn. Vorausgesetzt natürlich, daß sich dort kein durstleidendes Kamel befand. Er öffnete die Tür etwa fünf Zentimeter weit - nichts geschah. Er stieß sie weiter auf - wieder nichts. Schließlich steckte er den Kopf durch den Spalt und mußte feststellen, daß das Zimmer so gut wie leer war. Es war ein kleiner Raum mit grünen Wänden. Vor dem. Fenster hing ein dichter Vorhang, dennoch war es hell genug, um alles erkennen zu können. Im Zimmer befanden sich zwei Schränke und ein Stuhl. Der eine Schrank, aus Holz, war alt und sehr geräumig, seine Türen standen offen. In dem Schrank hingen mehrere Anzüge und Regenmäntel, darunter standen Männer- und Frauenschuhe unterschiedlichster Größe. Im Regalteil lagen, ordentlich gestapelt, Laken, Kissenbezüge, Hemden und Wäsche. Außen am Schrank aber lehnten drei Klappbetten. Was muß ein Kundschafter vermuten, wenn er in der Wohnung eines allein lebenden Mannes einen Schrank mit Kleidung für andere Leute entdeckt? Der Kundschafter Kolja kam zu dem Schluß, daß diese Sachen den Freunden und Bekannten von Nikolai 15 Nikolajewitsch gehörten, die ihn zuweilen von auswärts besuchten und bis zu einer Woche blieben. Im großen und ganzen war das Zimmer völlig uninteressant für Kolja, und er hätte seelenruhig wieder gehen können, wäre da nicht der zweite Schrank gewesen. Er war recht ungewöhnlich, erinnerte entfernt an eine Telefonzelle, war aber viel größer. Kolja trat an die Glastür heran und schaute ins Innere. Anstelle eines Telefonapparates befand sich an der Wand ein Instrumentenpult, ähnlich dem eines Flugzeugs. Und Kolja begriff, daß in eben dieser »Telefonzelle« das Geheimnis des Zimmers verborgen lag. »Einen Moment«, sagte Kolja zu sich selbst, denn er war ein bißchen aufgeregt und zwischen zwei Wünschen hin und her gerissen: sollte er gehen oder die Apparatur näher in Augenschein nehmen, denn er interessierte sich für Technik. Er hatte im vorigen Jahr sogar ein Radio zusammengebastelt, das freilich nicht funktionierte. Kolja drückte auf die Klinke der Glastür, und sie gab leise nach, als wäre sie geölt. Die Tür fuhr auf, lud Kolja geradezu ein, sich im Innem umzuschaun. Kolja widersetzte sich nicht länger und betrat die Kabine. Er begann das Instrumentenpult zu studieren. Auf seinem unteren, etwas vorstehenden Teil befanden sich zwei Knopfreihen. Darüber waren mehrere Schalter nebeneinander angebracht und mehrere Zifferblätter. Da das ganze System im Augenblick tot war, ausgeschaltet, konnte Kolja nicht erkennen, wozu es diente. 17 Ausgerechnet da fiel sein Blick auf einen Schalter, neben dem links die Aufschrift EIN angebracht war, rechts dagegen die Aufschrift AUS. Der Schalter zeigte nach rechts, zum AUS. Ich kann ihn ja jederzeit wieder zurückstellen, dachte Kolja, und drehte den Schalter nach links. Ein leises Summen ertönte, die Zeiger auf dem Pult erzitterten, manche gerieten in Bewegung. Kolja wollte wieder ausschalten, doch da vernahm er ein leichtes Klicken hinter sich. Er wandte sich hastig um und mußte festellen, daß sich die Tür hinter ihm geschlossen hatte. Er drückte von innen auf die Klinke - sie gab nicht nach. Doch deswegen geriet Kolja noch lange nicht aus der Fassung. Er drehte den Schalter nach rechts, und die Zeiger auf den Armaturen kehrten in die Nullstellung zurück, das Summen verstummte, die Tür sprang von selbst wieder auf. »Na bitte«, sagte Kolja, »die Maschinen haben dem Menschen zu gehorchen.« Er ließ die Tür weitere zweimal auf- und zugehn, dann beschloß er, auch die anderen Schalter auszuprobieren; im Notfall konnte man sie ja wieder in die Nullstellung bringen. Einer der Schalter, er war rot und befand sich am Ende der zweiten Knopfreihe, trug die Aufschrift START. Unter den Knöpfen waren Zahlen und irgendwelche unverständlichen Zeichen zu sehen. Zwei der Knöpfe aber trugen den Vermerk: 18 ZWISCHENSTATION bzw. ENDSTATION. Das weckte Koljas Neugier. Er stellte den Schalter auf START , doch nichts passierte. Er nahm das EIN dazu - wieder nichts. Erst als er zusätzlich den Knopf ZWISCHENSTATION drückte, glückte der Versuch. Und zwar in einem Maße, daß es Kolja leid tat, - ihn überhaupt unternommen zu haben. Das Summen wurde jetzt so laut, daß es ihn fast betäubte. Die gläserne Tür verschwand hinter einem Dunstschleier, das Glas wurde milchig. Die Kabine begann sacht zuvibrieren, so als würde beim Zahnarzt die Bohrmaschine in Gang gesetzt. Kolja streckte schon die Hand aus, um dieses Vibrieren zu beenden, doch in diesem Moment flammte auf einem kleinen Bildschirm oberhalb, des Instrumentenpults eine rote, ziemlich grelle Schrift auf: ACHTUNG! Diese Aufschrift verlosch sofort wieder, an ihrer Stelle tauchte eine andere auf, in Weiß: ÜBERPRÜFEN SIE, OB SIE IM KREIS STEHEN! Kolja schaute nach unten und sah, daß er auf einem kleinen, runden, schwarzen Teppich stand, der von einer weißen Linie umrandet war. »Ja«, rief er, bemüht, das anschwellende Gedröhn zu übertönen, »ich steh im Kreis!« Die nächste Aufforderung war noch strenger gehalten: NICHT BEWEGEN! AM GRIFF FESTHALTEN! Kolja konnte zunächst keinen Griff entdecken, doch dann schob sich ziemlich weit oben, in Augenhöhe, ein Haltegriff aus dem Armaturenbrett. Er war auf die 19 Größe eines Erwachsenen zugeschnitten. Kolja klammerte sich gehorsam an das kühle Metall, denn er wagte nicht, sich den Aufforderungen auf dem Bildschirm zu widersetzen. AUGEN SCHLIESSEN! lautete der nächste Befehl. Er kniff die Augen zu, und alles um ihn her verschwand. Da gab es nichts mehr - kein Oben und Unten, weder Luft noch Hitze oder Kälte. Nur das kühle Metall des Haltegriffs, an dem sich Kolja festhielt. Der Junge hätte nicht sagen können, wie lange das Ganze währte. - Vielleicht nur kurze Zeit, vielleicht aber auch zwei Stunden. Plötzlich jedenfalls war alles zu Ende, lediglich ein leichtes Summen war zu hören. Kolja verharrte noch einige Zeit reglos und versuchte zu sich zu kommen. Als er es endlich wagte, ein Auge zu öffnen, fiel sein Blick zuerst auf den Bildschirm, auf dem grün geschrieben stand: BEFÖRDERUNG IST ERFOLGT. ZWISCHENSTATION. Kolja holte tief Luft und schwor sich, seine Nase niemals mehr in Dinge zu stecken, die ihn nichts angingen. Doch nun wußte er, was zu tun war. Er brachte den Schalter mit der Aufschrift START in die Nullstellung zurück, den Schalter EIN AUS aber drehte er nach rechts, zum AUS. Es wurde sofort sehr still. Das hätte schlimmer ausgehen können, dachte Kolja, während er die Kabinentür öffnete. Überhaupt hab ich mich ganz wacker geschlagen, hab die Hosen nicht allzu voll gehabt. Direkt schade, daß ich's niemandem erzählen darf. 20 Kolja verließ die Kabine und blieb verblüfft stehen, weil sich irgend etwas in dem Zimmer verändert hatte. Oder seine Augen spielten ihm einen Streich. Erstens waren die Türen des Kleiderschranks jetzt geschlossen, obwohl Kolja sie nicht angerührt hatte. Nun, das mochte noch angehn - sie konnten zugeschlagen sein, als die Kabine gezittert hatte wie ein verängstigter Hase. Viel merkwürdiger war, daß alle drei Klappbetten verschwunden und die Zimmerwände, gerade noch grün tapeziert, plötzlich frisch geweißt waren. Kolja rieb sich die Augen - es half nichts. Da beschloß er, sich keine Gedanken mehr darüber zu machen. Wenn man etwas partout nicht begriff, sollte man besser nicht weiter nachdenken. Diesem Grundsatz folgte er zum Beispiel, wenn er zur Tafel gerufen wurde und eine Aufgabe nicht lösen konnte oder nicht wußte, in welchem Jahr Amerika entdeckt worden war. Er schaute dann zum Fenster hinaus und ließ Aufgabe Aufgabe sein - die Vier war ihm ohnehin sicher, es sei denn, irgendeine mitleidige Seele sagte ihm vor. So grübelte Kolja auch jetzt nicht weiter, er tastete nach dem Wohnungsschlüssel in seiner Tasche und begab sich zur Tür. Im großen Zimmer hatte sich gleichfalls etwas verändert. Die Fregatte war verschwunden. Das wäre aber ja noch gegangen, wenn nicht auch der Tisch weg gewesen wäre, auf dem das Schiffsmodell gestanden hatte, das Sofa mit den zerwühlten Laken und Decken, das Telefon und die Pistole an der Wand - kurz, alles. Das Zimmer war das gleiche, nur hatte jemand, 21 während sich Kolja in der Kabine aufhielt, die Wände geweißt und sämtliches Inventar entfernt. Wie sollte man sich so etwas erklären? Nun, Kolja als kluger Junge hatte sofort eine Erklärung parat. Er hatte kürzlich eine Erzählung des amerikanischen Schriftstellers Washington Irving gelesen, über einen Mann, der in die Berge aufgebrochen und dort eingeschlafen war. Dann kehrte er in sein Dorf zurück, doch niemand erkannte ihn. Er griff sich ans Gesicht - ihm war ein Bart gewachsen, der bis zum Gürtel reichte. Und so kam er drauf, daß er etwa zwanzig Jahre geschlafen haben mußte. Bei diesem Gedanken faßte sich Kolja ans Kinn, einigermaßen verwundert, daß er keinen Bart hatte. Und während er sein Kinn betastete, taten ihm bereits seine Eltern leid, die vor zwanzig Jahren von ihrem Boot nach Hause gekommen waren und den Kefir auf dem Tisch vorgefunden hatten, nicht aber ihren Sohn. Sie hatten gewiß sämtliche Krankenhäuser angerufen, die Miliz alarmiert - umsonst. Kolja, zwölf Jahre alt, war und blieb verschwunden. Mit diesen traurigen Gedanken verließ Kolja das Zimmer. Er war darauf gefaßt, daß sich der Korridor in diesen zwanzigjahren ebenfalls verändert hatte. Doch er hätte niemals vermutet, daß mit ihm eine derartige Verwandlung vor sich gegangen war. Es gab keinen Korridor mehr. Da war plötzlich ein Raum, etwa zehnmal so groß wie vorher, zwei Stockwerk hoch, vollgestellt mit allen möglichen 22 Apparaturen und von einem unbegreiflichen Licht erhellt. Der Saal nahm nicht nur die Fläche des ehemaligen Korridors ein, sondern auch den Treppenabsatz und sogar die Wohnung, in der Kolja lebte. Dieser Schlag war stärker als alle anderen. Der junge wollte zur Kabine zurücklaufen und den Schalter betätigen - vielleicht würde die Anwandlung dann vorübergehn? -, doch ihm kam eine andere Idee. Was hatte dort unter den Knöpfen gestanden? ZWISCHENSTATION und ENDSTATION- Das aber konnte nur bedeuten, daß es sich um irgendwelche Haltestellen handelte. Demzufolge stellte diese Kabine eine Art superschnelles Transportmittel dar, das ihn an einen anderen Ort, in eine andere Stadt befördert hatte, vielleicht sogar nach Indien. Und natürlich war das hier nicht das Zimmer von ehedem, sondern ein Raum, der ihm bloß ähnelte. Als Kolja zu diesem Schluß gelangt war, hatte er es nicht mehr eilig, zur Kabine zurückzukommen. Dazu war immer noch Zeit. Er durfte doch nicht die Möglichkeit aus der Hand geben, einen Blick nach Indien oder Samarkand zu werfen. Kolja fand die Tür, die zum Ausgang führte, recht schnell. Sie war von der gleichen Farbe wie die Wand, zeichnete sich lediglich durch einen haarfeinen, kaum sichtbaren Spalt ab. Rechts davon entdeckte Kolja einen weißen Knopf. Er betätigte ihn, und die Tür glitt zur Seite. Gleich darauf befand sich der Junge in einem 23 langen, breiten, fensterlosen Flur. Gewiß gab es hier noch andere Türen, von weitem jedoch verschmolzen sie mit der Wand. Nun denn, beschloß Kolja, setzen wir unseren Weg fort, Um aber später die Tür ohne langes Suchen wiederzufinden, legte er ein Fünfkopekenstück daneben. Im Flur begegnete ihm keine Menschenseele, vielleicht weil es Sonntag und noch früh am Morgen war. Kolja hatte keine Uhr, doch er wußte, daß es auf der Erde mehrere Zeitzonen gab - durchaus möglich also, daß in Indien jetzt Mittag war, auf den Hawaii- Inseln aber, sollte es ihn dorthin verschlagen haben, sogar Abend. Tja, -nicht von ungefähr hatte Nikolai Nikolajewitsch das hintere Zimmer stets verschlossen gehalten. Wahrscheinlich handelte es sich hier um ein Transportmittel, das sich noch im Versuchsstadium befand und vorerst geheimgehalten wurde. Nun, der Nachbar konnte unbesorgt sein: Kolja würde schweigen wie ein Grab. An den Korridor schloß sich eine breite Treppe an, die in eine große Halle führte. Ihre Vorderfront war ganz und gar durchsichtig. Sie bestand aus einer riesigen Glaswand, und Kolja wunderte sich, daß sie so heil und unversehrt war. Er trat näher und betrachtete durchs Glas den Platz vor dem Gebäude. Dort wuchs kurzgeschnittenes,junges Gras. In einiger Entfernung standen Bäume, die bereits blühten. Kolja sagte sich, daß die Bäume in 24 Moskau noch nicht soweit waren, demzufolge mußte er in eine südliche Stadt geraten sein. Der Junge berührte versehentlich die Glaswand, und plötzlich bildete sich eine Öffnung, die genau Koljas Größe entsprach. Die Wand, als wäre sie lebendig, lud ihn ein, hindurchzuschreiten. Kolja folgte der Aufforderung. Draußen war es nicht sehr kalt, und in seiner Jacke war er gerade richtig angezogen. Es wehte ein schwacher Wind, hinter den Bäumen sah man Hochhäuser aufragen. Kolja überquerte einen glatten, rosafarbenen Weg, ging auch ein paar Schritte auf dem Rasen. Dann drehte er sich um, betrachtete das Gebäude, aus dem er soeben gekommen war. Es war ein Hochhaus mit etwa zwanzig Stockwerken, das jedoch kaum Fenster und so gut wie keine Kanten besaß. Als hätte jemand eine Feile genommen und das Haus rundum geglättet. Es schimmerte perlmuttfarben, Man konnte nicht gerade behaupten, daß Kolja dieses Haus gefiel, doch als toleranter Mensch war er der Meinung, jedes Volk soll so bauen, wie es ihm beliebt. Über der großen Glasfront, durch die Kolja soeben geschritten war, stand in riesigen goldenen Buchstaben: ZEITINSTITUT Seitlich davon aber befanden sich zwei geschoßhohe schwarze Quadrate. Das eine stellte eine Uhr dar, in deren Innern Ziffern leuchteten: 9.15.35 ... 36 ... 37 ... 38 ... 39 ... Die letzte Zahl änderte sich fortwährend und 25 bedeutete die Sekunden. Das zweite Quadrat hingegen warf sämtliche Theorien des Jungen über den Haufen. Dort nämlich war zu lesen: MOSKAU 11. APRIL 2082 SONNTAG Gewiß hätte ein anderer an Koljas Stelle die Hände gerungen, wäre vor Schreck in Tränen ausgebrochen und ins Zeitinstitut zurückgelaufen, um möglichst schnell nach Hause zur Mama zu kommen. Denn nicht jeder wäre dem Abenteuer gewachsen gewesen, in das Kolja hier geraten war, dazu brauchte es schon starke Nerven. Hier ging's schließlich nicht um lumpige zwanzig Jahre wie in der Erzählung von Washington Irving, sondern um mehr als hundert. Selbst Schildkröten lebten selten so lange. Kolja aber freute sich. Er sagte laut: »Na, dann wollen wir mal!« Und er beschloß, sich mit der Rückkehr Zeit zu lassen. Die Eltern waren sowieso noch nicht zu Hause, und Nikolai Nikolajewitsch lag im Krankenhaus. Unter diesen Umständen würde es sich Kolja niemals verzeihen, wenn er auf einen Bummel durch die ferne Zukunft verzichtete. 26 3. Der gleichaltrige Großvater Fürs erste mußte Kolja entscheiden, welche Richtung er einschlagen sollte. Dabei ließ er sich von der Überlegung leiten, daß in Moskau bestimmt noch Häuser existierten, die ihm aus seiner Zeit bekannt waren. Demzufolge würde er, wenn er sich jetzt rechts hielt, also den Gogol-Boulevard ansteuerte, ganz gewiß auf Vertrautes stoßen. Sein Orientierungssinn war nicht schlecht, er hatte sich noch kein einziges Mal im Wald verirrt, und so würde er auch in Moskau nicht verlorengehn. Selbst nach hundert Jahren nicht. Allerdings war es besser, niemanden nach dem Weg zu fragen - das würde die Leute nur mißtrauisch machen. Kolja marschierte los. Er ging auf einem rosafarbenen Weg von etwa drei Metern Breite, der leicht unter den Füßen federte. Hinter den Bäumen, die den Rasen säumten, mündete der Weg in eine breite Straße. 28 Kolja hatte sie kaum betreten, als hinter ihm eine Stimme rief: »Runter von der Straße, Junge! Wo läufst du denn?! Willst du überfahren werden?« Er sprang zur Seite und sah, daß ein merkwürdiger alter Mann auf ihn zurollte. Er fuhr auf einem einrädrigen Fahrrad, die Arme wie ein Zirkusakrobat, seitlich von sich streckend, um das Gleichgewicht zu halten. Auch seine Kleidung erinnerte an einen Akrobaten: enganliegendes grünes Trikot und weiche rote Turnschuhe mit langen Spitzen. Der Alte trug das graue Haar zu einem Igel geschnitten und einen langen Schnurrbart, der ebenfalls nach den Seiten abstand, als brauchte der Mann auch ihn für sein Gleichgewicht. Als der Alte Kolja eingeholt hatte, sagte er: »Begleite mich ein Stück. Allein dahinzuradeln ist langweilig.« Das Rad an dem Gefährt war nicht sehr groß, so daß der Mann ordentlich treten mußte. Trotzdem kam er kaum voran. Kolja ging neben ihm her. »Du willst wohl zum Fasching?« erkundigte sich der Alte und musterte Koljas ganz alltäglichen Anzug. Kolja sagte sich, daß jetzt Vorsicht das Wichtigste sei, und erwiderte: »Erraten.« »Dein Kostüm stimmt aber nicht«, sagte der Alte. »Zu meiner Zeit trugen die Jungs eine sogenannte Schuluniform. Sie bestand aus dunklen blaugrauen Hosen und einem. , ., tja, wie soll ich sagen..., einem Jackett. Weißt du, was ein Jakkett ist?« 29 »Ich kann es mir vorstellen«, antwortete Kolja und hätte beinahe hinzugefügt, daß ja sein Vater, wie übrigens alle Männer, ein solches Jackett besaß. Doch er besann sich sofort: Immerhin war eine Menge Zeit vergangen, gewiß kannten die Kinder von heute keine Jacketts mehr. Aber der Alte achtete nicht weiter auf Koljas Antworten, er wollte selber reden. Zwischen den Sträuchern am Straßenrand stand eine Bank, die freilich wenig Ähnlichkeit mit den üblichen Parkbänken besaß. Sie war sehr niedrig und erinnerte an ein Sofa. Als der Alte von seinem Rad stieg und Kolja aufforderte, neben ihm Platz zu nehmen, erwies sie sich als sehr weich, wie mit Flaum gefüllt. »Laß uns fünf Minuten ausruhn«, schlug der Alte vor, »ich bin ein bißchen außer Atem. Ich heiße übrigens Pawel. Und du?« »Kolja.« »Bist du in Eile?« Der Junge wußte nicht, was er darauf erwidern sollte. Er war sich selber nicht im klaren, ob er's eilig hatte oder nicht. Natürlich war es schade, hier auf einer weichen Bank zu sitzen und seine Zeit mit Gesprächen über Jacketts zu vergeuden, in denen er sich gewiß besser auskannte als der alte Mann. Andererseits war Pawel der erste, der ihm in der Zukunft über den Weg gelaufen war und keinerlei Mißtrauen hegte. Der Alte wartete Koljas Antwort gar nicht erst ab, sondern fuhr fort: »Also dann laß dir jetzt mal erklären, was ein Jackett ist. Es handelt sich dabei um ein 30 altertümliches Kleidungsstück, das die Männer in meiner Jugendzeit trugen.« »Warum kaufen Sie sich eigentlich kein zweirädriges Fahrrad?« unterbrach Kolja den Alten. »Ist doch unbequem mit nur einem Rad.« »Die Ärzte empfehlen es«, erwiderte der Alte. »Damit die Muskeln nicht verkümmern. In meinem Alter darf man die Ratschläge der Ärzte nicht in den Wind schlagen. Willst du mal meine Muskeln fühlen?« Der Alte beugte den Arm im Ellbogen und präsentierte Kolja seinen Bizeps. Er war gut entwickelt, besser jedenfalls als bei dem Jungen. »Doch jetzt zurück zu den Jacketts. Sie wurden mit Knöpfen geschlossen ... Ah, ich seh schon, das ist dir bekannt, dein Faschingskostüm weist diese unbequemen Dinger ja gleichfalls auf. Ich würde dir dennoch empfehlen, ein paar Änderungen vorzunehmen ... « »Mir scheint aber«, sagte Kolja, um Höflichkeit bemüht, »daß mein Kostüm genau stimmt. Das ist kein Anzug für die Schule, sondern ein ganz gewöhnlicher, für alle Tage.« »Wir trugen damals weiße Hemden und schwarze Hosen«, entgegnete der Alte. »Na ja, aber wann war das..., doch zu einer ganz anderen Zeit!« rief Kolja aus. »Was meinst du mit einer ganz anderen Zeit?« fragte der Alte verblüfft. Kolja schätzte mit einem kurzen Blick Pawels Alter - er tippte auf sechzig. 2082 minus sechzig ergab in etwa 31 2022. »Nun ja, in den zwanziger Jahren dieses Jahrhunderts«, sagte er. Der Alte brach in lautes Gelächter aus. »Nein, wie naiv!« rief er und wischte sich die Tränen aus den Augen. »Du bist vielleicht ein Spaßvogel! Du schmeichelst mir ganz fürchterlichl Seh ich tatsächlich so jung aus?« »So jung nun auch wieder nicht«, antwortete Kolja wahrheitsgemäß, »aber Radfahren können Sie noch ganz toll.«»Dann will ich dir ein Geheimnis verraten. Ich werde morgen hundertsiebzehn.« »Das kann nicht sein!« sagte Kolja. »Dann stammen Sie wohl aus Abchasien?« »Warum denn das?« »Weil die Leute dort lange leben. Sie ernähren sich von Käse und Wein und hüten Schafe.« »Nein. Ich stamme aus Moskau, ernähre mich hauptsächlich von Kefir und hab eine Vorliebe für Hammelkeulen. Magst du Hammelkeulen?« »Ich bin ganz versessen drauf«, gestand Kolja. Er hatte seine Verwunderung noch immer nicht abgeschüttelt. »Demnach sind wir Altersgenossen«, sagte er schließlich. »In gewissem Sinne, ja«, stimmte der Alte zu. »Wenn wir von deinem Kostüm ausgehen, sind wir Altersgenossen. Nur muß ich dir noch einmal allen Ernstes versichern, daß die Jungs zu meiner Zeit anders gekleidet waren. Ich könnte vergessen haben, was 32 fünfzig Jahre zurückliegt, doch niemals, was im vorigen Jahrhundert war.« Was sollte man da machen! Der Alte war so überzeugt, daß Streiten mit ihm keinen Sinn hatte. Und Kolja wollte auch gar nicht streiten. Er war tief beeindruckt: Neben ihm saß sein Altersgefährte, der hundert Jahre später auf einem einrädrigen Rad fuhr und weiche rote Turnschuhe trug. Hieß das nicht, daß vielleicht auch er, Kolja, in hundert Jahren noch lebte? »Und was macht die Gesundheit?« erkundigte er sich mitfühlend. »Geht's einigermaßen?« »Ich kann nicht klagen. Der Medizin sei Dank. Allerdings schlafe ich schlecht.« »Das ist nicht weiter schlimm«, erwiderte Kolja. »In welche Schule sind Sie eigentlich gegangen?« »In die 123. Mit Englischzweig. Auf dem Prospekt des Friedens.« »Ich geh auch in die Englischsprachige«, sagte Kolja. »Do you speak english?« »Yes' I do«, antwortete Pawel. »ja und, lernst du gut?« »Mal so, mal so. Die Lehrer geben immer eine Menge auf.« »Und ich dachte, heute gäb's keine Hausaufgaben mehr.« »Na ja, nur manchmal, beeilte sich Kolja zu versichern. »Meine Urenkel jedenfalls behaupten immer, es gäbe keine Hausaufgaben. Wahrscheinlich hab ich doch recht, wenn ich ihnen nicht glaube.« 33 »Und wo sind Sie Schlittschuh gelaufen?« fragte Kolja, um ihn abzulenken. »Ich? Im Sokolniki-Park. Und du? « »Ich im Park der Kultur.« Kolja beschloß nun, sich mit Erinnerungen zurückzuhalten, weil er sonst bloß noch eine Dummheit verzapfte. Die fünf Minuten waren vergangen, Pawel aber machte keine Anstalten aufzubrechen. Es gefiel ihm ganz offensichtlich, sich mit jemandem zu unterhalten, der ihn nur halb so alt geschätzt hatte. Am Himmel wurde ein weißer Streifen sichtbar. Er entstand schneller, als ihn ein Düsenflugzeug je hervorbringen könnte. »Was ist das?« fragte Kolja. »Ein Splinter«, antwortete der Alte gleichmütig. »Vielleicht auch ein Liner zum Mond. Dort findet heute ein Festival statt, weißt du das nicht?« »Doch, doch, natürlich. Aber wir haben mit unserem Fasching zu tun.« Über der Straße flog langsam eine perlmuttfarbene Kugel von einem halben Meter Durchmesser dahin. Als sie sich der Bank genähert hatte, änderte sie jäh den Kurs und steuerte direkt auf sie zu. Kolja erschrak ein bißchen, doch der Alte winkte die Kugel heran und schnippte, als sie nur noch eine Armlänge entfernt war, mit den Fingern gegen ihre Oberfläche. In der Kugelwand bildete sich eine Öffnung, und ein 34 schwarzer Gegenstand, ähnlich einem Zigarettenetui, plumpste dem Alten geradenwegs auf die Hand. »Na, dann wollen wir mal einen Blick in die Zeitung werfen«, sagte er. Die Kugel stieg auf der Suche nach anderen Lesern steil in die Luft. Kolja beobachtete verstohlen, wie der Alte einen Knopf seitlich am »Zigarettenetui« drückte. Das Etui verwandelte sich plötzlich in einen kleinen Bildschirm, auf dem eine Farbsendung lief. Da es für Kolja, der neben dem Alten saß, etwas unbequem war, das Geschehen auf dem Bildschirm zu verfolgen, hörte er nur, wie eine melodische Stimme sagte: »... Das Festival auf dem Mond verspricht ein Höhepunkt unter den diesjährigen Veranstaltungen zu werden ... In der UNO wurde eine neue Gesprächsrunde zu Fragen ... « In diesem Augenblick wurde Koljas Aufmerksamkeit von drei durchsichtigen Kugeln abgelenkt, die, einander überholend und die Fahrbahn nicht berührend, an ihnen vorbeisausten, In ihrem Innern saßen auf weichen Polstern Leute, und ein Mann las genau solch eine Zeitung, wie sie der Alte neben ihm in der Hand hielt. Da wurde Kolja bewußt, daß die Zeit verstrich. Alle hatten es eilig, irgendwohin zu kommen, nur er faulenzte hier herum. »Entschuldigen Sie, wie spät ist es eigentlich?« fragte er, an Pawel gewandt. Der andere streckte ihm, ohne den Blick von der Zeitung zu heben, seinen Arm hin. Am Handgelenk des Alten entdeckte der Junge ein breites Armband, auf dem 35 freilich nichts zu sehen war. Plötzlich aber flammten dort ein paar Zahlen und Buchstaben auf: ZEIT: 10 - 12 - 36 TEMP: 15' KEIN REGEN »Danke«, sagte Kolja, der beschlossen hatte, sich über nichts mehr zu wundern. 36 4. Liebst du Mangomelonen? Koljas Gefährte - man hätte ihn gut und gern Paschka nennen können, wäre er nicht so alt gewesen - hatte sich in die Zeitung vertieft und alles um sich her vergessen. Deshalb stand der Junge leise auf und entfernte sich. Ihm war eine Idee gekommen: Er wollte zum Kosmodrom fahren und, wenn möglich, einen kurzen Abstecher zum Mond machen. Immerhin flogen Touristenschiffe dorthin - die Reise konnte also nicht allzu lange dauern. Er fragte den Alten aber nicht, wie er zum Kosmodrom käme, denn in hundert Jahren wußte sicherlich jeder Moskauer, wo es sich befand, Die Frage hätte nur Mißtrauen hervorgerufen. Kolja ließ seinen Blick in die Runde gleiten und entdeckte ein Haus, das er kannte. Es befand sich auf einer Anhöhe, und seine Säulen schimmerten weiß hinter Bäumen hervor. Hundert Jahre zuvor hatte es auf dem Gogolboulevard gestanden und den Verband der Kunstschaffenden beherbergt; sogar eine Gedenktafel war dort angebracht, Sie trug den Hinweis, daß hier Turgenjew gelebt hatte. Der Boulevard hatte sich im Laufe der Jahre stark verändert. Erstens war er jetzt drei-, wenn nicht fünfmäl so breit - wenn man in der Mitte lief, konnte man kaum seine Ränder sehen, zweitens waren die Bäume und Pflanzen ganz anders. Gewiß, einige der alten Bäume, Linden und Ahorn, standen noch, doch zwischen ihnen 37 wuchsen blühende Apfel und Birnbäume, ja sogar Palmen. Als der Junge näher trat, bemerkte er, daß einige von ihnen, offenbar die zartesten, von dünner, durchsichtiger Plastfolie umgeben waren, wieder andere wurden durch eine Warmlufthülle geschützt. Diese Luft stieg aus kleinen Gittern hoch, die von jungem Gras verdeckt waren. Gleich am Fußweg aber stand ein merkwürdiges Gewächs, das an eine Klette oder auch an Sauerampfer erinnerte, nur tausendmal größer war. In seinem Blattwerk hing eine Staude grüner Bananen. Auf der Erde neben dem Stamm aber saß ein Affe und schälte eine der Früchte ab, die er gerade gepflückt hatte. Bei diesem reichlich tropenhaften Anblick fiel Kolja ein-, daß er hungrig war, Er hatte außer einem Glas Kefir und einem Butterbrot mit Tee seit dem frühen Morgen nichts gegessen. Außerdem liebte er Bananen. Und so sagte er sich: Wenn es einem Affen erlaubt ist., mitten auf dem Gogolboulevard diese Früchte zu verspeisen, dürfte das einem Menschen erst recht gestattet sein. Kolja warf sicherheitshalber einen Blick in die Runde, sah aber niemanden. Er ging zu dem Bananenbaum und sagte: »Rück mal ein Stück, Affe, sonst schnappst du noch nach mir.« Das Tier bleckte die Zähne, kam der Aufforderung jedoch nach undfuhr fort, seine Banane abzuschälen. Kolja stellte sich auf die Zehenspitzen und machte Anstalten, eine Banane abzureißen. Sie löste sich nur schwer von der Staude, so daß der ganze Baum 38 erzitterte. Schließlich hatte er es geschafft. Er wollte sich mit seiner Beute gerade neben dem Affen niederlassen, als einkräftiger Junge, etwas älter als Kolja, aus dem Gebüsch trat und sagte: »Dummkopf, was machst du denn da!« Bei einem Erwachsenen hätte sich Kolja wahrscheinlich entschuldigt, doch vor so einem Burschen widerstrebte ihm das. »Wieso?« sagte er. »Ein Affe darf das und ich nicht?« »Die Bananen sind ja noch gar nicht reif und außerdem als Tierfutter gedacht, Du liebst wohl auch Bananen?« »Geht dich das was an?« »Nein, natürlich nicht.« »Dann mach, daß du weiterkommst.« »Das werde ich nicht, denn ich bin hier für die Auslese zuständig. Du dagegen benimmst dich wie ein kleines Kind.« »Und der Affe?« entgegnete Kolja. »Sieh nur all die Schalenreste.« »Nein so was, vergleichst dich mit einem Affen!« sagte der Bursche verächtlich. »Für den ist das doch das Hauptnahrungsmittel.« Das Tier bemerkte, daß man von ihm sprach, und verschwand mit der Banane sicherheitshalber im Blattwerk einer Linde. »Komm mit«, sagte der Bursche zu Kolja. »Ich denk nicht dran.« »Hast wohl Angst?« 39 »Ich? Angst? Solche wie dich werf ich mit links über die Schulter, zehn auf einmal!« »Ich werd mich doch nicht mit dir prügeln«, erwiderte der Bursche, »wir sind in unterschiedlichen Gewichtsklassen. Iß ruhig deine Banane, wenn du sie schon mal gepflückt hast. Mir tut's nicht leid drum.« »Ich hab sie gleichfalls für einen Affen gepflückt«, schwindelte Kolja. »Ich hab nämlich einen zu Hause.« »Wo wohnst du denn?« »Weit weg.« »Nicht in Moskau?« »Nein.« »Wo denn?« Kolja überlegte fieberhaft , dann fiel ihm ein, daß seine Großmutter in Konotop lebte, und so sagte er: »In Konotop.« »Das kenne ich«, erwiderte der Bursche. »Stammt da nicht Milena Mitina her?« »So ist es«, stimmte Kolja zu. Das fehlte ihm gerade noch: Jetzt würde ihn der andere über irgendeine Milena Mitina ausfragen, er aber hatte nicht den blassesten Schimmer, wer das war! »Nein«, berichtigte der Bursche sich selber, »Milena ist ja aus Kostroma. In Konotop bauen sie den Tunnel ins Erdinnere.« »Stimmt«, sagte Kolja mit Grabesstimme. »Du bist vielleicht seltsam. Wie heißt du eigentlich?« »Kolja.« »Und ich Dshawad. Was ist dein Spezialgebiet?« »Wie meinst du das?« 40 »Na ja, was du werden willst,« Kolja fiel nicht gleich eine Antwort ein. Ihm war bereits klar geworden, daß die Alten weniger gefährlich für ihn waren als seinesgleichen. Zum Glück wurde Dshawad in diesem Augenblick abgelenkt. Sie waren mittlerweile auf einem Platz angelangt, von Blumen und kleinen Büschen bestanden und mit einem großen Bassin im Zentrum. Rund um das Becken lagen bunte Kleidungsstücke. »He, Lena«, rief Dshawad, »komm mal raus, wir müssen was bereden!« In der Mitte des Bassins brodelte spritzend das Wasser auf, und ein Mädchen kam an die Oberfläche. Es tauchte nicht einfach hoch, sondern schien sich bis zur Taille herauszuschieben. Erst da begriff Kolja, daß das Mädchen rittlings auf einem riesigen Fisch saß. Der Fisch schwamm schnell im Kreis, sein glatter, glänzender Rücken ragte ein Stück aus dem Wasser. Als das Tier dann an den Rand des Beckens geschwommen kam, wo Kolja und Dshawad standen, stellte sich heraus, daß es ein Delphin war. Er verharrte reglos am Beckenrand, schaute Kolja mit seinem kleinen lustigen Auge an, und der Junge streckte ihm die Banane hin. »Bist du übergeschnappt?« Dshawad packte ihn am Arm. »Du mußt ihn ja nachher nicht vom Durchfall kurieren. Seit wann fressen Delphine Bananen?« »Bei uns in Konotop ernähren sie sich ausschließlich davon.« 41 Das Mädchen war von ihrem Delphin heruntergestiegen; es war jünger als Kolja, höchstens zehn. »Guten Tag«, sagte sie. »Du hast mich gerufen, Dshawad?« »Hör zu, Lena, das hier ist Kolja. Er scheint vom Fasching zu kommen und hungrig zu sein. Hast du nicht was zu essen da?« »Ich bin nicht hungrig«, widersprach Kolja. Der Delphin verharrte nach wie vor reglos am Beckenrand. Er steckte die stupsnäsige Schnauze heraus, als lausche er. »Auf dem Tisch im Labor liegen ein paar Mangomelonen«, sagte Lena. »Alissa hat sie gestern abgenommen. Danach leckt man sich alle zehn Finger. Hast du Alissa heute schon gesehn?« »Nein. Wollte sie denn kommen?« »Ja. Sie hat versprochen, das Myelophon vorbeizubringen. Ich arbeite doch mit Grischka und Maschka.« Lena wies mit der Hand zum Bassin, und Kolja sah, daß jetzt ein zweiter Delphin hinzugekommen war und ebenfalls auf ihre Unterhaltung zu lauschen schien. Kein Zweifel - das waren Grischka und Maschka. »Und wo nehmt ihr das Meerwasser her?« fragte Kolja, um überhaupt etwas zu sagen. »Es ist synthetisch«, antwortete das Mädchen. »Bei euch in Konotop etwa nicht?« »In Konotop haben wir Süßwasserdelphine.« 42 »Hör nicht auf ihn«, sagte Dshawad. »Gehen wir jetzt. Ich hab selber Appetit auf Mangomelone. Eine erstaunliche Kreuzung!« Ein Stück vom Bassin entfernt befand sich ein kleines weißes Haus, das die gleichen geschmeidigen Formen besaß wie das Zeitinstitut. Als sie näher kamen, stellte Kolja fest, daß die Wände mit winzigen Poren durchsetzt waren, als beständen sie aus Schaum. Koljas Vater war Bauingenieur, deshalb interessierte sich derJunge für Baustoffe und kannte sich ein bißchen darin aus. Noch im vorigen Jahr wollte er selber mal einen Bauberuf ergreifen, hatte es sich in diesem Jahr aber anders überlegt - es zog ihn zum Kosmos. »Ist das Schaumbeton?« fragte Kolja. »Wie kommst du auf Schaumbeton?!« sagte Dshawad erstaunt, »Manchmal bin ich direkt verblüfft über deine Rückständigkeit! Würde ich mich nicht an das strikte Prinzip halten, keine überflüssigen Fragen an Leute zu stellen, die von sich aus nicht reden möchten - das eine und andre würd ich schon von dir wissen wollen.« »Laß es lieber«, erwiderte Kolja. »Vertagen wir die Unterhaltung, wie man bei uns in Konotop sagt.« Sie betraten das Haus und befanden sich nun in einem geräumigen Zimmer. An den Wänden ringsum standen Tische mit irgendwelchen Apparaturen. In der Mitte war ein runder Tisch, wo in einer Schüssel drei Früchte lagen. Sie besaßen die Größe einer mittleren Melone, wichen jedoch in der Form ab und waren orangefarben. 44 »Na schön«, sagte Dshawad, »dann werden wir uns jetzt mal an der Mangomelone laben. Wenn du willst, kannst du Fragen stellen. Ich habe nichts zu verbergen.« Er brachte ein Messer zum Vorschein, zerschnitt die Frucht. In ihrem Innern befand sich ein kleiner Kern, der sich von allein herauslöste und in die Schüssel fiel. »Bei einer normalen. Mangofrucht läßt sich der Kern nur schwer vom Fleisch trennen«, sagte Dshawad. »Ich weiß«, erwiderte Kolja, »hab es selber schon versucht. Man schmiert sich alle Finger voll, bis man's geschafft hat.« Dshawad zerteilte die Frucht in kleine Stücke, und sie machten sich drüber her. Es war ein Hochgenuß! Die Mangomelone war süß, saftig und weich, sie schmeckte Kolja ganz ausgezeichnet, auch wenn er nicht hätte sagen können, was daran Mango und was Melone war. »Wem gehört dieses Labors?« fragte er. »Der Schule. Wem sonst?« »Und die Delphine? Gehören die auch der Schule?« »Natürlich. Genau wie die Affen und die Pythonschlange Archimedes.« »Eine Pythonschlange? Wo ist sie?« »Sie schläft dort drüben auf der Linde. Ich zeig sie dir nachher.« »Ist sie lang?« fragte Kolja. »Mittellang. An die fünf Meter. Die Geophysiker haben eine größere von fast neun Metern, sie ist noch kein bißchen zahm. Wenn du willst, flippen wir nachher mal kurz rüber und schaun sie uns an.« 45 »Nein«, sagte Kolja, »ich hab keine Zeit, mit dir rüberzuflippen. Und du, wieso beschäftigst du dich eigentlich mit Bananen? Hast du nichts Besseres zu tun?« »Bananen sind die Nahrung von morgen«, erwiderte Dshawad. »Man muß sie nur anreichern. Was mich betrifft, so glaube ich nicht, daß im synthetischen Eiweiß die Zukunft liegt. Und du?« »Ich hab noch nicht drüber nachgedacht.« »Sag mal, schwitzt du nicht in deinen Klamotten?« »Wenn'ssoweit ist, werd ich sie schon ausziehn,« »Und wo willst du jetzt hin?« »Zum Kosmodrom.« »Wozu denn das?« »Mal sehn. Vielleicht flieg ich kurz zum Mond rüber,« »Da kommst du heut nicht hin, dort findet doch das Festival statt. Es gibt keine Karten mehr, ich hab's versucht.« »Schade«, sagte Kolja. »Dann versuch ich's eben mit dem Mars.« »Dahin nehmen sie unsereinen nur selten mit. Höchstens zu einer Exkursion.« »Trotzdem fahr ich jetzt zum Kosmodrom.« »Warum das, hast du noch nie ein Kosmodrom gesehn!« »Wir in Konotop haben keins.« »Das möchte ich aber stark bezweifeln. Na, mir ist's egal, fährst du eben hin. Du mußt den Bus nehmen, Linie 3, die Haltestelle ist am Gogol-Denkmal auf dem Arbat. Mit dem Bus also zum Prospekt des Friedens, 46 und von dort mit dem Flipper weiter zum Kosmodrom. Warte, ich bring dich ein Stück,« Sie kamen an einigen Beeten vorbei, wo mehrere Kinder, hauptsächlich kleine Knirpse, mit jäten und anderen Gartenarbeiten beschäftigt waren, »Willst du mal sehn?« fragte Dshawad. »Das gibt's bei euch in Konotop wahrscheinlich auch nicht.« Er führte Kolja zu einem Jungen, der neben einem der Beete hockte, »Hier, die haben wir erst im vorigen Jahr vom Aldebaran geholt, Wir sind dabei, sie zu akklimatisieren. Zeig sie ihm, Arkascha.« »Mach ich gern«, sagte der Junge und nahm zwei erbsengroße Samenkörner aus einem Plastsäckchen, die er in eine Vertiefung im Boden steckte. Dann griff er sich einen Gartenschlauch und begoß sie ausgiebig. »Wann soll ich denn wiederkommen« erkundigte sich Kolja. »Im Juni?« »So wart's doch ab«, sagte Dshawad, »du bist vielleicht ein Wilder! Sieh nur hin.« Tatsächlich konnte Kolja mit eigenen Augen beobachten, wie aus dem Boden langsam zwei grüne Triebe kamen. Arkascha begoß sie erneut, und sie begannen schneller zu wachsen. Nach einer Minute bereits waren sie etwa zwanzig Zentimeter lang und bildeten kleine Verzweigungen. »Hol schnell den Dünger«, sagte der Junge zu Dshawad, »er liegt im Labor auf meinem Tisch!« Dshawad rannte los, daß seine nackten Fersen nur so blitzten. Von allen Seiten kamen Junge Botaniker und Naturforscher, Kolja bemerkte, daß sich das Blattwerk einer großen Linde am 47 Rande der Lichtung auseinanderschob und der Kopf einer riesigen Pythonschlange sichtbar wurde, die neugierig die Vorgänge beobachtete. Doch niemand schenkte ihr Beachtung, und so gab auch er sich den Anschein, nicht das geringste dabei zu finden, daß hier Pythonschlangen von den Bäumen hingen. Dann kam ein kleines Mädchen - es mochte in der ersten Klasse sein - mit einem seltsamen Vogel auf der Schulter. Er erinnerte an einen Papagei, nur daß er zwei Köpfe besaß. Der eine Kopf schaute auf die grünen Triebe, der andere auf die Schlange. Als Dshawad mit dem Dünger zurückkam, waren die Triebe schon einen Meter hoch, und an ihren Zweigen hatten sich Knospen gebildet. Dshawad schüttete etwas Dünger auf die Wurzeln; sogleich kamen die Wurzelenden zum Vorschein und machten sich gierig daran, ihn unter sich zu vergraben. Kolja trat einen Schritt zur Seite - besser war besser. An den Zweigen hatten sich mittlerweile gelbe Blüten gebildet. Als die Triebe etwa drei Meter hoch waren, fielen diese Blüten ab, und aus den Fruchtknoten begannen sich Früchte zu entwickeln. Kolja konnte den Blick nicht von diesem Schauspiel losreißen. Nach weiteren zwei, drei Minuten wuchsen die Früchte, die zunächst an kleine grüne Ringe erinnerten, heran und färbten sich gelblich. Sie erinnerten Kolja an irgend etwas, er wußte nur nicht, woran. Plötzlich löste sich eine der Früchte und fiel zu Boden. Der Vogel mit den zwei Köpfen sprang dem Mädchen von der Schulter, packte die Frucht mit beiden 48 Schnäbeln, konnte sie jedoch nicht anheben, weil sich seine Köpfe gegenseitig behinderten. Alle lachten, das Mädchen aber sagte, als wollte es sich rechtfertigen: »Lacht doch nicht. Wir haben ihn erst vor kurzem gezüchtet, er hat noch ein paar Schwierigkeiten.« Nun fielen nacheinander auch die übrigen Früchte zu Boden. Dshawad hob drei der größten auf und reichte sie Kolja. »Hier, nimm, wirst sie auf dem Weg zum Mond gut gebrauchen können.« »Kann man die denn essen?« »Koste doch mal.« Kolja biß ein Stück ab, und die Frucht erwies sich als eine gewöhnliche Brezel, kalt zwar und ohne Mohn, doch ganz frisch. »Das ist vielleicht ein Ding!« sagte er. »Wachsen auf dem Aldebaran die Brezeln alle auf Bäumen?« »Na weißt du!« entrüstete sich Arkascha, der das restliche Gebäck in einen Korb gelegt hatte. »Ich hab von den Pflanzen des Aldebaran lediglich das Wachstumstempo übernommen. -Alles andre hab ich über den Weizen und den Brotbaum erreicht.« Als Kolja und Dshawad ein Stück weg waren, so daß niemand sie hören konnte, sagte Dhswad: »Er ist ein künftiges Genie der Genetik und hat einen Wunschtraum. Es ist gut, wenn der Mensch einen Wunschtraum hat,« »Und was wäre das?« 49 »Er will Frühstücksportionen für die Kosmosflotte züchten. Fix und fertig verpackt: gekochtes Huhn, Reis und schwarzer Kaviar. Keine schlechte Aufgabe, was?« »Nicht übel«, erwiderte Kolja und mampfte seine Brezel. »Ob er mir einen von diesen Samen abgibt?« »Ich werd mich nicht für dich verwenden«, sagte Dshawad. »Nicht etwa, weil ich dich nicht leiden könnte, sondern weil du ein Heimlichtuer bist, Und das mit Konotop ist auch geschwindelt.« »Schon gut, ich komm auch so zu recht«, erwiderte Kolja. »Vielen Dank jedenfalls für die Melone,« »Also dann, auf Wiedersehn, vielleicht begegnen wir uns noch mal. Schade, daß du Alissa nicht kennengelernt hast, sie wär dir bestimmt behilflich gewesen, in den Kosmos zu fliegen, Sie kennt viele berühmte Leute in der Fernraumflotte und war bestimmt schon auf zwanzig Planeten. Wenn's reicht.« »Wie alt ist denn diese Alissa?« fragte Kolja. »Wann hat sie das alles geschafft?« »So alt wie wir beide. Elf,« »Ich bin schon zwölf«, sagte Kolja. »Na gut, dann geh ich jetzt, Einen Gruß an Alissa.« 50 5. Der Autobus fährt nirgendwohin Es war fast zwölf, als Kolja das Gogoldenkmal am Arbat erreichte. Er entdeckte den Autobus sofort, Im Zentrum des Platzes, der mit verschiedenfarbigen Platten ausgelegt war, standen auf einer kleinen Erhebung drei Busse. Kolja erriet, daß es öffentliche sein mußten, denn über jedem hing, ohne befestigt zu sein, eine Kugel mit der Aufschrift »Linie l«, »Linie 2«, »Linie 3«. Die drei Autobusse waren gerade vorgefahren. Passagiere stiegen aus und ein. Einige der Fahrgäste kamen unter der Erde hervor, offenbar aus der Metro, andere näherten sich auf Flügeln, die sie zusammenlegten, als sie zur Tür traten, wieder andere kletterten aus Ballons, die, ihrer Last entledigt, von allein abflogen, um neuen Platz zu machen. Kolja fürchtete, der Autobus könnte ohne ihn abfahren, und setzte zu einem Spurt über den Platz an. Er war es gewohnt, Bussen und Bahnen hinterherzulaufen, denn er haßte es, seine Zeit mit Warten an Haltestellen zu vergeuden. Er rannte und überlegte dabei, was zu tun sei, wenn er eine Fahrkarte kaufen mußte. Er kannte ja nicht mal ihr Geld. Eine Hoffnung hatte er allerdings: Daß man in hundert Jahren Bus fuhr, ohne bezahlen zu müssen. Kolja rannte schnell, und da niemand außer ihm den Platz auf solche Art überquerte, wäre es beinahe zu 51 einem Unfall gekommen. Die Ballons und sonstigen Flugmaschinen mußten scharf bremsen, stiegen steil in die Höhe, versuchten auszuweichen. Die einen, um nicht gegen den Jungen zu prallen, die anderen, um nicht auf die ausweichenden aufzufahren. Kolja sah aus den Augenwinkeln, was er da angerichtet hatte, und legte noch mehr Tempo vor. Wer weiß, wie das Ganze geendet hätte, wäre nicht in diesem Augenblick ein Mann auf Flügeln geradenwegs zu Kolja hinuntergestoßen, um ihn aus dem Gewühl heraus in die Luft zu heben. »Wo willst du hin, du dummer Kerl?« fragte er barsch. »Weshalb riskierstdu dein Leben und gefährdest obendrein andere?« »Lassen Sie mich los!« zeterte Kolja, der zwei Meter über der Fahrbahn in der Luft strampelte. »Ich muß den Bus erreichen, er fährt gleich ab!« Gewiß wäre ihm, hätte er mehr Zeit zum Überlegen gehabt, eine bessere Ausrede eingefallen. Doch wenn man in Eile ist, sagt man meistens die Wahrheit. »Nein so was, er macht noch Witze!« entrüstete sich der Mann mit den Flügeln, trug Kolja aber trotzdem zu der Erhebung, wo die Busse standen, und ließ ihn herunter. Kolja wäre beinahe hingefallen, er prallte recht schmerzhaft mit den Füßen auf. »Au«, rief er, »ich hätte mir doch was brechen können!« »Ich hätte nicht gedacht, daß die Kinder auf der Erde so empfindlich sind«, erwiderte der Mann, der über ihm 52 in der Luft hing und die Flügel bewegte, die denen einer Libelle glichen. Erst in diesem Augenblick bemerkte Kolja, daß der Mann eine enganliegende, dunkelblaue Kombination trug. Darauf war vorn ein goldgestickter Saturn mit Ring abgebildet, am Ärmel waren vier Sterne befestigt. Oje, dachte Kolja erschrocken, das ist vielleicht ein Milizionär. Er wird dich gleich fragen, wo du wohnst. Aber der Mann war zum Glück kein Milizionär, denn in diesem Moment sagte eine Stimme, die Kolja bekannt vorkam: »Seien Sie ihm nicht böse, Kapitän.« Am Rand der Fahrbahn stand, sein einrädriges Fahrrad festhaltend, Koljas Gesprächspartner von vorhin, der alte Pawel. »Ich kenne diesen Jungen. Er ist einfach ein bißchen zerstreut, weil er sich auf den Fasching vorbereitet.« »Ich soll ihm nicht böse sein?« erwiderte der Mann. »Schließlich hat er durch sein waghalsiges Manöver die Leute gefährdet. Das aber ist sträflich.« Und an Kolja gewandt: »Wo willst du eigentlich so schnell hin?« »Zum Kosmodrom. Reisen in den Weltraum sind mein größter Traum.« »Wer so leichtsinnig ist wie du, hat im Kosmos nichts zu suchen.« »Ich werde mich bessern«, versprach Kolja. »Wirklich, ich werd mir Mühe geben.« »Er wird sich bessern«, unterstützte ihn der Alte. »Dann sehen wir uns vielleicht wieder«, sagte der Kapitän und schickte sich an, weiterzufliegen. »Halt, 53 warten Sie einen Augenblick«, rief Kolja, »könnten Sie mir vielleicht ein Autogramm geben?« Er suchte seine Taschen nach Papier und Bleistift ab, fand aber nur zwei Kopeken und einen Radiergummi. »Such nicht weiter.« Der Kapitän lachte. »Hier hab ich etwas für dich zur Erinnerung.« Er nahm einen der kleinen goldenen Sterne von seinem Ärmel und reichte ihn dem Jungen. Gleich darauf stieg er steil in die Luft. »Danke!« rief Kolja ihm hinterher. »Also weißt du«, sagte der Alte, »ich könnte dich direkt beneiden: Der berühmte Poloskow höchstpersönlich, Kosmonaut für Fernraumfahrt und Kommandant der >Pegasus<, hat dir einen seiner Sterne geschenkt, Hast du überhaupt eine Ahnung, was so ein Stern bedeutet?« »Nein.« »Jeder der Sterne steht für eine Sternenexpedition. Als ich ein Junge war, dachte man im Traum noch nicht an sowas.« »Zu jener Zeit gab's auch schon Kosmonauten«, sagte Kolja. »Ja, aber noch keine Expeditionen zu den Sternen.« »Das werden wir auch noch in Angriff nehmen«, versicherte Kolja und befestigte den Stern an seinem Armel. Der Alte winkte ihm zum Abschied zu, stieß sich mit dem Fuß ab und trat in die Pedale seines reichlich wackligen Gefährts. Kolja dachte, sein Bus wäre längst abgefahren, doch er stand zum Glück noch immer da. Er besaß 54 Stromlinienform, doch keine Fenster, und an dieser Tatsache erkannte Kolja, daß es sich um ein Hochgeschwindigkeitsfahrzeug handeln mußte. Über dem Eingang leuchtete die Aufschrift: »Zum Prospekt des Friedens«. Komme, was wolle, dachte Kolja und bestieg den Bus hinter einer älteren Frau, die recht sportlich aussah und eine Tunika trug, wie man sie von griechischen Göttinnen kannte, Er nahm sich vor, alles genau so zu machen wie sie, dann würde ihm nichts passieren. Im Autobus war es hell, doch es gab keine Sitzplätze. Alle, die einstiegen, gingen zielstrebig weiter. Kolja heftete sich der Frau an die Fersen und entdeckte, als sie etwa die Hälfte des Ganges zurückgelegt hatten, einen Vorhang, darüber die Aufschrift-. »Endstation. Prospekt des Friedens«. Die Frau steuerte den Vorhang an und verschwand dahinter. Kolja wartete einen Moment, folgte ihr dann und sah sie bereits der Ausgangstür zustreben, die ins Freie führte. Der Junge befand sich nun auf einem anderen, ihm unbekannten Platz. Die Frau betrat eine Rolltreppe, die nach unten führte. Aus der Bustür drängten inzwischen neue Fahrgäste. Kolja begriff nicht das geringste, deshalb ging er auf ein Junges Mädchen zu und fragte, »Können Sie mir bitte sagen, was das für eine Haltestelle ist?« »Was für eine Haltestelle?« »Nun ja, ich möchte wissen, wie der Platz hier heißt.« »Das ist der Prospekt des Friedens, siehst du das nicht?« 56 »Danke«, sagte Kolja, begriff aber trotzdem nichts. Er kehrte zum Autobus zurück und las über der Tür die Aufschrift: »Einstieg. Zum Arbat.« Was sollte denn das heißen? Das kam ja so heraus, als würde sich der Bus gar nicht vom Fleck bewegen. Man stieg an dem einen Platz ein und am anderen wieder aus? Aber wie wurde man befördert? Kolja ging zum nächsten Autobus. An seiner Tür leuchtete die Aufschrift: »Einstieg. Zum Nowodewitschjekloster«. Na bitte, dachte Kolja, jetzt kann ich's mühelos überprüfen. Er kannte dieses Kloster. Diesmal betrat er den Bus gelassen, durchquerte den Gang, passierte den Vorhang und stieg aus. Er stand am Ufer der Moskwa; ganz in der Nähe ragten die rosafarbenen Zinnen des Nowodewitschje-Klosters auf, hinter denen die Kuppeln der Kathedrale und der Glockenturm zu sehen waren. Kolja kehrte zum Prospekt des Friedens zurück. Tatsächlich, sagte er sich, ein überaus bequemer Städteverkehr. In irgendeinem phantastischen Roman hatte er mal etwas von Nulltransport gelesen. Da hatte ein Kosmosschiff Raum und Zeit übersprungen. Wahrscheinlich beruhte das hier auf dem gleichen Prinzip. Er würde das gelegentlich genauer ergründen. 57 6. Auf zum Kosmodrom! Doch nun galt es erst mal, zum Kosmodrom zu flippen, wie Dshawad es ausgedrückt hatte. Kolja war noch nie geflippt und hatte es auch bei anderen nicht gesehen. Deshalb beschloß er, zunächst das Treiben ringsum ein bißchen zu beobachten. Er sah Leute, die zu Fuß gingen, und andere, die in durchsichtigen Kugeln Platz nahmen. Ein Mann näherte sich einer Reihe von Säulen, entnahm der einen etwas.. Das interessierte den Jungen - er wollte erkunden, was es damit auf sich hatte. Die Säulen waren von unterschiedlicher Farbe. Auf der weißen stand »Eis«, auf der gelben »Limonade«, auf der grünen »Äpfel«, auf der blauen »Belegte Brote«, auf der braunen »Kwaß«. Insgesamt waren es etwa dreißig Säulen, doch Kolja untersuchte sie nicht alle, um nicht den Eindruck zu erwecken, so etwas noch nie gesehen zu haben. Ein Mann trat an die gelbe Säule, drückte einen Knopf auf der oberen Leiste - und heraus kam ein Glas mit Limonade. Der Mann trank die Limonade aus, stellte das Glas zurück, und sofort verschwand es wieder im Innern der Säule. Alles klar, sagte sich Kolja und trat an die weiße Säule. Er bekam ein Schokoladeneis, das nicht sehr süß, doch zu essen war. Dann ging Kolja zur gelben Säule und trank eine Limonade. Danach entnahm er ein Brot mit Butter und Käse, worauf erneut nachgetrunken werden 58 mußte, diesmal mit Kwaß - . Da entdeckte er auf einer orangen Säule die Aufschrift »Bananen«. Nun denn, dachte Kolja, warum nicht auch eine Banane. Er aß die Banane, legte die Schale zurück, und sie verschwand im Innern der Säule. Ein solches Leben gefiel Kolja, deshalb kehrte er zum Eis zurück. Das erste Mal hatte er den äußersten linken Knopf gedrückt, jetzt betätigte er den daneben. Und richtig - diesmal war's eine andere Sorte: Apfeleis. Kolja konnte es längst nicht mehr so schnell hinunterschlingenwie die vorige Portion, deshalb verschnaufte er erst mal, näherte sich der Haltestelle, wo die Leute in die durchsichtigen Ballons stiegen. Er wollte sehn, wie das vor sich ging. Immer wenn jemand an den Ballon herantrat, fuhr dort eine runde Luke auf. Der Passagier nahm in einem Sessel Platz, die Luke schloß sich wieder, und der Fahrgast drückte einen der Knöpfe. Gleich darauf erhob sich der Ballon ein kleines Stück Über den Boden und schwebte davon. Erstaunlich war auch etwas anderes: Kaum hatte sich ein Ballon mit Fahrgast entfernt, da kam schon ein neuer, bereit, den nächsten Passagier aufzunehmen. Kolja trat an einen Ballon heran, stieg aber noch nicht ein, sondern warf zunächst einen Blick ins Innere. Vor dem Sessel befand sich ein leicht schräges Pult mit mehreren Knopfreihen. Unter jedem der Knöpfe stand eine Aufschrift, allerdings so klein gedruckt, daß sie von außen nicht zu entziffern war. 59 Das werden wohl die Flipper sein, von denen sie immer reden, dachte Kolja. Doch bevor er auf Reisen ging, wollte er eine dritte Sorte Eis ausprobieren. Er kehrte zu der weißen Säule zurück und drückte den Knopf. Es war herrliches Erdbeereis, das noch besser schmeckte als das mit Apfel. Allerdings hatte Kolja nun bereits einige Mühe, es zu vertilgen, er spülte mit einem weiteren Glas Limonade nach. Nun dürft ihr Kolja nicht etwa für einen Schwächling halten. Normalerweise hätte er gut und gern zehn Portionen geschluckt, doch er war in Eile und schon mächtig satt von all dem, was er durcheinander gegessen und getrunken hatte. Aus diesem Grund fühlte sich Kolja, als er endlich den Ballon bestieg, um zum Kosmodrom zu flippen, auch voll und schwer wie eine Schlange, die ein Ferkel verschluckt hat. Er ließ sich in den Sessel fallen und war so müde, daß ihm, als er das Pult mit den Knöpfen studierte, fast die Augen zufielen. Aber es hatte alles seine Richtigkeit: Unter jedem Knopf stand der Name einer Straße oder eines Platzes, zum Beispiel »Universität«, »Roter Platz«, »Sokolniki«. Und er fand auch, was er suchte, sogar mehrfach: »Kosmodrom l«, »Kosmodrom 2«, »Rangierkosmodrom« und selbst »Schulkosmodrom«. Nehmen wir mal »Kosmodrom1«, entschied Kolja und drückte den entsprechenden Knopf. Woraufhin sich sein Ballon nicht schlechter als die andern ein Stück in die Luft erhob, schnell an Tempo gewann und im Strom genau solcher Flipper dahinflog. Kolja begriff sehr bald, daß der Verkehr 60 strengen Regeln unterlag. Die Ballons behinderten einander nicht, an Kreuzungen stiegen die über der Hauptstraße dahinschwebenden Flipper ein Stück höher und glitten wie auf einer unsichtbaren Brücke über denen dahin, die sich von den Seiten näherten. Einige Flipper flogen ganz hoch oben, wie kleine Kinderluftballons, dazwischen tauchten immer mal »Libellen« auf - Leute mit Flügeln. Noch weiter über ihnen aber zogen große Schiffe, Scheiben, Ringe und Kugeln ihre Bahn ... Es saß sich weich und bequem in dem Flipper, und Kolja wäre beinahe eingeschlafen. Eigentlich war er tatsächlich eingenickt, hatte es nur nicht bemerkt. Es wurde ihm erst bewußt, als er wieder aufwachte. So ist das manchmal morgens in der ersten Schulstunde: Man sitzt, schreibt, überlegt, kämpft gegen den Schlaf an, plötzlich aber gibt's einen Ruck, und man merkt, daß die Hand von der Zeile gerutscht ist und unmögliche Krakel zu Papier gebracht hat. Wahrscheinlich hatte Kolja nur ein oder zwei Minuten vor sich hin gedämmert, trotzdem erschrak er, als er an die eventuellen Folgen dachte. Automatik hin, Automatik her - was konnte passieren, wenn einer der Ballons außer Kontrolle geriet! Bei immerhin hundert Stundenkilometern! Von oben näherte sich ein großer Flipper, der offenbar zur Landung ansetzen wollte und deshalb kurze Zeit neben Kolja dahinglitt. Der Passagier hantierte an irgendwelchen Hebeln, und Kolja 61 vermutete, daß es wohl auch eine Handsteuerung geben mußte. Aber ja, wie sollte man sonst zum Beispiel ein bestimmtes Haus anfliegen? Das mußte er ausprobieren! Er schaltete die Automatik aus und betätigte einen kleinen Hebel mit der Aufschrift »Steigen«. Ganz vorsichtig, so daß sich der Flipper nur ein paar Meter in die Luft erhob. Aber das reichte schon aus, um beinahe einen Zusammenstoß herbeizuführen. Nein, so ging das nicht. Wenn schon, denn schon! Und Kolja zog den Hebel fast bis zum Anschlag zu sich heran. Da der Junge noch niemals vorher geflippt war, konnte er nicht wissen, wie prompt die Ballons reagierten. Koljas Gefährt raste dem Himmel und der Sonne mit einer solchen Geschwindigkeit entgegen, daß die Erde unter ihm versank und seine Ohren zu dröhnen anfingen. Der Junge erschrak und zog den Hebel wieder zurück. Da verharrte der Ballon reglos, durch diese unbarmherzige Behandlung war er direkt ein bißchen plattgedrückt. Plötzlich sagte eine Stimme aus dem Pult: »Werter Passagier! Sie verstoßen gegen die Verkehrsregeln. Wenn Sie nicht aufhören, den Flugapparat irrezuführen, sehen wir uns genötigt, zwangsweise auf Automatik umzuschalten.« »Entschuldigen Sie«, erwiderte Kolja, »ich werde es nicht wieder tun.« Der Ballon sank nun und Kolja brachte den Hebel - diesmal ganz vorsichtig - in eine neutrale Position. Der Flipper kam zur Ruhe und flog jetzt gleichmäßig auf der Höhe eines hundertgeschossigen Hauses dahin. 63 Kolja drehte sich um und schaute auf Moskau hinunter. Von hier aus wirkte die Stadt unendlich und sehr grün. Freilich war nur schwer zu erraten, wo sich was befand. Der Junge entdeckte den Fernsehturm von Ostankino, daneben ragten drei weitere Türme auf, etwa doppelt so hoch. Sie umringten den alten Turm wie große, kräftige Söhne ihr altes Mütterchen. Zum Zentrum hin verschmolz die Stadt zu einem Gemisch gruner und gelber Tupfen. Um den Kreml ausmachen zu können, mußte Kolja höher steigen. Er betätigte sacht den entsprechenden Hebel und vermerkte mit Genugtuung, daß der Ballon gehorchte und ihn sanft nach oben trug. Wär gar nicht schlecht, sagte er sich, noch ein paar Tage hierzubleiben und nach Herzenslust durch die Gegend zu flippen. Kolja zog am Hebel und schaute dabei fortwährend nach hinten. Die Stadt lag tief unter ihm, doch er empfand keine Angst. Endlich schien es ihm, als sähe er die Türme des Kreml, doch in diesem Moment gab es ein leises Knistern, und alles um ihn her verschwand. Ringsum stand undurchdringlicher grauer Nebel. »Was ist denn das für ein Luftrowdy!« rief eine Stimme. »Hören Sie auf, mein Netz zu zerreißenl Halten Sie an!« Kolja gehorchte. Er brachte den Ballon zum Stehen und hing in dichtem Nebelbrei, Wie sehr er den Kopf auch drehte und wendete - er konnte nicht das geringste erkennen. »Schlafen Sie, oder was ist los?« ertönte die Stimme erneut. 64 Sie klang zornig und kam Kolja bekannt vor. »Was soll ich denn tun?« fragte der Junge kleinlaut. »Na was schon. Fallen Sie!« »Aber Sie haben mir doch befohlen, anzuhalten.« »Das war ja auch richtig. Sie hätten mein Netz sonst noch einmal zerrissen und wären mit mir zusammengestoßen. Sie sollen fallen, hab ich gesagt!« Kolja kam der Aufforderung eilig nach, und der Flipper stürzte in die Tiefe wie ein Schnellift. Er paar Sekunden nur dann flammte plötzlich die Sonne wieder auf, Kolja sah nach oben und bemerkte eine gewaltige runde Wolke über sich. Er war versehentlich in sie hineingeflogen. Als er aber genauer hinschaute, stellte er fest, daß es sich um keine gewöhnliche Wolke handelte. Sie war von einem in der Sonne glänzenden Netz umspannt, das zu einem großen Ballon führte, in dem ein Mann saß. Der Ballon zog die Wolke hinter sich her. »So, und nun kommen Sie mal her«, sagte die Stimme. »Ich möchte mir den Luftrowdy etwas genauer ansehn. Ihretwegen verlier ich jetzt die Hälfte meiner Wolke.« Kolja bemerkte, daß aus dem Riß, den er hinterlassen hatte, wie Dampf aus einem Wasserkessel grauer Nebel entwich. »EntschuldigenSie bitte«, sagte Kolja, »ich hab das nicht gewollt.« »Kommen Sie trotzdem hoch.« Kolja blieb nichts anderes übrig, als der Aufforderung Folge zu leisten; er hatte den Flipper nun schon ganz gut im Griff. Als er sich dem Schlepperballon näherte, 65 fiel ihm ein Stein vom Herzen: Der Pilot war sein alter Bekannter Pawel. »Ach, du gondelst so wild durch die Luft!« sagte der Alte, als er sah, wen er vor sich hatte. »Was soll das heißen, Kolja?« »Ich war so in den Anblick des Kreml vertieft«, erwiderte der Junge schuldbewußt, »daß ich Sie nicht bemerkt habe.« Und um abzulenken, »Aber sind Sie denn nicht müde? Sie sind doch den ganzen Vormittag Rad gefahren ... « »Glaubst du etwa, ich wäre so alt geworden, wenn ich mich zur Ruhe gesetzt hätte? Das Radfahren ist Gesundheitstraining. Die Wolken aber schlepp ich für das meteorologische Institut, in dem ich arbeite.« »Ach, Sie sagen das Wetter voraus?« »Vorausgesagt wurde das Wetter früher. Heute bestimmen wir es. Sieh nur hin, wie viele wir sind.« Und Kolja erblickte, über den ganzen Himmel verstreut, Ballons, die Wolken hinter sich herzogen. Es mochten an die hundert sein, vielleicht auch mehr. »In Rjasan wurde um Regen gebeten«, fuhr der Alte fort. »Wir haben ihnen zum Abend leichten Niederschlag versprochen. Wenn du willst, kannst du mitkommen.« »Danke, ich möchte schnell zum Kosmodrom.« »Diesen Eindruck hab ich aber gar nicht. jedenfalls geb ich dir den Rat, den Flipper wieder auf Automatik zu schalten, bevor sie deine Manöver in der Steuerzentrale bemerken. Mach es selber, ehe sie es für 66 dich tun. Das wäre peinlich. Immerhin sind wir verständige Menschen.« Kolja wollte den Rat des Alten befolgen, kam aber nicht mehr dazu. Die Handsteuerung hatte sich ohne sein Zutun ausgeschaltet, und über der ganzen Breite des Pults flammte die Aufschrift: ZWANGSWEISE UMSCHALTUNG AUF AUTOMATIK. Der Flipper glitt schnell in die Tiefe und flog drei Minuten später im Strom der anderen Ballons dicht über dem Erdboden dahin, in Richtung Kosmodrom. 67 7. Wie kommt man auf ein Raumschiff? Auf dem Halteplatz vor dem Kosmodrom kletterte Kolja aus dem Flipper. Das Kosmodrom selbst war ziemlich bescheiden, wie er bei sich feststellte. Das Abfertigungsgebäude hatte höchstens drei Stockwerke. Der Junge hatte gehofft, sofort den Bug einiger wie Speere aufragender Raumschiffe zu erblicken, doch nichts dergleichen. Außerdem gab es unter all den Leuten, die aus den Flippern stiegen, vor dem Gebäude hin und her spazierten oder einfach herumstanden, so gut wie keinen Menschen in Kosmonautenuniform oder im Skaphander. Genauso wenig wie Außerirdische, Roboter und sonstige zu einem Kosmodrom gehörige Wesen. Kolja trat zum Eingang, Über der Tür stand: MOSKAUER KOSMODROM 1 PLANETARE MITTEILUNGEN Alles klar, sagte sich der Junge, von hier aus erfolgen keine Flüge zu den Sternen. Auch die ankommenden Schiffe bleiben auf der Umlaufbahn oder auf den umliegenden Planeten. Er wußte das aus Phantastikbüchern. Von innen wirkte das Gebäude bedeutend größer. Vor gut einem Jahr war Kolja mit der Großmutter nach Suchumi geflogen, und der Flugplatz -von Wnukowo 68 erinnerte ihn entfern, an das Kosmodrom. Dort hatte es genau solche Hallen gegeben. Die Leute hasteten ebenso herum oder waren, im Gegensatz dazu, ganz und gar nicht in Eile, weil sie sich aus Angst, zu spät zu kommen, viel zu früh eingefunden hatten. Oder weil der Start wegen schlechten Wetters verschoben worden war. Ob auch Raumflüge wegen schlechten Wetters verschoben wurden? Kolja trat an den Auskunftsbildschirm und fragte: »Gibt es noch Fahrkarten für den nächsten Flug zum Mond?« »Der letzte Flug ist vor fünfzehn Minuten erfolgt«, antwortete eine Frauenstimme. »Und was für Karten gibt es sonst?« »Entschuldigung, ich habe Ihre Frage nicht verstanden«, sagte die Frauenstimme. »Wo möchten Sie denn hin?« »Zum Uranus«, antwortete Kolja, obwohl er diese Absicht ganz und gar nicht gehabt hatte.»In welcher Angelegenheit?« erkundigte sich die Stimme. Ein Glück, daß es sich bloß um einen Automaten handelt, dachte Kolja, ein Mensch wäre gleich. mißtrauisch geworden. Er unterließ es, auf eine so indiskrete Frage zu antworten, und setzte seinen Weg fort, um zu erkunden, wo sich der Ausgang zum Flugfeld befand. 70 Es gab zwar alle möglichen Ausgänge, doch keinen für Einzelreisende. Über einem las man »Medizinische Kontrolle«, vor anderen Türen aber stand eine Aufsicht, oder man mußte irgendeine Marke einwerfen, um die Lichtschranke passieren zu können. Was soll denn das, dachte Kolja betrübt, da ist man extra zum Kosmodrom gefahren und kann nicht mal den kleinsten Flug unternehmen, geschweige denn zusehn, wie andere abfliegen! Kolja verließ das Gebäude und beschloß, es zu umgehen, vielleicht hatte er Glück. Er lief etwa zehn Minuten, bog um eine Ecke und stand plötzlich vor dem riesigen, bis zum Horizont reichenden Flugfeld. Auf dem Feld war kein einziges richtiges Raumschiff zu entdecken, nur ein paar diskusförmige Scheiben standen dort, jede von der Größe eines Fußballfeldes. Es handelte sich hier offenbar um »fliegende Untertassen«. Plötzlich sah Kolja, wie eine der Scheiben vom Boden abhob. Sie stieg ganz langsam auf, so als sei sie leichter als Luft und würde durch nichts bewegt. Als der Diskus etwa hundert Meter hoch war, neigte er sich, wie von der Hand eines Sportlers geschleudert, sacht zur Seite und sauste dann unverhofft davon, wobei er mit seiner Schmalseite die Luft durchschnitt. Kolja folgte ihm mit dem Blick, bis die Scheibe nur noch eine kleine Linse war und schließlich einzig ein weißer Streifen am Himmel anzeigte, in welcher Richtung sie sich entfernte. Der Junge wollte gar zu gern ein Stück näher an die Schiffe heran, deshalb tastete er sich an der 71 Gebäudemauer entlang vorsichtig zum Flugfeld vor. Doch er hatte noch keine zwanzig Schritte zurückgelegt, als er gegen eine unsichtbare Wand stieß, Etwas Hartes und Durchsichtiges hinderte ihn am Weiterlaufen. Kolja tastete das Hindernis mit den Händen ab - es war glatt und führte in die Höhe, soweit seine Hände reichten. Ganz schön schlau, dachte der Junge, sagte sich aber gleich darauf, daß diese Wand ja nicht endlos sein konnte. Irgendwo mußte sie zu passieren sein. Kolja ging nun wieder zurück auf die Straße, die vom Hauptgebäude weg zu einigen kleineren Bauten führte. Vor dem kleinsten der Häuser blieb er stehen, denn von dort drangen Stimmen zu ihm. Er schaute hinein. In einem großen Raum mit gewölbter Decke befanden sich einige Jungen und Mädchen, alle ungefähr so alt wie Kolja. Sie scharten sich um einen niedrigen Tisch. Niemand bemerkte, daß Kolja hereinkam und sich zu den Kindern gesellte. Er stand da und hielt Ausschau nach einer Tür, die zum Flugfeld führte. Endlich entdeckte er sie und wollte sich ihr schon unauffällig nähern, als ein untersetztes Bürschchen mit Lockenkopf auf ihn aufmerksam wurde und sagte: »Wo willst du denn hin, dort ist doch Vakuum!« »Ich wollte aufs Flugfeld«, erwiderte Kolja. »Und wozu?« »Einfach so.« Und damit der Lockenkopf keine Fragen mehr stellen konnte, fragte er seinerseits: »Und was macht ihr hier?« »Siehst du das denn nicht? Wir arbeiten.« 72 »Klar, daß ihr arbeitet.. Ich möchte wissen, woran.« »An einem Sputnik. Sag bloß, er hat keine Ähnlichkeit.« »Natürlich hat er Ähnlichkeit. Soll es ein Modell werden?« »Sind wir vielleicht kleine Kinder? Das wird ein gewöhnlicher Nachrichtensatellit, über den sie das Schulprogramm senden, Gibt es das in eurer Schule etwa nicht?« »Ich bin aus Konotop«, erwiderte Kolja, »und nur Historiker.« »Na weißt du«, sagte der Lockenkopf, »da habt ihr aber eine einseitige Ausbildung,« »Wann schickt ihr euren Sputnik eigentlich hoch?« fragte Kolja, um abzulenken. »Wir warten bloß noch auf den Transportroboter.Heute ist mächtiger Trubel wegen dem Festival auf dem Mond, deshalb hat sich der Start verzögert.« »Geht ihr raus aufs Flugfeld?« »Natürlich, wir müssen den Sputnik doch auf dem Gravitonenschieber montieren, damit der ihn zur Umlaufbahn bringt.« »Und wo ist euer Lehrer?« »Er wartet auf dem Flugfeld.« Kolja begriff, daß sich ihm hier eine günstige Gelegenheit bot, doch er durfte nichts übereilen. »Hör mal«, sagte er zu dem Lockenkopf, »was ist denn da für eine Wand um das Kosmodrom gebaut worden? Ich glaube, im vorigen Jahr gab es die noch nicht.« »Du hast recht. Im vorigen Jahr war hier noch eine gewöhnliche Mauer, doch sie hat das Gesamtbild 73 verschandelt. Deshalb dieses Kraftfeld.« »Wozu denn das?« »Was heißt, wozu? Zum Schutz vor unsereinem natürlich. Oder glaubst du, es mangelt an Grünschnäbeln, die unbedingt zum Mars wollen? Aber was, so frag ich dich, haben Grünschnäbel auf dem Mars verloren? Und doch versuchen sie's.« »Wolltest du selbst denn nie auf den Mars?« fragte Kolja. »Ich? Nein. Ich fliege erst zum Mars, wenn ich dort von Nutzen sein kann«, sagte der Lockenkopf. »Dafür lerne ich ja.« »Glaub ihm kein Wort«, schaltete sich ein etwas älterer Junge ein. »Er wollte nicht bloß zum Mars, sondern hat sich, um dorthin zu gelangen, sogar auf einen Transportliner geschmuggelt. Ein Glück, daß man ihn rechtzeitig erwischt hat, sonst wäre er im Kosmos erfroren.« »Erstens war ich damals klein«, sagte der Lockenkopf gekränkt, »es liegt schon gut zwei Jahre zurück, und zweitens bin ich nicht so dumm gewesen, in ein Transportschiff zu klettern. Ich hab mich auf einem Postschiff versteckt.« »Ach, auf einem Postschiff kann man wohl zum Mars fliegen?« fragte Kolja, der seine Vorsicht vergessen hatte. Der Lockenkopf bedachte ihn mit einem mißtrauischen Blick. »Sag mal, weshalb bist du eigentlich hier?« 74 »Ich? Nur so. Ich wollte mir euren Sputnik anschaun, damit ich unsern Jungs in Konotop davon berichten kann.« Der Lockenkopf glaubte ihm ganz offensichtlich nicht und wollte schon zu neuen Fragen ansetzen, doch in diesem Augenblick fuhr die Wand zur Seite auf, und im Zimmer erschien ein Transportroboter in Gestalt eines Karrens. Es war einfach eine Ladeplattform, die über der Erde dahinglitt. Doch als die Plattform am Tisch angelangt war, kamen aus ihrem Innern ein paar Metallgreifer, die den Sputnik in Sekundenschnelle umklammerten und vorsichtig auf die Ladefläche stellten. Der Karren rollte nun aufs Flugfeld hinaus, und die Kinder folgten ihm eilig. Kolja aber, den sie völlig vergessen hatten, schloß sich ihnen an. Kolja ging so lange hinter dem Karren her, bis er ein ebensolches Gefährt entdeckte, das ihnen genau entgegen kam und eine hübsche, etwa zwei Mann hohe Vase geladen hatte. Über die Vase war eine halb durchsichtige Hülle gestülpt. Diese Begegnung kam Kolja gerade recht. Er blieb ein Stück hinter den anderen Kindern zurück, wartete, bis der Karren mit der Vase bei ihm war, dann schlüpfte er in ihren Windschatten und lief nun in ihrem Schutz neben ihr her, so als sei er ihr Eigentümer und wollte sie seiner Großmutter auf den Jupiter schicken. Niemand hatte Koljas Verschwinden bemerkt. Nun galt es, sich an eines der Schiffe heranzupirschen, Kolja hatte in diesem Augenblick nicht unbedingt die Absicht, irgendwohin zu fliegen. Er 75 wollte nur, wenn es ihm schon geglückt war, aufs Flugfeld zu gelangen, das so sorgsam vor blinden Passagieren behütet wurde, wenigstens den Fuß in ein Raumschiff setzen, sich ein bißchen darin umschaun. Der Karren mit der Vase schwenkte zu einem Diskus ab, der ein Stück entfernt von den übrigen stand, Das kam Kolja sehr zupaß: Die Vase wurde bestimmt ins Schiffsinnere befördert - auf diese Weise würde auch er sich hineinschmuggeln können. Und so geschah es auch. 76 8. Schwarzfahrer in der Vase Der Transportkarren bremste vorsichtig vor der offenen Schiffsluke. Von nahem wirkte der Diskus geradezu riesig. Die Luke, von der Größe eines FußbaIltors, schimmerte schwarzlich unterm Diskusrand; von ihr führte eine Laufplanke hinunter, so breit wie eine mittlere Landstraße und mit geriffeltem Plast bedeckt, damit man nicht rutschte. Vor dieser Laufplanke kam der Karren zum Stehen. Kolja kauerte sich hinter ihm nieder, damit ihn die Leute nicht sahen, die die Fracht in Empfang nehmen würden. Doch niemand ließ sich blicken. Statt dessen fuhr der Karren, als hätte er Befehl erhalten, vorsichtig den Steg hoch, wobei er die Vase mit seinen Greifern fest umklammert hielt. Es wäre unverzeihlich von Kolja gewesen, eine solche Gelegenheit auszulassen. Er war bisher von niemandem bemerkt und angehalten worden, da würde er doch jetzt nicht darauf verzichten, einen Blick ins Innere des Schiffes zu werfen! Und wenn's nur ein ganz kurzer war, für eine Minute! Danach würde er sofort nach Hause zurückkehren. Der Karren blieb in einem großen, nicht sehr hohen und nur schwach erhellten Saal stehen. Kolja wollte sich schon entfernen, als aus dem Innern des Gefährts eine 77 Stimme ertönte. Es war die langweilige Stimme eines Automaten: »Transportroboter vierundvierzig - wohin mit Fracht Nummer zwölf-drei. Erwarte Information.« Sogleich kam irgendwo von oben die Antwort: »An Transportroboter vierundvierzig - habe keine Information, Ihre Fracht betreffend. Empfangen Sie weitere Anweisungen in Laderaum zwei.« Der Karren setzte sich erneut in Bewegung. Bis jetzt hatte Kolja nichts Interessantes entdecken können, er war noch keinem einzigen Menschen begegnet. Der Karren rollte aus dem großen Saal in einen kleineren, wo sich bereits mehrere Kisten befanden. Hier war es heller, und von irgendwoher kam ein kalter, trockener Lufthauch. Kolja hielt Ausschau, scheinbar neugierig, in Wirklichkeit jedoch auf der Suche nach einem Versteck. Deshalb trugen ihn seine Beine zu einer großen dunklen Nische zwischen den Kisten. Er ging in Deckung und war nun mit sich selbst im Widerstreit. Die eine Hälfte seines Ichs forderte, daß er kehrtmachte, sobald der Roboter die Vase abgeladen hatte, die andere aber wollte davon nichts hören. Während er so mit sich stritt, bot sich ihm plötzlich ein überraschender Anblick. In der breiten Vasenöffnung wurde unvermutet ein Menschenkopf sichtbar. Er war kugelrund und völlig kahl. Der Kopf sah sich nach allen Seiten um und verschwand wieder. Kolja war zum ersten Mal an diesem Tag erschrocken. Der Kopf kam erneut zum Vorschein, dicke Wurstfinger krallten sich um den Vasenrand, dann arbeitete sich mühsam ein Mann ins Freie, der einzig aus 78 Kugeln zu bestehen schien. Der Kopf ebenso wie der Bauch, ja selbst die Arme wirkten kugelförmig. Der Mann erinnerte an einen überfütterten Säugling. Der Dicke wälzte sich über den Vasenrand und rutschte auf, dem Bauch an ihrer gerundeten Seite hinunter. Der Karren geriet ins Schwanken und fragte verdattert: »Was ist denn das was ist denn das?« Die Stimme unter der Decke aber erwiderte: »Alles in Ordnung. Sie erhalten Anweisung. Ich warte auf Information.« Der Dicke klopfte mit den Fingerknöcheln gegen die Vase" und gleich darauf kam ein zweiter Kopf zum Vorschein. Der jedoch war schmal und klein, saß auf einem dünnen Hals. Der Dicke hob die Arme in die Höhe und half dem Mageren herunter. Das Ganze erinnerte an eine Illustration zu dem Märchen »Ali Baba und die vierzig Räuber«. Die Räuber in diesem Märchen hatten sich ja ebenfalls in einem Gefäß versteckt, nur daß man ihnen später den Garaus machte. Die beiden Männer blieben noch einen Augenblick auf dem Karren stehen und rannten dann ausgerechnet zu der dunklen Nische, in der Kolja sich verborgen hielt. Der Junge kroch hastig ein Stück zurück und fand einen schmalen Spalt zwischen Kisten und Wand. Er quetschte sich hinein und verharrte reglos mit angehaltenem Atem. Da saß er ganz schön in der Falle! Solange die beiden hier hockten,mußte auch er ausharren. Es gab keinen 79 Zweifel, der Dicke und der Dünne wollten als blinde Passagiere zum Mars fliegen. Doch wenn sich jemand auf ein Raumschiff schmuggelte, der gerade mal zwölf war und dazu aus einer anderen Epoche stammte, war das verständlich. Bei Erwachsenen aus dieser Zeit sah das schon anders aus. Außerdem hatte Kolja Angst vor den beiden - sie gefielen ihm nicht. Von oben sagte eine Stimme: »An Transportroboter vierundvierzig - Fracht fälschlich hierher befördert - Vase ein Geschenk für den Aldebaran - Fracht zurück an Hauptlager, Wenn Anweisung verstanden, bitte bestätigen.« »Anweisung verstanden«, antwortete der Karren. »Fracht hat Gewicht verändert - minus einhundertdreiundneunzig Kilogramm sechshundertzweiundachtzig Gramm. Möglicher Verlust während des Transports - bitte überprüfen.« Kolja stellte sich vor, wie der Karren mit seinen Greifern den Boden abtastete, etwas suchte, doch nichts fand. Die Schwarzfahrer wogen demnach einhundertdreiundneunzig Kilogramm. Die beiden in Koljas Nähe wurden unruhig und begannen in einer unverständlichen Sprache zu flüstern, die einzig aus Mitlauten bestand. Es hörte sich ungefähr so an: »Kch-mschschsch-frk-Psch-krr« - das war eine hohe,- pieps ende Stimme. Und »Schschschpsch- w'prrrr-kttttt-zz« antwortete, um einiges tiefer, die andere. 80 Sieh mal an, dachte Kolja schadenfroh, jetzt kriegt ihr's mit der Angst. Gleich werden sie euch haben! Dabei vergaß er völlig, daß er sich hier ja selber unerlaubt aufhielt. Er hatte nur den Wunsch, man möge die beiden hindern, zum Mars zu fliegen. Draußen ertönten unzählige Trappelschritte, so als käme ein ganzer Zwergentrupp in- den Frachtraum gerannt. Der Dicke und der Dünne verstummten, krochen noch mehr in sich zusammen. Die Schritte verteilten sich über die ganze Halle, und plötzlich war alles ringsum in grelles Licht getaucht. Kolja spähte durch einen Spalt zwischen den Kisten und sah, daß die Nische, in der sich die beiden Schwarzfahrer verborgen hielten, jetzt von mehreren kleinen Robotern mit vielen Armen und Beinen bevölkert war, Die Männer preßten sich ganz dicht an die Wand, und der Dicke machte sogar Anstalten, sich in den Spalt zu zwängen, wo Kolja hockte, was ihm freilich nicht gelang. Als der Junge einen erneuten Blick zwischen die Kisten hindurch riskierte, sah er, wie die beiden verzweifelt versuchten, die kleinen Roboter abzuschütteln. Die aber hatten sich fest in ihre Opfer gekrallt und zerrten sie zur Mitte des Raumes. Eine Minute später verkündete die Automatenstimme des Karrens: »Zwei Menschen aufgefunden, zwischen Containern versteckt, weigerten sich herauszukommen.« Die Stimme von oben erwiderte: »Wiegen Sie die beiden, erbitte Information.« Kolja beobachtete, wie die kleinen Roboter die beiden Männer in die Luft hoben. 81 »Gewicht meines Menschen beträgt dreiundvierzig Kilogramm sechshundertzweiundachtzig Gramm«, sagte der eine Roboter. »Gewicht meines Menschen beträgt hundertfünfzig Kilogramm glatt«, meldete ein zweiter. »Gesamtgewicht genau hundertdreiundneunzig Kilogramm sechshundertzweiundachtzig Gramm«, konstatierte ein dritter. Worauf der Karren sagte: »Errechnetes Gewicht entspricht Verlust.« Die Stimme von oben ordnete an.- »Leute festhalten, bis Wache eintrifft.« Dem Jungen dagegen schenkte niemand Beachtung - er war ja nicht auf dem Transportkarren mitgefahren. Die kleinen Roboter hatten die bei den Schwarzfahrer noch immer fest im Griff, was diese zu lautem Protest veranlaßte: »Kchrr! Pschschpwschh!« Dann betrat der Wachhabende den Raum. Er trug eine blaue Kombination; auf dem einen Ärmel befand sich direkt über einem kleinen Stern, wie auch Kolja ihn seit kurzem besaß, ein gestickter Komet. »Laßt sie los«, sagte er zu den Robotern. Sofort plumpste der Dicke zu Boden, der Dünne dagegen konnte sich auf den Beinen halten. »Das ist eine Unverschämtheit!« schimpfte der Dicke. »Das ist glatter Hohn! Mit welchem Recht haben Sie diese Mißgeburten auf uns losgelassen?« »Da frage ich eher Sie, was Sie hier im Laderaum zu suchen haben«, erwiderte der Wachhabende. »Wie sind Sie überhaupt hergekommen?« 83 »Wir wollten uns nur dieses wunderschöne Schiff ansehn«, sagte der Dünne. Kolja hätte um ein Haar gerufen: »Er lügt!«, unterließ es dann aber - er hatte sich ja nicht viel besser verhalten! »Ich möchte es genau wissen«, beharrte der Wachhabende. »Wir sind ganz einfach hereingekommen.« »Ich glaube vielmehr, daß Sie sich in der Vase versteckt hatten«, widersprach der Mann. »Ja und, ist das vielleicht verboten?!« empörte sich der Dicke. »Jeder fährt so, wie es ihm gefällt.« »Wo wollen Sie überhaupt hin?« »Gestatten Sie, daß ich Ihnen alles erkläre«, begann der Dünne. »Damit es keine Mißverständnisse gibt. Das Mütterchen meines Freundes hier lebt auf dem Pluto ... So sag doch was!« Der Dicke brach sogleich in Tränen aus und stöhnte: »Stimmt, mein altes Mütterchen lebt auf dem Pluto. Sie hat heute Geburtstag und wartet auf mich. Sie wird neunzig. Sie. kann schließlich diesen Tag nicht ohne ihren geliebten Sohn begehen,« »Da sehen Sie, wie er leidet«, sagte der Dünne. »Erzählen Sie weiter.« Der glaubt ihnen doch nicht etwa, dachte Kolja. »Da haben wir uns eben in der Vase versteckt«, ergänzte der Dicke. »Auf Ihrem Schiff war ja kein Platz mehr frei.« »Und wohin, glauben Sie, fliegt dieses Schiff?« »Na, zum Pluto.« »Sie irren sich. Das hier ist ein Postschiff zum Mars.« 84 »O Himmel«, rief der Dicke, »gibt's denn so was! Sie wollten uns zum Mars schicken!« »Niemand wollte Sie irgendwohin schicken«, erwiderte der Wachhabende barsch. »Und überhaupt bleiben Sie vorerst hier auf der Erde, Es wär ja noch verständlich, wenn sich irgendein Knirps aufs Schiff schmuggelt. Wenn jedoch erwachsene Menschen solche Späße machen, ist das zumindest befremdlich, Übrigens, was macht Ihr Mütterchen auf dem Pluto? Das ist doch eine wissenschaftliche Basis und kein Sanatorium.« »Seine Mutter ist nicht etwa Rentnerin«, beeilte sich der Dünne zu versichern, »sie hat sich auf die Gewinnung von Wasser aus dem Vakuum spezialisiert.« »Also gut, da Sie sich nun mal im Schiff geirrt haben, werden die Roboter Sie jetzt zum Dispatcher des Kosmodroms begleiten. Er wird Ihnen behilflich sein, Billetts für das richtige Schiff zu kaufen. Er wird auch ein Auge drauf haben, daß Sie niemanden mehr täuschen. Auf Wiedersehen. Und noch etwas: Sie haben Glück gehabt. Während des Fluges wird der Frachtraum nämlich hermetisch verschlossen, so daß hier während der vollen drei Tage eine Temperatur von null Grad betrachtet.« »Oh, wie dankbar wir Ihnen sind!« riefen die beiden Schwarzfahrer wie aus einem Mund. »Wir werden Ihre Güte unser Leben lang nicht vergessen. Aber Sie brauchen die Roboter wirklich nicht zu bemühen, die haben doch gewiß andere Arbeit. Wir finden schon selber zum Abfertigungsgebäude zurück.« 85 »Nein, wo denken Sie hin!« Der Wachhabende lachte spöttisch. »Mit den Robotern verirren Sie sich wenigstens nicht, und ich bin beruhigt.« Kolja beobachtete aus seinem Versteck heraus, wie der Wachhabende die beiden Männer zum Ausgang brachte und sie dort der Obhut der Roboter überließ. »Was war denn los?« hörte Kolja jemanden fragen. Ein hochgewachsener Kosmonaut war an den Wachhabenden herangetreten - es war jener Kapitän Poloskow, der Kolja das Sternchen geschenkt hatte. »Eine merkwürdige Geschichte, Kapitän«, antwortete der Wachhabende. »Sehen Sie die beiden Männer dort drüben übers Feld hasten?« »Ja. « »Sie hatten sich, in einer Vase versteckt, aufs Schiff geschmuggelt. Diese Vase aber war fälschlich zu uns an Bord geraten.« »Wieso denn?« »Sie war für den Pluto bestimmt. Für den dortigen Klub der Wissenschaftler. Die beiden wollten ebenfalls zum Pluto. Angeblich wohnt dort die Mutter des einen und wird neunzig.« »Ist doch Blödsinn!«sagte Poloskow. »Der Meinung bin ich auch.« »Irgendwie kommen mir die beiden bekannt vor«, sagte der Kapitän. »Ich hab sie schon mal gesehen, weiß bloß nicht mehr, wo. Hast du übrigens alle Ladeluken überprüft, damit wir nicht noch mehr blinde Passagiere an, Bord haben?« 86 »Kein Grund zur Besorgnis, Kapitän, Bevor wir abfliegen, geh ich noch mal mit dem Biosucher durch. Dem entgeht nicht die kleinste Maus.« »In Ordnung«, erwiderte Poloskow. »Dann gehen wir jetzt zur Kommandobrücke und erstatten dem Dispatcher Meldung.« Die beiden Kosmonauten entfernten sich, und Kolja begriff, daß er keinen Augenblick länger hier bleiben durfte. Überhaupt war es Zeit, nach Hause zurückzukehren. Er kletterte vorsichtig aus seinem Versteck und rannte die Laufplanke hinunter. Dann wartete er, bis ein Transportkarren vorüberrollte, und gelangte in dessen Windschatten schnell zum Kosmodromgebäude. Drei Minuten später trat er bereits auf den Vorplatz hinaus, wo die Flipper standen. 87 9. Die Mißerfolge der Piraten Wenn man für kurze Zeit in eine fremde Stadt kommt, kann man sich an einem Tag zwar die Straßen ansehn, die Museen und sogar ein paar Leute kennenlernen, doch man wird schwerlich einen Eindruck davon erhalten, wie die Menschen hier leben, was für Sorgen, Nöte und Freuden sie haben. Auf diese Weise kann ein ganz falsches Bild entstehen. Das trifft zu, wenn man in eine fremde Stadt kommt. Doch was erst, wenn man, wie Kolja, in eine völlig andere Welt gerät? Kolja streifte durch die Straßen, sah dies und jenes, traf auf Menschen, von denen er sich gleich wieder trennte. Das eine und andere verstand er - schließlich ändert sich nicht alles in hundert Jahren. Vieles sah er auch nicht oder deutete es falsch. So glaubte er zum Beispiel, daß die Leute in hundert Jahren fröhlich und sorglos dahinlebten, nur taten, was ihnen Freude bereitete, zum Fasching gingen und zu anderen Planeten flogen. Die Schwierigkeiten aber, die sie hatten, sah er nicht. Dabei existierten die Schwierigkeiten durchaus. Zum Teil dieselben wie zu unserer Zeit, zum Teil ganz andere. Natürlich versuchte niemand, Kolja etwas vorzumachen oder vor ihm zu verheimlichen - sie hielten ihn ja alle für ihren Zeitgenossen. Doch an einem einzigen Tag kann man eben nur sehen, was an der Oberfläche liegt. 88 Und so war es auch nicht verwunderlich, daß Kolja beim Anblick der beiden Männer, die auf dem Schiff hinter den Kisten Zuflucht suchten, nicht gleich begriff, um was für Leute es sich handelte. Der Wachhabende hatte sie ja ebenfalls nicht durchschaut. Kapitän Poloskow dagegen war unruhig geworden, hätte sie vielleicht erkannt, wären sie nicht schon so weit weg gewesen. Denn der Kapitän war ihnen bereits vor knapp zwei Jahren begegnet, als er mit seinem Raumschiff »Pegasus« und einer Gruppe vom Moskauer Zoo zu verschiedenen Planeten aufgebrochen war, um seltene Tiere und Vögel zu erwerben. Zu dieser Expedition hatte übrigens auch das Mädchen Alissa gehört; sie war von ihrem Vater, dem Direktor des Zoos, mitgenommen worden. Die Reisenden hatten damals viele Abenteuer bestehen und sich mit einigen unangenehmen Gesellen auseinandersetzen müssen - mit den kosmischen Piraten. Das war auch nicht weiter erstaunlich. Früher, zur Zeit der Segelschiffe, machten Seeräuber die Meere unsicher. Als dann im Laufe der Jahre Telefon, Radio, schnelle Schiffe und Flugzeuge erfunden wurden, gingen den Räubern die Verstecke aus, sie hatten immer mehr Mühe, den Verfolgern zu entkommen, und es gab auf der Erde bald keine Piraten mehr. Etwas ganz anderes war dagegen der Kosmos. Die Galaxis ist einem Ozean vergleichbar, nur einige millionenmal größer. Die Planeten sind wie Inseln, darin verstreut, die Gestirne wie Archipele. Der Rest aber ist Ödnis, durch die die Raumschiffe fahren. 89 In der Galaxis existieren die unterschiedlichsten Systeme. Wie einst auf der Erde, leben dort fortschrittliche und rückständige Völker, ja selbst Wilde beieinander. Es gibt sogar Planeten, deren Bewohner sich ein Dasein ohne Krieg gar nicht vorstellen können. Und genau diese Tatsache nutzen die kosmischen Piraten aus. Sie brauchen Geld, begehren Schätze, denn sie streben nach Luxus und Zerstreuung. Am meisten aber verlangt es sie nach Macht über die Welt. Eine Zeitlang waren diese Piraten für alle die schlimmste Plage, doch dann hatten die Bewohner der Galaxis es satt und beschlossen, ihnen ernsthaft auf den Leib zu rücken. Sämtliche Planeten des Galaktischen Bundes vereinten ihre Kräfte, bauten eigens zu diesem Zweck ein paar Schnellkreuzer und starteten einen Feldzug gegen das Piratentum. Schon wenige Monate später waren fast alle Räuber gefangen, man hatte sie in ihren Stützpunkten aufgestöbert und den Bestohlenen einen Teil des geraubten Gutes zurückerstatten können. Doch einigen der gewieftesten und listigsten Piraten war es gelungen zu entkommen, und zu ihnen gehörten zwei berüchtigte Banditen. Der eine hieß Fröhlicher U, er war dick und schien einzig aus Fettkugeln zu bestehen. Auf den ersten Blick konnte man ihn für einen gutmütigen, gesprächigen Dickwanst halten, doch das wäre ein verhängnisvoller Irrtum gewesen: Niemand konnte ihm trauen, selbst seine nächsten Freunde mußten sich vorsehen. 90 Der Fröhliche U hielt sich für überaus durchtrieben. Wenn es keinen gab, den er hereinlegen konnte, setzte er sich hin und spielte mit sich selber Karten, wobei er grauenhaft betrog. Ganz anders dagegen sein Kumpan Ratt vom toten Planeten Rattus. Die Rattusser hatten stets nur Kriege geführt, sie kannten gar keine andere Beschäftigung. Sie kämpften so lange, bis sie sich gegenseitig ausgerottet hatten, ein paar Übriggebliebene verschanzten sich in finsteren Höhlen. Der Ratt aber hatte es satt, ständig nur in Höhlen zu hausen, und schloß sich den Piraten an. Er wurde zu einem der unbarmherzigsten Banditen in der Galaxis. Der Ratt trug stets eine synthetische Hülle. Meistens zog er es vor, sich den Anschein eines kleinen, traurigen Männchens zu geben, doch unter dieser Hülle verbarg sich ein Insekt mit behaarten Beinen, rundem Leib und dünnen, spitzen Scheren. Auf dem Rücken besaß er kleine Flügel, die er aber nur schlecht gebrauchen konnte. Er benötigte sie, um mit ihrem Gesumm den Gegner zu betäuben. Außerdem besaß der Ratt einen Schwanz mit Giftstachel. Das Gift wirkte allerdings nur bei Wesen seiner eigenen Gattung. Als fast alle Piraten gefangen waren, schlossen sich die beiden zusammen, obwohl sie früher spinnefeind gewesen waren. Nun machten sie schon seit fünf Jahren die Galaxis unsicher, wenn auch immer auf der Flucht. Noch vor kurzem hatten sie ein eigenes Raumschiff besessen und mehrere Handlanger, doch nachdem die Expedition vom »Pegasus« sie mit Hilfe der Drei 91 Kapitäne besiegt hatte, waren sie völlig verarmt. Sie konnten zwar der gerechten Strafe entrinnen, mußten sich aber zwei Jahre lang auf fernen Planeten verborgen halten. Und ausgerechnet Kolja, für einen einzigen Tag in die Zukunft geraten, mußte auf den Ratt und den Fröhlichen U treffen, ohne freilich etwas von ihrer schlimmen Vergangenheit zu ahnen. Die beiden Piraten waren am Morgen auf der Erde angelangt, hatten aber nicht vor, lange zu bleiben. Sie mußten befürchten, gefangen zu werden, deshalb wollten sie möglichst schnell auf ein Schiff gelangen, das sie zum Pluto brachte. Dort arbeitete nämlich eine kleine Expedition, die schon bald ein mit Gold beladenes Raumschiff zur Erde senden würde. Bekanntlich gab es auf dem Pluto mehr Gold als Granit. Beinahe hätten die Piraten Erfolg gehabt, wären sie nicht durch einen Irrtum des Computers versehentlich auf ein falsches Schiff geraten. Wahrscheinlich hätten sie es geschafft, den Goldtransport zu kapern und damit in den Kosmos zu fliehen, vielleicht aber auch nicht. Jetzt jedenfalls schlüpften die beiden Banditen, nur kurze Zeit nach Kolja,zum Halteplatz der Flipper hinaus, stiegen in einen Doppelsitzer und verließen eilig das Kosmodrom. »Wo tauchen wir unter?« fragt e der Fröhliche U. »Die haben wir ganz schön angeschmiert!« Er brach in lautes Gelächter aus. »Psst! Die Dispatcherzentrale hört vielleicht mit!« sagte der Ratt. 92 »Auf der Erde werden keine Gespräche abgehört. Außerdem reden wir ja in unsrer Sprache.« »Trotzdem sollten wir lieber flüstern.« »Also wohin fliegen wir?« Der Ratt studierte die Aufschriften unter den Knöpfen. Es waren mehr als hundert, doch keine sagte den beiden zu. »Das da!« zischte der, Ratt. »Da fliegen wir hin! Ist vielleicht gar nicht so ungünstig für uns. jedenfalls werden sie uns dort bestimmt nicht suchen.« Sein dünner synthetischer Finger, der die Kralle verdeckte, betätigte einen Knopf, unter dem geschrieben stand: KOSMOSZOO. Zur gleichen Zeit näherte sich auch Kolja Moskau. Er wollte zum Prospekt des Friedens, von wo er mit dem Autobus Nr. 3 zum Gogolboulevard fahren würde, um zurück zum Zeitinstitut zu gelangen. Und es wäre auch alles gut gegangen, hätte es ihm vor Müdigkeit nicht die Augen zugezogen. Wahrscheinlich machten ihm noch immer das viele Eis und die Brause zu schaffen. Vielleicht war er aber auch einfach nur erschöpft. Der Flug verlief ruhig, Kolja verstieß nicht gegen die Verkehrsregeln, es war warm und behaglich im Flipper. Bis zur Ankunft wollte er noch ein bißchen die Augen schließen, über dies und jenes nachdenken. Er schloß die Augen auch wirklich, zum Nachdenken freilich kam er nicht, weil er sofort einschlief. Im Schlaf neigte er 93 sich nach vorn, legte den Kopf auf die Arme und drückte mit dem Ellbogen dabei versehentlich den Knopf mit der Aufschrift KOSMOSZOO. 94 10. Ein Besuch im Kosmoszoo Der Flipper gelangte an eine Kreuzung, schwenkte seitlich ab, entfernte sich vom Prospekt des Friedens und sauste in Richtung Zentrum davon, dorthin, wo sich zu Koljas Zeiten der Zoo befunden hatte. Später war dieser Zoo auf ein geräumigeres Gelände umgezogen. Aber als man dann zu fernen Planeten flog und ungewöhnliche Lebewesen auf die Erde mitbrachte, wurde ein zweiter, spezieller Zoo für Kosmostiere benötigt. Und für ihn wählte man wieder das alte, gewohnte Gelände. Von alldem wußte Kolja natürlich nichts. Er schlief friedlich, in der Annahme, daß seine Reise nun bald zu Ende sei. Doch dem war ganz und gar nicht so. »Junger Mann!« hörte er plötzlich eine laute Stimme. »Ich sehe zum ersten Mal, daß jemand den Flipper als Schlafkabine benutzt!« Kolja war im Nu hellwach, sprang auf und stieß sich den Kopf an der Decke des Flugkörpers. »Was ist los?« fragte er, denn er hatte völlig vergessen, wo er sich befand. Vor ihm stand ein Mann in grüner Arbeitskluft, die mit Birken bemalt war. Sie wirkten so echt, daß man meinen konnte, der Mann stünde nicht auf Beinen, sondern auf Birkenstammen. Es war ein seltsamer Anblick, Kolja saß da und zwinkerte mit den Augen. 95 Erst jetzt begriff er, daß er sich nicht auf dem Prospekt des Friedens befand. Hinter ihm und zu beiden Seiten ragten einige mehr oder weniger normal aussehende Gebäude auf, direkt vor ihm jedoch führte ein Tor in Gestalt eines bizarren Felsens zu einer Höhle. Hinter dem Felsen sah man die Dächer und Kuppeln irgendwelcher Bauten und Baumwipfel, in die Höhle selbst aber strömten ununterbrochen Leute unterschiedlichen Alters. »Wo bin ich?« fragte Kolja. »Weißt du das wirklich nicht?« Der Mann war aufs höchste verblüfft. »Ich stamme aus Konotop«, erwiderte Kolja, »und war noch nie hier.« »Das ist doch nicht möglich!« rief der Mann erstaunt aus. »Du bist der erste, der mir eine solche Frage stellt!« »Und wo bin ich nun?« beharrte Kolja. »Das hier ist der Kosmoszoo.« »Der was?« »Der Kos-mos-zoo. Der Zoo für kosmische Tiere. ich aber, heiße Elektron Stepanowitsch und bin für die neue Technik zuständig.« In diesem Augenblick flammte über dem Felsen eine rote Leuchtschrift auf. KOSMOSZOO und verlosch wieder. »Na, das ist ein Ding!« sagte Kolja. Er hatte zum Prospekt des Friedens fahren wollen und war statt dessen in den Zoo für Kosmostiere geraten! Fast wäre er, ohne ihn gesehen zu haben, in seine Zeit 96 zurückgekehrt. Also wirklich, er hatte ausgesprochenes Glückl »Dann geh ich jetzt mal,« sagte Kolja. »Wohin?« »Na, in den Kosmoszoo. Sie glauben doch nicht, ich würde mir, da ich nun schon mal hier bin, diesen Anblick entgehen lassen.« »Nein, das glaube ich wirklich nicht«, stimmte Elektron Stepanowitsch zu. »Eigentlich hab ich ja jetzt Feierabend und wollte gerade nach Hause gehn, aber da es sich so ergeben hat, können wir den Rundgang ja gemeinsam machen. Für mich ists interessant, jemanden zu begleiten, der noch niemals hier war.« »Machen Sie sich nur keine Umstände«, sagte Kolja. »Nein, wieso denn, das ist quasi zweimal Kosmoszoo. Du wirst dir die Tiere anschaun, und ich beobachte dich dabei.« Sie betraten gemeinsam die Höhle, die den Eingang zum Zoo bildete. Dieser Eingang war nicht von ungefähr so beschaffen, wie er sich darbot. Genau solch eine Höhle hatte man nämlich eines Tages im offenen Kosmos entdeckt. Sie bewegte sich zwischen den Sternen dahin, und in ihrem Innern schwirrten, verschiedenfarbigen Glühwürmchen gleich, winzige Vögel herum, die kleinsten, die man im Universum kannte: Sie waren mit Schwanz gerade mal einen halben Zentimeter lang, doch von erstaunlichen Farbschattierungen - kein einziger glich dem andern. Man hatte die Höhle, so wie sie war, zur Erde gebracht und ihr ein neues Domizil im Kosmoszoo gegeben. Da die Vögel aber nur im 97 luftleeren Raum existieren konnten, war innerhalb der Höhle ein durchsichtiger Tunnel für die Besucher installiert worden. Im Tunnel herrschte Halbdämmer, so daß Kolja zunächst gar nicht begriff, was sich hinter den Glaswänden tat: Es sah aus, als würden Tausende bunter Funken sich zu einem Schwarm formieren, wundersame Muster bilden, jäh wieder auseinanderfliegen, Ketten, Kreise und Dreiecke formen. Die Vögel fühlten sich sehr wohl auf der Erde und vermehrten sich außerordentlich. Man hatte bereits alle Tiergärten der Welt damit versorgt, und es gab auch schon einige private Liebhaber, die diese Tierchen in Vakuumbehältern bei sich zu Hause hielten. Nachdem Kolja die Vögel ausgiebig bewundert hatte, ging er mit seinem Begleiter weiter, zu einem geräumigen Platz, wo sich linkerhand ein großer Teich befand. In seiner Mitte tauchte plötzlich ein riesiger schwarzglänzender Tierkörper auf, an dessen schlangenförmigem Hals von etwa zehn Metern ein kleiner Kopf saß. Es war ein absolut echter Dinosaurus. »Aber die Dinosaurier sind doch längst ausgestorben!« rief Kolja verblüfft aus. »Im Grunde schon«, erklärte Elektron Stepanowitsch, »doch unsere Gelehrten haben vor einigen Jahren im ewigen Eis ein Ei gefunden und eine Methode entwickelt, es künstlich auszubrüten. Ein kleiner Brontosaurus ist geschlüpft, herangewachsen und zahm geworden.« 99 »Und weshalb hält man ihn im Kosmoszoo, wenn er ein Erdentier ist?« »In einem normalen Tierpark ist er sehr schwer zu halten, immerhin sind die Dinosaurier schon seit vielen Millionen Jahren ausgestorben.« »Wahrscheinlich fühlt er sich sehr einsam bei Ihnen«, sagte Kolja. »Allein, wie er ist.« »Tja, wie soll ich sagen ... So einsam ist Bronta nun auch wieder nicht, er hat durchaus Freunde. Sieh mal da ... « Kolja schaute zum Teich hinüber und erblickte am gegenüberliegenden Ufer ein Mädchen in roter Kombination. Sie hatte helle, kurze Haare und war kaum älter als Kolja. Das Mädchen hob den Arm und rief etwas. »Wieso läßt man sie zu ihm?« fragte Kolja. »Das ist Alissa, eine alte Freundin von Bronta. Sie haben sich kennengelernt, als Bronta noch ganz klein war.« »Ist das nicht trotzdem gefährlich?« wandte Kolja ein. Er verfolgte, wie der Brontosaurusdem Mädchen am Ufer seinen unglaublich langen Hals entgegenreckte und sich von ihr füttern ließ. »Er könnte doch nach ihr schnappen.« »Nein, er ist zahm.« Kolja sah mit angehaltenem Atem zu, wie das Tier langsam ans Ufer schwamm und dem Mädchen seinen Kopf zu Füßen legte. Sie aber hockte sich hin und kraulte ihn dort, wo andere Tiere normalerweise ihr Ohr haben. Kolja hatte keine Ahnung, ob Dinosaurier 100 Ohren besaßen, und auf die Entfernung konnte er das auch nicht erkennen. »Komm jetzt, laß uns weitergehn«, sagte Elektron Stepanowitsch. »Wenn du willst, mach ich dich nachher mit Alissa bekannt.« Alissa ... Alissa ... Den Namen hatte Kolja heute schon einmal gehört. Ob es sich um jene Alissa handelte, von der die Jungs auf der Biostation gesprochen hatten? »War diese Alissa schon mal im Kosmos?« fragte er »Aber ja, sogar mehrmals. Sie ist bereits ein ziemlich anerkannter Kosmosbiologe.« »Was Sie nicht sagen!« rief Kolja ungläubig aus. »Sie ist doch noch ein Kind.« »Bist selber ein Kind! Ist es nicht egal, wie alt jemand ist? Hauptsache, er versteht sein Fach.« Früher hätte Kolja solch weise Worte mit beiden Händen unterschrieben. Wie oft hatte er seinen Eltern und selbst den Lehrern klarmachen wollen, daß das Alter keine Rolle spielte und die Erwachsenen kein Recht hätten, auf ihre grauen Haare zu pochen. Doch die Großen hatten ihn ausgelacht oder waren sogar empört gewesen, sie hatten ihn für arrogant und aufsässig gehalten. Hier und in diesem Augenblick dagegen regte sich der Widerspruchsgeist in ihm, das kam hin und wieder vor. »Es ist viel zu früh für sie, sich mit Biologie zu befassen«, knurrte er. »Wenn sie ein bißchen älter ist, 101 will sie vielleicht zur Feuerwehr. Oder mit Puppen spielen.« »Du willst sie also nicht kennenlernen?« »Ich denk nicht dran.« »Wie du meinst«, sagte Elektron Stepanowitsch. »Aber vielleicht möchtest du dir mal den Plapperschnabel ansehen?« »Was denn für einen Plapperschnabel?« »Alissa hat ihn mitgebracht. Er merkt sich alles, was in seiner Anwesenheit gesprochen wird. Er hat ein phänomenales Gedächtnis und beherrscht achtzehn kosmische Sprachen.« Kolja zuckte die Achseln. Insgeheim interessierte es ihn schon, doch er wollte das nicht zeigen, weil Alissa diesen Plapperschnabel mitgebracht hatte. Ja und, was war schon dabei? Wenn Kolja das Glück gehabt hätte, hundert Jahre später zur Welt zu kommen - er hätte ebenfalls einen Plapperschnabel aus dem Kosmos geholt. Es lag ja noch alles vor ihm. Er würde die Schiffe bauen, mit denen Alissa in den Weltraum flog. Er selber würde, wenn er erst mal groß war, den Boden ferner Planeten betreten. Wenn er ein bißchen mehr Zeit hätte, und waren es nur zwei Tage, würde er es sich nicht nehmen lassen, hier in der Zukunft nach sich selber zu suchen. Nicht ausgeschlossen, daß er noch lebte - sein Altersgenosse, der alte Pawel, existierte ja auch. »Worüber denkst du nach?« fragte Elektron Stepanowitsch. »Über gar nichts. Also, wo ist nun Ihr Plapperschnabel?« 102 Der Vogel saß unter einer Glasglocke von der Größe eines Hauses. Die Tür zu dieser Glocke war geöffnet, so daß er ins Freie konnte. - Das Tier erinnerte an einen großen weißen Papagei. Auf dem Kopf hatte es ein Krönchen, doch besaß es statt einem Schnabel zwei und statt zwei Ohren nur eins. Vor dem Plapperschnabel drängten sich die Schaulustigen und unterhielten sich mit ihm. »Erzähl mal was von den Drei Kapitänen«, bat ein altes Mütterchen, das ihren Enkel an der Hand hielt. Der Knirps lutschte einen großen Bonbon. »Sei freundlich mit den Leuten, aber biedre dich nicht an rief der Plapperschnabel barsch. »Also nein, er ist heute nicht in Stimmung«, sagte das Mütterchen. »Komm, Wanetschka, wir fliegen ein bißchen auf den Sklissen.« »Ich will aber nicht zu den Sklissen!« heulte der Kleine und spuckte den Bonbon aus. »Ich will zu den Gottesanbeterinnen vom Mars!« »Seid nicht so laut«, sagte der Vogel mit seinem zweiten, Schnabel, »die Piraten könnten uns hören.« Der erste Schnabel aber zischelte mit völlig anderer Stimme»Kchrr, ppschsch, brsch, prschschwrch.« Wo hatte Kolja diese Laute schon mal gehört? Es war doch, noch gar nicht lange her. Aus dem zweiten Schnabel drang Gelächter. Aber ja, in dem Postschiff, das zum Mars fliegen sollte! So hatten die Schwarzfahrer miteinander gesprochen. 103 »Was ist das?« erkundigte er sich bei Elektron Stepanowitsch. »Wen ahmt er da nach?« »Die kosmischen Piraten«, antwortete das Mütterchen, die sich mit dem zeternden Knirps entfernte. »Ich höre ihm öfter zu.« »Nein«, entgegnete Koljas Begleiter, »das ist der Schrei der kledianischen Eule. Ich arbeite hier und höre ihn ebenfalls oft sprechen.« Kolja hatte seine eigene Meinung zu diesem Punkt, behielt sie aber für sich. Der Plapperschnabel war nun eingeschlafen, und die beiden gingen weiter. »Elektron Stepanowitsch!« rief plötzlich ein großer, leicht gebeugter Mann mit hellen, schon etwas schütteren Haaren. »Da sind Sie ja, und ich dachte, Sie wären bereits nach Hause gegangen!« »Das wollte ich auch«, erwiderte der Techniker, »hab es mir aber anders überlegt. Ich begleite diesen Jungen Mann hier, der noch nie in unserem Zoo war.« »Hoffentlich nimmt mir Ihr Junger Freund nicht übel, daß ich Sie jetzt bitte, mit zur Futteranlage zu kommen. Sie müssen überprüfen, wieso die Anlage den gesamten Vorrat an Hanfsamen ins Drachenstädtchen geleitet hat. Ziehen die Drachen etwa neuerdings Hanf anständigem Rindfleisch vor?« »Das ist doch unmöglich!« rief Elektron Stepanowitsch und richtete sich auf seinen Birkenbeinen zu voller Größe auf. »Ich hab das System erst gestern kontrolliert. Der Hanf ging zur Kleinvogelvoliere und 104 das Rindfleisch zu den Drachen. Warte auf mich, Kolja, geh inzwischen ein bißchen spazieren.« »Das ist wirklich zu dumm«, sagte der großgewachsene Mann. »Wir haben das neue System gerade erst installiert, es funktionierte, und ich glaubte, heute ruhigen Gewissens zum Kongreß fliegen zu können ... « »Da haben Sie's, Professor Selesnjow!« sagte Elektron Stepanowitsch. »Ich hab der neuen Technik von vornherein mißtraut. Würden wir unser Futter austeilen wie früher, mit Hilfe der guten alten Roboter, gäbe es keinerlei böse Uberraschungen. Nun sagen Sie bloß, die Drachen fressen die Hanfsamen wirklich.« »Sie sind hungrig und fressen's.« Kolja wollte seinen Begleiter korrigieren, ihm sagen, daß die Tiere früher nicht von Robotern, sondern von richtigen Menschen, ihren Wärtern, gefüttert worden waren, doch Elektron Stepanowitsch wiederholte bereits, an Kolja gewandt-. »Geh ein bißchen spazieren, während ich mit dem Direktor die Futteranlage überprüfe. Vielleicht ist sie kaputtgegangen, vielleicht meint sie aber auch nur, es sei ökonomischer, aus den Drachen Vegetarier zu machen.« Elektron Stepanowitsch und der Zoodirektor entfernten sich, und Kolja hörte noch, wie der Professor fragte: »Haben Sie zufällig Alissa gesehn? Ich konnte mich noch nicht mal von ihr verabschieden.« »Ihre Tochter war gerade am Teich«, antwortete der Techniker. »Sie hat sich mit Bronta unterhalten ... « Möcht mal wissen, auf wieviel Planeten dieser Professor 105 schon war, dachte Kolja. Vielleicht auf hundert, wenn nicht mehr. Ein beneidenswerter Mensch! Durchaus möglich, daß ich später nicht einfach Kosmonaut werde, sondern Kosmoszoologe. Solche Leute werden ja auch gebraucht. Als die beiden Männer aus seinem Blickfeld verschwunden waren, setzte Kolja den Rundgang fort. Er stand ein Weilchen vor einem Aquarium mit Kosmosbarschen, die sich von ihren Artgenossen auf der Erde nur dadurch unterschieden, daß sie die Augen am Schwanz hatten und deshalb beim Schwimmen mit dem Kopf wedelten. Dann trat Kolja auf eine Lichtung, wo einige Kühe weideten. Neben einer dieser Kühe stand das Mütterchen von vorhin. Sie hatte den Kleinen auf den Rückendes Tieres gesetzt, und Kolja fand diese Art der Zerstreuung merkwürdig. Doch in diesem Augenblick entfaltete die Kuh so etwas wie ein Paar Flughäute und erhob sich schwerfällig ein kleines Stück über den Boden. Die anderen Kühe hoben die Köpfe, beobachteten den Vorgang und wandten sich wieder ab. Am Rand der Lichtung war ein Täfelchen angebracht mit der Aufschrift. »Sklisse. Paarhufer vom Planeten Scheschinera.« Die alte Frau lief neben der Kuh her und hielt den Kleinen fest, der nun endlich lachte. Wieder einige Zeit später gelangte Kolja zu einem kleinen Platz, auf dem metergroße Insekten herumspazierten. Sie erinnerten an Gottesanbeterinnen. 106 Wenn sie einander begegneten, hoben sie ihre kurzen Vorderpfoten und tasteten sich lange gegenseitig ab. Plötzlich kam Alissa, das Mädchen in der roten Kombination, vorbei. Sie hatte eine schwarze Tasche über der Schulter hängen. Eine der Gottesanbeterinnen richtete sich, als sie sie erblickte, auf ihren dünnen Hinterbeinen auf und streckte die Vorderpfoten in die Höhe, als betete sie. Alissa winkte ihr zu, blieb aber nicht stehen. Kolja folgte ihr. 108 11. Gib acht auf das Myelophon! Hätte man Kolja auf den Kopf zu gesagt, daß er Alissa beneidete - er wäre entrüstet gewesen. Was gab's da zu beneiden? Sie war einfach später als er auf die Welt gekommen. Er dagegen war genau zur rechten Zeit geboren und darüber hinaus auch noch in der Zukunft gewesen. Er kam sich vor wie ein Kundschafter auf großer Entdeckungsfahrt: Er war ein Stück vorausgeeilt, hatte sich umgesehn und würde zurückkehren, um den langen Weg zu Fuß gemeinsam mit allen fortzusetzen. So war das. Und doch beneidete er Alissa insgeheim ein kleines bißchen - wie konnte es anders sein? Wieviel Interessantes hatte sie schon gesehen! Die Abenteuer, die sie erlebt hatte, waren mit gewöhnlichen nicht zu vergleichen. Und bei näherem Hinschaun gefiel ihm das Mädchen auch. Als Mensch. Deshalb folgte er ihr. Mal sehn, was sie jetzt tun wird, dachte er. Vielleicht wartet irgendwo ein zweiter Dinosaurus auf sie. Doch Alissa steuerte auf ein Gebäude zu, an dem »Rechenzentrum« stand. Bevor sie allerdings dazu kam, es zu betreten, eilte ihr der Zoodirektor, Professor Selesnjow, entgegen. Vater und Tochter trafen sich, nur zehn Schritt von Kolja entfernt, so daß er jedes Wort ihrer Unterhaltung hören konnte. Um nicht den Anschein zu erwecken, daß er lauschte, wandte er sich zu einem Käfig um, wo ein finster dreinschauender 109 Wolf mit Hörnern und Eisenpanzer im Kreis herumlief. . »Ich hab dich nur mit Mühe gefunden, Papa«, sagte Alissa, »es ist alles in Ordnung. Du fährst weg?« »Ja. Ich bin in zwei Wochen wieder zurück.« »Wenn du Mama siehst - ich habe alle Bücher gelesen, die sie mir dagelassen hat. Sobald sie zurück ist, können wir uns darüber unterhalten.« »Haben sie dir nicht gefallen?« »Nur zum Teil. Weißt du, es ist schade, seine Zeit mit Belletristik zu verschwenden.« »Da bin ich aber gar nicht deiner Meinung«, erwiderte der Professor. »Hoffentlich wirst du mal kein trockener und langweiliger Mensch. Überhaupt will mir scheinen, daß du noch vor zwei Jahren viel fröhlicher warst. >Die drei Musketiere< waren deine Lieblingslektüre.« »Die >Zoologie des Kosmos< aber auch.« »Na gut. Sieh zu, daß du das Frühstücken nicht vergißt.« »Ich würd's bestimmt vergessen, aber der Roboter Grischka läßt das niemals zu. Und wenn ich Appetit auf ein richtiges warmes Essen habe, fahre ich zu den Großeltern. Bei denen steht man nicht hungrig vom Tisch auf.« »Ach ja, noch was: Hast du wieder mal das Myelophon genommen? Du weißt doch, das ist kein Spielzeug. Wenn nun eins der Tiere plötzlich krank wird!« »Denkst du etwa, ich benutze es als Spielzeug?« »Versteh mich richtig, Alissa. Auf der ganzen Erde gibt es nur zwanzig solcher Myelophone. Sie sind auf 110 die wichtigsten Institute und medizinischen Zentren verteilt worden. Die Kristalle in diesem Gerät sind so selten, daß in den letzten Jahren die acht Expeditionen, die auf dem Asteroiden Wlasta waren, nur ganze sechsundzwanzig Stück gefunden haben ... « »Du brauchst mir wirklich keine Lektion zu erteilen, Papa«, sagte Alissa erstaunt. »Ich weiß das alles sehr gut, und ich verspreche dir: Noch heute, sobald ich den Versuch mit dem Hohlwesen abgeschlossen habe, bringe ich das Myelophon zurück in die Klinik. Kannst dich drauf verlassen. Überleg doch nur mal, vielleicht können die Hohlwesen tatsächlich denken. Gerade jetzt, wo sie in Blüte stehn ... « »Möglicherweise hast du recht. Na schön, ich muß jetzt los. Und vergiß die Großeltern nicht, sie haben Sehnsucht nach dir.« Alissa und ihr Vater gaben sich einen Kuß zum Abschied und gingen jeder in eine andere Richtung. Kolja wollte dem Mädchen schon folgen, da sah er plötzlich zwei Männer, die im Schatten auf einer weichen Bank saßen. Der Junge hätte schwören können, daß es sich um die beiden blinden Passagiere aus der Vase im Kosmodrom handelte. Allerdings war er nicht hundertprozentig sicher, denn erstens hatte auf dem Schiff Dunkelheit geherrscht, zweitens waren sie jetzt verkleidet: Der Dicke trug einen breitkrempigen Strohhut, der Magere einen hellblauen Umhang. Doch wenn es tat sächlich die beiden waren - was suchten sie hier? 111 Der Magere stieß den Dicken in die Seite und sagte etwas zu ihm. Sie erhoben sich und entfernten sich hastig. Sie schlugen dieselbe Richtung ein wie Alissa. Kolja dachte bei sich, daß die Männer das Gespräch zwischen Alissa und ihrem Vater ebenfalls mit angehört haben mußten, doch nicht das beunruhigte ihn. Was besagte es schon, daß ihm die beiden nicht gefielen? Vielleicht wartete die Mutter des Dicken tatsächlich auf dem Pluto, während er keine Fahrkarten bekommen hatte. Schon möglich, daß der Plapperschnabel nur die kledianische Eule nachgeahmt hatte und nicht die kosmischen Piraten. In solche Gedanken vertieft, folgte Kolja den Männern. Denn es blieb dabei - sie waren ihm unsympathisch. Sie gefielen ihm einfach nicht, basta. Ein Stück entfernt konnte Kolja den roten Anzug des Mädchens erkennen: Alissa betrat gerade ein Hochhaus. Keine Minute später schlüpften auch die beiden in das Gebäude. Kolja überlegte nicht lange. Er rannte hinterher und ebenfalls in das Haus hinein. Das Gebäude erwies sich als Terrarium. Ein hoher, schmaler Gang führte zwischen Glaswänden entlang, hinter denen alle möglichen Ungeheuer zu sehen waren - Kolja beachtete sie nicht weiter. Er prallte selbst dann nicht zurück, als eine Schlange gegen das Glas sprang und nach ihm schnappen wollte. Sie stieß mit ihrem glänzenden Hornschuppenkopf 112 gegen die Scheibe, ließ ihre Giftzähne blitzen, und ein trüber Giftstrahl rann das Glas hinunter. Im Terrarium befanden sich so gut wie keine Besucher. Kolja blieb jäh stehen: Vor ihm waren der Dicke und der Dünne aufgetaucht. Der Junge preßte sich an die Wand, die hier ein bißchen in den Gang hineinragte, und so konnte ihn der Dicke, der sich gerade umdrehte, nicht sehen. Die beiden verschwanden um eine Ecke. Weiter vorn mündete der Gang in einen großen Saal. Kolja lief auf Zehenspitzen zum Eingang und spähte, sich an die Wand pressend, in den Raum. Es war eine geräumige runde Halle mit einer Kuppel darüber. Im Zentrum der Halle erhob sich ein flacher Hügel, auf dem so etwas wie ein dickwandiges Betonrohr von etwa drei Metern Durchmesser lag. Aus solchen, wenn auch dünneren Rohren, dachte Kolja, bauen sie bei uns die Gasleitungen. Von außen war das Rohr mit grünem Moos bedeckt, aus dem kleine, an Vergißmeinnicht erinnernde Blumen sprossen. Von innen waren die Wände glatt und glänzend. Im Innern des Rohrs stand Alissa mit ihrer schwarzen Tasche. Sie war geöffnet, und von ihr führte ein kleiner Draht zum Ohr des Mädchens. »Hör zu, Hohlwesen«, sagte sie, und ihre Stimme hallte als Echo im Rohr wider, »ichhab trotz allem den Verdacht, daß du denken kannst. Ich kenne bloß die Frequenz nicht. Nun verrat sie mir schon!« 113 Alissa beugte sich über die schwarze Tasche und machte sich daran zu schaffen. Kolja sah sich suchend nach den Männern um - er fragte sich, wo sie abgeblieben waren. Doch dann entdeckte er den Dicken: Die breite Hutkrempe verriet ihn. Die beiden hatten sich hinter dem kleinen Hügel versteckt. Nun zweifelte Kolja kein bißchen mehr daran, daß Alissa Gefahr drohte. Er sah den Hut von der einen Seite näher kommen, während der Dünne in seinem Umhang geduckt um den Hügel herumlief und am entfernten Ende des Rohrs auftauchte. Kolja hielt es nicht länger aus und rief: »Alissa, paß auf, hinter dir!« Der Kopf des Dünnen verschwand, und der Dicke stürzte zum hinteren Ausgang des Saals, wobei er den Hut verlor. »Was ist los?« fragte das Mädchen. Sie drehte sich um, konnte jedoch außer einem Hut, der auf dem Boden lag, nichts entdecken. Kolja rannte bereits durch den Korridor zum Ausgang. Hauptsache, er hatte die beiden gestört. Dagegen legte er keinen Wert darauf, von Alissa gesehen zu werden, damit die ihn nicht erst ausfragen konnte. Deshalb auch überquerte er mit einigen schnellen Sätzen den Platz vor dem Terrarium und bog in eine enge Allee ein. Er wollte einem Mann ausweichen, der plötzlich vor ihm stand. Der aber packte ihn, und Koljas Blick fiel auf 114 zwei Birkenstämme. Der Junge hob den Kopf und erkannte Elektron Stepanowitsch. »Wo willst du denn hin?« rief der Techniker. »Ich suche dich überall!« »Ich? Ich ... habe Sie ebenfalls gesucht.« »Hat dich irgendwas erschreckt?« »Mich?. Aber nein. Ich muß nur einfach nach Hause.« »Hast du's weit nach Hause?« »Über eine Stunde«, sagte Kolja. »Na, dann setz dich einen Augenblick und hol erst mal Luft. Du siehst ja völlig verstört aus.« Kolja sträubte sich nicht, er war sogar froh, einen Bekannten getroffen zu haben. Er fragte nur: »Wie spät ist es?« »Es geht auf sechs.« »Wirklich zum Verrücktwerden, wie die Zeit verfliegt!« sagte Kolja. Sie setzten sich nebeneinander auf die Bank, und Kolja erkundigte sich: »»Na, was macht Ihre Futteranlage? Hat sie es aufgegeben, die Drachen mit Hanf zu füttern?« Dabei spähte er durch ein paar Bambuszweige fortwährend zum Platz vor dem Terrarium, um zu sehen, was sich tat. Dort jedoch tat sich, außer daß ein paar vereinzelte Passanten auftauchten, überhaupt nichts. Weder der Dicke, noch der Dünne, noch Alissa ließen sich blicken. 115 »So was Idiotisches«, erwiderte Elektron Stepanowitsch, »keinem noch so primitiven Roboter wäre ein derartiger Irrtum unterlaufen, von einem Menschen ganz zu schweigen. Für eine Maschine bedeuten Fleisch oder Hanf nichts weiter als eine Kombination von Zeichen. Also wirklich, diesem Unfug muß ein Ende bereitet werden ... « »Was hat es eigentlich mit dem Myelophon auf sich?« unterbrach Kolja den Redeschwall des Technikers. »Ist das auch so eine neue Maschine?« »Das Myelophon? Nein, das gibt es schon seit einigen Jahren. Aber wahrscheinlich nicht mehr lange.« »Wieso das? Maschinen können doch nicht aussterben.« »Hin und wieder schon, und hier ist solch ein besonderer Fall. Der Apparat selbst stellt kein Novum der Technik dar, er ist nichts weiter als ein elektronischer Empfänger mit Verstärker. Das Entscheidende an ihm ist der Kristall - den gibt es nämlich vorerst nur auf dem Asteroiden Wlasta. Merkwürdig, daß du noch nie davon gehört hast.« »Das muß ich irgendwie verpaßt haben«, erwiderte Kolja. Elektron Stepanowitsch sah Kolja verdutzt an, seufzte, fuhr aber in seinen Erläuterungen fort: »Als man die ersten Kristalle dieser Art auf die Erde mitbrachte und zu erforschen begann, stellten die Gelehrten fest, daß sich in seiner Struktur etwas veränderte, sobald sich ihm ein Mensch näherte. Die Wissenschaftler schlugen sich lange mit diesem 116 Phänomen herum, ehe sie begriffen, daß die Kristalle in der Lage waren, Hirnströme aufzufangen. Später kamen sie auf die Idee, die Kristalle mit Verstärkern zu versehen, und eines schönen Tages gelang es ihnen dann, Gedanken hörbar zu machen. Kannst du dir vorstellen, was das für einen Wirbel auslöste?« »Aber ja, gewiß«, erwiderte Kolja. »Sag bloß, du hast auch davon nichts mitbekommen!« »Vielleicht war ich damals noch zu klein ... Das heißt also, man kann mit Hilfe des Myelophons fremde Gedanken lesen?« »Natürlich. Was meinst du, was ich dir die ganze Zeit klarzumachen versuche! Und sicherlich kannst du dir vorstellen, wieviel Leute gern ein solches Myelophon hätten.« »Und ob ich das kann«, sagte Kolja. »Sämtliche Zauberkünstler werden sich darum reißen.« »Wie bitte, wer? Was für Zauberkünstler? Was haben die damit zu schaffen?« »Na, die Leute im Zirkus, die angeblich Gedanken lesen können.« Elektron Stepanowitsch sah Kolja an, als wäre der übergeschnappt, sogar sein Hängeschnauzbart richtete sich ein Stück auf. Doch er beherrschte sich, sagte: »Natürlich nicht die. Die Ärzte vor allem. Zwar können sie sich den Kranken selbst anhören, sie können auch die Daten der medizinischen Apparaturen auswerten, doch ist es zum Beispiel bei Nervenkrankheiten wichtig, zu wissen, was der Patient wirklich denkt. Oder bei Kleinkindern: Solange sie noch nicht sprechen können, 117 sind sie auch unfähig auszudrücken, wo sie Schmerzen haben.« »Und wozu hat der Zoo ein solches Gerät erhalten?« »Nicht der Zoo schlechthin, sondern der Kosmoszoo. Immerhin betreuen wir hier außerirdische Tiere, einige davon sind einmalig, und nicht immer ist uns Menschen klar, welches Futter sie bevorzugen, welche Temperaturen und was sonst noch. Deshalb wurde eins von den zwanzig Myelophonen auf der Erde uns zugeteilt. Wir hüten es wie unseren Augapfel.« »Und ob ihr es hütet« höhnte Kolja. »Ich selbst habe beobachtet, wie Alissa es mit ins Terrarium geschleppt hat. Sie hätte es um ein Haar verloren.« Nun darf man nicht etwa denken, daß Kolja eine Petze war. Er zürnte Alissa einfach, weil sie so sorglos mit dem wertvollen Instrument umging. Ganze zwanzig gab es davon auf der Erde, in den Krankenhäusern riß man sich darum, sie aber lief damit durch den Zoo, um den Gedanken irgendeines Rohrs zu lauschen! »Wenn sie's bei sich hatte«, sagte Elektron Stepanowitsch, »so heißt das Professor Selesnjow hat es ihr erlaubt. « »Na klar sagte Kolja, »ist ja auch ihr Vater!« »Ich muß mich doch sehr über dich wundern«, erwiderte der Techniker. »Wenn ich dich so anseh, scheinst du, von deiner Kleidung mal nicht zu sprechen, ein ganz normaler Junge zu sein. Aber du redest, als kämst du aus dem Mittelalter.« »Was hab ich denn so Schlimmes gesagt?« 118 »Zum Beispiel, daß Professor Selesnjow ein wertvolles Gerät aus der Hand gibt, nur um seiner unverständigen Tochter eine Freude zu bereiten. Zumindest haben sich deine Worte so angehört. Aber merk dir, Alissa ist ein verantwortungsbewußter Mensch, und wenn sie das Myelophon benötigt dann aus wissenschaftlichen Gründen.« »Ja, ja, ich weiß«, fiel ihm Kolja ins Wort, »um die Gedanken irgendeines Hohlwesens zu lesen.« Er wollte nicht klein beigeben. »Richtig. Ich selbst vermute ebenfalls, daß es sich bei diesem Rohr um ein vernunftbegabtes Wesen handelt. Zumal jetzt, wo es in Blüte steht, können sich bei ihm durchaus neue Empfindungen einstellen. Ich wäre froh, wenn dein Kopf wenigstens ein Fünftel von dem leisten würde, was Alissa vermag.« »Danke für das Kompliment«, erwiderte Kolja. Und es war klar, daß er dem Mädchen jetzt noch mehr grollte als vorher. Sogar ein Gefühl von Rache stieg in ihm hoch: Sollten die beiden Kerle ihr das Myelophon ruhig wegschnappen. Dann würde sie ganz schön dumm dastehn mit all ihrer Gescheitheit. »Na schön«, sagte Elektron Stepanowitsch und erhob sich, »für mich wird's Zeit. Ich hab mich gefreut, deine Bekanntschaft zu machen. Vielleicht sehen wir uns malwieder.« Freilich war ihm anzumerken, daß er es bereits bedauerte, diesem Jungen über den Weg gelaufen zu sein. Kolja aber dachte: Na und, ist mir doch egal. »Kommst du nicht mit?« fragte der Techniker. 119 »Nein, ich bleib noch ein bißchen sitzen.« »Solltest du was brauchen - du findest mich immer hier.« »Danke, ich werd dran denken.« Kolja blieb allein auf der Sofabank zurück, die Sonne versank bereits hinter den Bäumen und färbte die Wolken am Himmel rötlich. Der Junge war mittlerweile rechtschaffen müde, und zwar weniger in den Beinen als im Kopf. Der hatte seine Tagesnorm mehr als erfüllt. Und jetzt schnellstens nach Hause, dachte Kolja. Allerdings wär's nicht schlecht, irgendwas zur Erinnerung mitzunehmen. Er ließ seinen Blick umherschweifen, fand aber nichts, das als Souvenir taugte. Nicht mal Ansichtskarten gab's hier. Er hätte am Morgen eben doch eine Zeitung kaufen sollen, um sie seinen Freunden zu Hause zu zeigen. Doch am Morgen wußte er noch nicht, wie schnell dieser Tag vergehen würde. Kolja holte ein kleines Federmesser aus der Tasche und beschloß, sich hier in der Zukunft damit zu verewigen. Die Sitzfläche der Bank war zu weich, da konnte man nichts schnitzen, doch die hölzerne Rückenlehne war geeignet. Die Allee lag wie ausgestorben da, der Besucherstrom war abgeebbt. Auf einem breiten Pfad, hinter Bambussträuchern gelegen, fuhr ein Karren mit Töpfen und Thermosbehältem vorüber - offenbar wurden jetzt die Tiere gefüttert. Hoffentlich hatte die Futteranlage nicht abermals verwechselt, wer was bekommen sollte. Ach ja, dachte Kolja, jetzt ein Teller Suppe wär nicht schlecht. Im 120 allgemeinen war er dafür nicht zu haben. Aber wenn man den ganzen Tag bei Eis, Limonade und Brezeln zugebracht hat, nimmt man sogar Suppe gern. Kolja drehte sich ein bißchen zur Seite und machte sich daran, sein Visitenkärtchen in die Banklehne zu ritzen. Diese Leidenschaft hatte ihm schon so manche Abreibung eingebracht; einmal, als er seine Initialen in der Schulbank hinterlassen hatte, wurde sogar sein Vater hinbestellt. Aber konnte er etwa fortgehn, ohne eine Spur in der Zukunft zu hinterlassen? In hundert Jahren würde er unbedingt hierher zurückkehren und einen Blick auf sein Schnitzwerk werfen. Das Holz war weich, es ließ sich leicht bearbeiten. Wahrscheinlich war das gar kein Holz, sondern nur sehr ähnlich wirkendes Plast. Niemand störte Kolja. Nur einmal ging eine Familie vorbei, da verdeckte der Junge das kleine Messer mit der Hand und tat so, als würde er die Büsche betrachten. Schließlich hatte er in Großbuchstaben eingraviert: KOLJA, KLASSE 6b, 26. SCHULE Es stimmte alles, und doch würde niemand die Wahrheit erraten. Man würde ihn, wenn überhaupt, in ihrer 26. Schule suchen. Doch nun wurde es höchste Zeit für ihn, er mußte ja noch durch die halbe Stadt flippen, um zum Zeitinstitut zu gelangen. Kolja steckte das Messer wieder ein und erhob sich. Er kam an derLichtung mit den Sklissen vorbei; sie dämmerten vor sich hin und erinnerten im übrigen an 121 ganz gewöhnliche Kühe. Dann bog er in die Hauptallee ein, die zum Ausgang führte. Da war auch schon der Teich mit dem Dinosaurus: Bronta war aus dem Wasser geklettert und stand mit den Vorderbeinen auf dem Ufer. Gleich darauf entdeckte der Junge auch Alissa. Sie hängte ihre schwarze Tasche an die Umzäunung, sprang hinüber und befand sich nun gleichfalls am Ufer. Bronta knickte wie ein dressierter Elefant die Vorderbeine ein, damit das Mädchen bequemer hinaufklettern konnte. Kolja blieb vor Verblüffung stehen - die hatte vielleicht Sachen drauf! Alissa saß bereits rittlings auf dem Dinosaurus, und Bronta schritt vorsichtig, um seine Freundin nicht zu bespritzen, ins Wasser, begann zu schwimmen. 123 Die beiden langten in der Mitte des Teiches an, und Bronta bog den Hals auf Schwanenart. Es war ein hübscher Anblick, und die letzten, vereinzelten Besucher blieben stehen, betrachteten dieses Bild. Auch Kolja war so in dieses Schauspiel vertieft, daß er den Dicken und den Dünnen erst in dem Moment die Allee entlangrennen sah, als sie schon fast am Ausgang waren. Der Dicke preßte Alissas schwarze Tasche an die Brust. Kolja begriff in Sekundenschnelle, daß es sich um die Tasche mit dem Myelophon handelte, die das Mädchen so sorglos am Ufer zurückgelassen hatte. »Ach«, sagte Kolja laut, »das hab ich kommen sehn!« Dann rannte er aus Leibeskräften hinter den Dieben her. Eigentlich hätte er Lärm schlagen müssen, damit sich alle an der Verfolgungsjagd beteiligten, aber auf diese Idee kam er erst, als die Männer bereits in die Höhle eingetaucht waren. »Haltet sie!« rief Kolja, doch ihm war vom schnellen Laufen die Puste ausgegangen. Sollte Alissa ihn trotzdem gehört und sich umgedreht haben, konnte sie die Räuber natürlich nicht mehr sehn. Als Kolja auf den mittlerweile ausgestorbenen Platz vor dem Zoo hinausrannte, hatten die Diebe gerade den Autobus erreicht. Es war die Nummer 6: »Kosmoszoo - Sokolniki«. Daneben standen noch zwei andere Busse. Da Kolja trotz allem bedeutend schneller laufen konnte als die kosmischen Piraten, stürmte er fast gleichzeitig mit ihnen in den Bus. Bei alldem hatte er Glück, denn unmittelbar vor den beiden gingen zwei 124 Frauen, die sich angeregt unterhielten und dabei den Durchgang zum Vorhang nach Sokolniki versperrten. Der Magere, der vorneweg lief, mußte bremsen, so daß der Dicke auf ihn aufprallte. Dabei reckte er die Hand mit der Tasche in die Höhe, damit das Myelophon keinen Schaden nahm. Und genau in diesem Moment war Kolja bei ihnen. Die Frauen, die nicht bemerkt hatten, was sich hinter ihnen abspielte, schritten durch den Vorhang; gleich nach ihnen verschwand auch der magere Ratt. Der Dicke aber drehte sich um und erkannte Kolja, dem er ja schon im Terrarium begegnet war. Er zückte eine Waffe und stieß ein drohendes Geheul aus, wagte aber nichts zu unternehmen. Vielmehr eilte er gleichfalls zum Vorhang. Zuweilen passiert es, daß man den einzig richtigen Entschluß in Bruchteilen von Sekunden faßt, während man bei gründlichem Überlegen niemals drauf gekommen wäre. Der Dicke schritt, die Tasche mit dem Myelophon noch immer über dem Kopf haltend, gerade durch den Vorhangl da schnellte Kolja in die Höhe und riß die Tasche an sich. Der Dicke hatte damit nicht gerechnet, seine Finger gaben nach, während er selbst sich bereits auf der anderen Seite des Vorhangs befand, in Sokolniki, ungefähr zwanzig Kilometer von Kolja entfernt. Kolja preßte die Tasche an sich, rannte zurück und schlüpfte aus dem Autobus auf den Vorplatz hinaus. Keine Menschenseele zu sehen, auch Alissa nicht. Hatte sie ihn denn nicht rufen gehört? Kolja hatte vergessen, 125 daß sich das Mädchen zu diesem Zeitpunkt ja auf Brontas Rücken inmitten des Teiches befunden hatte, und von dort brauchte es schon seine Zeit, um zum Ausgang zu gelangen. Kolja blieb wie angewurzelt stehen. Ihm war klar, daß die Diebe nur wenige Sekunden benötigten, um hierher zurückzukehren. Was also tun? Der Junge wagte es nicht, den großen Platz zum Kosmoszoo zu überqueren, denn er hatte ja die Waffe in der Hand des Dicken gesehen. Während er davonrannte, würden ihn die beiden in aller Ruhe abmurksen. Doch neben dem Sokolniki-Bus gab es ja noch zwei andere. Auf dem, der Kolja am nächsten stand, befand sich die Nummer 8 mit der Aufschrift »Kosmoszoo - Prospekt des Friedens«. Kolja zögerte keine Sekunde, sprang in diesen Bus, lief durch den Gang, sauste wie ein Blitz durch den Vorhang und fand sich am Prospekt des Friedens wieder. Dort entdeckte er sogleich den Autobus Nummer 3: »Prospekt des Friedens Gogol- Boulevard«. Wie zum Trotz, stand hier aber eine kleine Schlange, so daß Kolja sich hinten anstellen mußte. Die Leute hatten es nicht eilig, sie unterhielten sich, und Kolja verlor auf diese Weise eine ganze Minute, ehe er einsteigen konnte.Als er schon fast drin war, sah er den Mageren aus dem Nachbarbus klettern und den Kopf auf der Suche nach Kolja hin und her drehn. Der Junge begriff, daß er die Räuber nicht hatte überlisten können. Sie hatten sich getrennt und lauerten ihm jeder woanders auf Kolja schlängelte sich in seiner 126 Verzweiflung zwischen all den Passagieren nach vorn und durch den Vorhang. Er hatte keine Ahnung, ob der Dünne ihn entdeckt hatte, beschloß aber trotzdem, keine Zeit mehr zu verlieren. Er sauste, wobei er fast eine Frau umrannte, über den Vorplatz in den Schutz einiger Bäume und versteckte sich hinter einem dicken Ahornbaum, dann holte er erstmal tief Luft. Gewiß wäre es gescheiter gewesen, die Mitreisenden im Autobus um Hilfe zu bitten, doch nachdenken kann man bekanntlich nur mit kühlem Kopf. Kolja dagegen hatte die Verfolger im Nacken gehabt, die zornig waren wie von der Kette gelassene Wölfe: 'schließlich hatte er ihnen ihre wertvolle Beute abgejagt. Doch nun, hinter dem Baumstamm verborgen, begann er zu überlegen. Er sagte sich, daß es besser sei, nicht zum Kosmoszoo zurückzukehren. Wenn Alissa schon so nachlässig war, das Myelophon zu verlieren, sollte sie jetzt ruhig ein bißchen zittern. Wir kennen diese Musterschüler zur Genüge, dachte Kolja. Er selber hatte nie zu ihnen gehört und legte auch keinen Wert darauf. Doch er war im Grunde gutmütig und hatte bereits einen Plan, wie er das Myelophon zurückgeben könnte. Er würde es Dshawad oder einem der Jungen Naturforscher vor der Biostation aushändigen. Sie kannten Alissa und würden es an sie weiterleiten. Er selbst aber würde in Ruhe nach Hause fahren. Nachdem Kolja diesen Entschluß gefaßt hatte und sich gerade in Bewegung setzen wollte, sah er plötzlich den Dicken aus dein Autobus steigen. Seine rosa Glatze glänzte unter der Abendsonne wie ein Luftballon. Der 127 Mann hielt nach allen Seiten Ausschau, und Kolja erstarrte zur Salzsäure: Zu seinem großen Schrecken ging der Bandit jetzt nämlich auf die Frau zu, die er vorhin um ein Haar umgerannt hätte - sie wartete, an der Haltestelle auf einen freien Flipper -, und fragte sie höflich etwas. Der Junge konnte seine Worte zwar nicht hören, doch es war klar, daß sich der Dicke nach ihm erkundigte. Und tatsächlich, die Frau nickte und wies mit der Hand zum Boulevard herüber, wobei es Kolja so vorkam, als würde ihr Finger genau auf ihn zeigen. Der Junge machte sich ganz dünn hinter seinem Baumstamm. Was sollte er jetzt bloß tun? Er beobachtete, wie der Dicke ein schwarzes Kästchen aus der Jackentasche holte wahrscheinlich ein kleines Funkgerät, mit dem er seinen Kumpan herbeirief. Nein, Kolja durfte nun keine Sekunde mehr verlieren! Er rannte los. 128 12. Zurück zur Zeitmaschine! Hätte Kolja besser nachgedacht - er wäre nicht losgerannt. Der Pirat konnte ihn ja von der Haltestelle aus nicht sehen, er bemerkte ihn erst, als die Zweige bei Koljas Flucht in Bewegung gerieten, und setzte zu seiner Verfolgung an. Es stimmt schon, auf kurzen Strecken war Kolja den beiden überlegen, doch wenn es um Ausdauer ging, waren die Räuber im Vorteil. Sie hatten ihre natürlichen Herzen nämlich schon lange gegen mechanische ausgetauscht, um so mehr, als Herz für sie nicht zählte. Nachdem Kolja etwa hundert Meter auf der Allee zurückgelegt hatte, drehte er sich um und sah den Dicken gerade aus dem Gebüsch kriechen. Kolja rannte nun, was seine Kräfte hergaben, in Richtung Biostation. Hoffentlich langte er rechtzeitig bei den Kindern an! In ihrer Nähe würden die Räuber. es nicht wagen, ihn anzugreifen. Und wenn doch, so würden Dshawad und Arkascha wenigstens das Myelophon in Sicherheit bringen. Der Junge hastete an einem Platz vorüber, vorbei an Blumenrabatten und der kleinen Lichtung, wo man ihn am Morgen mit den Pflanzenbrezeln bewirtet hatte. Doch es war niemand zu sehen. Nur die Delphine schwammen geruhsam im Bassin. Einer von ihnen sprang, als er Kolja erblickte, kurz aus dem Wasser, so, 129 als freue er sich über das Wiedersehen mit einem Bekannten. »Wo ist Dshawad?« rief Kolja im Laufen. Der Delphin gab natürlich keine Antwort. Keins von den Kindern war mehr da, keine Menschenseele, Kolja aber hörte in einiger Entfernung das Keuchen des Dicken. Er hatte die Verfolger also doch nicht abgeschüttelt! Kolja änderte die Richtung, stürzte aufs Labor zu, aber auch hier war alles verschlossen. Nicht einmal ein Plätzchen, wo er das Myelophon, von den Banditen unbemerkt, verstecken konnte. Nun blieb ihm nur noch ein Ausweg: Zurück zum Zeitinstitut! Kolja hetzte durch die Straßen, hakenschlagend wie ein Hase. Er hatte irgendwo gelesen, daß man auf diese Weise nicht so leicht von der Kugel des Verfolgers getroffen werden konnte. Bei der Bank, wo er am Morgen mit dem alten Pawel gesessen hatte, blieb er kurz stehen, um zu verschnaufen. Er war so erschöpft, daß er keinen Schritt mehr tun konnte. Nicht weit von ihm glitt ein Flipper vorbei. Kolja winkte dem Fahrgast verzweifelt zu, doch der Mann verstand ihn nicht, er winkte zurück und flog weiter. 131 Dann war wieder das verdammte Keuchen hinter ihm. Der Dicke blieb ihm auf den Fersen, und Kolja mußte, ob er wollte oder nicht, abermals los. Endlich tauchte das Zeitinstitut auf, es lag genauso riesig, majestätisch und ausgestorben da wie am Morgen. Was für ein Pech, daß Kolja ausgerechnet an einem Feiertag in die Zukunft geraten mußte, wo die meisten Moskauer zum Festival auf den Mond oder zum Baden in den Süden ans Meer gefahren waren! Kolja rannte mit voller Wucht gegen die durchsichtige Wand, die den Eingang zum Zeitinstitut bildete. Doch sie gab, anders als am Morgen, nicht nach. Der Junge gebärdete sich an der Glastür wie eine Fliege an der Fensterscheibe. Dabei sah er greifbar nah die Treppe, die zur Zeitkabine führte und damit in die Vergangenheit, nach Hause. Jede Sekunde konnten die Verfolger hier sein. Kolja rannte verzweifelt an der Wand entlang in der Hoffnung, auf einen Notausgang zu stoßen, den man zu schließen vergessen hatte. Das aber war nicht der Fall, und so suchte Kolja hinter einem Gebüsch Zuflucht. Er hatte sich kaum versteckt, als auch schon die Piraten vor dem Zeitinstitut auftauchten. Sie hatten den Jungen von weitem zu dem Gebäude laufen sehen und glaubten, er sei drin. Kolja beobachtete aus seinem Versteck, wie die beiden vor dem Eingang haltmachten. Er hatte plötzlich die irrsinnige Hoffnung, sie würden eine Weile gegen die Tür klopfen und dann kehrtmachen. Vielleicht kam auch jemand vorbei und störte sie auf. 132 Doch Piraten legt man nicht so schnell herein. Sie begriffen sehr bald, daß das gläserne Hindernis ihren Schlägen standhalten würde und daß folglich auch der Junge es nicht hatte überwinden können. Deshalb trennten sie sich und gingen jeder von einer anderen Richtung um das Gebäude herum. 134 Der Dicke schlich, kaum einen Schritt entfernt, an Kolja vorbei, und hätte er nicht selber so laut gekeucht - er hätte das Herz des Jungen hämmern hören. An der Hausecke trafen die beiden aufeinander und begannen mit gedämpfter Stimme zu beratschlagen: »Schpppsch- grchchch-wppr.« »Gppprr-kchsh, dpprn.« Kolja verstand natürlich nichts von ihrer Piratensprache und beobachtete deshalb gespannt, was sie als nächstes tun würden. Die Männer aber waren offenbar der Meinung, Kolja sei trotz allem irgendwie ins Innere des Hauses gelangt. Der Dicke holte einen glänzenden Gegenstand hervor, den Kolja vorhin im Autobus für eine Pistole gehalten hatte. Der Dünne trat ein paar Schritte zurück. Dann zielte der Dicke auf eins der geschlossenen Fenster im Parterre, und ein gleißender Strahl fuhr ins Glas, das normalerweise weder eine Faust noch ein Stein hätte zertrümmem können. Freilich hatten die Erbauer des Zeitinstituts nie damit gerechnet, daß jemand mit einem kosmischen Blaster dagegen angehen würde.Kolja hörte das Glas zischen, sah die dünnen, schmelzenden Rinnsale, vom Dämmerlicht rötlich verfärbt, die Wand hinabströmen und sofort wieder erstarren. Die Piraten standen da, warteten, bis die Masse abkühlte, um sich nicht zu verbrennen. Dann begann sich der Dicke durch die schmale Öffnung zu zwängen. Eine Minute später schauten nur noch seine Stiefel 135 heraus, während der schwere Körper auf den Fußboden plumpste. Gleich darauf trat Stille ein. »Pchfrschk?« fragte der Dünne. Von drinnen kam die Antwort: »Frtt-trttf« Der Magere rannte vom Fenster weg und um die Ecke. Er wollte sich vor dem Ausgang postieren, damit der Junge nicht entkommen konnte. Für Kolja wäre es sicher das beste gewesen, so lange im Gebüsch liegen zu bleiben, bis der Dicke wieder herauskam und die beiden ihr Glück woanders versuchten. Doch er hatte jetzt nur noch einen einzigen Gedanken: so schnell wie möglich die Zeitkabine zu erreichen, und dann nach Hause, nach Hause, nach Hause! Er zählte bis fünfzig, erhob sich und rannte geduckt zur Fensteröffnung. Da der Dicke dort vielleicht Posten bezogen hatte und ihm auflauerte, blieb Kolja zunächst in der Hocke davor sitzen und lauschte. Er hörte nichts Verdächtiges, richtete sich auf und warf einen Blick ins Innere des Gebäudes. Das Fenster führte in einen leeren Raum, wo aufgereiht mehrere Reinigungsroboter an der Wand standen. Die Tür zum Korridor war offen. Das Fensterbrett reichte Kolja bis ans Kinn, und es zu erklimmen gelang nicht sofort. Der Junge hangelte sich mühsam hoch, wobei seine müden Beine immer wieder an der Wand abrutschten und seine Hände weich wie Watte waren. Plötzlich rief eine schrille Stimme hinter ihm: »Ah, da haben wir dich ja! « Kolja begriff, daß alles verloren war. Der Dünne hatte ihn offenbar scharren hören und war herbeigeeilt. Doch 136 gleich darauf geschah so etwas wie ein Wunder: Koljas Beine fanden plötzlich Halt im Mauerwerk, und seinen Armen strömte solche Kraft zu, daß er es schaffte, sich hinaufzuhangeln. Er plumpste auf den Fußboden im Zimmer. Der Junge sprang sofort wieder auf die Beine und rannte, die Tasche mit dem Myelophon an die Brust gepreßt, aus dem Raum. Der Magere schrie etwas hinter ihm her und machte ebenfalls Anstalten, durchs Fenster zu klettern. Der Junge hastete durch den Korridor zur Treppe und sah sich jäh dem Dicken gegenüber, der den Lärm gehört hatte. Der Pirat rief: »Halt!<, doch Kolja sauste bereits auf den Treppenabsatz hinaus und zu der angelehnten Tür, wo auf dem Fußboden sein Fünfkopekenstück glänzte. Er hatte es ja dort zurückgelassen, um sich später, auf dem Rückweg, nicht zu verirren. Kolja schlug behende die Tür hinter sich zu, stürmte an Apparaturen und Instrumenten vorbei ins hintere Zimmer, das dem seines Nachbarn Nikolal Nikolajewitsch aufs Haar glich. Die Zeitkabine stand da wie ein Rettungsboot bei Seenot. Kolja lauschte - draußen war nichts zu hören. Vielleicht hatten sie seine Spur verloren. Er stieß einen tiefen Seufzer aus und betrat die Kabine. Da war dasselbe Schaltpult wie in der Maschine, die er aus seiner Zeit kannte. Kolja schaltete das System ein und vernahm voller Genugtuung das bekannte Brummen: Die Zeitmaschine arbeitete. In diesem Moment hörte er aber auch, wie jemand die Tür zum hinteren Zimmer öffnete. Nun zögerte er nicht länger. Er drückte den Knopf, der ihn in seine Zeit zurückbringen sollte, und betätigte den Hebel mit der Aufschrift: START. Gleich darauf stürzte er in die Unendlichkeit, ins Nichts, wo es weder Anfang noch Ende gab, wede Oben noch Unten - nur wirbelnde Leere. Kolja eilte durch die Zeit. ZWEITER TEIL Die drei Koljas 139 1. Sie kann sich an nichts erinnern Alik Borissowitsch, der diensthabende Arzt, jung, doch ziemlich dick und mit Bart, war der lustigste Mensch im ganzen Krankenhaus. Wer ihn sah, hätte meinen können, die Leute kämen zu ihrem Vergnügen in die Klinik. Oder auch, um sich anzuhören, wie dieser Doktor am Don Hechte angelte und die Nachtigall nachahmte. Heute nun kam er nach dem Mittagessen ins Krankenzimmer und sagte mit betont trauriger Stimme: »Ich weiß gar nicht, wie ich die Trennung von euch überstehen soll. Was fang ich ohne euch an?« »Trotzdem sollten Sie mich möglichst bald nach Hause lassen«, sagte Julka Gribkowa, »wir fahren nämlich auf Exkursion.« Alissa, deren Nachnamen hier keiner kannte, schwieg zu den Worten des Arztes, so als ginge sie das alles nichts an. »Was macht dein Blinddarm?« erkundigte sich Alik Borissowitsch bei Julka. »Heut früh hat's noch ein bißchen weh getan«, erwiderte das Mädchen. »In einer Woche hast du das Ganze vergessen«, versprach der Doktor. Julka wollte schon entgegnen, daß man ihm wahrscheinlich noch nie den Blinddarm herausgenommen hätte, doch sie unterließ es. 140 »Und wie geht es dir, Alissa?« fragte Alik Borissowitsch. »Gut.« »Kannst du uns was Neues erzählen?« »Nein.« Julka sah ihre Zimmergefährtin an, sie tat ihr leid. Manch einer hat doch wirklich Pech. Vor einigen Tagen war Alissa beim Überqueren der Straße gegen einen Trolleybus gerannt und hatte sich eine Gehirnerschütterung zugezogen. Doch das war noch nicht das Schlimmste. Als man Alissa einlieferte, hatte sie buchstäblich alles vergessen. Freilich war Alik Borissowitsch der Meinung, daß diese Krankheit in den meisten Fällen zu heilen sei. Trotzdem muß man sich das mal vorstellen, zu vergessen, wie man heißt, wo man wohnt und zur Schule geht, ja nicht mal mehr seine Eltern zu kennen! Das Erstaunlichste aber - Alissa war zur Zeit des Unfalls lediglich mit einem leichten Overall und Sandalen bekleidet gewesen, und das im April. Auch hatte sie keinerlei Ausweis, Geld oder sonst etwas bei sich gehabt. Julkas Mutter war, wie übrigens der Milizionär, der Alissa am Abend zuvor befragt hatte, der Ansicht, daß ein Mensch schließlich nicht spurlos verlorengehen könne. Die Miliz hatte die Mieter sämtlicher umliegender Häuser am Unfallort vernommen, doch niemand wußte etwas. Und niemand, der sein Kind als vermißt gemeldet hatte. Ihr Foto war bereits an sämtliche Kinderheime innerhalb und außerhalb der Stadt geschickt worden - nichts. Alissa war verschwunden und auch wieder nicht, und darin lag 141 ein Geheimnis. Julka jedenfalls sagte sich, daß ihre Mutter und die Großmutter Moskau um und um gekrempelt hätten, wäre sie auch nur einen Tag lang nicht nach Hause gekommen. Rein äußerlich, so stellte Julka fest, war ihre Zimmergenossin ein ganz normales Mädchen von etwa zwölf Jahren. Sie hatte blondes, kurzgeschnittenes Haar, blaue Augen und lange Beine, ein Mensch eben wie jeder andere, sogar ein bißchen braungebrannt, was zu dieser Jahreszeit allerdings verwunderte. Und noch etwas anderes, das sie keinem verriet, wußte Julka von Alissa. Gestern abend hatte das Mädchen, obwohl sie nicht aufstehn durfte, einen Fluchtversuch unternommen. Als alles still war, hatte sich Alissa in ihrer Krankenhauskluft ganz leise aus dem Bett und zur Tür geschlichen. Sie und Julka lagen zu zweit im Zimmer - das dritte Mädchen war vor zwei Tagen entlassen worden. Julka, die noch nicht schlief, fragte: »Wo willst du hin, Alissa?« »Ich bin gleich wieder zurück.« Aber Julka schwante nichts Gutes, sie sagte: »Du darfst doch noch nicht aufstehn.« »Ich bin sofort wieder da.« »Hör mal«, erwiderte Julka, die ein pfiffiges Mädchen war, »solltest du vorhaben zu fliehen, wirst du dich unweigerlich erkälten. Es regnet, und draußen sind grade mal null Grad.« »Ich denk gar nicht daran zu fliehen«, erwiderte Alissa und ging in den Korridor hinaus. Dort aber stieß sie prompt auf die diensthabende Schwester - Julka hörte 142 die beiden reden. Kurz darauf war Alissa wieder da und legte sich ins Bett. »Ist wohl mißglückt?« fragte Julka. »So ist es.« »Hab ich dir doch gleich gesagt. Wo wärst du überhaupt hingegangen?«»Ich weiß schon, wohin.« »Gar nichts weißt du, hast ja dein Gedächtnis verloren. Du hättest dich bloß erkältet und einen Monat das Bett hüten müssen.« »Ich erkälte mich nicht«, sagte Alissa. »Da hat sich ja ein Robin Hood gefunden!« Julka lachte. »Alle Leute, die bei null Grad nur mit einem Pyjama bekleidet durch die Straßen laufen, erkälten sich. Das ist Naturgesetz. Im übrigen aber hab ich gewußt, daß die Krankenhaustore nachts verschlossen sind, so daß ich mir um deine Gesundheit keine allzu großen Sorgen gemacht hab.« »Besten Dank auch«, sagte Alissa. Sie war betrübt und gab von nun an keine Antwort mehr auf Julkas Fragen. Julka aber dachte, daß es um Alissa wohl mehr Geheimnisse gab, als gut war. Erinnerte sie sich wirklich an nichts? Auch jetzt, da sie Alik Borissowitsch zuhörte, der lautstark seine Anekdötchen zum besten gab und dabei mit seinen Schnurrbartenden wackelte wie ein gutmütiger Kater, beobachtete sie die ganze Zeit ihre Zimmergefährtin. Wenn man im Krankenhaus lag und sich Geheimnissen gegenübersah, war es doch nur natürlich, daß man zu einem Sherlock Holmes wurde. 143 »Vorigen Sommer«, erzählte der Doktor, »war ich mit Bekannten zum Angeln am Don. Warst du eigentlich schon mal am Don, Alissa?« »Ich weiß nicht.« »Na, ist auch unwichtig«, sagte Alik Borissowitsch. Sieh an, dieser Schlauberger, dachte Julka. Macht auf lustig, dabei hat er nur seine Arbeit im Sinn. Sie wußte von ihrer Mutter, daß man in Fällen wie dem von Alissa nur erst ein winziges Ende finden mußte, um den Faden vollends zu entwirren. »Wir kamen also in der Staniza an«, fuhr Alik Borissowitsch fort, »gar nicht weit vom Asowschen Meer. Eine furchtbare Hitze herrschte, die Melonen aber waren noch nicht reif ... « Alissa wandte sich zum Fenster und betrachtete die Regentropfen, die übers Glas rannen. »In der Staniza trafen wir einen alten Mann, der sich erbot, uns ans Asowsche Meer zu bringen ... Warst du schon mal am Asowschen Meer, Alissa?« »Nein.« »Woraus schließt du das?« »Ich war eben nicht da, und basta.« »Und am Schwarzen Meer?« »Dort war ich.« »Ach ja? Und was hast du da gemacht? Dich erholt?« »Nein, gearbeitet. Ich hab ein Wörterbuch der Delphinsprache zusammengestellt.« Alik Borissowitsch lachte und sagte: »Na, ich seh schon, es geht aufwärts mit uns. Warst du allein am Schwarzen Meer oder mit deinen Eltern?« »Ich erinnere mich nicht ... « 144 Also nein, dachte Julka, die Ärzte führst du vielleicht an der Nase herum, aber mich nicht. Möcht nur mal wissen, weshalb du vorgibst, dich an weniger zu erinnern, als du tatsächlich weißt. »Wir setzten uns also ins Boot ... « fuhr der Doktor fort, doch in diesem Moment schaute Schurotschka, eine Schwester, ins Zimmer und sagte: »Sie werden am Telefon verlangt, Alik Borissowitsch.« Als der Doktor fort war, fragte Julka: »Na, hast du den Gedanken an deine Flucht aufgegeben?« »Ja.« »Und warum?« »Ich hab Angst, mich zu erkälten.« »Und der wahre Grund?« »Der wahre Grund ist, daß man mich in diesem Aufzug umgehend zurückbringen würde.« »Oho, das ist ja schon ein Fortschritt!« rief Julka aus. »Da kannst du mal sehn, wie nützlich es ist, auf Ältere zu hören.« »Wer von uns beiden älter ist, muß sich erst noch erweisen.« »Ich«, sagte Julka. »Wie alt bist du?« »Zwölf.« »Ich bin erst elf«, bekannte Alissa. »Ich dachte, wir wären gleichaltrig.« »In welcher Klasse bist du?« fragte Julka. »Schwer zu sagen, du begreifst es sowieso nicht.« »Was gibt's da nicht zu begreifen! Ich bin in der Sechsten und du wahrscheinlich in der Fünften. Was habt ihr denn gerade in Literatur?« 145 »Wir haben andere Klassen«, erwiderte Alissa. »Ich befasse mich zur Zeit mit angewandter Genetik. Sagt dir das etwas?« »Ein bißchen schon. Obwohl ich eine Englisch-Schule besuche. Nach meiner Meinung kommt die Genetik für dich allerdings noch zu früh.« »Dafür ist es nie zu früh. Ich will Kosmosbiologe werden wie mein Vater. Ohne angewandte Genetik aber bist du in der Biologie verlorenen.« »Himmel«, sagte Julka, »wenn dich der Doktor hören könnte!« »Ja und, was wäre dann?« »Ich denke, du erinnerst dich an nichts! Nicht mal an deinen Nachnamen. Und nun behauptest du, dein Vater wäre Kosmosbiologe.« »Das ist mir zufällig eingefallen ... « »Na gut, dann will ich dir helfen«, sagte Julka. »Wenn dein Vater Kosmosbiologe ist, arbeitet er nicht in Moskau. Deshalb hat man dich auch noch nicht gefunden. Er ist entweder auf dem Kosmodrom in Baikonur tätig oder im Sternenstädtchen.« »Nein«, widersprach Alissa, »er arbeitet in Moskau. Und zwar im Kosmoszoo ... « »wo?« »Ach, das ist so eine Organisation. Aber er ist gerade zu einer Konferenz geflogen und wird erst in zwei Wochen wieder hier sein. Eine davon hab ich hier schon vergeudet.« »Und wo ist deine Mutter?« 146 »Die ist auf ... « Alissa hielt noch rechtzeitig inne. Um ein Haar hätte sie sich verraten. »Das ist dir also auch eingefallen?« fragte Julka. »Ich hab es schon wieder vergessen.« »Meine Güte, bist du schwierig! « rief Julka aus. 147 2. Wir haben drei Koljas in der Klasse Julka nahm ein Buch zur Hand, tat so, als lese sie, blätterte sogar die Seiten um. Doch hätte sie jemand über den Inhalt befragt sie hätte nicht antworten können. Allerdings hatte sie keine Lust, das Gespräch mit Alissa als erste wieder aufzunehmen. Ungefähr eine Stunde war vergangen, als Alissa plötzlich' von sich aus sagte: »Du bist also in der sechsten Klasse? « »Ja.« »In einer Sechs b?« »Ja. « »Die Sechs b - das könnte hinkommen«, stellte Alissa fest. »Genau die brauche ich. Ist es die sechsundzwanzigste Schule?« »Ja, aber wie kommst du darau?« »Es ist einfach sehr wichtig für mich, daß du in der sechsundzwanzigsten Schule bist. Einmal muß ich doch Glück haben.« »Daß ich gerade in diese Schule gehe, ist nicht weiter verwunderlich«, sagte Julka. »Sie befindet sich hier ganz in der Nähe, und das Krankenhaus ist ja für unseren Bezirk zuständig. Da wäre es schon merkwürdiger, wenn ich eine Schule in Sokolniki besuchen würde. Aber was willst du mit unserer Schule?« »Mit eurer Schule - gar nichts. Ich brauche den Kolja aus deiner Klasse, seinen Nachnamen, seine Adresse.« 148 »Und welchen Kolja? Wir haben drei. Sie heißen Sulima, Sadowski und Naumow.« »Was denn, gleich drei! Das erschwert die Sache natürlich. « »Was erschwert welche Sache? Also wirklich, du bist kein Mensch, sondern das reinste Rätsel. Und ich glaub dir auch nicht, daß du dein Gedächtnis verloren hast. Du verstellst dich bloß, ich begreif nur nicht, warum.,« »Ich muß einen Jungen namens Kolja finden, der in die Sechs b geht. Aber die Wahrheit ist so unwahrscheinlich, daß du mir nicht glauben würdest.« »Doch, ich glaube dir.«»Ich werde dir alles erzählen, aber laß mir Zeit. Dafür mußt du mir helfen, Kolja zu finden.« »Und wie soll das aussehn? Du kennst ja nicht mal seinen Nachnamen. Wenn du etwas von ihm willst, mußt du eben mal zu uns in die Klasse kommen und ihn dir selber raussuchen.« »Ich hab ihn doch noch nie gesehen!« »Man könnte glatt den Verstand verlieren! Also gut, dann frag sie alle drei der Reihe nach.« »Und wenn er sich nicht zu erkennen gibt? Das wird er sogar mit Sicherheit nicht.« In diesem Augenblick wurde die Tür geöffnet, und Julkas Mutter kam herein. Sie schaute beinahe jeden Tag nach der Arbeit bei den Mädchen vorbei. Die beiden mußten ihr Gespräch unterbrechen, was Julka fast ein bißchen ärgerte. Die Mutter brachte Blumen, ein paar Zeitschriften, für ihre Tochter einen Brief von ihren Mitschülern und für Alissa einen ganzen Packen Zeitungen und eine 149 Schachtel Schokoladenbonbons. »Aber lies nicht zuviel auf einmal«, sagte sie zu Alissa, »immerhin hattest du eine Gehirnerschütterung, damit ist nicht zu spaßen.« »Das werde ich nicht«, erwiderte Alissa, »vielen Dank.« »Ich hab mich mal am Kiosk nach verschiedenenGebietszeitungen umgesehn und sie dir gebracht. Solltest du nicht aus Moskau stammen, wär es doch möglich, daß deine Heimatzeitung darunter ist und du sie wiedererkennst.« »Nein«, sagte Alissa, »meine Zeitung werde ich hier nicht sehen. Sie ist ganz anders beschaffen.« »Wie denn anders?« fragte die Frau verblüfft. »Ich erinnere mich nicht.« Als Julkas Mutter wieder gegangen war, sagte Alissa: »Deine Mama ist noch ganz jung und sehr hübsch.« »Ich weiß«, erwiderte Julka, »du bist nicht die einzige, die das sagt. Aber ist deine Mama denn alt?« »Nein, ganz und gar nicht.« Es dunkelte bereits, und Alik Borissowitsch kam herein, um sich von den beiden für heute zu verabschieden. Kurz darauf schaute auch Schurotschka vorbei, verabschiedete sich gleichfalls und flüsterte den Mädchen zu, daß sie mit dem Doktor ins Kino ginge. »Aber zu keinem ein Wort, verstanden?« »Versprochen!« riefen Julka und Alissa wie aus einem Munde. Als Schurotschka fort war, lachten sie laut los und konnten sich lange nicht beruhigen. 150 »Die Erwachsenen haben Geheimnisse, die einfach zum Totlachen sind«, prustete Julka. »Die sogenannten Erwachsenen«, berichtigte Alissa. »Schurotschka ist gerade mal sechs, sieben Jahre älter als wir. Nicht der Rede wert.« »Hast recht, nicht der Rede wert«, stimmte Julka zu. »Erzähl mir was über deine Klasse«, bat Alissa. »Und was soll ich erzählen?« »Wie ihr so lernt, wieviel Stunden ihr habt, was für Spezialfächer - einfach alles. « »Keine Ahnung, wo ich anfangen soll. Du weißt ja ohnehin Bescheid.« »Ich hab alles vergessen. Geh davon aus, daß ich mir rein, gar nichts gemerkt habe.« »Wenn ich nur wüßte, wann ich dir glauben soll und wann nicht.« »Ehrenwort, mir ist über deine Schule so gut wie gar nichts bekannt. Weder über die Art des Unterrichts noch über den, Lehrplan.« »Aber wieviel Klassen wir haben, ist dir bekannt?« »Ich glaube, zehn. Stimmt das?« »Na siehst du, du hast dich erinnert. Und mit wieviel Jahren kommt man zur Schule?« »Mit fünf?« »Also hör mal, Alissa - mit sieben! Entweder du verstellst dich einmalig gut, oder du hast tatsächlich Brei im Kopf ... Aber halt, vielleicht bist du nicht nur nicht aus Moskau, sondern nicht einmal aus der Sowjetunion?« »Wie stellst du dir das vor?« fragte Alissa ungehalten. 151 »Na ja, du könntest eine Touristin sein, bist mit deinen Eltern aus dem Ausland hergekommen und ihnen verlorengegangen.« »Spreche ich denn so schlecht russisch?«»Nein, du sprichst gut russisch.« »Richtig gut?« »Richtig gut.« »Danke. Also zur Schule kommt man bei euch mit sieben Jahren? Und was macht man bis dahin?« »Na was schon. Man geht in den Kindergarten, spielt, bäckt Sandkuchen ... Was sollten kleine Knirpse sonst tun?« »Seltsam», sagte Alissa, »mit fünf Jahren bin ich bereits ... « Sie verstummte. »Was bist du mit fünf Jahren?« fragte Julka. Jemand ging über den Flur, blieb vor ihrer Tür stehen, kam aber nicht zu den Mädchen herein, sondern schien dem Gespräch zu lauschen. Die Tür hatte eine Mattglasscheibe, und man sah darauf die Umrisse eines Menschen. »Wer kann das sein?« flüstere Alissa. »Da gibt's viele Möglichkeiten«, sagte Julka, »aber dir kann's ja egal sein. Oder erwartest du jemanden?« »Nein.« »Und doch hab ich den Eindruck, daß du auf jemanden wartest. Ich an deiner Stelle würde immerzu auf dem Sprung sein. Wenn nun plötzlich die Tür aufgeht und deine Mutter vor dir steht?« »Das wird nicht passieren.« Alissa seufzte. »Ich bin hier ganz allein.« »Und wenn sie es doch ist?« »Das wäre sehr schlimm.« 152 »Hat sie dich schlecht behandelt? Bist du, etwa absichtlich von zu Hause weg? Oder hast du vielleicht eine böse Stiefmutter?« »Red keinen Unsinn«, sagte Alissa, »ich hab eine wunderbare, einfach großartige Mama, nicht schlechter als deine.« . »Und wenn sie nun plötzlich hereinkommt, und du erkennst sie nicht wieder? Schließlich hast du dein Gedächtnis verloren.« »Schon möglich«, sagte Alissa und drehte sich zur Wand. Vielleicht war sie eingeschlafen, vielleicht weinte sie aber auch nur leise vor sich hin. Julka hätte es nicht mit Bestimmtheit sagen können, obwohl sie genau hinhörte. 153 3. Ich bin doch dein Papa! Zwei, drei Stunden waren vergangen. Im Krankenhaus war es ruhig geworden, viele schliefen schon. Alissa lag noch immer mit dem Gesicht zur Wand da, Julka las. Die Treibhausrosen, die ihr die Mutter mitgebracht hatte, standen auf ihrem Nachttisch, und Julka spürte ihren frischen, angenehmen Duft. Plötzlich wurden erneut Schritte im Flur laut. Wie vorhin. Jemand näherte sich vorsichtig, doch schwerfällig ihrer Tür und blieb dort stehen. »Alissa«, flüsterte Julka, »sieh doch mal.« Alissa setzte sich im Bett auf und preßte den Finger an die Lippen. Die menschliche Silhouette verharrte ein wenig vor der Tür und entfernte sich dann wieder. »Mir gefällt das nicht«, sagte Julka, »ich werde die Nachtschwester rufen.« »Warte«, sagte Alissa. In diesem Moment vernahmen sie Stimmen im Korridor, mehrere Leute näherten sich ihrem Zimmer, die Tür wurde langsam geöffnet. Doch nichts passierte, nur die Nachtschwester, Maria Pawlowna, kam herein. Sie war schon älter, sehr streng und bei den Patienten nicht sonderlich beliebt, weil sie stets und ständig die Krankenhausordnung im Munde führte. Wer aber war schon scharf darauf, alle 154 möglichen Regeln einzuhalten, besonders wenn man so gut wie gesund war. »Schlaft ihr schon, Mädchen?« fragte sie. »Nein.« »Alik Borissowitsch möchte mit dir sprechen, Alissa.« »Was denn, jetzt?« Alissa war verblüfft. »Aber ist denn Alik Borissowitsch nicht ... « In diesem Augenblick betrat der Doktor bereits das Zimmer. »Wie fühlt ihr euch?« fragte er, als hätte er sich nicht erst vor zwei, drei Stunden von ihnen verabschiedet. Vielleicht ist er schon wieder zurück aus dem Kino, dachte Julka, oder er hat sich mit Schurotschka gestritten. »Ich hoffe, es ist alles in Ordnung bei euch«, fuhr Alik Borissowitsch fort. »Ich hab nämlich eine Uberraschung für Alissa. Eine wunderbare Überraschung! Du kannst nach Hause.« »W-wie denn das?« Alissa war blaß geworden, Julka sah es deutlich. »Das ist doch unmöglich!« »Doch, es ist möglich!« Alik Borissowitsch war so ausgelassen, als wollte er im nächsten Moment einen Freudentanz aufführen. »Nun hat alles sein gutes Ende gefunden. Dein Papa ist gekommen, du kannst also deine Sachen packen.« »Mein Papa kann gar nicht kommen«, erwiderte Alissa leise. »Nun sträub dich mal nicht länger, Kindchen«, sagte der Doktor. Dann drehte er sich zu Maria Pawlowna um und wies sie barsch an, die Entlassungspapiere fertigzumachen. 156 »Wie denn das, Alexander Borissowitsch?« Die Schwester war verblüfft. »jetzt gleich? Aber wir haben Nacht. Nein, ich bin ganz und gar dagegen.« »Bitte keinen Widerspruch!« sagte Alik Borissowitsch mit völlig veränderter Stimme. Julka hätte nie gedacht, daß er so sprechen könnte. »Führen Sie meine Anweisungen aus!« »Morgen früh«, entgegnete Maria Pawlowna. »Entsprechend der Krankenhausordnung und mit Zustimmung des Stationsarztes. Ich werde mich niemals dazu hergeben, gegen die Regeln zu verstoßen. Und das um so mehr, als Sie, Alexander Borissowitsch, schon nicht mehr im Dienst sind. Ich möchte nur mal wissen, wo der diensthabende Arzt steckt.« »Was kann ich dafür, wenn der diensthabende Arzt nirgends aufzutreiben ist«, sagte Alik Borissowitsch. »Man wird ihn zur Rechenschaft ziehen. jedenfalls können wir das Kind nicht gewaltsam von seiner Familie fernhalten. Ihr Vater ist extra aus einer anderen Stadt hierhergekommen, er leidet, ist erregt, hören Sie doch nur.« Der Doktor verstummte, und alle vernahmen ein lautes Schnaufen hinter der Tür, vielleicht war es auch ein Schluchzen. »Da bitte«, fuhr Alik Borissowitsch fort, »Sie wollen doch nicht etwa dem Kind und seinen Angehörigen wegenirgendwelcher idiotischer Regeln einen bleibenden Schaden zufügen! Also gehen Sie, und machen Sie die Unterlagen fertig. Ich unterschreibe, 157 wo's nötig ist, und die Sache hat ein Ende. Seien Sie wenigstens einmal menschlich.« »Aber Alissa hatte eine Gehirnerschütterung, es wäre schädlich für sie, aufzustehen.« »Das war und ist vorbei«, erwiderte der Doktor. »Ich habe sie heute untersucht, ihr kann nichts passieren.« »Also wirklich, Alexander Borissowitsch, ich erkenne Sie nicht wieder!« rief Maria Pawlowna aus. »Sie sind heute gar zu seltsam.« »Sie sollen gehen!« herrschte der Doktor sie an. »Und bleiben Sie in Ihrem Zimmer! Sollten Sie - sich meinen Anordnungen widersetzen, werde ich eine Beschwerde gegen Sie einreichen.« »Wa-a-as?« Maria Pawlowna wäre vor Verblüffung fast in Ohnmacht gefallen. »Sie ... gegen mich ... eine Beschwerde?!« Alik Borissowitsch schubste die Schwester regelrecht aus dem Zimmer und sagte zu dem Mann, der draußen wartete: »Kommen Sie herein, mein Lieber, Ihre Tochter erwartet Sie schon voll Ungeduld.« Die Schwester beiseitestoßend, zwängte sich ein unwahrscheinlich dicker, vor Fett wabbelnder Mann mit Sonnenbrille und tief in die Stirn gezogenem Hut in den Raum. Er war in einem Maße dick und so seltsam gekleidet, daß Julka vor Staunen den Mund aufriß. »Wo ist mein Töchterchen, wo ist mein Goldkind?« rief der Dicke mit weinerlich dünner Stimme und ging mit ausgebreiteten Armen geradenwegs auf Alissa zu. »Komm, Kindchen, komm nach Hause, zurück zu Papa und Mama«, brabbelte der Dicke, wobei er sich wie eine Lokomotive auf Alissa zubewegte. 158 »Nein!« rief Alissa plötzlich. »Wagen Sie es nicht, näher zu kommen, wagen Sie es ja nicht! Sie sind nicht mein Vater! Ich hab Sie zwar irgendwo schon mal gesehen, aber mein Vater sind Sie nie und nimmer!« Alissa saß aufrecht im Bett, mit dem Rücken gegen die Wand gepreßt und die Decke bis zum Kinn hochgezogen. »Bleiben Sie stehn!« rief nun auch Julka, die Alissa sofort Glauben schenkte. »Oder ich schreie. Ich kann unheimlich laut schreien.« »Einen Moment.« Alik Borissowitsch hielt den Dicken zurück. »Wir dürfen die Kinder nicht verschrecken. Immerhin hatte Ihre Tochter eine Gehirnerschütterung und das Gedächtnis verloren. Alissa erkennt Sie nicht, und daran ist kaum etwas Erstaunliches. Und du, Alissa, beruhige dich. Wir werden uns jetzt gemeinsam erinnern, dann fährst du mit deinem Papa nach Hause. Alles wird gut, du wirst sehn. Du aber, Julka, brüll nicht rum. In den Nachbarzimmern schlafen kranke Kinder, willst du sie aufwecken?« »Alissa, Kindchen, du hast doch nicht etwa deinen lieben Papa vergessen?« greinte der Dicke. »Weißt du nicht mehr, wie ich dich auf meinen Armen wiegte, wie wir ... « Bei diesen Worten packte der Doktor den Dicken aus rgendeinem Grund beim Ärmel und zischte wie eine Schlange. »Genau!« rief Julka. »Das muß sich erst noch herausstellen, ob er wirklich ihr Vater ist. Kann er sich überhaupt ausweisen?« 159 »Natürlich kann ich mich ausweisen«, erwiderte der Dicke. ich hab alle Unterlagen bei mir.« Er holte einen Packen Paiere aus der Tasche seiner gewaltigen Hose und wedelte danit vor Julkas Nase herum. »Misch dich nicht in Dinge, die dich nichts angehn, Kleine«, agte Alik Borissowitsch zu Julka. »Und ob mich das was angeht!« entgegnete Julka. »Mich geht buchstäblich alles was an. Sie können sich gar nicht vorstellen, vas alles!« Sie war in einer Verfassung, daß man ihr besser nicht zu nahe kam. »Also los, Alissa, steh auf«, befahl der Doktor, »und beeil dich. Wir haben uns vergewissert, daß der Bürger hier dein Vater ist. Du fährst jetzt mit ihm nach Hause, dort wirst du dich an alles erinnern und wieder völlig gesund werden.« Alik Borissowitsch gab dem Dicken einen Wink, er solle seine Tochter nehmen, und der machte auch schon Anstalten dazu. Doch Alissa sprang im Bett auf und preßte sich an die Wand. Die Arme des Mannes griffen, wie die Scheren eines Krebses, ins Leere. »Schneller doch«, rief Alik Borissowitsch, »sie werden gleich hier sein!« »Die stecken ja unter einer Decke!« schrie Julka. »Sie machen gemeinsame Sache!« »Natürlich«, antwortete Alissa, die bestrebt war, sich dem Zugriff der beiden zu entziehen. »Sieh dir nur mal seine Schuhe an!« »Wessen Schuhe?« »Na, die von Alik Borissowitsch.« 160 Julka, die nun ebenfalls im Bett stand, schaute nach unten und begriff augenblicklich: Alik Borissowitsch hatte zwei rechte Schuhe an. »Was ist los, was ist denn?« fragte der Doktor und sah gleichfalls auf seine Schuhe. Und nun bot sich Julka ein ganz und gar phantastischer Anblick: Der zweite Schuh, der am linken Fuß des Doktors steckte, vollführte ein paar Zuckungen, veränderte seine Form und wurde gleich darauf zu einem gewöhnlichen linken Schuh. »Ach herrje«, sagte Julka. »Kein Grund zur Aufregung«, erwiderte Alik Borissowitsch, »meine übliche Zerstreutheit.« Plötzlich schrie Alissa- »Julka-a-a!« Während Julka in den Anblick der sonderbaren Schuhe vertieft war, hatte sich der Dicke so geschickt an Alissa herangepirscht und sie gepackt, daß sie keinerlei Widerstand mehr leisten konnte. Sie baumelte an der Hüfte des Dicken, strampelte mit den Beinen, schlug mit Fäusten um sich, doch den Mann beeindruckte das kein bißchen. Er stieß den Nachttisch um, so daß die Blumenvase umfiel und sich das Wasser über den Fußboden ergoß. Dann stürzte er zur Tür. 162 Nun ist alles verloren, dachte Julka. Doch da fiel ihr ein, wie sie in früheren ruhmreichen Zeiten der Häuptling der Rothäute gewesen war und ihren tapferen Stamm zum kühnen Sturm auf die weißgesichtigen Nachbarskinder geführt hatte. Und so stieß sie auch jetzt ihren Irokesenschlachtruf aus, so laut, daß die Fensterscheiben klirrten. und eine, die schon einen Sprung hatte, sogar zerbrach. Danach setzte sie wie ein Panther zu einem Satz auf den Dicken an und zerkratzte ihm mit den Fingernägeln das Gesicht. Julkas Angriff kam so überraschend und heftig, daß der Mann sein Opfer losließ. Alissa plumpste zu Boden, der Dicke aber hatte alle Hände voll zu tun, Julka abzuschütteln. Als ihm das gelungen war, stürzte er zur Tür, die regelrecht aus den Angeln sprang und an die gegenüberliegende Flurwand prallte. Alik Borissowitsch fauchte ein »Trrprrf!« und rannte hinter dem Dicken her. Julka und Alissa aber saßen auf dem Fußboden und schüttelten mit den Köpfen, um zu sich zu kommen. »Na, wie haben wir's denen gegeben?« sagte Julka schließlich. »Hoffentlich ist deine Naht nicht aufgeplatzt«, erwiderte Alissa. »Im übrigen aber bist du eine echte Freundin.« »Das war demnach nicht dein Vater?« »Aber nein, kein Stück. Das war ein kosmischer Pirat, er heißt Fröhlicher U.« »Also wirklich, Alissa, jetzt spinnst du. Was denn für ein kosmischer Pirat?« 163 »Ich werde dir alles erzählen, denn ich hab jetzt volles Vertrauen zu dir. Wir müssen nur warten, bis hier alles zur Ruhe gekommen ist. Hör mal, sie kommen bereits angerannt.« Und tatsächlich kam gleich darauf Maria Pawlowna ins Zimmer gestürzt. »Was ist geschehen?« rief sie. »Weshalb sitzt ihr auf dem Boden, und dazu im Wasser? Das ist gegen die Krankenhausordnung!« Die beiden lachten und standen auf. »Nein so was, ich versteh überhaupt nichts mehr«, seufzte die Schwester. »Und wie's scheint, bin ich an allem schuld. Wo ist eigentlich Alexander Borissowitsch? Und dein Vater, Alissa?« »Was denn für ein Alexander Borissowitsch?« fragte Alissa unschuldig. »Und was für ein Vater?« »Na, die beiden, die eben hier waren.« »Hier war niemand.« Julka bekam bei diesen Worten Quadrataugen. »Aber das ... « begann sie. »Hier war kein Mensch«, wiederholte Alissa mit einer Stimme, so daß Julka sofort begriff: jetzt galt es, zu schweigen und ihr in allem recht zu geben. »Ich hab doch mit eignen Augen gesehen ... « beharrte Maria Pawlowna, stutzte dann und fragte: »Undwer hat die Fensterscheibe zerschlagen, die Tür aus den Angeln gehoben, wer hat geschrien? Versucht ja nicht, mich für dumm zu verkaufen, ich versteh ohnehin nichts mehr.« »Das muß ein Windstoß gewesen sein«, antwortete Alissa. »Ein Wirbelsturm oder so was. Er hat die 164 Scheibe eingedrückt, uns von den Betten gefegt und dabei sogar die Tür aus den Angeln gehoben. Was ist daran so ungewöhnlich?« »Himmel, ich verlier noch den Verstand!« stöhnte die Schwester. »Ich habe Alexander Borissowitsch und diesen anderen Bürger, einen kräftigen, respekteinflößenden Mann, doch leibhaftig vor mir gesehen. Sie haben mich gebeten, Alissas Entlassungspapiere zu holen...« »Wissen Sie, Maria Pawlowna«, sagte Alissa, »ich denke, Sie sollten jetzt mal Alik Borissowitsch anrufen. Bestimmt sitzt er zu Hause und trinkt Tee. Er wird Ihnen bestätigen, daß er heute abend nicht hier war und auch meinen Vater nicht gesehen hat.« »Das tu ich!« erwiderte die Schwester streng. »Und zwar sofort. Das laß ich nicht auf sich beruhn. Einer von uns ist verrückt geworden, ich kann nur hoffen, daß nicht ich es bin. Zuerst aber bringe ich euch trockene Pyjamas und quartier euch um. Schließlich könnt ihr nicht in diesem zugigen Zimmer bleiben.« Als die Mädchen in ihren neuen Betten lagen und sich die Tür hinter Maria Pawlowna geschlossen hatte, fragte Julka: »Weshalb hast du ihr vorgeschlagen, den Doktor anzurufen? Der ist doch sicher noch unterwegs.« »Du hast nicht das geringste begriffen«, erwiderte Alissa. »Alik Borissowitsch tut hier nichts zur Sache. Der hat den Abend mit Schurotschka verbracht und sitzt jetzt bei einem Glas Tee zu Hause. Der Doktor von vorhin war nie und nimmer Alik Borissowitsch, ich hab's nur nicht gleich durchschaut. Es war der Kumpan 165 vom Fröhlichen U, ebenfalls ein kosmischer Pirat. Er heißt Ratt und stammt vom Planeten Rattus. Die beiden verfolgen mich. Und wenn du mir nicht glaubst, brauchst du nur abzuwarten, was Maria Pawlowna von Alik Borissowitsch erfährt.« »Aber es war eindeutig unser Doktor - unmöglich, ihn zu verwechseln! Maria Pawlowna hat ihn auch erkannt ... « »Ich hab mich ja anfangs selber täuschen lassen«, gab Alissa zu. »Der Ratt versteht sich nämlich unheimlich gut auf Metamorphose. Nur mit den Schuhen ist ihm ein Versehen unterlaufen, erinnerst du dich?« »Aber ja«, sagte Julka. In diesem Augenblick schaute Maria Pawlowna zur Tür herein und flüsterte beängstigend laut: »Ich muß es sein, die verrückt ist! Alexander Borissowitsch sitzt zu Hause und trinkt Tee. Er hat mich ... ausgelacht!« 166 4. Wie sich alles zugetragen hat »Natürlich hast du das Recht, mir nicht zu glauben«, sagte Alissa, als sich alles beruhigt hatte und Stille im Krankenhaus eingekehrt war. »Ich bin mir gar nicht so sicher, ob ich das an deiner Stelle tun würde.« Julkas Narbe tat verständlicherweise ein bißchen weh - für solch einen Panthersprung war es trotz allem noch etwas früh, auch wenn sie morgen entlassen wurde. Sie legte sich also bequem zurecht und beschloß, Alissa nicht zu unterbrechen. Auch hatte Julka jetzt eine neue Theorie ausgebrütet: Alissa war ein Gast aus dem Kosmos, kam von einem anderen Planeten. »Ich hab außer dir niemanden, dem ich mich anvertrauen könnte«, begann Alissa. »Kinder kenne ich sonst keine, und ein Erwachsener würde mir gleich gar nicht glauben. Selbst wenn ich Beweise hätte.« »Stimmt«, bestätigte Julka. »Erwachsene glauben die normalsten Dinge nicht. Du stammst von einem fremden Planeten, nicht wahr?« »Nein«, sagte Alissa, »ich bin aus Moskau. Und auch hier geboren.« »Schade. Und ich dachte schon, du wärst eine Außerirdische.« »In gewissem Sinne bin ich das sogar. Ich bin nämlich noch nicht geboren. Ich komm erst in hundert Jahren zur Welt.« »Wie bitte?« 167 »Ich stamme aus der Zukunft. Aus dem einundzwanzigsten Jahrhundert.« »Das ist einleuchtend«, erwiderte Julka, »denn ich hab mich schon gefragt, wieso du nichts über unsre Schulen weißt und doch so einwandfrei russisch sprichst.« »Bist du denn gar nicht erstaunt, daß ich aus der Zukunft stamme?« »Natürlich. Aber noch erstaunlicher wäre es gewesen, wenn du aus dem Kosmos kämst. Jedenfalls bist du eine Moskauerin, wenn auch keine aus unseren Tagen. Erzähle!« . »Tja, da gibt's nichts Besonderes zu erzählen: Ich lebe in Moskau, geh hier zur Schule ... « »Warst du schon mal auf dem Mond?« »Ja. Und auf dem Mars. Auch im Fernen Kosmos.« »Du Glückliche! Ist die Auswahl eigentlich streng? Wir haben in der Klasse einen Jungen, den Borja Messerer, der möchte mal Kosmonaut werden. Aber sie haben ihm gesagt, daß er gesundheitlich nicht dafür taugt. Und nun geht er jeden Morgen die zwei Kilometer zur Schule zu Fuß. Allerdings kommt er immer zu spät. Vielleicht schmeißen sie ihn aus der Schule, bevor er sich abgehärtet hat.« »Unterbrich mich doch nicht dauernd. Nein, die Auswahl ist nicht streng. Man kann als Tourist fahren, aber auch auf Exkursion gehn. Ich bin mal in einer wissenschaftlichen Expedition mitgefahren. Wenn's dich interessiert, erzähl ich dir davon.« »Es interessiert mich mächtig!« 169 »Du weißt ja bereits, daß ich mich auf die Biologie spezialisiere. Ich will später unbedingt mit Tieren arbeiten, etwas Schöneres gibt es nicht! Mein Papa ist ebenfalls Biologe, er befaßt sich mit Tieren aus dem Kosmos. Mich interessiert speziell der tierische Verstand, da ist bisher noch sehr wenig erforscht. Das muß man sich mal vorstellen: Die Menschen fliegen in fremde Galaxien, können sich aber nicht mit einer gewöhnlichen Katze verständigen.« »Ich kann mit meiner Katze über alles reden«, widersprach Julka. »Allerdings rede bloß ich, sie schweigt.« »Na siehst du, sie schweigt. Aber ich hab dir das mit der Biologie nicht von ungefähr erzählt. Die Sache ist nämlich, daß mein Vater einen bestimmten Apparat in seinem Zoo hat, ein sogenanntes Myelophon. Es ist imstande, die Hirnströme von Lebewesen einzufangen und ihre Gedanken hörbar zu machen.« »Auch meine?« »Von jedem beliebigen Wesen. Nur ist dieser Apparat unwahrscheinlich selten und sehr wertvoll. Mein Vater hat ihn mir für kurze Zeit anvertraut, ich sollte ihn sofort nach dem Versuch wieder im Labor abgeben.« »Und von wem hast du die Gedanken belauscht?« »Zuerst die von Delphinen, danach die von einem Hohlwesen. Und dann ergab es sich, daß ich mich von Bronta verabschiedete.« »Wer ist denn das nun wieder?« »Ein Brontosaurus, ich hänge sehr an ihm. Er lebt bei uns im Kosmoszoo.« 170 »Aber die Brontosaurier sind vor vielen Millionen Jahren ausgestorben, das hab ich mal gelesen!« »Lesen kann man viel. Wir haben einen ausgebrütet.« »Was denn, ganz neu?« »Du unterbrichst mich schon wieder, Julka! Auf diese Weise bin ich morgen früh noch nicht fertig.« »Also weißt du. Erst erzählst du solche Sachen, und dann darf man sich nicht mal drüber wundern. So was gibt's nur in phantastischen Büchern. Wenn ich mir vorstelle, daß du eigentlich erst in hundert Jahren lebst!« »Also weiter. Ich verabschiedete mich von Bronta und ließ das Myelophon am Ufer zurück, um es nicht naß zu machen. Bronta lebt nämlich in einem Teich. Ich ließ mich ein bißchen auf seinem Rücken spazierentragen, plötzlich dreh ich mich um - das Myelophon ist weg! Und irgendein Junge schrie: Haltet sie!, dann rannte er selber davon.« »War das Kolja?« »So warte doch. Bevor ich also Bronta gebeten hatte, mich ans Ufer zu bringen, und endlich am Tor anlangte, war der Junge verschwunden. Auf dem Vorplatz standen drei Busse, aber zum Glück kaum Leute. Ich hab sie gefragt, ob sie einen Jungen mit schwarzer Tasche aus dem Zoo hätten laufen sehn, und ein Mann sagte, er sei in Richtung Prospekt des Friedens eingestiegen. Doch ein anderer Mann ergänzte, dieser Junge habe den Bus gleich wieder verlassen, um in einen anderen umzusteigen. Ich hab innerhalb von fünf Minutensämtliche Busstationen nach ihm abgesucht, bin in dieser Zeit durch halb Moskau gefahren und 171 schließlich zum Zoo zurückgekehrt, ohne den Jungen zu finden ... « »Halt mal - durch halb Moskau in nur fünf Minuten? Mit dem Bus?« »Natürlich. Womit denn sonst?« »Wie schnell fahren denn bei euch die Busse?« »Sie fahren gar nicht, sie bleiben auf der Stelle ... Aber was soll's, du begreifst es ja doch nicht. Bei euch gibt's keine solchen Busse. Ich erzähl dir später davon. jedenfalls bin ich wieder zurück zum Zoo, ziemlich geklatscht, wie du dir denken kannst, es war furchtbar. Was sollte ich bloß tun? Ich lief so vor mich hin, es war kurz vor der Schließzeit und kaum noch jemand zu sehn. In meiner Verzweiflung dachte ich: Vielleicht war das alles ein Irrtum, und du hast die Tasche nur igendwo liegenlassen? Idiotisch natürlich, aber ich hab mich an diese Hoffnung geklammert ... « »Das kenn ich«, sagte Julka, »ist mir auch schon passiert.« »Ich lauf also, schau hierhin, dorthin, plötzlich seh ich, daß ein paar Reinigungsroboter vor einer der Bänke diskutieren. Nun sind Roboter, wie du dir denken kannst, im allgemeinen schweigsame Gesellen und nur schwer aus der Reserve zu locken. Die hier dagegen gestikulierten heftig mit den Armen und stritten. Ich ging zu ihnen, fragte, was passiert sei, die Roboter aber waren ganz außer sich, sagten, ihnen wäre so etwas noch nicht begegnet. Dabei zeigten sie auf eine Bank, in deren Lehne die Worte geschnitzt waren: Kolja, Klasse 6b, 26. Schule. Und nun beratschlagten die Roboter, ob 172 sie die Bank wegbringen und durch eine neue ersetzen sollten.« »Himmel, aus unserer Schule!« rief Julka aus. »Genau. Irgendein Kolja aus einer Sechs b, der genau an diesem Tag bei uns im Kosmoszoo war. Andernfalls hätten die Roboter sein >Kunstwerk< schon früher entdeckt.« »Und wenn er das Myelophon gar nicht genommen hat?« »Hör zu. Als ich mich an der Bushaltestelle nach dem besagten Jungen erkundigte, dachte ich zunächst noch, es könnte vielleicht einer von unsern Jungs sein, die sich einen Spaß machen wollten. Du kennst ja diese Bengel, die haben einen direkt idiotischen Humor.« »Stimmt, die sollten lieber gar keinen Humor haben«, bestätigte Julka. »Aber alle, die den Jungen gesehen hatten, versicherten, daß er ganz seltsam gekleidet war, wie zum Fasching, mit einem Kostüm aus dem zwanzigsten Jahrhundert. Ich hab auf diese Feststellung zunächst nicht weiter geachtet, doch als ich dann die Inschrift entdeckte, die nur jemand mit vorsintflutlicher Phantasie verfassen konnte ... « »Solche soll es geben«, seufzte Julka. »... da begriff ich augenblicklich, daß hier einer aus der Vergangenheit im Spiel war.« »Aber wie konnte er zu euch gelangen? Hat er eine Zeitmaschine erfunden?« 173 »Auf dieselbe Art wie ich.« »Es gibt also eine Zeitmaschine?« »Natürlich gibt es sie, weshalb denn nicht?« »Weil das die reinste Phantastik ist!« »Für dich vielleicht, für mich dagegen ist es ganz gewöhnlicher Alltag. Aber lassen wir das jetzt, « fuhr Alissa fort, »alle Fakten wiesen jedenfalls darauf hin, daß ein Mensch aus der Vergangenheit zu uns geraten war, zudem ein unverständiger Junge, der kein Benehmen hatte und mit einem Messer die Banklehnen verunzierte. Das aber konnte nur bedeuten, daß er die Zeitmaschine unerlaubt betreten hatte und - stell dir das bloß vor! - völlig unkontrolliert durch unsre Zeit spazierte. Ein Skandal!« »Wieso denn?« »Weil das verboten ist! Niemand hat das Recht, sich ins Zeitinstitut zu schmuggeln, um nach Herzenslust hierhin und dorthin zu reisen. Das bringt alles durcheinander!« »Dennoch hat ein einfacher Junge aus der sechsten Klasse die Zeitmaschine benutzt«, sagte Julka, »wie erklärst du dir das?« »Das ist mir ein Rätsel. Die Maschine steht in einer bestimmten Wohnung. Wir haben dort einen Verbindungsmann. Nie und nimmer hätte er einen Fremden passieren lassen.« »Trotzdem hat er es getan.« »Nein, unser Mann war nicht im Zimmer. Niemand war dort.« »Und wo steckte er?« »Keine Ahnung.« »Na gut, erzähl weiter. Es wird bald hell.« »Du hast das Zuhören wohl satt?« »Aber nein, wo denkst du hin!« 174 »Nun ja, ich bin also zum Zeitinstitut geflippt, und was sehe ich - es ist geschlossen. Da fiel mir ein, daß ja Feiertag war. Ich rannte um das Gebäude herum, plötzlich entdeckte ich ein kaputtes Fenster. In diesem Augenblick war mir dann endgültig klar, daß ich mich nicht getäuscht hatte: DerJunge war hier.« »Und was haben die Piraten mit alldem zu tun? Der falsche Doktor und der Dicke?« »Damals hab ich noch nicht an sie gedacht, obwohl ich eigentlich hätte drauf kommen müssen, denn der Junge konnte das Glas im Gebäude nie und nimmer zerschlagen. Es war geschmolzen. Ich kletterte durch die kaputte Scheibe und rannte zum zweiten Stock hoch, denn ich wußte ja, daß sich dort die Zeitkabine für das vorige Jahrhundert befand, ein Bekannter hatte sie mir mal gezeigt. Ich rannte also hoch und sah - alles hatte seine Richtigkeit. Die Kabine war besetzt, sie arbeitete, die Armaturen zeigten an, daß gerade ein Transport in das Jahr neunzehnhundertsechsundsiebzig erfolgte. Das war er! Nach dem Ende des Transports bin ich dann selber in die Kabine, hab mich, um es kurz zu machen, in die Vergangenheit befördert und bin bei euch gelandet. Ich verließ die Kabine - kein Mensch zu sehen. Weder der Junge noch unser Verbindungsmann, niemand. Ich ging ins andere Zimmer - auch hier Leere, nichts aufgeräumt, das Bett nicht gemacht. Plötzlich aber war mir, als würde die Wohnungstür klappen. Ich lief hin, rannte auf den Treppenabsatz hinaus - nichts. Wo konnte der Junge bloß hin sein? Nach unten, auf die Straße?« 175 »Bist du ihm hinterher?« »Natürlich. Und ich war kaum unten, als die Tür zu der bewußten Wohnung ein zweites Mai geöffnet wurde und jemand rief: »Bleib stehn, Mädchen!« »Das war wohl jemand aus dem Zeitinstitut«, mutmaßte Julka. »Das dachte ich zunächst auch. Erst jetzt ist mir klar, daß es sich offenbar um die Piraten handelte. Doch damals überlegte ich nicht weiter. Ich wie ein Blitz aus dem Haus und die Straße runter. Ich rannte, ohne mich umzudrehn, und wußte nur das eine: Ich wurde verfolgt. Ich hatte alle Kontrolle über mich verloren.« »Das wär mir nicht anders ergangen«, tröstete Julka. »Ich brachte ein, zwei Häuserviertel hinter mich, da war mir plötzlich, als ginge der Junge über die Straße. Ich ihm nach, und r-rums: mit dem Kopf gegen einen Bus.« »Dein Schädel hält ganz schön was aus.« »Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie weh das tat.« »Doch, kann ich. Aber wieso bist du der Meinung, daß es die Piraten waren, die dich verfolgten?« »Als sie heute in unser Zimmer traten, hab ich sie nicht gleich erkannt. Aber als ich sie dann durchschaut hatte, ist mir klar geworden, daß sie in die Sache verwickelt sind. Sie waren es, die die Tasche mit dem Myelophon gestohlen hatten. Deshalb hat Kolja auch gerufen: >Haltet sie!< Die Piraten haben mich offenbar schon im Zoo beobachtet.« »Aber warum denn? Du bist doch fast noch ein Kind.« 176 »Für den einen bin ich ein Kind, für einen anderen der ärgste Feind. Irgendwann erzähl ich dir mal von unserem Kampf gegen diese Piraten in der ganzen Galaxis.« »Na weißt du, Alissa, manchmal übertreibst du wirklich ein bißchen.« »Ach, was rede ich mit dir, du glaubst die simpelsten Dinge nicht!« »Wieso bin ich verpflichtet, dir alles zu glauben? Das eine und andere nehm ich dir ab. Zum Beispiel die Tatsache, daß du aus der Zukunft stammst, auch die Geschichte mit Kolja. Aber die Busse, die in fünf Minuten durch halb Moskau fahren, ohne sich von der Stelle zu bewegen - das nehm ich dir nicht ab. Auch die Piraten nicht so ganz. Und überhaupt, wozu brauchen sie dein Myelophon?« »Ja, verstehst du das denn nicht? Die Piraten haben ziemliche Mühe, sich zu behaupten. Kürzlich haben sie sogar ihr letztesRaumschiff eingebüßt. Sie müssen sich verstecken, sind aber immerzu auf der Suche nach irgendwelchen Wertsachen. Kaum hatten sie mitgekriegt, daß ich im Besitz des Myelophons war, stand ihr Entschluß fest, es mir zu stehlen. Und ich Trottel ... « »Du, ich weiß jetzt, was zu tun ist«, unterbrach Julka ihren Redeschwall. »Wir müssen zu mir in die Klasse gehn und jeden der drei Koljas fragen, wer den Apparat aus der Zukunft an sich genommen hat.« »Aber wie kann ich das, wenn ich hier liege?« 177 »Gedulde dich ein bißchen. In ein paar Tagen bin ich wieder in der Schule und kann mich für dich erkundigen.« »Unmöglich. Ich hab ohnehin ein Geheimnis preisgegeben, das ist schlimm genug. Und jetzt willst du noch mit der Fragerei beginnen. Nein, wenn schon, dann muß ich die Sache selbst ausfechten. Ich hätte dir ja auch nichts erzählt, wenn mir die Piraten nicht auf der Spur wären. Begreifst du nun, wie schwierig das alles ist?« »Klar, begreif ich das. Was meinst du, werden sie wiederkommen?« »Da bin ich ganz sicher.« »Wenigstens sind wir jetzt darauf vorbereitet. Uns kriegen sie nicht so schnell.« »Springen kannst du übrigens ganz toll«, sagte Alissa. »Der Fröhliche U wird Kratzer fürs ganze Leben zurückbehalten.« »Das tut mir kein bißchen leid.« »Also gut, schlafen wir jetzt?« »Einverstanden. Und morgen früh überlegen wir, was zu tun ist.« 178 5. Die Schuhe des Doktors Julka dachte, daß sie bestimmt nicht einschlafen könnte. Die Gedanken wirbelten ihr durch den Kopf, sie grübelte - und erwachte plötzlich. »Guten Morgen«, sagte Alissa, als sie sah, daß ihre Freundin munter war, »wie hast du geschlafen? Haben dich keine Alpträume gequält?« »Mich quälen niemals Alpträume.« »Sind dir keine kosmischen Piraten, Gäste aus der Zukunft und sonstige phantastische Dinge im Traum erschienen?« »Nein, nichts von alledem.« »Na gut. Ich bin schon gewaschen und gekämmt. Es wird Zeit, daß wir von hier fliehn, bevor erneut etwas passiert.« Julka setzte sich mit einem Ruck im Bett auf. »Du glaubst, sie kommen wieder?« »Ich wundre mich, daß sie noch nicht hier waren. Vielleicht wissen sie nicht, wo sie uns suchen sollen.« »Oder sie lecken ihre Wunden.« »Weißt du, Julka, als ich heute früh aufwachte, kam mir plötzlich der Gedanke, du könntest alles, was ich dir erzählt habe, für einen bloßen Traum halten.« »Ja und, was wäre dann?« »Dann würde ich nicht versuchen, dich vom Gegenteil zu überzeugen.« 179 »Ist doch alles Unsinn. Wir müssen etwas unternehmen.« »Das nenn ich ein ernsthaftes Gespräch. Und ist dir auch schon eingefallen, was?« »Ich kann im Schlaf nicht nachdenken. Manche können das ja, zum Beispiel der Fima Koroljow aus unsrer Klasse. Er legt sich zur Nacht das Lehrbuch unters Kopfkissen und löst auf diese Weise seine Schulaufgaben.« »Das Lehrbuch nützt ihm nichts, das könnte er ruhig weglassen. Aber zur Sache. Du hast gesagt, ihr hättet drei Koljas in der Klasse. Erzähl mir von ihnen. Wer hätte das tun können?« »Darüber habe ich mir auch schon den Kopf zerbrochen, mich mit jedem einzelnen beschäftigt. Ich würde auf Kolja Sadowski tippen.« »Warum?« »Der hat nur Unsinn im Kopf, lernt schlecht, denkt sich irgendwelche Streiche aus und ist überhaupt ein Blödmann.« »Und die beiden andern stehen außerhalb jeden Verdachts?« »Als ob man für Jungs seine Hand ins Feuer legen könnte!« »Für einige schon.« »Für unsre jedenfalls nicht. Also da wäre noch Kolja Naumow. Er treibt Sport, härtet sich ab, übernachtet im Winter nur im Schlafsack auf dem Balkon.« »Und der dritte?« 180 »Das ist Kolja Sulima. Der ist gar nicht so übel, zumindest besser als die meisten. Er befaßt sich ernsthaft mit Mathematik und arbeitet sogar im Planetarium mit. Weißt du, was der mal werden will? Raumschiffkonstrukteur. Außerdem spielt er prima Schach, besser als alle andern in der Klasse. Aber auch für ihn würd ich nicht meine Hand ins Feuer legen.« »Dieser Kolja Sulima würde sich doch bestimmt gern mal ein Raumschiff der Zukunft ansehn, was meinst du?« »Aber ja, natürlich! Daß ich daran nicht gleich gedacht hab! Wenn du willst, red ich mal mit ihm.« »Auf gar keinen Fall! Du weißt von nichts, verstehst du? Geh dich jetzt waschen, das Waschbecken ist gleich hinter der Tür.« Während Julka sich fertigmachte, schaute Maria Pawlowna zur Tür herein. »Nun, wie habt ihr im neuen Zimmer geschlafen?« »Danke, gut«, antwortete Alissa. »Ist in unserem alten Zimmer das Fenster schon wieder eingesetzt?« »Nein, der Glaser war noch nicht da.« Und an Julka gewandt - »Hast du auch nicht vergessen, daß du heute entlassen wirst?« »Natürlich nicht. Großmutter holt mich nachher ab.« »Und wann werde ich entlassen?« erkundigte sich Alissa. »Das entscheidet der Doktor. Doch wo willst du dann hin, Kindchen?« Maria Pawlowna verstummte, schien förmlich darauf zu warten, daß die beiden die Rede auf das Ereignis von 181 heute nacht brachten. Aber die Mädchen schwiegen, verzogen keine Miene. Schließlich begann Maria Pawlowna selber: »Habt ihr gestern nicht einen gehörigen Schreck bekommen?« »Nein, warum denn?« »Na, weil die Fensterscheibe rausgeflogen ist.« »Ach wo, wir waren kein bißchen erschrocken«, sagte Alissa. »Manchmal ist der Wind noch viel stärker. Ich hab mal gelesen, daß so ein Sturm ein ganzes Haus mit einem Mädchen und ihrem Hund in die Luft gehoben und über einen Gebirgskamm getragen hat.« »Das ist doch nicht möglich!« rief Maria Pawlowna aus. »Doch, ich hab das auch gelesen«, beeilte sich Julka, mit der Zahnbürste im Mund, zu versichern. In diesem Moment wurde die Tür schwungvoll aufgerissen, und Alik Borissowitsch der Doktor, trat ein. »Guten Morgen, ihr Pechvögel!« sagte er aufgeräumt schon von der Schwelle aus und wunderte sich sehr, weil Maria Pawlowna bei seinem Anblick die Arme seitlich ausstreckte und sich wie eine Glucke schützend vor Alissa stellte. Alissa selbst sprang in ihrem Bett hoch und preßte sich an die Wand, während Julka vor Schreck fast ihre Zahnbürste verschluckte. »Was starrt ihr mich an, als sei ich der Geist von Hamlets Vater?« fragte der Arzt verblüfft. Julka wendete keinen Blick von seinen Schuhen - am rechten Fuß steckte der linke Schuh und am linken der rechte. Es war der falsche Doktor! 182 »Wagen Sie es ja nicht, sich den Kindern zu nähern«, rief Maria Pawlowna, »ich hab noch genug von heute nacht! Oder ich rufe unverzüglich die Miliz!« Julka spuckte die Zahnbürste aus und sagte mit pasteweißen Zähnen: »Die Schuhe, sieh dir nur mal seine Schuhe an, Alissa!« Nun schaute auch Alik Borissowitsch auf seine Füße hinunter. »Himmel«, rief er und bückte sich, »mit mir ist es ja weit gekommen! Und ich wundre mich schon, weshalb ich seit dem Morgen so unbequem laufe. Die Damen mögen mir verzeihen, wenn ich mich in ihrer Anwesenheit umziehe. Wie's scheint, werd ich bald ein berühmter Mann sein. Zerstreut bin ich schon, das Talent kommt noch. « Der Doktor band die Schuhe auf, zog sie aus und stand ein paar Augenblicke nur in Socken da, bevor er mit einiger Mühe den richtigen Fuß in den richtigen Schuh steckte. Dann bückte er sich erneut und band die Schuhe wieder zu. »Trotzdem«, fuhr er fort, »dürfte meine Zerstreutheit noch kein Grund dafür sein, daß die verehrten Anwesenden in solche Panik geraten. Was hat euch an meinem Anblick so erschreckt? Ich kann mir nicht vorstellen, daß ein Mensch, der die Schuhe verkehrt herum angezogen hat, furchterregender sein soll als ein Drache.« Alissa hatte sich mittlerweile wieder aufs Bett gesetzt und sagte: »Kannst dich weiterwaschen, Julka, hast noch das ganze Gesicht voll Zahnpasta.« »Aber die Schuhe ... « 183 »Kein Grund zur Besorgnis. Er hat sie umgezogen, wie sich's gehört. Er ist wirklich der Doktor.« »Was heißt, wirklich?« wunderte sich Alik Borissowitsch. »Klar, daß ich's bin. Gerade erst hat man mir denGewerkschaftsbeitrag für drei Monate abgenommen. Was sagt ihr dazu?« »Andernfalls hätte man Ihnen überhaupt keinen Beitrag abgenommen«, sagte Alissa. »Hat Ihnen denn der Film gefallen?« »Was denn, auch das wißt ihr? Nein, der Film war langweilig, aber alles andere war wundervoll. Das wolltet ihr doch hören, nicht wahr?« »Entschuldigen Sie, Alexander Borissowitsch«, schaltete sich Maria Pawlow-na ein, »bitte sagen Sie mir in aller Offenheit, ob Sie gestern abend noch einmal im Krankenhaus waren.« »Sie haben mich dasselbe bereits heute nacht gegen halb zwölf gefragt.« »Ich weiß, trotzdem ... « »Aber was ist denn Um Himmels willen passiert? Ich komme zur Arbeit, schau bei den beiden netten, intelligenten Mädchen vorbei - sie sind weg. Wie vom Erdboden verschluckt. Die Fensterscheibe ist kaputt, die Tür aus den Angeln gerissen, war heute nacht ein Sturm hier?« »Ich glaube, es war eine Windbö«, sagte Alissa, »oder eine Windhose. Julka schrie im ersten Schreck so laut los, daß wir aus den Betten fielen. Maria Pawlowna aber muß eine Halluzination gehabt haben.« »Eine Halluzination?« Alik Borissowitsch sah die Schwester verwundert an. 184 »Also ich verstehe überhaupt nichts mehr«, sagte Maria Pawlowna verstört. »Ich muß mal in der Fachliteratur nachlesen. Vielleicht bin ich einfach überarbeitet. jedenfalls kam es mir vor, als wären Sie gestern abend noch einmal hier gewesen und hätten Alissas Vater mitgebracht. Auch haben Sie verlangt, daß ich umgehend die Entlassungspapiere für das Mädchen fertig mache.« »Und Sie waren einverstanden?« fragte Alik Borissowitsch erstaunt. »Nein, natürlich nicht, das hätte ja gegen die Krankenhausordnung verstoßen. Aber ... Ach, was red ich noch. Wahrscheinlich. bin ich einfach eingeschlafen, irgendwie eingenickt während der Wache. Das jedoch ist unverzeihlich, und ich werde die Konsequenzen ziehn.« »Wo war eigentlich der diensthabende Arzt?« erkundigte sich Alik Borissowitsch. »Wer hatte Dienst?« »Timofejew. Er war nirgends aufzutreiben. Später fand man ihn schlafend im Heizungskeller ... Himmel, vielleicht ist auch das nur ein Hirngespinst von mir? « Maria Pawlowna lief laut schluchzend aus dem Zimmer. Julka zwinkerte Alissa zu - alles lief nach Wunsch. Die Wahrheit würde sowieso niemand glauben, und wenn doch, ginge ein solches Tohuwabohu los, daß sie ihr Myelophon hätten abschreiben können. »Du mußt dich jetzt von Alissa verabschieden, Julka«, sagte der Doktor. »Wirst du sie besuchen?« »Unbedingt. Muß sie noch lange hier bleiben?« 185 »Nein, sie kann bald entlassen werden. Allerdings hängt das nicht zuletzt von Alissa selbst ab. Wir können sie erst entlassen, wenn wir ihre Adresse kennen.« Du hast gut reden, dachte Julka. Du weißt, wo du wohnst, steigst einfach in den Trolleybus und fährst nach Hause. Alissa weiß ja ebenfalls, wo sie wohnt, nur ändert sich dadurch gar nichts. Selbst wenn sie's zehnmal weiß, wird's nicht leichter für sie. »Sie können Alissa zu uns entlassen«, sagte sie. Der Doktor ging, und die Pflegerin brachte das Frühstück. Der Grießbrei klumpte, und Julka ließ ihn stehn. Alissa aber sagte: »Ich hab zwar nichts für Grießbrei übrig, weder mit noch ohne Klumpen, werde ihn aber trotzdem essen - ich muß Kräfte sammeln.« »Ich dagegen esse heute bereits zu Hause. Großmutter kocht ganz gut, sie will bloß immer gelobt werden.« Alissa aß widerwillig ihren Brei auf. Die Laune war ihr gründlich verdorben. »Ich werd mich wohl oder übel verstekken müssen«, sagte sie seufzend. »Und wo?« »Was weiß ich. Du mußt mir jedenfalls was zu essen bringen.« »Aber es ist jetzt kalt.« »Ich bin abgehärtet und hab keine Angst vor einer Erkältung.« »Trotzdem. Wo willst du hin?« »In den Wald.« »Und ich brauche zwei Stunden mit dem Zug, um zu dir zu gelangen, ja?« 186 »Stimmt, ich vergesse immerzu, wie langsam ihr euch fortbewegt.« »Du immer mit deinem >wir< und >ihr< Hör auf mit diesen Unterschieden. Wer weiß, vielleicht bin ich sogar deine Großmutter, und wenn's um sieben Ecken ist. Und ich als deine Großmutter verbiete dir, bei Regen und Frost im Wald zu hocken.« »Wenn du mir kein Essen bringen willst, laß es bleiben. Ich komm schon irgendwie zurecht. Auch Kolja find ich ohne deine Hilfe.« »Wie du meinst. Ich aber sag dir: Mit deinem Starrsinn wirst du nicht mal das Dolgoruki-Denkmal finden, geschweige denn Kolja.« »Alles klar. Du kennst mich nicht, ich kenn dich nicht, und ich hab dir auch nichts erzählt. Solltest.du trotzdem was ausplaudern, glaubt dir sowieso niemand.« »Ich hab nicht die Absicht, etwas auszuplaudern, brauchst keine Angst zu haben.« Und so stritten sie sich. Sahen sich nicht mal an, als Julkas Großmutter, Maria Michailowna, kam, um die Enkelin aus dein Krankenhaus abzuholen. »Ich hab gehört, Mädchen«, sagte Maria Michailowna, »ihr hättet heut nacht einen gehörigen Schrecken bekommen. Seltsam,. bei uns war kein bißchen Sturm ... Wo sind denn deine Sachen, Julka, noch im anderen Zimmer?« »Dann hol ich sie jetzt. Du pack inzwischen deinen Krimskrams hier zusammen - Zahnbürste und so. Aber warum ist Alissa traurig? Weil sie allein zurückbleiben muß?« 187 Alissa gab keine Antwort. Die Großmutter brachte Julkas Bücher, Hefte und ihre sonstige Habe herüber, packte alles in ein Köfferchen und sagte zu Alissa: »Im Kühlschrank ist noch etwas Pastete und Schmelzkäse, das kannst du haben. Ich hab's mit der Schwester abgesprochen. Hast du gehört, Alissa?« »Ja«, sagte Alissa, ohne die Frau anzusehn, was Maria Michailowna ein bißchen kränkte. Sie war der Meinung, daß man etwas Freundlichkeit erwarten konnte, wenn man selber nett zu den Leuten war. Dennoch sagte sie: »Ich besuch dich morgen und bring dir ein paar Apfelsinen. Auch was Leichtes zu lesen. Es wird aber erst am Nachmittag werden.« »Danke«, sagte Alissa, »Sie brauchen sich keine Umstände zu machen, ich werde hier bestens versorgt.« »Red keinen Unsinn, Kind. Ich hab nicht vor, die Wohltäterin zu spielen, du brauchst einfach ein bißchen Fürsorge. So lange du dein Gedächtnis nicht wieder hast und deine Eltern nicht gefunden sind, werden wir drei dich abwechselnd besuchen, das macht überhaupt keine Schwierigkeiten. Bestimmt würdest du genauso handeln, wenn Julka hier läge.« »Also gut, danke«, wiederholte Alissa. Jetzt ist es dir wahrscheinlich peinlich, dachte Julka. Du führst alle an der Nase herum, die Großmutter aber sorgt sich um dich. Doch sie dachte es ohne Groll, begriff sehr wohl, daß sie selbst an Alissas Stelle vielleicht gar nicht so standhaft gewesen, eventuell sogar in Tränen ausgebrochen wäre. »Natürlich besuche ich 188 dich«, sagte sie deshalb schnell, »wir haben noch viel zu bereden.« »Wie du willst«, erwiderte Alissa gleichgültig und, wie's schien, mehr aus Höflichkeit. Sie glaubt mir nicht, dachte Julka. Sie ist überzeugt, daß ich jetzt gehe und alles vergesse. Julka und die Großmutter verabschiedeten sich mit Handschlag. Man sah deutlich, daß Alissa noch etwas sagen wollte, es sich dann aber anders überlegte. Sie weinte nicht, doch ihre Augen waren feucht. Himmel, was mach ich da! dachte Julka entsetzt. Kann man so einen Menschen zurücklassen, der all seine Hoffnungen auf einen setzt? »Nun, habt ihr euch verabschiedet?« fragte Maria Michailowna. »Ach komme zurück«, flüsterte Julka der anderen hastig zu, »ganz bestimmt!« »Auf Wiedersehn«, sagte Alissa nur. Julka und die Großmutter waren kaum aus dem Zimmer, da blieb Julka stehen, legte die Tasche mit den Büchern aufs Fensterbrett im Flur und sagte: »Augenblick, Großmama.« »Was ist denn?« »Ich möchte, daß wir Alissa mitnehmen.« »Mitnehmen? Wohin?« »Na, zu uns nach Hause.« »Du bist wirklich verrückt, Julka! Hast du vergessen, daß Alissa krank ist? Sie hatte eine Gehirnerschütterung und Gedächtnisschwund, sie braucht medizinische 189 Betreuung ... Also nimm jetzt deine Tasche,und komm.« Sie verabschiedeten sich von Alik Borissowitsch, von Schurotschka und den anderen, nahmen Julkas Entlassungspapiere und ihre Kleidung in Empfang, da ging die Tür auf, und Julkas Mutter stand auf der Schwelle. »Gut, daß ich euch noch antreffe«, sagte sie, »das Taxi wartet draußen. Beeilt euch!« Julka war aufbruchbereit, zögerte aber merklich. »Ist noch was?« fragte die Mutter. »Sie will unbedingt Alissa mitnehmen«, erklärte Maria Michailowna. »Als wenn wir hier zu bestimmen hätten!« »Julka hat recht«, stimmte die Mutter zu. »Ich hab mir schon selber überlegt, daß wir Alissa vorübergehend zu uns nehmen, sobald sie wieder gesund ist.« »Ich hab ja nichts dagegen, bloß nicht gleich heute.« »Ihr seid also einverstanden?« rief Julka erfreut aus. »Natürlich«, sagte die Großmutter, »aber jetzt los, das Taxi wartet.« »Mama, liebe Mama, ich hab noch eine riesige Bitte an dicht, bettelte Julka. »Schieß los.« »Geh zu Alissa, und gib ihr einen Zettel von mir.« »Hat das nicht bis morgen Zeit«, widersprach Maria Michailowna, »bis dahin wird deiner Alissa schon nichts passieren.« »Ach, das verstehst du nicht, Großmutter, es ist wirklich sehr wichtig. Kann ich dir mal was ins Ohr flüstern, Mama?« 190 Maria Michailowna zuckte die Achseln, sagte nur: »Also, ich warte draußen am Taxi. Wie ist die Nummer?« »Ich hab sie mir nicht gemerkt. Der Chauffeur ist so ein Schwarzhaariger mit Bärtchen.« Julka zog die Mutter ein Stück beiseite und flüsterte laut: »Alissa darf nicht hierbleiben, ihr droht Gefahr.« »Mit dir geht wieder mal die Phantasie durch, Julka.« »Du mußt mir glauben, Mama. Du weißt doch, ich mach dir nur selten was vor.« »Das gehört sich ja auch nicht.« »Deshalb mußt du mir unbedingt glauben. Geh sofort zu Alissa. Ich hab ihr nicht mal unsre Adresse und die Telefonnummer dagelassen. Es kann nämlich sein, daß Alissa von hier fliehen muß, und wo soll sie dann hin? Ich will, daß sie zu uns kommt, verstehst du?« »Ich verstehe bloß, daß Kinder und Eltern sich gegenseitig respektieren sollten - nun schreib schon deinen Zettel. Hier hast du Papier und Füller.« »Du bist ein Goldstück, Mama!« »Oh, danke.« Julka aber schrieb auf das Blatt aus dem Notizbuch ihrer Mutter: »Alissa, unsere Telefonnummer ist 145 55 67, die Adresse: Ostrowskigasse 16. Vom Krankenhaus mit dem Trolleybus Nr. 15 bis Haltestelle >Haus der Wissenschaftler Es ist die Wohnung Nr. 29, über den Hof. Du kannst jederzeit kommen, wir warten auf dich. In drei Tagen geh ich wieder zur Schule, bis dahin frag ich unsre Mädchen unauffällig aus, ob ihnen was Verdächtiges bei den drei Koljas aufgefallen ist. Ich 191 mach das sehr vorsichtig, brauchst also keine Angst zu haben. Mit Mama und der Großmutter ist alles besprochen, sie sind in Ordnung. Den Zettel vernichte. Julka.« 192 6. Die Flucht Als Julka fort war, trat der Ärzterat zusammen. Ein Professor untersuchte Alissa; in seiner Begleitung befanden sich Ärzte, die Alissa vorher noch nie gesehen hatte. Sie schauten ihr in die Augen, ließen sie rechnen und stellten alle möglichen Fragen, auf deren Beantwortung das Mädchen aber keine allzu große Mühe verwandte. Sie war mit etwas ganz anderem beschäftigt: Damit nämlich, herauszufinden, ob sich unter all die Ärzte nicht vielleicht der Ratt gemischt hatte. Sie wußte sehr wohl, daß die kosmischen Piraten nicht so schnell aufgaben, wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hatten. Und Alissa konnte sich nur zu gut vorstellen, wie dringend sie das Gerät zum Entschlüsseln fremder Gedanken benötigten. Einfach grauenvoll, wenn nichts mehr vor ihnen geheim wäre! Und an alldem trüge nur sie, Alissa, die Schuld. Die Ärzte gingen auseinander, ohne zu einem Ergebnis gekommen zu sein. Freilich erlaubten sie ihr wenigstens, aufzustehen. Da der Glaser, der das Fenster in ihrem alten Zimmer auswechseln sollte, noch immer nicht aufgetrieben worden war, blieb Alissa vorerst in der anderen Krankenstube. Das fand sie auch besser so - vielleicht waren ihr die Piraten auf diese Weise noch nicht auf der Spur. Sie holte Julkas Briefchen hervor und las es mehrmals durch, um sich Adresse und Telefonnummer 193 zu merken: Julkas Mutter hatte ihr auch fünf Zweikopekenstücke dagelassen, damit sie anrufen konnte. Dann zerriß sie den Zettel in kleine Stücke. Nach dem Mittagessen ging Alissa in den Fernsehraum. Es kann nur gut für mich sein, wenn ich mir die alten Filme ansehe, dachte sie. Schließlich will ich noch eine Weile hierbleiben und Kolja finden, da schadet es bestimmt nicht, wenn ich das Leben und die Menschen dieser Zeit ein bißchen studiere. Um sie her saßen einige Kranke, die gleichfalls aufstehen durften, und starrten wie gebannt auf den Bildschirm. Da hörte Alissa plötzlich jemanden hinter sich. Sie drehte sich hastig um - es war ein großer, dünner Junge mit blassem Gesicht. Er hatte ein Bein in Gips und stützte sich schwer auf die Krücke. »Darf ich mich setzen?« fragte er leise. »Aber ja, hier ist frei«, antwortete Alissa. Der Junge ließ sich ungeschickt in einen leeren Sessel fallen und legte die Krücke neben sich. Er tat Alissa leid, denn sie wußte bereits, daß man mit einem gebrochenen Bein früher einen ganzen Monat im Krankenhaus liegen mußte, wenn nicht länger, solange bis der Knochen wieder zusammengewachsen war. Es gab ja nicht jene einfachen Medikamente, die die Knochen innerhalb eines Tages wieder zusammenschweißten und Wunden in einer halben Stunde heilten. Der Junge machte eine unbedachte Bewegung und stöhnte. »Hast du Schmerzen?« fragte Alissa. 194 »Manchmal«, erwiderte er, »aber laß dich dadurch nicht stören.« Die Sendung war ohnehin nicht sehr interessant, und so kamen die beiden ins Gespräch. »Zu Hause hab ich immer einen Wolfshunger«, sagte der Junge. »Ich könnte auf Anhieb einen stier verputzen. Oder zwanzig Schnitzel. Hier dagegen hab ich kaum Appetit.« »Trotzdem, was würdest du gern essen?« »Soll ich ganz offen sein?« »Na klar.« »Also - Erdbeeren würd ich jetzt gern essen. Oder eine Banane.« »In welchem Zimmer liegst du?« erkundigte sich Alissa. »In der Vier. Wieso?« Alissa gab keine Antwort. Sie wußte, daß noch Erdbeerkompott im Kühlschrank war. Von Julka. Doch bevor sie dem Jungen etwas versprach, wollte sie sichergehn, daß es auch wirklich da war. Deshalb erhob sie sich kurze Zeit später und sah im Kühlschrank nach, Tatsächlich, gleich obenauf stand ein Schälchen mit Erdbeeren. Sie kam, das Schälchen in der Hand, zum Fernseher zurück, doch der Junge war bereits verschwunden. Wahrscheinlich war ihm langweilig geworden. Alissa beschloß, ihm die Erdbeeren aufs Zimmer zu bringen. Die Vier befand sich am Ende des Korridors, gleich dahinter war die Nottreppe. Und dort, an der Treppe, entdeckte sie auch den Jungen. Er hob den Arm, winkte sie zu sich heran. 195 »Ich komme«, rief Alissa, »sieh mal, was ich im Kühlschrank gefunden habe!« Sie zeigte ihm von weitem das Schälchen. Doch der Junge benahm sich seltsam. Er fuchtelte die ganze Zeit mit dem Arm, drängte sie zur Eile und beachtete die Erdbeeren kein bißchen. Als Alissa schon ziemlich nahe heran war, deutete er plötzlich zur Treppe und rief: »Hierher, schnell!« Da ist was passiert, dachte Alissa und beschleunigte den Schritt. Sie rannte fast im Laufschritt am Zimmer vier vorbei die Tür war angelehnt, und Alissa warf einen flüchtigen Blick hinein. Es überlief sie siedendheiß: Der Junge mit der Krücke machte gerade Anstalten, sich aufs Bett zu setzen. Dann schaute sie wieder nach vom - der zweite Junge, übers Treppengeländer gebeugt, winkte sie heftig heran. Nun hätte Alissa natürlich sofort kehrtmachen, sich in Sicherheit bringen müssen, doch - man sollte es nicht für möglich halten! - es tat ihr leid um die Erdbeeren. Deshalb schlüpfte sie in die Vier und geradenwegs zum Bett des Jungen mit der Krücke. »Hier«, sagte sie hastig undstellte ihm das Schälchen hin, »du wolltest doch Erdbeeren!« »Aber wieso denn?«, rief der Junge, »so warte doch!« Alissa hielt sich nicht länger auf, hastete schon wieder zur Tür und spähte vorsichtig hinaus. Der Korridor war leer, der zweite Junge nicht mehr zu sehen. Nun aber schnell! dachte Alissa. Sie rannte durch den Flur, war freilich nicht darauf gefaßt, daß ihr die Feinde den Rückweg abschnitten. Hinter einer Korridorbiegung 196 streckten sich ihr dicke Arme entgegen, vorn an der Treppe aber lauerte der Pseudojunge. Er hatte das Lächeln des Ratt aufgesetzt, hob die Krücke und zielte damit auf Alissa. Das Mädchen warf sich zu Boden; sie vermutete, daß die Krücke mit Betäubungspatronen geladen war. Und sie hatte sich nicht getäuscht- Pfeifend löste sich ein Schuß aus dem Stock. Die Gaspatrone flog durch den Korridor und traf den Fröhlichen U, der genau in diesem Moment hinter der Biegung hervorgelaufen kam. Der Dicke stürzte mit gräßlichem Getöse zu Boden, wo er wie gefällt liegenblieb. »Fkrschp!« zischte verzweifelt der Ratt und stürzte zu seinem Gefährten. »Wie soll ich dich jetzt wegbringen!« Er benutzte die Kosmossprache, die hier niemand außer Alissa verstand. Der Fröhliche U schnarchte laut, sein gewaltiger Bauch wabbelte, und die Beine zuckten, als liefe er im Schlaf weiter. Alissa aber verwandte keine Zeit mehr darauf, zu verfolgen, wie das Ganze ausging. Während der Ratt noch überlegte, was er mit seinem bewußtlosen Kumpel anfangen sollte, schlüpfte sie an den beiden vorbei und rannte, ohne sich umzudrehn ins Parterre hinunter, passierte einen schmalen Gang, wo sie beinahe einen Essenwagen umgestoßen hätte, der von einer Schwester zum Lastenaufzug gefahren wurde, befand sich plötzlich in der Küche und sauste um den Herd herum. »He, wo willst du hin!« rief der Koch in seiner hohen weißen Mütze. 198 Alissa steuerte auf eine Tür zu, die in die Vorratskammer führte, und jagte, über Kisten und Säcke mit Graupen stolpernd, in den Krankenhausgarten hinaus. Es war ein großer Garten mit alten Eichen und Linden, die zwar noch keine Blätter trugen, doch schon erste Knospen. Die Krähen spektakelten laut, es war ein sonniger, mäßig warmer Tag, Alissa aber, obwohl sie nur mit Pyjama und Hausschuhen bekleidet war, kam es heiß vor. Das Mädchen kannte den Garten bereits durch die Sicht aus dem Zimmerfenster und wußte, daß der Weg bis zum Tor sehr lang und daher gefährlich war. Unter Garantie würde jemand sie in ihrer Krankenhauskluft sehn und zurückhalten. Deshalb rannte sie geradenwegs auf eine nahe Ziegelmauer zu, ohne zu wissen, ob sie verfolgt wurde oder nicht. Sie schreckte zwei Mädchen auf, die einen kleinen Genesungsspaziergang machten, die beiden riefen »Oh!«, und Alissa sagte im Vorbeilaufen: »Zu niemandem ein Wort!« Die Mädchen stoben auseinander, und der Weg zur.Mauer war frei. Es war eine alte, hohe Wand mit hier und da hervortretenden Ziegeln, so daß Alissas Füße beim Klettern Halt fanden. In drei Sekunden war sie oben, sprang aus zwei Metern Höhe auf der anderen Seite hinunter und befand sich nun in einem stillen Gäßchen. Sie war von niemandem gesehen worden und 199 konnte auch hier, jenseits der Krankenhausmauer, nichts Verdächtiges entdecken. Dann rannte sie los. Sie hielt sich links - nur schnell weg vom Krankenhaustor! 200 7. Die Retter Vom Krankenhaus bis zu Julkas Wohnung war es nicht weit, keine fünfzehn Minuten, wenn man zu Fuß ging und Abkürzungen nahm. Wollte man jedoch mit dem Trolleybus fahren, mußte man zunächst auf den belebten Kalininprospekt, von da aus zum Arbat und sich dort in den Bus setzen. Das alles aber wußte Alissa nicht. Sie kam zu einer kleinen Kirche und blieb stehen, um sich nach dem Weg zu erkundigen. Möglichst bei jemandem, der keine Fragen stellte. Sie hatte ganz vergessen, wie seltsam sie gekleidet war. Die Sonne schien zwar, doch die Leute trauten der Wärme noch nicht, hatten Regenumhänge oder auch Mäntel an. Alissa beschloß lieber keinen Erwachsenen anzuhalten - je jünger, desto besser. Keinesfalls durfte sie sich an eine Frau oder gar ein Großmütterchen wenden- Für die war ein Kind im Pyjama auf der Straße so etwas wie ein rotes Tuch für einen Stier. Einige Passanten drehten sich bereits nach Alissa um, wunderten sich über ihr Aussehen, stellten jedoch keine Fragen. Da entdeckte Alissa zwei Halbwüchsige mit schulterlangen Haaren und Hosen mit Schlag. Sie waren ziemlich ärmlich gekleidet, ihre Hemden und Hosen sogar geflickt, und das auch noch recht unordentlich. Die werden mich wenigstens nicht aushorchen, dachte Alissa, rannte auf die beiden zu und sagte: 201 »Entschuldigen Sie, wo ist die Haltestelle für den Trolleybus Nummer fünfzehn?« »Was will die Kleine?« fragte einer der Burschen den andern auf englisch, was Alissa natürlich verstand, denn sie sprach ja Englisch wie Deutsch, Deutsch wie Französisch und Französisch wie Russisch. In der Zukunft bekam man Fremdsprachen nämlich schon als Kind mit besonderen Spritzen eingeimpft, um nicht unnötig Zeit fürs Auswendiglernen zu verlieren. »Wo fährt hier der Trolleybus Nummer fünfzehn?« wiederholte Alissa nun auf Englisch. »Oh, wie schön, ein paar heimatliche Laute zu hören!« rief der eine Bursche aus. »Bist du auch aus England?« »Nein, von hier« erwiderte Alissa. »Aber du sprichst besten Londoner Akzent. Sag bloß, den hast du in Moskau gelernt!« »Natürlich«, antwortete Alissa, »bei uns reden viele so.« Zwei Jungs, die das Gespräch mit angehört hatten, blieben in einiger Entfernung stehen. Sie mochten zwölf, dreizehn Jahre alt sein. »Die haut vielleicht auf den Putz!« sagte der eine zum andern. »Komm«, erwiderte der zweite Junge, »das sind offenbar Touristen, Hippies.« »Sie auch?« »Na gewiß.« »Ich hätt nie gedacht, daß die jetzt sogar in Pyjamas rumlaufen!« Alissa verkniff sich ein Lachen und rief ihnen beiden zu: »Ich bin kein Hippie, ich hab mich nur verlaufen.« 203 Die beiden Engländer sagten: »Moment, wir schaun mal nach, wo der Trolleybus Nummer fünfzehn fährt. Wir haben eine Karte von Moskau dabei.« Inzwischen hatten sich bereits einige Schaulustige versammelt. Auf einer belebten Straße mangelt es nie an Neugierigen, und je mehr Leute stehenbleiben, desto mehr kommen hinzu, um festzustellen, was los ist. Und natürlich war ein altes Mütterchen darunter, das sogleich loszeterte: »Himmel, sehen Sie doch nur, wie das Kind angezogen ist! Es wird sich unter Garantie eine Lungenentzündung holen! Wo wohnst du denn, Kleine, bist du vielleicht krank?« Alissa wollte sich davonstehlen, doch arbeite dich mal durch eine solche Menschenmenge. »Da haben wir die Bescherung«, sagte sie zu den beiden gleichaltrigen Jungs, die ihr Gespräch mit den Engländern angehört hatten, »was mach ich jetzt? Die bringen mich doch postwendend zurück.« »Ich versteh überhaupt nichts«, sagte der größere von beiden; er trug eine Brille und hatte etwas von einem Musterschüler an sich. »Wohin bringen sie dich zurück?« »Hör zu, Kind, du mußt uns jetzt erzählen, was passiert ist«, beharrte das Mütterchen. »Du bist wohl irgendwo abgehaun?« fragte der zweite Junge. Er war etwas kleiner als Alissa, ziemlich dick und trug eine Glanzjacke, an deren Aufschlag etwa zehn Abzeichen prangten. Er hatte so runde rote Backen, daß Alissa ihn bei sich »Tomate« taufte. 204 »Habt ihr das noch immer nicht begriffen? Ich brauche den Trolleybus Nummer fünfzehn.« »Miliz!« rief unterdessen das Mütterchen. »Wo bleibt die Miliz?« »Warte, wir retten dich«, sagte Tomate. Er wandte sich an die Touristen, die verständnislos mit den Augen klappten, und sagte auf Englisch, nicht gerade gut, doch so, daß sie ihn verstehen konnten: »Wir müssen dem Mädchen helfen, Mister. Die Alte da ist ihre Stiefmutter und will ihr was antun. Okay?« »Oh, yes, natürlich!« Und sie bedachten dasMütterchen mit einem verstörten Blick. »Wir werden jetzt behaupten, daß das Mädchen zu Ihnen gehört. Dann reden Sie englisch mit ihr und gehen alle drei weiter, klar?« »Oh, yes!« antworteten die Touristen, die zum Glück nicht schwer von Begriff waren. Sie nahmen Alissa in die Mitte und sagten zu den Umstehenden: »Sorry, wir sind in Eile.« Die beiden Jungs gaben ihnen Rückendeckung, und Tomate erklärte: »Bitte, Bürger, behindern Sie uns nicht, das hier ist ein Kinoteam. Wir werden gerade gefilmt, von der Kirchenkuppel dort, sehen Sie?« Alle hoben die Köpfe, währenddessen hakten die beiden Engländer Alissa unter und führten sie aus der Menge. So gelangten sie zu fünft bis zur nächsten Straßenecke. »Danke«, sagte Tomate zu den Touristen, »Sie haben uns sehr geholfen.« 205 »Was ist denn nun mit dem Mädchen?« erkundigten sich die Engländer. »Sind Sie noch immer nicht dahintergekommen? Das Mädchen ist aus der Heilanstalt entlaufen.« »Oh!« sagten die Jungen Männer und rückten ein Stück von Alissa ab. »Glauben Sie ihm nicht«, widersprach Alissa, Ich bin völlig normal.« »Da sehen Sie's«, erwiderte Tomate, »sie streitet's ab. Das tun sie alle.« »Bringt ihr die Kleine jetzt zurück?« fragten die Engländer. »Auf gar keinen Fall«, antwortete Tomate. »Wir verstecken alle kleinen Mädchen, die aus der Heilanstalt entlaufen. Weil sie ja von ihren bösen Stiefmüttern dort reingesteckt werden.« Die Engländer begriffen, daß es sich um einen Scherz handelte, lachten und schenkten ihnen zum Abschied je ein Päckchen Kaugummi. Tomate aber vermachte ihnen zwei von seinen Abzeichen. Endlich langten die drei an der Bushaltestelle an. Tomate plapperte ohne Unterlaß und war äußerst zufrieden, daß sie Alissa aus der Not geholfen hatten. »Na«, prahlte er, »kann man sich auf uns verlassen?« Im Schatten der Hochhäuser war es kühl, Alissa fröstelte, doch sie erwiderte lächelnd: »Man kann.« Der zweite Junge, der mit der Brille, gefiel ihr besser. Er hatte die ganze Zeit geschwiegen, offenbar ordnete er sich Tomate unter. Jetzt jedoch, als er Alissa frösteln sah, zog er seine Jacke aus und reichte sie ihr. 206 »Danke, nicht nötig«, sagte das Mädchen, »dann frierst du ja selber, du hast doch außer dem Hemd nichts weiter an.« »Mir ist nicht kalt«, erwiderte der Junge mit der Brille. »Nimm sie ruhig«, drängte Tomate, »so eine Jacke ist die beste Tarnung. Damit sind all unsre Probleme gelöst. Darauf hätt ich schon eher kommen können.« Alissa fügte sich, zog die Jacke über. »Ich hätte dir ja auch meine gegeben«, erklärte Tomate, »aber ich hab empfindliche Mandeln und bin im Nu erkältet. Übrigens haben wir uns noch nicht bekannt gemacht. Ich heiße Fima Koroljow, und das ist mein Freund Kolja Sulima.« Das Mädchen stutzte, ließ sich jedoch nichts anmerken. Sie sagte nur: »Sehr angenehm, Alissa.« Der Bus kam. Beim Einsteigen sah sich Alissa hastig um. Sie wollte sich vergewissern, ob sich, maskiert, nicht der Ratt unter die Passagiere geschlichen hatte. »Hast du Angst, verfolgt zu werden? « fragte Fima. »Ein bißchen schon«, sagte Alissa. Sie standen allein hinten am Fenster. Alissa holte ihre Zweikopekenstücke aus der Tasche, die sie von Julkas Mutter bekommen hatte, und machte Anstalten zu bezahlen. Als Fima das merkte, sagte er: »Du bist wohl Millionär? Oder fährst du bis zur Endstation?« »Nein, bis zur Ostrowskigasse. Ich muß am Haus der Wissenschaftler aussteigen.« »Das sind ja nur lumpige drei Haltestellen. Untersteh dich, das Geld einzuwerfen. Du wirst es noch gebrauchen können.« 207 »Vielleicht sollten wir doch lieber Fahrscheine lösen«, sagte Kolja Sulima leise. »Wenn nun Kontrolle kommt?« »Dem Kontrolleur sagen wir, daß wir ein Mädchen aus einer Heilanstalt bei uns haben. Dafür braucht man nicht zu bezahlen.« »Ich bezahle trotzdem«, beharrte Alissa. »Betrügen ist nicht anständig.« »Dann gib das Geld lieber mir«, sagte Fima, »ich hab eine würdigere Verwendung.« Während er noch redete, holte Kolja Sulima Kleingeld aus der Tasche, steckte es in die Box, riß drei Fahrscheine ab und teilte sie aus. »Du bist ein Angsthase«, sagte Fima. »Ach was, du willst doch bloß vor Alissa angeben. Wärst du allein, hättest du gleichfalls bezahlt.« »Allein wär ich zu Fuß gegangen«, erwiderte Fima, »ich muß abnehmen.« Und zu Alissa: »Ich bin nämlich auf Diät, weißt du. Morgens eß ich einen Apfel, am Tag trink ich ein Glas Kefir.« »Und das ist alles?« fragte Alissa. »Abends ißt er dann für zwei«, fügte Kolja Sulima hinzu. »Hier, nimm«, Alissa streckte Kolja ihr Geld hin, »du hast doch für mich mitbezahlt. Wieviel bekommst du?« »Oho«, rief Fima aus, »jetzt bin ich in der Tat überzeugt, daß dieses Mädchen von irgendwo ausgerückt ist. Sie weiß ja nicht einmal, wieviel ein Fahrschein kostet! Vielleicht war sie noch nie in unsrer Stadt?« 208 »Laß sie in Ruhe, Fima«, sagte Kolja Sulima. »Wenn sie will, wird sie uns von selbst alles erzählen.« »Danke«, sagte Alissa und dachte, daß der mit der Brille sich dem Dicken wohl doch nicht so sehr unterordnete, wie sie anfangs geglaubt hatte. »An der nächsten Haltestelle mußt du raus«, sagte Fima. »Und wann steigt ihr aus?« »Wir fahren eine weiter. Aber hör zu: Das ist nicht fair von dir. Wir haben dir geholfen, und du hast uns nicht das geringste verraten.« »Wollt ihr wirklich wissen, warum ich weggelaufen bin? Ich hatte einenUnfall und wurde ins Krankenhaus gebracht. Ich lag mit einem anderen Mädchen zusammen, wir haben uns angefreundet, sie ist entlassen worden, und ich mußte dableiben. Sie hatte mir ihre Adresse gegeben, und als ich's nicht länger aushielt, bin ich getürmt.« »War wohl langweilig dort?« fragte Fima. »Sehr. Und da ich nicht aus Moskau bin, werde ich vorläufig bei meiner Freundin wohnen.« »Ich hab auch mal im Krankenhaus gelegen«, sagte Fima. »Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie mich das angeödet hat!« Der Bus hielt, und Alissa stürzte zur Tür, wobei sie ganz vergaß, daß sie noch Koljas Jacke anhatte. Im letzten Augenblick fiel es ihr ein, sie wollte die Jacke ausziehn, doch Kolja sagte: »Steig aus, sonst geht die Tür zu. Ich komme mit.« Sie sprangen auf den Bürgersteig, hinter ihnen zwängte sich, gerade noch rechtzeitig, Fima durch die 209 Tür. »Was denn«, schimpfte er, »ihr wolltet mich wohl loswerden!« »Ich hatte die Jacke ganz und gar vergessen«, entschuldigte sich Alissa. »Hast du's weit?« erkundigte sich Kolja. »Ich glaube nicht. Ostrowskigasse sechzehn.« »Gehen wir«, sagte Fima, »ich weiß, wo das ist.« Firma brachte es nicht fertig, neben einem her zu laufen wie andere Leute. Er rannte mal ein Stück voraus, mal um einen herum und plapperte dabei unaufhörlich. Alissa tat es fast schon leid, daß er es geschafft hatte, aus dem Bus zu springen. »Bist du in einer Schule mit Englischzweig? Was war das für ein Unfall, den du hattest? Mußtest du lange im Krankenhaus liegen? Ich wär voriges Jahr beinahe ertrunken ... « So ging das ohne Pause. Alissa versuchte zunächst, seine Fragen zu beantworten, unterließ es aber bald, da er sie ohnehin kaum zu Wort kommen ließ und lieber selber redete. Sie wechselte einen' Blick mit Kolja - der lächelte bloß. Sie gingen durch die stille, mit Grün bestandene Gasse, und Alissa war froh, daß die beiden mitgekommen waren: Allein hätte sie schwerlich hergefunden. »Hier ist es schon«, sagte Kolja. Sie befanden sich vor einem fünfstöckigen, soliden Gebäude, das ein bißchen eingerückt im Hof stand. Im Vorgärtchen, unter einem Kastanienbaum, saßen Großmütter mit Kinderwagen. »Danke, Jungs«, sagte Alissa. 210 »In diesem Haus wirst du also wohnen?« »ja.« »Und willst du auch hier zur Schule gehn?« »Das weiß ich noch nicht.« »Sollen wir dich bis zur Wohnung bringen?« »Danke, nicht nötig, ich werd's schon finden. Hier, Kolja, deine Jacke zurück.« Alissa verabschiedete sich von den beiden und ranntezum Hauseingang. Und so hörte sie nicht mehr, wie Kolja ihr hinterherrief: »Aus unsrer Klasse wohnt die Julka Gribkowa hier!« »Aber ja, natürlich«, erwiderte Fima. »Und sie ist gestern aus dem Krankenhaus entlassen worden.« 211 8. Wir werden gemeinsam lernen Julkas Großmutter öffnete die Tür. »Himmel, wie siehst du denn aus! Ist im Krankenhaus was passiert?« »Guten Tag«, sagte Alissa, »entschuldigen Sie, daß ich mich nicht angemeldet habe ... « »Komm rein«, erwiderte Maria Michailowna. »Ist auch wirklich nichts passiert?« »Wer ist denn da?« fragte Julka aus dem Zimmer. »Ist es Mila?« »Willst du behaupten, du bist in diesem sonderbaren Aufzug durch die Straßen gelaufen, ohne daß dich jemand angehalten hat? Also los, ab mit dir in die Wanne, ich setz inzwischen Teewasser auf.« Julka kam' aus dem Zimmer, sah Alissa und rief: »Ich trau meinen Augen nicht! Du bist wohl getürmt?« »So ist es.« »Na mach schon, erzähle.« »Also weißt du, Julka«, protestierte die Großmutter, »siehst du nicht, daß Alissa friert, so nackt, wie sie ist? Bevor sie nicht gebadet und sich umgezogen hat, laß sie gefälligst in Ruhe.« »Ich such ein paar Sachen für sie raus, wir haben doch fast dieselbe Größe.« »Komm jetzt, Alissa«, sagte Maria Michailowna. 213 Alissa hatte schon befürchtet, die Gribkows würden einen Schreck bekommen, wenn sie so plötzlich vor der Tür stand, würden umgehend im Krankenhaus anrufen und verlangen, daß man den Ausreißer wieder abhole. Doch nichts dergleichen geschah. Eine halbe Stunde später saß sie in einem Kleid von Julka am Tisch, trank heißen Tee und schluckte auf Geheiß von Maria Michailowna zur Vorbeugung eine Aspirintablette. Dann kamen sie zur Sache. Maria Michailowna sagte: »Ich weiß ja nicht, wie Julkas Mutter entscheidet, wenn sie nachher von der Arbeit kommt, doch ich bin der Meinung, wir sollten im Krankenhaus anrufen und Bescheid sagen, daß Alissa gesund und munter ist.« »Oh, bitte, Großmutter, nur das nicht«, bettelte Julka. »Dann holen sie Alissa wieder ab.« »Also wirklich, das ist unverantwortlich. Begreift ihr denn nicht, daß die im Krankenhaus vor Angst Kopf stehn, wenn eine Patientin, die ihr Gedächtnis verloren hat, plötzlich spurlos verschwindet? Nein, kommt nicht in Frage, ich rufe jetzt dort an.« »Wenn sie Alissa abholen, geh ich mit«, sagte Julka. »Ich lasse sie nicht allein.« »Niemand hat die Absicht, sie von hier wegzulassen«, erwiderte die Großmutter. »Wenn sie imstande war, zu fliehen und herzukommen, ist sie auch gesund.« »Aber sie werden verlangen ... « »Das sollen sie nur mal versuchen!« entgegnete Maria Michailowna und ging ins Nebenzimmer, um zu telefonieren.« 214 »Nur keine Angst«, sagte Julka, »sie wird dich schon nicht im Stich lassen.« »Ich hab ja gar keine Angst.« »Die Piraten sind dir wohl erneut. auf die Spur gekommen?« »Ja. Ich wollte eigentlich erst morgen fliehen, aber sie waren plötzlich da.« »Wieder in der Verkleidung von Alik und deinem Papa?« »Nein, der Ratt hatte sich in einen kranken Jungen mit Krücke verwandelt.« »So ein Halunke!« Sie hörten nebenan die Großmutter telefonieren und verstummten, um zu lauschen. »Wir garantieren Ihnen. . ., aber ja, wir versprechen es, Sie können ganz beruhigt sein ... Gleich morgen stellen wir den Antrag auf ambulante Betreuung ... « Maria Michailowna kam zurück, nahm umständlich die Brille ab, legte sie ins Etui und fragte, als wäre nichts gewesen: »Möchtest du noch Tee, Alissa?« Julka hielt es nicht mehr aus. »Warum sagst du nichts, Großmutter? Haben sie es erlaubt? « »Warum sollten sie es nicht erlauben?« »Oh, Großmama, du bist ein Goldstück!« rief Julka überschwenglich. »Statt in Freudengeschrei auszubrechen, solltest du lieber versprechen, dich anständig zu benehmen. Zumindest solange Alissa hier ist.« »Versprochen!« 215 »Alissa brauch ich darum gar nicht erst zu bitten, die ist nämlich viel verständiger als du. Übrigens darfst du nur unter einer Bedingung hierbleiben, Alissa.« »Und die wäre?« »Du mußt immer mal zur Untersuchung ins Krankenhaus gehn und die Anweisungen, die sie dir geben, streng befolgen.« »Aber nicht gleich heute!« sagte Julka. »Heute muß sie sich erholen.« »Einverstanden. Heute lasse ich sie selber nicht mehr weg.«, Maria Michailowna schenkte sich Tee nach und fügte lächelnd hinzu: »Sie waren so froh über Alissas Auftauchen, daß sie zu allem ja sagten. Trotzdem hast du dich leichtfertig verhalten, Alissa. Du hättest ihnen wenigstens einen Zettel dalassen können.« »Ach, Großmama, das verstehst du nicht«, sagte Julka, »sonst würdest du nicht so reden.« Alissa trat ihr unterm Tisch auf den Fuß, Maria Michailowna aber erwiderte gekränkt: »Natürlich, ich bin ja alt und dumm. Aber hast du überhaupt schon Schularbeiten gemacht? Du bist zwar krank, doch Ferien hast du deswegen noch lange nicht.« »Gleich, Großmutter, ich setz mich sofort ran.« »Gib deiner Freundin inzwischen ein Buch. Oder möchtest du lieber ein bißchen schlafen, Alissa?« »Danke, nein.« Als die beiden Mädchen allein waren, bat Julka: »Und nun erzähl mal ausführlich, wie es dir gelungen ist zu fliehen und vor allem wie du es geschafft hast, im Pyjama hierher zu kommen. Das ist doch glatt zum 216 Verrücktwerden - nur mit einem Pyjama bekleidet durch eine völlig fremde Stadt zu fahren!« Zwei Jungs haben mir geholfen«, sagte Alissa. »Sie haben mich bis vors Haus gebracht und mir eine Jacke geliehen.« Die beiden machten es sich auf Julkas Sofa bequem, und Alissa berichtete. »Laß uns jetzt überlegen, wofür wir dich ausgeben«, sagte Julka, nachdem Alissa ihren Bericht beendet hatte. »Vielleicht als meine Cousine, die von weither kommt? ... Nein, wir behaupten lieber, daß deine Eltern zur Arbeit ins Ausland gefahren sind und du solange bei uns wohnst. Was meinst du?« »Das ist mir egal.« »Ich geh übermorgen wieder zur Schule. Du kannst mich abholen, und ich zeig dir unsre Jungs.« »Könntest du sie nicht lieber hierher einladen?« »Was denn, die Jungs? Die sind doch alle dämlich, wer lädt so was schon ein!« »Wieso dämlich?« fragte Alissa erstaunt. »Das ist ihr Alter«, erklärte Julka. »Sie sind einmalig zurückgeblieben.« »Das hätte ich nicht gedacht«, sagte Alissa. »Die Jungs bei uns sind ganz in Ordnung.« »Möchte auch sein! Immerhin seid ihr hundert Jahre weiter. Der Fortschritt macht sie wahrscheinlich ein bißchen klüger.« »Julka!« rief die Großmutter aus der Küche. »Du sollst Alissa in Ruhe lassen. Mach deine Schularbeiten!« »Gleich, Großmama!« 217 »Ich helfe dir«, schlug Alissa vor. »Wenn du nur nicht alles durcheinanderbringst. Ihr habt doch einen ganz anderen Lehrplan.« »Gib mir mal dein Buch.« Julka gab es ihr, und Alissa begann zu blättern, ohne freilich genau hinzusehn. Julka holte inzwischen Heft und Füller hervor und fragte: »Na, habt ihr das in eurem einundzwanzigsten Jahrhundert durchgenommen?« »Mir ist gerade was andres eingefallen«, erwiderte Alissa Und legte das Buch beiseite. »Es reicht nicht, wenn ich dich von der Schule abhole. Es wäre besser, ich würde direkt zu dir in die Klasse kommen.« »Wozu denn das?« »Um die drei Koljas einzeln zu befragen.« »Und wenn sie's nicht zugeben?« »Dann muß ich eben eine Weile bei euch in der Klasse bleiben.« »Jeder erstbeste Lehrer wird dich fragen, was du hier treibst. Damit ist dein Ausflug schon zu Ende.« Doch wie es manchmal so geht. Man überlegt und zerbricht sich den Kopf, dabei lösen sich die Probleme ganz von allein. Julkas Mutter telefonierte am Abend lange mit Alik Borissowitsch und sagte schließlich zu den Mädchen: »Hört her, ihr beiden, der Doktor und ich haben beratschlagt, und wißt ihr, zu welchem Ergebnis wir gekommen sind?« »Daß Alissa wieder zurück ins Krankenhaus muß«, sagte Julka. Das sollte natürlich ein Scherz sein, aber in jedem Scherz steckt auch ein Körnchen Wahrheit. Julka218 hatte zwar Vertrauen zu ihrer Mutter, doch man durfte nicht außer acht lassen, daß Erwachsene mitunter - aus den besten Beweggründen heraus - Dummheiten machten. »Falsch getippt. Wir haben beschlossen, bei Alissa eine neue Heilmethode zu versuchen.« »Und was für eine?« »Alissa soll zur Schule gehn. Das Jahr schreitet voran, weshalb soll sie unnütz Zeit verlieren?« »Und der Aufenthalt unter Kindern«, ergänzte Maria Michailowna, »könnte ihr beim Gesundwerden helfen.« »Genauso ist es«, sagte Julkas Mutter. »Nun müssen wir bloß noch herausfinden, in welcher Klasse Alissa war.« »In der sechsten!« riefen beide wie aus einem Munde. »Nanu, woher auf einmal diese Sicherheit?« »Wir haben es heute herausgefunden«, erklärte Alissa. »Ich hab mir Julkas Schulbücher angesehn und mich erinnert.« »Das stimmt«, sagte nun auch Julka. »Alissa ist in der Sechsten.« »Na wunderbar. Dann werde ich morgen früh gleich mit Julkas Direktor reden. Wenn nötig, ruft auch das Krankenhaus dort an. Alissa sollte zeitweilig in Julkas Klasse gehen. Seid ihr zufrieden?« »Hurra!« rief Julka. »Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie zufrieden wir sind!« 219 Einige Zeit später, als die beiden schon im Bett lagen, hörten sie die Mutter und Maria Michailowna leise im Nebenzimmer miteinander sprechen. »Schade, daß du dir seinerzeit nicht noch ein zweites Kind angeschafft hast«, sagte die Großmutter. »Ist dir schon aufgefallen, wie Julka sich zu Alissa hingezogen fühlt? Sie braucht eine Schwester.« »Ich bin auch froh, daß sie sich angefreundet haben«, erwiderte die Mutter. »Alissa ist ein gutes Mädchen und ... « »... und hat ein so schlimmes Schicksal«, fügte Maria Michailowna hinzu. In diesem Augenblick blitzte etwas hinter der Fensterscheibe auf, und Alissa hob den Kopf. »Keine Angst«, flüsterte Julka, »das sind bloß die Tauben. Wir sind hier im fünften Stock, so hoch kommen deine Piraten nicht.« Doch Alissa kannte die kosmischen Piraten besser. Sie zweifelte kein bißchen daran, daß sie sogar die zehnte Etage erklimmen würden, wenn sie wüßten, wo Alissa sich versteckt hielt. »Sie haben deine Spur längst verloren«, sagte Julka. »Das kann ich nur hoffen.« »Die Sache mit der Schule hat meine Mama wunderbar gedeichselt, findest du nicht? Wenn du Schwierigkeiten haben solltest - keine Bange. Ich helfe dir.« »Da hab ich überhaupt keine Bange«, erwiderte Alissa. »Hauptsache, wir finden das Myelophon, damit ich es wieder zurückbringen kann. Sollte ich aber schlechte 220 Zensuren bekommen, so macht das nichts: Ich bin ja noch gar nicht geboren.« »Schade«, sagte Julka, »ich hätte nichts dagegen, wenn du für immer hierbleiben würdest.« 221 9. Ich habe sie noch nie gesehn In der Sechs b hatte an diesem Morgen keiner Lust zum Lernen, und das lag an dem schönen Frühlingswetter. Auf den Schulbeeten war das erste Grün zum Vorschein gekommen, der Asphalt war trocken und von den Knirpsen bereits in Hopsefelder unterteilt. Die Knospen an den Bäumen hatten sich entfaltet, sie verströmten Frische, was allgemein zur guten Stimmung beitrug. Fima Koroljow hatte zwei Marienkäfer gefangen und veranstaltete auf dem Fensterbrett ein Wettrennen zwischen ihnen. Der eine Käfer war schwarz mit gelben Punkten, der andere rot mit schwarzen Punkten. Sie wollten ständig davonfliegen, doch Fima drückte ihre Flügel mit einem Bleistift nieder, denn die Käfer sollten sich den Regeln entsprechend verhalten. Die Klasse hatte sich in zwei Parteien gespalten - die eine feuerte den schwarzen Käfer an, die andere den roten - und machte ziemlichen Krach. Als Julka und Alissa den Raum betraten, wurden sie deshalb nur von Katja Michailowa und Mila Rutkewitsch bemerkt. Mila, unangefochten Klassenbeste, war damit beschäftigt, die Hausaufgaben in Englisch ein letztes Mal durchzugehn, während Katja, die sich sehr für Tennis interessierte, in einem Buch über den Daviscup las. 222 »Macht euch bekannt, Mädchen«, sagte Julka, »das ist meine Freundin Alissa. Wir waren zusammen im Krankenhaus.« »Sehr angenehm«, erwiderte Mila Rutkewitsch. Katja Michailowa aber, die Klassenälteste, fragte sofort: »Wirst du hierbleiben, oder bist du bloß mal mitgekommen?« »Ich bleib eine Weile.« »Hat man dich schon ins Klassenbuch eingetragen?« »Keine Ahnung«, sagte Alissa. »Wie heißt du überhaupt?« »Alissa Selesnjowa.« »Na schön, und welche Sportart wählst du?« »Ich weiß noch nicht.« »Laß sie doch in Ruhe«, sagte Mila Rutkewitsch. »Kaum ist sie aus dem Krankenhaus, da willst du ihr sonstwas aufhalsen.« »Ach, was verstehst du schon«, schimpfte Katja, »dir ist die Klassenehre doch völlig egal, bist nicht bereit, sie zu verteidigen.« »Ich verteidige sie, indem ich gut lerne«, erwiderte Mila. »Darüber streiten sie sich ständig«, erklärte Julka. »Kannst du Volleyball spielen?« erkundigte sich Katja bei Alissa. »Früher hab ich ein bißchen gespielt.« In diesem Augenblick drehte sich Borja Messerer um, entdeckte die beiden und brüllte laut: »He, Leute, seht mal - Julka Gribkowa ist wieder da, ohne ihren wesentlichsten Körperteil!« 223 »Sehr witzig«, sagte Julka. »Der ist ja bloß neidisch«, sagte Mila Rutkewitsch und warf ihren schweren schwarzen Zopf zurück. Katja Michailowa hatte sie in Verdacht, nur deshalb keinen Sport zu treiben, weil sie sich in den eignen Haaren verheddern könnte. Die Marienkäfer waren augenblicklich vergessen, alle wandten sich Julka zu. »Und wer ist dieser Typ da?« fragte Borja Messerer mit einem Blick auf Alissa. »Das ist meine Freundin«, erwiderte Julka. »Wir sind sogar ein bißchen verwandt. Sie wird einige Zeit in unsre Klasse gehn.« Fima Koroljow hatte unterdessen seine Marienkäfer in einer Streichholzschachtel verstaut, trat zu den anderen und sagte mit ganz normaler Stimme: »Grüß dich, Alissa, ich hab mich ohne dich direkt ein bißchen gelangweilt.« »Guten Tag, Fima.« »Was denn, ihr kennt euch?!« Julka krochen fast die Augen aus dem Kopf, und auch die anderen waren erstaunt. »Ich bin in gewissem Sinne ihr Retter«, erklärte Fima. Alissa machte ihm ein Zeichen, er solle schweigen, doch Fima begriff nicht. »Ich hab ihr geholfen, als sie, nur mit einem Schlafanzug bekleidet, aus der Heilanstalt türmte. Über einen Zaun. Auch Sanitäter mit Zwangsjacken und ein Professor waren hinter uns her.« »Ach du!« sagte Alissa und wandte sich ab. 224 »Quatschkopf!« sagte Julka. »Das stimmt«, empörte sich Fima, »Kolja Sulima kann's bezeugen. Da waren auch noch zwei Engländer ... Aber da' kommt Kolja gerade ... He, Sulima, erkennst du das Mädchen hier?« »Grüß euch!« Kolja Sulima ging zu seinem Platz, setzte die Schulmappe ab und sagte. »Guten Tag, Alissa. Ich hab mir neulich gleich gedacht, daß du zur Julka Gribkowa wolltest.« »Hör zu, Sulima«, unterbrach ihn Fima, »du mußt bestätigen, daß Alissa aus der Heilanstalt getürmt ist.« »Ich denk nicht dran«, erwiderte Kolja. »Danke«, sagte Alissa. »Keine Ursache. Ich hab nur gesagt, was ich für richtig halte. Schön, daß du bei uns bleiben willst.« Fima war durch den Verrat des Freundes so niedergeschmettert, daß sich seine ohnehin roten Backen himbeerfarben färbten. Katja Michailowa aber sagte: »Du bist ein Fiesling, Fima, das ist mir schon seit langem aufgefallen.« Julka beugte sich zu Alissas Ohr und flüsterte: »Einen der Koljas kennst du also schon?« »Ein bißchen.« Alissa setzte sich auf den freien Platz neben Katja Michailowa. Die anderen schauten verstohlen zu ihr herüber - jemand Neues in der Klasse weckt immer Interesse. Außerdem war da die seltsame Anspielung Fima Koroljows auf die Heilanstalt, auch wenn ihn alle als Spinner und Quatschkopf kannten. 226 Es klingelte, und Alla Sergejewna, die Englischlehrerin, betrat den Raum. Sie war zugleich Klassenlehrerin der Sechs b und sagte deshalb: »Von heute an wird Alissa Selesnjowa bei uns lernen.Bitte steh auf, Alissa.« Alissa kam der Aufforderung nach. »Ich denke, ihr habt euch schon miteinander bekannt gemacht?« »Fima Koroljow hat sie bereits vorgestern kennengelernt«, rief Borja Messerer, »und zwar unter dramatischen Umständen!« »Die Klärung dieses Problems sparen wir uns für die Pause auf«, sagte Alla Sergejewna. »jetzt fangen wir mit dem Unterricht an.« Sie hatten einen langen Text über London aufgehabt, der nur so mit neuen Vokabeln gespickt war, und die Lehrerin rief als ersten Fima Koroljow auf, darüber zu sprechen. Fima hatte freilich ganz anderes im Kopf. Er begann zu reden, blieb aber schon beim zweiten Satz stecken und drehte den Kopf in der Hoffnung hin und her, jemand würde ihm vorsagen. Doch da hoffte er vergebens. Mila Rutkewitsch sagte aus Prinzip nicht vor, Julka war auf Fima böse, die anderen aber, die ihm hätten aus der Patsche helfen können, waren noch nicht bei der Sache. »Nun, was ist, Koroljow?« fragte Alla Sergejewna mit Engelsstimme. »Über London scheinst du nicht sehr viel zu wissen.« Sie sagte das natürlich auf Englisch, und Fima, der nur halb hinhörte, stimmte ihr zu. Er war überhaupt der Meinung, daß man Lehrern ohne 227 Umschweife recht geben sollte. »Wer hilft?« fragte Alla Sergejewna. Natürlich hob Mila Rutkewitsch die Hand, denn sie wußte immer alles. Sie gehörte zu jenen Musterschülerinnen, die bereits von der ersten Klasse an für eine Goldmedaille vorbestimmt scheinen. Den Lehrern war es direkt peinlich, ihr mal eine Zwei geben zu müssen. Sie wurde auch nur selten aufgerufen - wozu, wenn sie ja doch alles wußte? Deshalb nahm Alla Sergejewna sie auch jetzt nicht dran, fragte nur: »Wer noch?« Alissa las den Englischtext unterdessen für sich, ohne Wörterbuch, scheinbar zum Vergnügen, obwohl ja bekanntlich kein Mensch einen Text aus dem Lehrbuch einfach zum Vergnügen liest. »Also dann Kolja Sadowski«, bestimmte Alla Sergejewna. »Du bist heute so nachdenklich, vielleicht kannst du uns etwas über London erzählen?« »Nein«, sagte, sich erhebend, ein großer rothaariger Junge mit Sommersprossengesicht, »das kann ich nicht.« Kolja Sadowski war weder dick noch dünn, er hatte blaue Augen, die mit dichten rötlichen Wimpern besetzt waren. sprach betont langsam und ernsthaft; man hätte meinen können, er gäbe sonstwas für Geheimnisse preis, als er betrübt, wiederholte: »Wirklich, ich kann nicht antworten, das ist völlig ausgeschlossen.« »Dann versuch mir das wenigstens auf Englisch zu sagen«, beharrte Alla Sergejewna, die Koljas Mätzchen bereits kannte. 228 »Ist er es?« fragte Julka leise. Sie saß auf der Bank hinter Alissa, die sich aber nicht umdrehte, sondern nur den Kopf schüttelte. Nein, sagte sich Alissa, dieser Rotschopf kommt nicht Frage. Ihn hätte sie, wäre er in der Zukunft gewesen, auf Anhieb wiedererkannt. Nächstes Opfer der Englischlehrerin wurde Katja Michailowa. Katja lernte nicht schlecht, diesmal jedoch waren ihre Gedanken beim Daviscup, so daß sie ziemlich lustlos antwortete. Alla Sergejewna unterbrach sie, erkundigte sich nach dem Londoner Tower, worauf Katja erwiderte, es handle sich um einen Turm. »Um was für einen Turm?« fragte die Lehrerin. Katja zuckte die Achseln, was soviel bedeuten mochte wie: Ist doch egal, Turm ist Turm! »Wer kann ergänzen?« fragte Alla Sergejewna. »Der Tower ist ein Schloß«, rief Alissa, ohne aufzustehn, auf Englisch, was alle verwunderte - niemand hatte erwartet, daß die Neue sich am Unterricht beteiligen würde. »Steh auf, wenn du antwortest«, sagte die Lehrerin. »Wie bitte?« Alissa verstand nicht. »Steht man bei euch in der Schule nicht auf, wenn man antwortet?« »Nein«, erwiderte Alissa, »wir bleiben sitzen.« In der Klasse wurde gelacht, doch Alla Sergejewna tat so, als hätte sie das überhört, und wiederholte. »Steh trotzdem auf.« Alissa erhob sich und begann auf Englisch vom Tower zu erzählen, in dem früher die englischen Könige 229 gewohnt hatten, und von der Themse, die an diesem Schloß vorbeifließt. »Oje«, flüsterte Julka der vor ihr sitzenden Katja Michailowa zu, »sie spricht ja besser englisch als Alla Sergejewna! »Sehr gut«, lobte die Lehrerin, nachdem Alissa geendet hatte, »nehmt euch an der Selesnjowa ein Beispiel. Hast du dein Englisch außerhalb der Schule gelernt, Alissa?« »Ja«, erwiderte das Mädchen, »ich hab die Sprachen noch vor meiner Schulzeit gelernt.« »Du kannst noch andere Sprachen?« »Ich bin nicht sonderlich begabt«, sagte Alissa, »deshalb sind's nur acht.« »Welche?« in der Klasse herrschte Grabesstille. Der Sinn dieser Unterhaltung wurde jedem klar, selbst dem Dümmsten. »Deutsch, Finnisch, Tschechisch, Französisch, Hindi, Chinesisch ... japanisch und ... und noch eine ... « »Meine Güte!« rief Fima Koroljow. »Dann sag uns mal was auf japanisch.« In der Klasse wurde es laut, man bat Alissa um Sprachproben. Nur Mila Rutkewitsch schien unzufrieden, war sie doch von diesem Augenblick an nicht mehr Klassenbeste. »Setz dich, Selesnjowa«, sagte Alla Sergejewna, als wäre nichts geschehen. »Prüfen Sie die Neue«, verlangte Kolja Sadowski, »sie soll geprüft werden!« 230 »Dich haben wir heute bereits gehört«, erwiderte die Lehrerin, »jetzt ist mal ein anderer dran.« Sie rief Mila Rutkewitsch auf. Währenddessen erhielt Alissa zwei Zettelchen. Auf dem einen, das von Borja Messerer stammte, stand: »Waren Sie schon in England, Madam?« Das zweite kam von Larissa Trojepolskaja, die völlig unbegabt für Sprachen war, dafür aber große blaue Augen hatte. Die Lehrer und auch Larissas Eltern trösteten sich damit, daß ein Mädchen mit so hübschen Augen schon nicht untergehen würde. Larissa schrieb: »Ich wäre sehr gern mit dir befreundet, Alissa. Wir könnten auch zusammen Schularbeiten machen. Antworte mir in der Pause.« In der Pause trat Borja Messerer auf Alissa zu und sagte: »Das mit England habe ich geschrieben.« Borja war klein, kraushaarig und draufgängerisch. Er wollte Maler werden und bedachte jeden mit Karikaturen, die freilich kaum ins Schwarze trafen. »ja und?« erwiderte Alissa. Sie hatte keine Zeit. »Warst du nun in London oder nicht?« »Natürlich war ich.« »Das hab ich mir gedacht. Hier, die Zeichnung ist für dich. Das bist du in London.« Die Karikatur zeigte Alissa mit Flügeln, wie sie um ein paar Türme herumschwebte. »Danke«, sagte Alissa. Sie konnte auf dem Bild keinerlei Ähnlichkeit mit sich feststellen. 231 Dann kam Larissa, klappte mit ihren Wimpern von einem halben Meter Länge und fragte: »Na, was ist, werden wir Freundinnen?« Larissa wurde von Fima Koroljow verdrängt, der auf seineRechte als alter Bekannter pochte und sagte: »Was machst du heute nach der Schule, Alissa? Wir wollten ins Kino ... « »Ich hab keine Lust, mit dir ins Kino zu gehn.« »Sei nicht eingeschnappt, ich hab doch nur Spaß gemacht. In diesem Augenblick entdeckte Alissa Julka. »Wo steckst du denn?« rief sie. Julka nahm sie beiseite: »Ich bin unzufrieden mit dir.« »Und weshalb?« »Du verrätst dich noch. Warum gibst du so mit deinen Sprachen an? Das wird bald die ganze Schule wissen.« »Da denke ich anders, Julka. Wo man nicht unbedingt schwindeln muß, sollte man es bleiben lassen. Ich hab schon so viel zusammengeflunkert, daß mein Soll für drei Jahre im voraus erfüllt ist.« »Wie du meinst. Aber was ist mit den Kolias?« »Ich kenne bisher nur zwei. Sulima und Sadowski.« »Und was hältst du von ihnen?« »Sulima war's bestimmt nicht«, sagte Alissa. »Er ist sehr zurückhaltend und wäre wohl schwerlich hinter den Piraten hergerannt.« »Ich glaube auch nicht, daß er's war. Sadowski dagegen ist ein Früchtchen. Der stellt sonstwas an.« 232 »Aber er ist rothaarig, der wär mir aufgefallen. Zeig mir mal Naumow.« »Dort drüben sitzt er. Soll ich ihn rufen?« Ja. Er schaut sowie zu uns rüber.« Kolja Naumow war ein ganz normaler Junge, mittelgroß, ein bißchen stupsnäsig, dünn, doch kräftig.Als als er näher kam, sah Alissa ihn durchdringend an. »Was ist los?« fragte er. »Ich wollte dich mit meiner Freundin bekannt machen«, sagte Julka. »Hast du sie schon mal gesehen?« Kolja zuckte die Achseln. »Wann sollte ich sie denn gesehen haben. Sonst noch was?« »Nein«, sagte Julka. »Dann hätte ich 'ne Sache - heute ist Volleyball. Vergeßt das nicht, klar?« Als er weg war, fragte Julka: »Na, was meinst du, ist - er's?« »Vielleicht. Aber er leugnet ja, mich zu kennen.« »In der nächsten Pause nimmst du dir die andern zwei vor«, sagte Julka. »Wozu Zeit verlieren?« Das tat Alissa auch. Zwischen der zweiten und dritten Stunde trat sie auf Kolja Sulima zu und fragte: »Sind wir uns früher schon mal begegnet? Dein Gesicht kommt mir irgend wie bekannt vor.« Kolja legte einen Finger zwischen die Seiten eines Lehrbuchs für Schacheröffnungen, musterte Alissa aufmerksam und erwiderte: »Du mußt dich irren. Wir sind uns vorgestern zum ersten Mal begegnet. Ich habe ein gutes Personengedächtnis.« 233 Mit Kolja Sadowski aber gab es ein ganz merkwürdiges Gespräch. Er kam nach der dritten Stunde von sich aus zu den beiden Mädchen, betrachtete zerstreut Alissas Nasenspitze und sagte. »Weißt du, was ich denke?« »Na?« »Ich denke, daß du aus der Zukunft gekommen bist. Du hast dir aus einem Fahrrad eine Zeitmaschine gebastelt und ... « Julka war baff und unterbrach ihn hastig: »Alissa besitzt gar kein Fahrrad.« »Ich meine ja auch kein gewöhnliches«, erwiderte Kolja Sadowski, »sondern eins mit drei Rädern. Sie hat mich erst gestern drauf fahren lassen.« »Und wo soll das gewesen sein?« Julka war auf der Hut. Kolja galt zwar als ausgemachter Spinner, doch diesmal traf er ziemlich ins Schwarze. »Na, wo schon.« Kolja sah Julka unverwandt an. »Auf den Kurilen. Aber laßt gut sein, ich hab sowieso zu tun. Möglich, daß ich nächste Stunde drankomme, und ich weiß noch nicht mal, was wir aufhatten.« Als Kolja Sadowski weg war, packte Julka Alissa am Arm un flüsterte: »Was machen wir jetzt?« »Nichts. Das nächste Mal wird er behaupten, daß ich vom Mond stamme. Langsam versteh ich überhaupt nichts mehr.« Es klingelte, und sie mußten in den Geographieraum. Katja Michailowa trat auf Julka zu und sagte: »Vergiß nicht, daß wir heute gegen die Sieben a antreten.« »Ich darf noch nicht spielen, meine Naht könnte aufgehn.« 234 »Dann komm wenigstens, um uns anzufeuern. Keine Ahnung, wie wir gegen die bestehen sollen!« »Wir verlieren sowieso«, sagte Julka. »Vor allem die Mädchen.« 235 10. Der Ersatzspieler Das Volleyballspiel fand in der Turnhalle statt, weil es draußen noch zu kalt war. Als die Sechs b lärmend in die Halle stürmte, war gerade das Spiel zwischen der Sechs a und der Sieben b im Gange, und Eduard Petrowitsch, der Sportlehrer, ermahnte sie zur Ruhe. Er entdeckte Alissa sofort und fragte: »Wer ist das? Ein Wikinger?« »Wieso ein Wikinger?« erwiderte Julka verwundert. »Das ist meine Cousine. Sie ist jetzt in unserer Klasse.« »Dann nehme ich meine Worte zurück. Von der Größe her bist du jedenfalls in Ordnung. Wie heißt du weiter?« »Selesnjowa.« »Treibst du Sport?« »Ja.« »Und welchen?« »Ich bin Ballonflieger«, antwortete Alissa und erschrak: das war ihr so rausgerutscht. »Was sollen die Späße!« tadelte Eduard Petrowitsch. Er war im Grunde ein gutmütiger und vertrauensseliger Mensch, den man leicht auf die Schippe nehmen konnte. Weil er das wußte, war er stets auf der Hut. Früher Ringkämpfer, war er nach Beendigung seiner aktiven Laufbahn ziemlich dick und auch ein bißchen kahlköpfig geworden, er innerte kein bißchen mehr an 236 einen Sportler. Aber stark war er immer noch, das wußten alle. »Ich habe mich versprochen«, sagte Alissa, »entschuldigen Sie bitte. Ich meinte Fallschirmspringerin.« »Schon klar, du bist ein Spaßvogel«, erwiderte der Lehrer, und damit war das Gespräch beendet. Fima Koroljow aber, der die Unterhaltung mit angehört hatte, fragte: »Ist das mit dem Fallschirm auch kein Schwindel?« »Natürlich nicht.« »Das soll in unserem Alter schon erlaubt sein?« »Bei uns ja.« »Du immer mit deinem >bei uns, bei uns< Wo ist denn das, auf dem Mond?« »Dort auch«, sagte Alissa. Kolja Naumow trat hinzu, er war Kapitän der Jungenmannschaft. Er sagte zu Julka: »Wir werden's ganz schön schwer haben.« »Warum?« fragte Alissa. »Sieh dir doch mal den da an!« Und er zeigte auf einen Burschen aus der Sieben a, der fast zwei Meter groß war. »Himmel, das ist ja kein Mensch, sondern die Akzeleration in Person!« rief Julka aus. Alissa sah Kolja Naumow durchdringend an und fragte: »Was meinst du, werden die Leute in der Zukunft alle so riesig sein?« »Was weiß man schon über die Zukunft«, erwiderte Naumow, »vielleicht werden sie im Gegenteil wieder 237 kleiner.« »Hättest du nicht Lust, dich selbst davon zu überzeugen?« »Ich hab auch hier genug zu tun.« Eduard Petrowitsch holte seine Trillerpfeife hervor, die sich in seiner gewaltigen Pranke winzig ausnahm, nichtsdestoweniger aber sehr schrill war. »Macht euch warm«, rief er, »als erste spielen die Mädchen!« »Schade, daß ich noch nicht mitmachen darf«, sagte Julka. »Es ist ja nicht das letzte Spiel«, tröstete der Lehrer. Die erste Aufgabe hatte Katja Michailowa. Sie machte das gut, die Gegenseite vermochte den Ball nicht anzunehmen. Bei der zweiten Aufgabe aber parierten sie, der Ball kam zurück und wurde von Larissa Trojepolskaja so widerstandslos durchgelassen, daß sie selber ganz verdattert auf ihre Hände starrte. Das Spiel lief alles andere als günstig für die Sechs b. Sie verloren die erste Partie mit 5 : 15. Die aus der siebenten Klasse lachten und höhnten laut, die Sechs b war sauer, doch nicht allzu sehr - im Grunde war die Sache ja klar. In der Pause aber knöpfte sich Katja Michailowa Larissa vor, schimpfte: »Du wärst am besten gar nicht dabei! Kannst nicht spielen und behinderst noch die andern! Ich hätte den letzten Ball gut bekommen, wenn du mir Platz gemacht hättest, aber was tust du?« »Wieso ich? Ich bin doch weggegangen!« erwiderte Larissa. Ihre Augen füllten sich mit hellblauen Tränen. Sogar Eduard Petrowitsch empfand Mitleid mit ihr, wies Katja in die Schranken: »Hier gibt's keine Meister«, 238 sagte er. »Der Unterschied zwischen dir und Larissa ist nicht gar so groß.« Larissa aber glaubte jetzt den Moment für gekommen, die tödlich Beleidigte zu spielen. »Na bitte, wie du willst, dann stör ich euch eben nicht mehr. Spielt nur allein weiter.« »Nun hört aber auf!« empörte sich Kolja Naumow. »Ihr könnt schließlich nicht zu fünft antreten.« »Zu fünft geht's wirklich nicht«, sagte nun auch der Lehrer. »Dann muß ich die Mannschaft aus dem Wettkampf nehmen.« Julka sah Alissa an, fragte leise: »Du hast doch zugesehn, könntest du nicht einspringen?« Alissa stand auf »Einverstanden«, sagte sie, »aber ich bin nicht besonders in Form.« »Augenblick, Eduard Petrowitsch«, rief Katja Michailowa erfreut, »es geht gleich weiter. Wir haben einen Ersatz. Alissa zieht sich nur schnell um.!« »Wir wollen aber nicht länger warten!« rief jemand aus der Siebenten. mit »Ich bin sofort wieder da«, versprach Alissa und lief mit Julka in den Umkleideraum. Als sie kurze Zeit später aufs Spielfeld kam, sahen alle, wie braun sie schon war. »An welchem Strand hat die sich denn die Sonne auf den Pelz brennen lassen«, rief Kolja Sadowski, »das muß wohl auf der Venus gewesen sein!« »Ich übernehme die Aufgabe«, sagte Katja, die der Neuen noch nicht so recht traute, »du aber bleib dicht am Netz und versuche, mit beiden Händen zu spielen. 239 »In Ordnung.« Alissa nickte. »Es geht los!« rief Eduard Petrowitsch. Danach hatte die Sieben a Aufgabe. Katja nahm den Ball an, doch er kam so kräftig daher, daß sie ihn weit übers Spielfeld hinausschlug. Eins zu null für die Siebente. Die zweite Aufgabe parierte Katja richtig, und derBall stieg kerzengerade hoch. Eine andere Spielerin wollte ihn ins gegnerische Feld schmettern, doch Alissa rief: »Zu mir!« und machte einen solchen Satz in die Höhe, als hätte sie Sprungfedern in den Turnschuhen. Sie warf den Arm hoch, ihre Finger berührten den Ball nur ganz sacht, er aber schoß wie eine Kanonenkugel im spitzen Winkel ins Feld der Sieben a und prallte dann ins Aus. »Gut, Aliss«, rief Katja, »weiter so!« Die aus der Sechs b klatschten Beifall, allerdings dachten sie, es wäre Zufall. Die Sieben a aber rief: »Das gilt nicht, sie hat übers Netz gegriffen!« »Ruhe«, schrie Eduard Petrowitsch, »ich kann das besser beurteilen! Der Treffer gilt!« Als Alissa auf diese Weise fünf weitere Treffer erzielt hatte und feststand, daß die gegnerische Partei dem nicht gewachsen war, forderte die Siebente eine Auszeit. Jemand schrie: »Und überhaupt, sie gehört gar nicht zur Sechs b. Wir haben sie noch nie gesehn!« »Wir können euch ja das Klassenbuch zeigen«, sagte Katja Michailowa. »Klar gehört sie zu uns!« schrien nun auch die Jungs. »Sele-snjo-wa, Sele-snjo-wa!« 241 Das Spiel wurde fortgesetzt, und die Sechs b gewann den zweiten Satz. Die Mitschüler wollten Alissa am Ende vor Begeisterung in die Luft werfen, doch sie sagte »Nicht, ich bin ganz naßgeschwitzt, hab lange nicht mehr gespielt.« »Du bist wohl in einer Sportschule?« erkundigte sich Fima. »Oder spielen sie bei euch alle so?« »Die meisten«, erwiderte Alissa. »Möcht nur mal wissen, wo du herkommst«, sagte Fima. Alissa gab keine Antwort und ging mit den Mädchen in den Duschraum. Auf dem Rückweg aber sagte Katja Michailowa: »Warum hast du dich nicht gleich gemeldet, Alissa? Wärst du statt dieser Niete nur von Anfang an aufs Spielfeld gegangen.« »Wen meinst du denn mit Niete?« fragte Larissa zuckersüß. »Könntest du dich ein bißchen genauer ausdrücken?« »Ich denke nicht daran«, erwiderte Katja. »Du hast genau gehört, was ich gesagt habe.« Katja war stets geradezu, und man legte sich besser nicht mit ihr an. Larissa unterließ es auch, zumal ihr diese Alissa mit ihren Superfähigkeiten langsam unsympathisch wurde. Eduard Petrowitsch aber fragte: »Hast du dich mal mit Leichtathletik beschäftigt, Alissa?« »Nicht speziell. Nur was so allgemein verlangt wurde.« »Alles klar«, sagte der Sportlehrer. »Ich erwarte dich morgen nach dem Unterricht im Stadion. Unsre Schule 242 nimmt dort an den Kreismeisterschaften teil. Du wirst uns hoffentlich nicht enttäuschen.« »Das wird sie nicht«, antwortete Katja für die andere. Auf dem Nachhauseweg ließen sich Julka und Alissa Zeit. Julka ging noch einmal die einzelnen Phasen des Volleyballspiels durch. Sie war der Freundin nun nicht mehr böse, daß die ihre Qualitäten so zur Schau stellte, dachte vielmehr, Alissa habe ganz richtig gehandelt, ihrer Klasse zu einem Sieg über die stolze Sieben a zu verhelfen. »Und überhaupt wär es mir lieber, du würdest deinen Kolja nicht so bald finden«, sagte sie. »Du bist eine wahre Fundgrube für uns. Wir können deine Sache doch in Ruhe angehn, meinst du nicht? Zumal sich keiner von den dreien zu erkennen gibt.« »Red keinen Unsinn, das ist schließlich kein Spiel!« »Was werden wir also tun, Sherlock Holmes?« Sie waren schon fast an ihrem Haus angelangt, als Alissa die Freundin plötzlich am Arm packte und flüsterte: »Schnell, wir müssen uns beeilen!« Sie zerrte Julka in den Hauseingang und preßte sich an die Wand. »Was ist denn los?!« »Schau ja nicht raus!« Auf dem Bürgersteig näherten sich schwere, schlurfende Schritte, und die beiden entdeckten durch die kleine Scheibe in der Tür den Fröhlichen U. Der Dicke hatte es eilig, er rannte fast und hielt dabei nach allen Seiten, Ausschau. »Er hat uns gesehen«, flüsterte Alissa, »aber wieder aus den Augen verloren.« Die Schritte verharrten an der Haustür. 243 »Los, mir nach!« rief Julka. »Es gibt hier noch einen Hinterausgang.« Sie schlüpften ins Freie, überquerten den Hof, passierten ein Tor und befanden sich nun in einer Seitengasse. Erst als sie ihre Spur endgültig verwischt und den Piraten abgehängt hatten, hielten sie an, um Luft zu holen. »Na, was sagst du dazu«, murmelte Alissa. »Du glaubst, sie haben uns vor der Schule aufgelauert?« »Ich hoffe nicht. Aber das kann schon morgen anders sein. Vergiß nicht, daß wir es mit ausgewachsenen Banditen zu tun haben.« »Stimmt«, seufzte Julka, »das vergesse ich immer wieder. Mir sind solche Leute eben noch nie begegnet.« »Am liebsten würde ich zu diesem verdammten Kolja gehn und sagen: Gib das Myelophon besser gleich zurück. Denn wenn dir erstmal die Piraten auf den Fersen sind ... Aber das mit den Piraten würde er mir sowieso nicht glauben.« »Natürlich nicht«, sagte Julka. Und nach einer Pause: »Vielleicht aber doch?« 244 11. Das ist ein Bandit aus der Zukunft Borja Messerer wollte sich an Kolja und Fima hängen, doch als Kolja erklärte, sie würden Hausaufgaben machen, zog er auf der Stelle ab. Allein der Gedanke, sich freiwillig an die Schularbeiten zu setzen, widerstrebte ihm. »Setzen wir uns ein bißchen auf die Bank?« sagte Kolja. »Liegt was an?« fragte Fima seinerseits. »So ist es.« Sie nahmen auf einer Bank Platz, doch Kolja schaute- sich fortwährend um, ob sie von niemandem belauscht- würden. »Was zappelst du so rum?« fragte Fima. »Ach, wenn du wüßtest ... « Kolja verstummte. Fima aber hielt das Schweigen nicht lange durch, zumal ihm die Ereignisse des Tages durch den Kopf schwirrten. »Was hältst du von Alissa?« fragte er. »Ein toller Kumpel, stimmt's?« »Genau darum geht es.« »Wie meinst du das?« »Sie sucht mich«, erwiderte Kolja. »Wie bitte?« »Sie sucht mich.« »Wozu denn, wenn du offen vor ihren Augen herumspazierst.« 245 »Meine Lage ist so, daß ich's niemandem erzählen kann.« »Nun sag schon, was du angestellt hast.« »Du hast ja keine Ahnung, in was für eine schlimme Geschichte ich geraten bin!« »Mir kommen gleich die Tränen. Aber was hat Alissa damit zu schaffen, sie ist doch erst vorgestern bei uns aufgekreuzt.« »Nein, schon eher. Vorher lag sie mit der Julka zusammen im Krankenhaus und hat alle an der Nase herumgeführt. Allee haben sie für ein gewöhnliches Mädchen gehalten.« »Ja und, ist sie's nicht?« »Warst du heute vielleicht nicht in der Schule? Hast du nicht gehört, wie sie über London losgelegt hat? Hast du vergessen, daß sie japanisch kann?« »Das mit dem japanisch ist doch geflunkert.« »Nein, ich glaub ihr.« »Dann ist sie eben ein Sprachgenie«, sagte Fima. »Das beweist noch gar nichts.« »Und vorhin beim Volleyball? Hast du schon mal gesehen, daß Mädchen so spielen?« »In richtigen Mannschaften spielen sie noch viel besser.« »Ja, in richtigen! Das hier aber ist eine Schulmannschaft. Hör zu: Alissa ist nur hergekommen, um mich ausfindig zu machen.« »Und warum hat sie das bisher nicht getan?« »Weil sie nicht weiß, daß ich es bin, den sie sucht. Sie hat mich ja nicht von nahem gesehen.« 246 »Was will sie denn von dir?« »Sie ist keine von uns!« »Was heißt das - keine von uns. Sie spricht russisch wie wir beide.« »Was besagt das schon. Ich meine etwas anderes ... « »Moment!« Fima schnellte hoch. »Sie stammt von einem anderen Planeten, stimmt's? Daß ich da nicht gleich drauf gekommen bin! Aber ja, sie ist ein Kundschafter der Außerirdischen! Man hat sie, als Mädchen getarnt, zu uns in die Schule geschmuggelt. Sie soll unsre Geheimnisse rauskriegen, und dann wollen sie die Erde überfallen. « »Ach, hör schon auf mit deinen Hirngespinsten! Sie ist ganz und gar keine Außerirdische, sondern ein gewöhnliches Mädchen.« »Warum machst du dann die Pferde scheu?« »Weil sie aus der Zukunft stammt.« »Woher?« »Aus der Zukunft. Sie lebt hundert Jahre später!« »Was?« »Weshalb sollte ich dir was vorlügen, ich hab sie dort mit eignen Augen gesehen.« »Wie - gesehen! Wo?« »In der Zukunft, wo sonst.«»Also wirklich, du bringst mich um den Verstand«, sagte Fima. "Er schwitzte nun vor Aufregung, obwohl es alles andere als heiß war. »Und wie willst du in die Zukunft geraten sein?« »Da gibt's ein paar Dinge, die ich nicht erzählen kann. Aber das soll nicht heißen, daß ich dir mißtraue. Ich hab nur einfach so viel angerichtet, daß es gefährlich wäre, 247 dich mit reinzuziehn.« »Ich hab keine Angst«, erwiderte Fima, »irgendwie wind ich mich schon raus. Paß du lieber auf dich auf.« »Das mach ich ja ... Soll ich's dir nun erzählen?« »Na klar, fang endlich an.« »Also gut. Ich kam in die Zukunft und ... Ach du lieber Himmel!« »Was ist denn jetzt wieder los!« Kolja rutschte blitzschnell seitlich von der Bank und versteckte sich dahinter. Fima beugte sich nach hinten über die Lehne und fragte: »Bist du völlig übergeschnappt?« »Guck weg und tu, als wärst du allein! Sonst bin ich verloren!« Kolja sagte das in einem solchen Ton, daß Fima begriff - es war ernst. Er holte ein Schulbuch aus der Tasche, schlug es auf und fragte, ohne den Kopf zu drehen, mit fast geschlossenen Lippen: »Wer?« »Siehst du den Dicken dort?« flüsterte Kolja hinter der Bank hervor. »Der so rennt?« Ein unheimlich korpulenter Mann mit Sonnenbrille und langem, fast bis auf die Erde reichendem Umhang kam schnell näher. Er hielt offenbar nach jemandem Ausschau, denn er drehte fortwährend den Kopf hin und her. Als er bei Fima angelangt war, musterte er ihn eingehend, ohne allerdings Kolja zu entdecken. Erst als er bereits vorüber war, hätte es fast eine Katastrophe gegeben. Kolja mußte nämlich unvermittelt so laut niesen, daß Fima vor Schreck in die Höhe sprang. Der Dicke blieb stehen und drehte sich um. 249 Fima wischte sich mit der Hand über die Nase, als hätte er selbst geniest. »Entschuldigen Sie bitte«, sagte er. Der Mann brummte etwas und setzte seinen Weg fort. Nach einer Weile wagte es Kolja, aus seinem Versteck hervorzukommen. »Das wär um ein Haar schiefgegangen«, sagte er. »Kannst dich bei mir bedanken«, erwiderte Fima. »Du niest los, und ich muß einen Schnupfen vortäuschen. Wer ist der Mann?« »Los, schnell weg von hier. Es kann auch noch ein zweiter kommen. An den aber erinnere ich mich nicht. Das war so ein Kleiner, Unscheinbarer.« Sie sprangen über eine niedrige Umzäunung und rannten in das erstbeste Haus. »Nun sag schon, wer sind diese Männer? Oder ist das auch ein Geheimnis?« »Nein, ist es nicht. Aber ich bin trotzdem verloren. Ich dachte, daß nur Alissa hinter mir her wäre. Nun stellt sich heraus, daß auch sie mir auf der Spur sind.« »Und wer sind diese Männer?« »Es sind Banditen aus der Zukunft. Und vielleicht überhaupt von einem anderen Planeten.« »Das kommt hin«, sagte Fima. »Mir ist an seinem Gang gleich irgendwie was Außerirdisches aufgefallen.« »Gar nichts ist dir aufgefallen. Wenn ich dir's nicht gesagt hätte, wärst du nie im Leben drauf gekommen.« »Aber wo wollen wir etzt hin?« fragte Fima. »Hoffentlich sind nicht noch mehr hinter dir her.« 250 »Keine Ahnung. Ich hab jedenfalls nur die beiden gesehn.« »Was gefällt denen nicht an dir? Dein Gesicht?« »Ach, was verstehst du schon!« »Ja, ja, ich weiß. Du hast ihnen das Geheimnis der ewigen Jugend geklaut, und nun wollen sie ... « Kolja spähte vorsichtig hinter einem Torbogen hervor und sagte: »Die Luft scheint rein zu sein.« »Und was jetzt? « »Wir gehn zu mir. Ich zeig dir etwas, sonst glaubst du mir ja doch nicht.« »Warum sollte ich dir nicht glauben. Ich nehm dir sogar ab, daß du gestern im Traum auf dem Mars gewesen bist und deine Großmutter auf Hawaii lebt.« Kolja legte sich nicht mit ihm an. Er führte Fima auf Schleichwegen zu sich nach Hause, wobei er sich immer mal umdrehte. Fima musterte ihn belustigt, was sollte er sonst auch tun. Einerseits lockte ihn, was er von Kolja erfahren hatte, andererseits konnte er kaum jemandem glauben, der behauptete, in der Zukunft gewesen zu sein und nun vor ein paar Leuten von dort flüchten zu müssen. Dazu diese Neue in der Klasse, die ebenfalls ein getarnter Abgesandter aus der Zukunft sein sollte. Sie stiegen zur zweiten Etage hoch, und Kolja schloß die Wohnungstür auf. »Es ist niemand da«, sagte er, »meine Alten sind auf Arbeit. Komm rein.« »Sieh erst mal im Kühlschrank nach, ob was zu essen da ist«, verlangte Fima. »Ich hab mächtigen Kohldampf. Schließlich wollte ich zu mir nach Hause, und dort steht bereits das Mittagessen auf dem Tisch.« 251 »Du bist echt kein Romantiker«, sagte Kolja, ging aber in die Küche. Auf dem Tisch lag ein Zettel von seiner Mutter mit Anweisungen, was er sich aufwärmen sollte. »Wenn ich Hunger habe, bin ich absolut nicht romantisch«, erklärte Fima. »Und überhaupt glaube ich nicht, daß es Romantiker mit knurrendem Magen gibt.« »Du hast keine Ahnung vom Leben«, erwiderte Kolja. »Romantiker sind in der Regel immer hungrig. Du dagegen ... Ißt du einen Teller kalte Suppe mit?« »Wir fangen lieber mit den Buletten an. Du aber erzähl inzwischen.« 252 12. Handfeste Beweise Während Kolja von seiner Reise in die Zukunft berichtete, verputzte Fima unmerklich sämtliche Buletten - Koljas ebenso, wie die für seine Eltern. Kolja bekam davon allerdings nichts mit, denn er war so in seine Erinnerungen vertieft, daß sein Kumpel sogar den Kühlschrank samt Inhalt hätte verspeisen können. Der Mensch kann ein Geheimnis nur schwer für sich behalten; je erstaunlicher und rätselhafter es ist, desto mehr fühlt er sich gedrängt, es weiterzugeben. Er begreift zwar sehr gut, daß er besser schweigen sollte, trotzdem trägt er das Geheimnis mit sich herum wie eine Bombe mit Zeitzünder, bis sie schließlich explodiert. Vielleicht hätte Kolja sich beherrscht, wäre Alissa nicht in der Schule aufgekreuzt. Doch nach dem Mädchen auch noch der dicke Bandit - das war zuviel für einen allein, das überstand man nicht ohne Mitwisser. Fima hörte gebannt zu, und er hatte all die Buletten eigentlich nur vor Aufregung verschlungen. Hatte sie runtergeschluckt, ohne sich dessen bewußt zu werden, und zwischendurch nur immer mal ausgerufen: »Junge, Junge!« oder: »Na weißt du!« oder: »ldiot!« »... Dann bin ich wie der Blitz aus seiner Wohnung«, beschloß Kolja seinen Bericht. »Bin in mein Zimmer, hab alles versteckt und hoffte, daß die Sache damit 253 ausgestanden ist. Glaubst du mir?« »Ja«, sagte Fima und biß ein riesiges Stück Weißbrot ab. Seine roten Backen glänzten wie poliert. »So was hättest du dir nie ausdenken können, das hätte nicht mal ich geschafft.« »Aber wehe, du erzählst es weiter!« »Das hab ich nie vorgehabt. Außerdem findet man so jemand Vertrauensseligen wie mich kaum noch mal.« »Und was sagst du nun dazu?« »Was soll ich sagen? Ich frag mich, weshalb du das Myelophon nicht sofort oder wenigstens am nächsten Tag zurückgebracht hast. Wärst mit der Zeitmaschine schnell zurück in die Zukunft gefahren, hättest denen den Apparat mit einem Zettelchen auf den Tisch gelegt, und die Sache wär erledigt gewesen.« »Das konnte ich nicht«, erwiderte Kolja. »Meine Mutter hatte den Schlüssel der Nachbarwohnung an sich genommen Nikolai Nikolajewitsch hatte sie ausdrücklich darum gebeten, als sie ihn im Krankenhaus anrief. Wahrscheinlich war ihm eingefallen, daß er das Zimmer mit der Zeitmaschine nicht abgeschlossen hatte. Meine Mutter hat den Schlüssel irgendwo versteckt, vielleicht nimmt sie ihn auf Arbeit mit.« »Hättest du eben nachts mal nachgucken müssen.« »Hab ich ja gemacht. Es hat nicht geklappt.« Sie schwiegen. Plötzlich fragte Fima: »Und wo ist das Myelophon jetzt?« »Ich kann es dir zeigen. Auch ein paar andere Beweisstücke.« »Dann los, zeig.« 254 Kolja holte aus der Schublade seines Tisches eine Zigarettenschachtel. »Als erstes das hier!« Er förderte das goldene Sternchen zutage. »Weißt du, was das ist?« »Klar, sieht man doch.« »Es ist ein persönlichesGeschenk von Kapitän Poloskow er ist Kosmonaut für Fernraumfahrt. jedes Sternchen steht für eine Sternenexpedition ... Und nun das hier. Es ist zwar schon etwas ausgetrocknet, aber trotzdem noch zu erkennen.« »Eine Bananenschale«, sagte Fima. »Genau. Bist ein Genie, Fima. Aber die stammt nicht etwa aus der Jetztzeit, sondern von der künftigen Station Junger Naturforscher auf dem Gogolboulevard.« »Sag bloß, die wachsen dort unter freiem Himmel!« »In hundert Jahren schon. Auch Affen springen dann dort rum.« »Und die Banane, hast du sie gegessen?« »Ja, einen Tag später. Sonst wäre sie verfault.« »Na weißt du, ich an deiner Stelle hätte sie mit meinem Freund geteilt.« »Ich hab es ja nicht aus Geiz gemacht, sondern weil ich das Geheimnis für mich behalten mußte.« »So ist das immer«, maulte Fima. »Wenn man den Freund nicht braucht, ist er vergessen. Aber wenn man nicht weiter weiß, schreit man nach ihm, ruft um Hilfe.« »Hör schon auf. Willst du noch mehr sehn?« »Zeig her.« »Hier. Erkennst du das?« »Ja, eine Brezel. Knochentrocken.« 255 »Es ist eine pflanzliche Brezel, die sehr schnell wächst. Arkascha hat sie gezüchtet.« »Kann ich mal abbeißen?« »Nein, warte. Du hast doch schon das Weißbrot gegessen.« »Ist ja gut. Und was hast du außerdem mitgebracht?« »Reicht dir das noch nicht? Hier ist ein getrocknetes Blatt vom Brezelbaum ... « »Tja«, sagte Fima nachdenklich, »ich glaub dir natürlich, doch was hast du mir im Grunde gezeigt? Ein goldnes Sternchen von einer Achselklappe, eine Bananenschale, eine Brezel und ein getrocknetes Blatt. Wollte jemand an deinem Bericht zweifeln, könnte er dir im Handumdrehn beweisen, daß du dir alles bloß ausgedacht hast und gar nicht in der Zukunft warst.« »Aber ... « Kolja betrachtete seine Schätze mit den Augen eines Außenstehenden und mußte zugeben, daß sie in der Tat ziemlich mager wirkten. »Aber du hast gesagt, daß du mir glaubst, oder?« »Unbesehen«, sagte Fima entschieden, »wenn du mir das Entscheidende zeigst.« »Nur wenn du schwörst, daß du niemandem ein Wort verrätst.« »Mann, bist du naiv! So reden sie doch bloß in Kinderbüchern.« »Also gut, Ehrenwort genügt mir.« »Das hab ich dir bereits gegeben.« Kolja kroch seufzend unter den Tisch, wo eine Kiste mit den Überresten eines ausgedienten Baukastens, Drähten, kaputten Schaltern und anderen wertvollen 256 Dingen stand. Ganz unten lag ein Schuhkarton, worin sich unter allem möglichen Krimskrams eine schwarze Umhängetasche befand. »Hier ist der Apparat. Aber mach ihn nicht kaputt.« Fima betrachtete das Myelophon, wog es in den Händen und fragte: »Und wie funktioniert es?« »Ganz einfach.« Kolja hängte sich die Tasche über die Schulter, klappte den Deckel zurück und brachte einen dünnen Draht zum Vorschein. An seinem Ende befand sich ein kleiner Ohrhörer, den er sich ins Ohr steckte, dann sagte er: »Wir können anfangen.« »Woher weißt du denn, wie du ihn bedienen mußt?« »Die in der Zukunft haben ganz einfache Maschinen. Ich hab gesehen, wie Alissa damit umging, und schon ein bißchen geübt.« »Na gut, dann sag mir jetzt, woran ich denke«, verlangte Fima und gab sich Mühe, an nichts zu denken. »Da brauch ich dich gar nicht erst anzupeilen - du überlegst, wie du das Gerät selber ausprobieren könntest.« »Und was noch?« »Moment, das haben wir gleich.« Kolja begann langsam an einem Rädchen im Innern der Tasche zu drehen. »Aha ... jetzt ... Du möchtest essen. Dabei hast du schon alle Buletten verputzt.« »Dein Apparat spinnt ja, ich hab kein bißchen an Essen gedacht!« »Na, ich weiß ja nicht. Dann müssen sich deine Gedanken verselbständigt haben.« 257 »Das stimmt nicht!« »Merkwürdig ... « »Sehr merkwürdig.« »Ach, halt, wo ist der Kater?!« Kolja drehte sich um, Fima ebenfalls. Der Kater saß, in der Ecke des Zimmers, leckte sich die Schnauze und starrte die Jungen aus seinen gelben Augen unverwandt an. »Entschuldige, Fima«, sagte Kolja, »ich hatte die falsche Frequenz erwischt, hab die Hirnströme von dem Katzenvieh eingefangen, das nichts weiter im Sinn hat, als zu fressen. Dabei hat er sich heute früh schon einen ganzen Teller Dorsch ein verleibt.« »Laß mich mal probieren«, bat Fima. »Du sagst ja selbst, daß es einfach geht.« »Augenblick noch.« Kolja drehte erneut an dem Rädchen. »Hier«, sagte er, »jetzt hab ich's. Ich kann deine Gedanken Wort für Wort wiederholen. Man hört's deutlicher als im Telefon. Und hör auf, heimlich zu zählen - du bist bei neununddreißig -, mich führst du nicht an der Nase herum ... Also, du denkst: Kann der wirklich Gedanken lesen? Das wär toll für die Schule. Bei 'ner Kontrollarbeit könnte ich von Mila Rutkewitsch abschreiben, ohne hinzusehn. .. « »Ist gut, hör auf!« rief Fima. »Hast mich überzeugt, genau das hab ich gedacht! Und jetzt laß mich mal.« Kolja hängte ihm vorsichtig die Tasche um, gab ihm den Ohrhörer und trat zum Fenster, als ginge ihn das Ganze nichts an. »Du mußt an dem Rädchen drehn. Wenn du was übers Essen hörst, ist's der Kater. Dann mußt du weitersuchen, die Frequenzen liegen dicht 258 beieinander. Offenbar liegt jedes Gehirn auf einer anderen Welle.« Fima hantierte an dem Apparat, dann wurde er ganz still und lauschte eine Weile mit geschlossenen Augen. Schließlich legte er Tasche und Ohrhörer auf den Tisch und sagte: »Wenn ich ehrlich sein soll, hatte ich trotz allem gedacht, du spinnst. Aber warum hast du auch nicht schon eher was gepfiffen?« »Weil es in der Tat unglaublich klingt.« Fima setzte sich aufs Sofa, verschränkte die Hände auf dem Bauch und sagte: »Meine Güte, hab ich eine Menge Buletten verdrückt. Ich kann gar kein Mittag mehr essen.« »Himmel, so komm doch endlich zur Sache!« schimpfte Kolja. »Wie kann man in dieser Situation vom Essen reden!« »Tja, was soll ich sagen? Du hast dir da schön was eingebrockt.« »Das weiß ich selber.« »Und du mußt es nun auslöffeln.« »Ich denke, du bist mein Freund!« »Klar bin ich dein Freund, sonst würd ich ja nicht so mitleiden. Trotzdem darfst du nicht glauben, daß du ungeschoren davonkommst.« »Meinst du das im Ernst?« »Völlig. Denn du hast gegen die Grundregel eines Zeitenkundschafters verstoßen. Du bist in ihr Geheimnis eingedrungen.« »Aber ich wußte doch gar nicht, daß ich in die Zukunft geraten würde!« »Dein Nachbar wird übrigens auch einiges abkriegen.« 259 »Ach was, die in der Zukunft sind nicht so grausam.« »Du bist vielleicht naiv! Weißt du, was ich glaube? Sie werden dich in die Zukunft verschleppen und beseitigen. Um das Gleichgewicht wiederherzustellen.« »Was für ein Gleichgewicht?« »Na, den Schaden ausbügeln, den du angerichtet hast. Ich hab mal so eine Erzählung von einem Amerikaner gelesen, da ist ein Mann in die Vergangenheit geraten, hat einen Schmetterling zerquetscht, und am Ende haben sie einen anderen Präsidenten gewählt. Es gibt eben überall Zusammenhänge.« »Genau das hab ich befürchtet«, sagte Kolja. »Und dann hab ich noch eine Erzählung gelesen, wo jemand ganz phantastische Dinge erfunden hat. Später sind aber welche von der gegnerischen Abwehr gekommen und haben ihn abgemurkst.« »Ich hab doch gar nichts erfunden.« »Aber was geraubt.« »Ob ich mich lieber stelle? Ich hab schon überlegt, zu Alissa zu gehn und ihr zu sagen: Entschuldige, ich hab's bloß gut gemeint. Ich hab das Myelophon nicht gestohlen, sondern nur den Piraten abgenommen.« »Das würde dir ja doch niemand glauben. Der Fakt liegt auf der Hand - du hast ein wertvolles Gerät mitgehn lassen. Nein wirklich, sie werden kein Erbarmen mit dir haben. Leider.« »Aber was soll ich denn machen, Fima! Ob ich mal mit meinen Alten rede?« »Bist du völlig übergeschnappt?! Die würden dich zum Psychiater schleppen, eh du dich's versiehst: Oje, 260 unserJunge hat sich überanstrengt, er redet wirres Zeug!« »Da hast du auch wieder recht.« »Der einzige Ausweg ist, die Klappe zu halten. Und wennsie dich noch so an die Wand drücken. Den Apparat aber solltest du in die Moskwa werfen.« »Also das auf keinen Fall. Wenn du willst, geb ich ihn dir zur Aufbewahrung.« »Damit sie mich statt deiner beseitigen, was?« Sie schwiegen etwa fünf Minuten, dann rief Fima: »Heureka, ich hab's!« »Was hast du?« »Einen Ausweg. Wann kommt dein Nachbar zurück?« »Ungefähr in einer Woche. Meine Mutter hat ihn neulich besucht.« »Na wunderbar. Sobald er wieder da ist, gehst du zu ihm und nimmst das Myelophon mit.« »Unmöglich. Ich hab Angst, ihm die Sache zu beichten.« »Brauchst du ja auch nicht. Du sagst, daß du die Fregatte ausmessen willst. Und während du das machst, schiebst du ihm unauffällig den Apparat unter den Tisch. Dann verschwindest du wieder.« »Wenn er ihn findet, hat er sofort mich in Verdacht.« »Aber er hat keine Beweise. Kann doch sein, daß ihn einer seiner Mitarbeiter vergessen hat.« »Und wenn ... « »Nichts und wenn! Wichtig ist, daß du deine Fingerabdrücke abwischst. Vergiß das ja nicht!« »Nein.« »Damit dürfte die Sache erledigt sein.« 261 »Schön wär's. Und noch einmal: Du darfst niemandem was verraten, hörst du?« »Ich bin doch nicht so dämlich, mich zu deinem Komplizen beim Verbrechen des Jahrhunderts zu machen! Nein, mein Lieber, ich möchte gern noch ein bißchen am Leben bleiben ... Und überhaupt geh ich jetzt nach Hause. Also halt die Ohren steif, es wird schon gut gehn.« »Warte noch. Wollen wir das Myelophon mit runternehmen und uns anhören, was die Leute denken?« »Ach weißt du, irgendwie ist mir die Lust dazu vergangen. Ich werd auch zum Mittagessen erwartet. Außerdem lauert uns vielleicht dein Dicker im Hof auf oder sonst einer von diesen Ganoven« Fima zog seine Jacke über und fügte hinzu: »Komm lieber nicht mit an die Tür. Es ist besser, keiner sieht uns zusammen.« Und dann, er hatte die Tür schon geöffnet, drehte er sich plötzlich um und fragte flüsternd: »Aber wie konnte Alissa unsre Klasse finden? Sie hatte dich ja nicht von nahem gesehn.« »Ich hatte mich doch auf der Bank verewigt, hast du das vergessen?« »So ein Idiot!« »Du hast ja recht, aber woher hätte ich wissen sollen, daß sich alles so entwickelt.« »Wer in die Zukunft gerät, muß doppelt überlegen. Hast du auch deinen Nachnamen eingeritzt?« »Nein, nur den Vornamen. Und die Klasse.« 262 »Dein Glück, daß wir drei Koljas in der Klasse haben«, sagte Fima. »Wir werden eine falsche Fährte auslegen. Morgen erzähl ich dir die Einzelheiten.« Und Fima verschwand. 263 13. Ein seltsames Mädchen Abends trat Julka, mehr zufällig, ans Fenster und rief: »Na, das ist ein Ding!« »Was gibt's denn da?« fragte Alissa. »Du wirst es kaum glauben. Sieh selbst raus.« Doch Alissa zögerte und wiederholte: »Also was ist da draußen?« »Keine Angst«, Julka lachte, »die Piraten sind's nicht. Dort unten steht Napoleon mit seinem Dreispitz. Direkt unter der Laterne. Er winkt mir zu. Das ist ja zum Totlachen!« Alissa trat noch immer nicht ans Fenster, fragte nur: »Ist es bei euch üblich, daß Napoleons durch die Straßen spazieren?« »Natürlich nicht, aber weshalb sollten sich deine Piraten eine so merkwürdige Verkleidung zulegen?« »Ich hab mal gelesen, daß sich vor langer Zeit die Jäger in Afrika ganz idiotisch anzogen, um die neugierigen Strauße anzulocken und zu töten.« Julka trat vom Fenster zurück. »Vielleicht hast du recht«, sagte sie, »warum verkleidet sich einer als Napoleon und bezieht Posten unter meinem Fenster?« »Ich werde dir sagen, warum. Was hätte denn ich an Stelle der Piraten getan? Ich hatte die Spur dieser Alissa verfolgt und die Spur jenes anderen Mädchens, das sich ihnen im Krankenhaus so tapfer widersetzte. Wäre doch möglich, daß sich Alissa diesem Mädchen anvertraut hat 264 und später zu ihr geflüchtet ist. Oder klingt das nicht logisch?« »Weißt du was?« sagte Julka. »Ich werde Alik Borissowitsch anrufen.« »Wozu denn das? Deine Mutter hat heute schon mit ihm telefoniert.« »Ich werde ihn fragen, ob sich jemand nach meiner Adresse erkundigt hat.« »Das ändert gar nichts. Wenn sie dir auf der Spur sind, kannst du bald mit Besuch rechnen. Ach, hätte ich dich bloß nicht da reingezogen!« »Wen hast du wo reingezogen?« fragte Julkas Mutter, die in diesem Augenblick das Zimmer betrat. »Ihr habt irgendein Geheimnis, ihr beiden, und wollt es mir nicht verraten.« »Aber nein, wo denkst du hin, Mama!« rief Julka aus. »Wir haben keinerlei Geheimnisse.« »Na gut, dann bring jetzt den Tee rein, und ruf die Großmutter.« Beim Tee aber sagte Julkas Mutter plötzlich: »Ach ja, beinahe hätte ich es vergessen. Als ich vorhin mit Alik Borissowitsch telefonierte, erwähnte er, daß sich irgendein Junge nach Julkas Adresse erkundigt hätte. Möcht nur wissen, wie du es so schnell geschafft hast, dir einen Verehrer zuzulegen.« »Ich hab überhaupt keinen Verehrer!« entrüstete sich Julka, doch Alissa trat ihr unterm Tisch auf den Fuß, so daß die Freundin sofort begriff. »Ach ja«, sagte sie, »jetzt weiß ich. Wie sah er denn aus?« 266 »Danach habe ich nicht gefragt.« Es klingelte an der Tür. Julka wollte schon aufspringen, aber Alissa hielt sie zurück. »Na, was ist, wollt ihr nicht aufmachen?« fragte die Mutter. »Könntest du nicht zur Tür gehn, Mama?« bat Julka. »Wenn es Napoleon sein sollte - ich bin nicht zu Hause.« »Wer - Napoleon?« fragte die Großmutter. »Bei dem öffne ich selber. Ich träum schon lange davon, diesem berühmten Mann zu begegnen.« »Bitte, Mama, geh du!«, bettelte Julka. »Wir sind nicht zu Hause!«, sagte Alissa. »Und überhaupt, wir wohnen nicht hier«, fügte Julka hinzu. Die Klingel schrillte unaufhörlich. »Also gut, sagte die Mutter, »mal sehn, was los ist.« »Ich verstehe eure Aufregung nicht, Kinder ... «begann Maria Michailowna, doch die Mädchen machten ihr ein Zeichen, ruhig zu sein. Sie hörten Julkas Mutter die Tür öffnen und dann ihre Stimme: »Was möchtest du?« Eine dünne Mädchenstimme erwiderte: »Ich möchte zu Alissa.« »Zu welcher Alissa?« Das hat sie gut gemacht, fand Alissa. »Ich bin aus derselben Schule« hörten sie wieder das Mädchen sagen. »Die Lehrerin hat mir aufgetragen, zu Julka und Alissa zu gehn.« »Und warum?« fragte die Mutter. 267 »Sie sollten mir bei den Vorbereitungen für eine Prüfung helfen. Sie haben's versprochen.« Das Mädchen sprach so kläglich, als wollte es jeden Augenblick anfangen zu weinen. »Was für eine Prüfung?« fragte Julkas Mutter. »Na was schon für eine«, schrie das Mädchen plötzlich böse, »eine ganz wichtige!« »In welcher Klasse bist du denn?« »Das verrat ich nicht.« »Mir scheint, kleine Mädchen wie du legen keine Prüfungen ab, sondern spielen mit Puppen. Du bist hier falsch.« »Sie haben mir noch nicht gesagt, ob Alissa hier wohnt!« »Das ist der Ratt«, flüsterte Julka, und Alissa nickte. »Ein seltsames Mädchen«, sagte die Großmutter, »ich seh es mir mal an.« Die Wohnungstür fiel ins Schloß, und die beiden Frauen kamen zurück ins Zimmer. »Ein seltsames Mädchen«, sagte nun auch Julkas Mutter, »wer kann sie zu uns geschickt haben? Und weshalb?« Julka schwieg. Alissa beugte sich tiefer über ihre Tasse. »Wollt ihr nicht doch lieber offen mit mir reden?« Die Mädchen gaben keine Antwort. »Na schön«, sagte die Mutter, »aber denkt ja nicht, daß ich die Sache vergesse.« »Wir erzählen es dir ganz bestimmt, Mama, Ehrenwort!« sagte Julka. 268 »Wartet nicht zu lange damit.« Abends, als die Mädchen schon im Bett lagen, kam Julka zu Alissa aufs Sofa und flüsterte: »Sollten wir sie nicht doch lieber einweihen? Sie versteht's bestimmt und hält zu uns.« »Ja begreifst du denn nicht?« erwiderte Alissa. »Deine Mama ist unheimlich in Ordnung, aber sie ist in erster Linie Mutter. Sie hat die Verantwortung für dich und mich, und wenn sie die Wahrheit erfährt, verliert sie vor Angst um uns glatt den Verstand.« »Und Großmutter gleichmit«, sagte Julka betrübt. »Eben drum. Deshalb müssen wir beide jetzt besonders vorsichtig sein. Morgen oder übermorgen werden sie sich bis zu unsrer Schule vorgearbeitet haben. Wir aber wissen noch nicht das geringste.« 269 14. Frag den Sadowski Am nächsten Tag fiel Alissa erneut auf, diesmal in Mathematik. Das aber geschah, weil sich Kolja Sadowski an der Tafel mit einer Gleichung herumschlug, die er nicht lösen konnte. Gewiß, sie war schwierig, und draußen schien die Sonne, so daß alle außer Mila Rutkewitsch mit ihren Gedanken sonstwo waren. Schließlich hatte es die Lehrerin satt, sich mit Sadowski abzuquälen, und fragte, wer helfen könnte. Natürlich hob Mila die Hand, ging zur Tafel, warf ihren prächtigen Zopf zurück, wischte alles ab, was ihr Vorgänger hingeschrieben hatte, und notierte die Lösung: x = 1,25. Da aber rief Alissa, gleich vom Platz aus: »x ist gleich eins!« Mila schnaufte empört, sogar ihr Zopf geriet in Bewegung. Sie schaute zur Lehrerin, die nickte ihr zu und sagte: »Alissa hat unrecht. Deine Lösung ist richtig, Mila. Setz dich.« »Das ist eben doch was andres als Volleyball spielen«, rief Fima Koroljow. Während Mila triumphierend an ihren Platz zurückkehrte und die Lehrerin die Hausaufgaben anschrieb, wiederholte Alissa laut: »Und x ist doch gleich eins, das kann ich beweisen.« »Beweisen?« Die Lehrerin hob erstaunt die dünnen Brauen. Sie war jung, hatte eine Frisur aus lauter Ringellöckchen und trug ein langes Kleid. Sie war 270 ausgesprochen schick, und die Mädchen in der Klasse vergötterten sie. »Natürlich«, sagte Alissa, »wenn Sie erlauben.« »Aber ja, komm zur Tafel.« Julka flüsterte: »Hör auf!«, doch Alissa winkte nur ab. Sie ließ Milas Lösung stehen und setzte ihre flink, in kleiner Schrift daneben. Dabei passierte genau das, was Julka befürchtet hatte: Alissa verwandte völlig unverständliche Zeichen und Symbole, wie man sie wahrscheinlich noch nicht mal in der zehnten Klasse kannte. Alle hielten den Atem an, Mila aber wandte sich zum Fenster und tat, als ginge sie die Sache nichts an. Die Lehrerin sah auf die Tafel, und alle warteten, was geschehen würde. Wäre die Lehrerin schon älter und erfahrener gewesen, hätte sie Alissa gewiß mit der Begründung auf ihren Platz zurückgeschickt, daß höhere-Mathematik nichts für eine sechste Klasse sei. So aber ließ sie sich hinreißen und rief ungestüm: »Na bitte, da haben wir's! Hier ist der Fehler!« Sie riß Alissa die Kreide aus der Hand, strich die letzte Zeile durch und setzte ihre Variante darunter, ebenfalls ziemlich verschlüsselt. Alissa zeigte sich verwundert. »Das müßte doch wohl eher so lauten.« Außenstehende erinnerte das Ganze an ein Tennismatch. Die Gegnerinnen schlugen sich den Ball übers Netz zu, ohne auf die Zuschauer zu achten. Sie waren so in ihren Disput vertieft, daß sie selbst das Klingelzeichen überhörten. Wie übrigens die ganze Klasse. Erst als plötzlich die Tür aufgerissen wurde und 271 jemand aus der Nachbarklasse rief: »Na, was ist, habt ihr Watte in den Ohren, ist doch längst Pause!«, legten die beiden die Kreide aus der Hand und traten von der Tafel zurück. »Und doch hast du unrecht«, beharrte die Lehrerin. »Das müssen Sie erst mal beweisen«, erwiderte Alissa. Mila Rutkewitsch, während sie ihre Bücher zusammenpackte, sagte laut, daß es jeder hören konnte: »Warum nur manche Leute dauernd mit ihrem Wissen prahlen müssen!« Julka aber stürzte sich im Korridor auf Alissa und schimpfte »Weshalb mußt du dich immer so rausstellen? Möchtest wohl als mathematisches Genie gelten!« »Ihre Lösung war wirklich falsch, wie hätte ich da schweigen können? Außerdem war das eine interessante Problemstellung.« »Ach was, wenn ich zu Puschkins -Zeit im Lyzeurn aufgekreuzt wäre, hätten sie mich auch als Wunderkind angesehn.« »Ins Lyzeum hätten sie dich gar nicht gelassen«, erwiderte Alissa, »das war nämlich nur für Jungs. Aber jetzt sieh dir lieber den Zettel hier an. jemand hat ihn mir ins Heft gelegt.« »Wer?« »Keine Ahnung.« Julka las: »Frag mal den Sadowski, wie man solche xGleichungen in hundert Jahren löst. - Einer, der es gut mit dir meint.« »Oje«, sagte Julka, »ist er das?« »Ich weiß nicht. Kennst du die Schrift?« »Sie kommt mir bekannt vor. Ich muß nachdenken, dann fällt es mir bestimmt ein. Aber im Grunde hatte 272 ich den Sadowski von Anfang an in Verdacht. Er ist ständig auf Abenteuer aus. Na los, wir nehmen ihn ins Verhör.« »Warte. Vielleicht hat ihn jemand absichtlich verleumdet.« »Aber warum?« »Um von sich selbst abzulenken. Könnte doch möglich sein, daß jemand einen gehörigen Schreck bekommen hat.« »Und wer sollte das sein?« »Na, zum Beispiel Sulima. Oder Naumow.« »Die würden ihre Schuld niemals auf einen anderen abwälzen! Ich hab dir schon mal gesagt, daß wir keine Gauner in unsrer Klasse haben, die zuerst ein Myelophon klaun und die Sache dann einem andern in die Schuhe schieben. Aber eins glaube ich jetzt auch. jemand hier hat von dem Geheimnis Wind bekommen und möchte dir helfen.« »Wenn er das will, braucht er bloß den Mund aufzutun.« »Und wenn derjenige Angst hat?« »Vor wem denn, doch nicht etwa vor Sadowski?« »Was weiß ich, jedenfalls kann man das auch ohne deine Zurückhaltung in Erfahrung bringen ... Sadowski, komm mal her!« Kolja Sadowski hielt sich, wie von ungefähr, in ihrer Nähe auf. - »Kann ich dich mal was fragen?« begann Julka. »Natürlich, aber nur, wenn du keine Vieren verteilst.« »Laß es, Julka, bat Alissa, »du verdirbst alles.« 273 »So ernst?« spöttelte Sadowski. »Dann geb ich keine Ruhe, bis ich weiß, was los ist.« »Sag mal, Kolja, hast du kürzlich einen wertvollen Gegenstand an dich genommen?« fragte Julka. »Ich?« »Ja, du. Und dann nicht zurückgegeben?« »Was denn für ein Gegenstand? Vielleicht hab ich ihn genommen, ohne es zu merken.« »Verstell dich nicht, du hast es sehr wohl gemerkt.« »Also da mußt du dich schon ein bißchen genauer ausdrükken.« »Du hast also nichts weggenommen?« »Aber klar, ich nehme doch stets und ständig was weg, ohne es je wieder zurückzugeben. Übrigens hab ich erst heute früh eine alte Frau um hundert Rubel erleichtert, in einzelnen Scheinen, um mit ihnen die Tür in unserem Badezimmer zu bekleben.« »Hör auf mit dem Geblödel!« entrüstete sich Julka. »Ich frag dich im Ernst.« »Also wenn es dein Ernst ist«, erwiderte Kolja, »müßte ich dir das übelnehmen. Du hast mir Diebstahl vorgeworfen und dich bis jetzt nicht entschuldigt. Ich hoffe, du holst das sofort nach.« Alissa war erstaunt, wie sehr sich die Stimme Kolja Sadowskis verändert hatte. Eben noch hatte er an eine schlafmützige rothaarige Vogelscheuche erinnert, und plötzlich war ein Zorn in seinen Augen, als wollte er Julka im nächsten Moment ein paar verpassen. »Wir bitten um Entschuldigung«, lenkte Alissa schnell ein. »Es war ein Test, vergiß es.« 274 »Was für ein Test?« »Ob jemand Sinn für Humor hat«, sagte Alissa. »Du hast ihn nicht bestanden.« »Das wäre das erste Mal, seit ich lebe«, erwiderte Sadowski, und es wurde nicht klar, ob er ihnen glaubte. »Also wirklich, Julka, das war dumm von dir«, rügte Alissa, als Kolja weg war. »Ich hatte dich so gebeten, dich nicht einzumischen.« »Das ist jetzt schon nicht mehr allein deine Angelegenheit, es geht uns alle an, die ganze Klasse. Verstehst du das nicht?« »Ich versteh nur eins - einer der Jungs hält das Myelophon bei sich versteckt, das aber finde ich mies und feige. Und was noch schlimmer ist: Er befindet sich in großer Gefahr.« Die letzte Stunde war Geographie. Die Lehrerin erzählte vom Klima und der Bevölkerungsdichte in Indien, und als sie bei der Tierwelt angelangt war, rief Fima Koroljow plötzlich dazwischen: »Die Selesnjowa war schon mal in London!« »Ja und«, sagte die Lehrerin verwundert, »wir sind doch heute bei Indien?« »Vielleicht war sie auch in Indien«, beharrte Fima. Was willer bloß, dachte Alissa, der hat mir gerade noch gefehlt. »Also gut«, erwiderte die Lehrerin. »Alissa, warst du schon mal in Indien?« Himmel, gleich wird sie's zugeben, dachte Julka entsetzt, und tatsächlich stand Alissa auf und sagte: »Ja, ich war dort.« 275 »Sehr interessant!« Die Lehrerin hatte bereits von der neuen, ungewöhnlichen Schülerin gehört. »Dann berichte uns doch mal von deinen Eindrücken.« »Ich war nur kurze Zeit dort«, sagte Alissa. »Trotzdem. Irgendwas mußt du doch gesehen haben.« »Ja, natürlich.« »In welchen Städten bist du gewesen?« »In Dehli, Madras und Gandhibad.« »Nanu«, sagte die Lehrerin, »die dritte Stadt ist mir ja völlig unbekannt.« »Sie ist zu Ehren von Indira Gandhi so benannt worden«, erklärte Alissa. »Wir sind da gelandet, als wir nach Australien flogen.« »Merkwürdig«, sagte die Lehrerin. »Meine Güte, Australien!« rief Borja Messerer aus. »Da könnt man glatt überschnappen!« Aber ja, dachte Julka, eine Stadt namens Gandhibad wird es erst in der Zukunft geben. Warum kann diese Alissa bloß ihre Zunge nicht im Zaum halten! Und dann noch Fima, der jetzt mit seltsam gehässiger Stimme rief: »Sie soll sagen, in welchem Jahr das war!« Alissa drehte sich heftig zu ihm um und fragte: »Was willst du damit sagen?« »Genau das, was du gehört hast.« »Ruhe, Kinder!« rief die Lehrerin. »Und du, Alissa, setz dich!« Dann fuhr sie, als wäre nicht das geringste vorgefallen, in ihrem Bericht über Indien fort, doch niemand hörte mehr richtig zu. In der Klasse wurde 276 getuschelt, man sah zu Alissa hinüber, sie aber schrieb einen Zettel an Firma: »Was hast du gemeint?« Die Antwort kam umgehend: »Das weißt du selber.« Alissa drehte sich zu Julka um und flüsterte: »Laß ihn nicht aus den Augen.« »Ist klar.« Nach dem Unterricht wollte Alissa auf Fima zugehn, doch er sprang über die Bank und rannte in den Flur hinaus. Alissa lief ihm nach, wurde dort aber von Julka eingeholt, die ihr mit erschrockenen Augen zuflüsterte: »Und wenn es nun gar nicht Kolja war?« »Wie denn das?« »Ich meine, wenn es nun Fima war? Der ist unheimlich raffiniert und bringt es fertig, mit einem fremden Namen zu unterschreiben.« »Tja«, sagte Alissa, »an so was hab ich natürlich nicht gedacht.« »Ganz bestimmt ist er es! Wollen wir ihm nach? Na los, wir bearbeiten ihn!« »Warte. Ich glaube trotzdem, daß er den Sadowski ins Spiel gebracht hat, um mich auf eine falsche Fährte zu locken.« »Jedenfalls muß er wissen, wer das Myelophon hat«, sagte Julka, »dafür leg ich meine Hand ins Feuer!« »Du hast recht. Mit wem ist er am meisten befreundet, mit Sulima?« »Ich glaube. Obwohl der Fima mit allen befreundet ist und sich mit jedem zankt.« »Wo ist eigentlich Sulima?« 277 »Beim Schach. In der Aula findet heute ein Turnier mit einem Großmeister statt.« »Na, dann nichts wie hin!« 278 15. Ein Supergirl In der Aula waren die Tische zu einer Reihe zusammengerückt worden - auf ihnen standen dreißig Schachbretter. Der Großmeister, schlank und braungebrannt, erinnerte an einen lustigen Räuber. Alissa hielt auf Zehenspitzen nach Kolja Sulima Ausschau, in diesem Augenblick drängte sich Borja Messerer zu ihr durch und sagte: »Ich weiß, wie man dich nennen könnte.« Die andern drehten sich zu den beiden um, und Katja Michailowa fragte: »Wie denn?« »Alissa spielt besser als alle Volleyball, sie ist ein As in Mathe, war in London, in Australien und kann Englisch, sogar besser als ich. Sie ist ein Superman.« »Blödsinn!« entrüstete sich Alissa. »Was bist du bloß für ein Quatschkopf, Borja.« »Superman ist außerdem männlich«, widersprach Katja Michailowa. »Dann ist sie eben ein Supergirl«, parierte Kolja Sadowski. Alissa hatte nun Sulima entdeckt, sie wollte schon zu ihm gehn, drehte sich dann aber plötzlich zu Julka um und flüsterte: »Himmel, jetzt ist es mir eingefallen!« »Was ist dir eingefallen?« Alissa beugte sich ganz dicht zum Ohr der Freundin und sagte hastig: »Aber das ist ein riesiges Geheimnis - 279 wir haben zu Hause ein Buch mit dem Titel >Das künstlerische Schaffen Boris Messerers<.« »Ach was, das ist bestimmt nur ein Namensvetter«, winkte Julka ab. »Aus dem wird nie was, er ist viel zu unernst.« »Auf die Plätze, Ihr Schachexperten!« rief Eduard Petrowitsch, der Sportlehrer, und die Spieler setzten sich an die Tische. Von den Mädchen spielten lediglich Mila Rutkewitsch und eine Schülerin aus der Achten. »Sind alle bereit?« erkundigte sich Eduard Petrowitsch. »Timoschkin fehlt«, sagte jemand. Der Platz neben Kolja Sulima war leer geblieben. »Timoschkin ist krank geworden.« »Nun ja, dann müssen wir eben ohne ihn auskommen«, erwiderte der Lehrer. »Wie sieht's aus, Alissa«, sagte Borja Messerer, »kannst du nicht auch Schach spielen? Nie ist das bei euch Supergirls?« Und an Eduard Petrowitsch gewandt: »Die Selesnjowa möchte für Timoschkin einspringen!« »Die Selesnjowa? Ach so, natürlich. Dann nimm Platz, Alissa, aber beeil dich.« Er wies auf den freien Stuhl neben Sulima. »Nur zu«, sagte der Großmeister lächelnd, »keine Scheu!« Alle im Saal starrten Alissa an, die eilig neben Sulima Platz nahm. »Grüß dich, Kollegin«, sagte Kolja belustigt. »Wenn es brenzlig für dich wird, will ich versuchen, dir zu helfen.« »Danke«, antwortete Alissa, »aber ich spiele lieber allein.« Der Großmeister ging die Tische entlang und zog mit einer schnellen Bewegung den 280 Königsbauern um zwei Felder vor. Einige Spieler reagierten sofort, andere überlegten. Als der Großmeister zu seinem zweiten Rundgang ansetzte, hatten alle bis auf Mila Rutkewitsch den Gegenzug getan. Der Herausforderer setzte nach einem kurzen Blick auf die jeweilige Antwort des Gegners zur Erwiderung an. Nach dem vierten Zug trat er ein Stück von den Tischen zurück und begann sich mit Eduard Petrowitsch zu unterhalten. Die Fans hatten sich hinter den stärksten Spielern versammelt, schauten auf die Bretter. Hinter Kolja Sulima drängten sich an die zwanzig Mann. Beim fünften Zug unterlief dem Spieler am zweiten Brett ein grober Fehler. Er handelte sich ein Schäfermatt ein, und der Großmeister sagte: »Entschuldigung«, so als hätte er ihm versehentlich auf den Fuß getreten. Der Schüler wurde rot und kam kleinlaut hinter dem Tisch hervor. Mila Rutkewitsch gab auf, als an den Tischen keine zehn Mann mehr saßen. Sie hatte einen Turm eingebüßt, weil sie sehr aufgeregt war und immer etwas zu übersehen fürchtete. Sulima überlegte lange, und der Großmeister war bereits zweimal vergeblich an seinem Brett vorübergegangen. Plötzlich sagte Alissa, die immer mal zu Kolja hinübergeschaut hatte: »Springer f 6«, und wandte sich sofort wieder ab. »Oho!« sagte Kolja Naumow, der Sulimas Spiel aufmerksam verfolgt hatte. »Sie hat recht - Springer f 6! Dann zieht der Gegner vielleicht mit dem Turm.« 282 »Sagt doch nicht dauernd vor!« schimpfte Sulima. »jetzt geh ich erst recht anders.« »Na was ist, Junger Mann«, sagte der Großmeister, »bist du soweit?« Kolja schwieg. »Er wollte Springer f 6 ziehn«, sagte Borja Messerer, »zögert aber noch.« Der Großmeister lächelte. »Warum nicht, ein guter Zug. Versuch es. Das könnte interessant werden.« Sulima setzte den Springer. Der Großmeister überlegte, parierte dann aber doch nicht mit dem Turm, wie Naumow vermutet hatte, sondern zog seinen König zurück. Nun hatten sich fast alle Zuschauer hinter Kolja Sulima versammelt, bedrängten ihn so, daß sich Eduard Petrowitsch einschalten mußte. »Tretet ein Stück zurück, Kinder! Ihr stört die Spieler und werft noch den Tisch um!« Alle bangten um Kolja, deshalb bemerkte niemand außer Julka, wie lange der Großmeister vor Alissas Brett verweilte. Schließlich seufzte er und sagte nachdenklich, mehr zu sich selbst- »Nein, dieses Opfer nehme ich nicht an.« Er schob einen Bauern vor und ging zum letzten Brett in der Tischreihe. Auf halbemWeg drehte er sich noch einmal zu Alissa um, schüttelte den Kopf. 283 Alissa machte ihren Zug und schaute zu Kolja Sulima hinüber, um zu sehen, was der mit Hilfe seiner »Ratgeber« zu tun gedachte. Obwohl Eduard Petrowitsch gefordert hatte, nicht vorzusagen, hatten sie ihn mit ihrem Gerede nun gänzlich durcheinandergebracht. »Die Dame, du mußt mit der Dame ziehn!« flüsterten, zischten, riefen ja schrien die Fans in seinem Rücken. Und: »Nimm den Läufer!« beharrten andere. Es hätte nicht viel gefehlt, und das Ganze wäre zu einem Gerangel ausgeartet. Kolja schaute verstört zu Alissa herüber, die aber bewegte einzig die Lippen: »Bauer h 4.« Als der Großmeister kam, zog Kolja Bauer h 4. »Das hast du gut gemacht«, lobte der Großmeister, sichtlich erfreut, »genau diesen Zug hatte ich befürchtet.« Aber da er ihn offenbar vorausgesehen hatte, war er auch sofort zum Gegenzug bereit. »Schach«, sagte er. »O Mann!« stöhnten Koljas Anhänger, und Sulima griff sich an den Kopf. »Ich hab's dir gleich gesagt«, schimpfte Borja Messerer, »ich hab dich gewarnt.« Der Großmeister war unterdessen zu Alissa zurückgekehrt, die Lage dort gefiel ihm ganz und gar nicht. »Tja«, sagte er schließlich, »da hab ich nicht richtig aufgepaßt.« Julka zog Kolja Naumow am Ärmel, flüsterte: »Schau doch mal!« 284 »Was gibt's denn?« fragte Naumow unwirsch. »Sieh nur hin!« Der Großmeister begab sich zum anderen Ende der Tischreihe, wo er einen Schüler aus der zehnten Klasse mattsetzte. jetzt hatte er nur noch zwei Gegner. Eduard Petrowitsch, der bei Alissa stand und den Spielstand abschätzte, sagte kopfschüttelnd und mit Verschwörerstimme zu Julka: »Sie muß unbedingt an unsrer Schule bleiben. Wenn du ein wenig Patriot bist, Julka, mußt du das erreichen.« Da wurde Julka klar, daß Alissa im Begriff war, gegen den Großmeister zu gewinnen. Sie sagte. »Das wäre auch mein größter Wunsch.« Alissa sah unterdessen zu Koljas Brett hinüber und überlegte fieberhaft, auf welche Weise er den Großmeister besiegen könnte. Wie die Dinge standen, würde der ihm einen Damentausch aufzwingen und damit ein ewiges Schach erreichen. Das aber hieße Remis. »Soll ich aufgeben?« fragte Kolja das Mädchen. »Bist du verrückt?!« In diesem Augenblick trat der Großmeister zu Sulima. »Nun, wie hast du dich entschieden?« »Darf ich noch ein bißchen überlegen?« »Natürlich«, sagte der Großmeister und wandte sich wieder Alissa zu. »So, so«, murmelte er, nachdem er ihren Zug zur Kenntnis genommen hatte, »nun denn, vielen Dank. Ich war zu selbstsicher, und du hast mir eine Lektion erteilt. Ich geh auf.« Er drückte Alissa die Hand. 285 Alissa erhob sich und erwiderte: »Den Dank haben Sie verdient. Ich an Ihrer Stelle hätte von den dreißig Partien bestimmt zehn verloren. Es ist unheimlich schwierig, so viele Bretter im Kopf zu behalten.« »Das stimmt nicht ganz«, antwortete der Großmeister. »Ich hatte lediglich drei oder vier Positionen im Kopf, die anderen waren für mich ungefährlich.« Sie wandten sich Kolja Sulima zu, der noch immer grübelte. Außer Julka und dem Sportlehrer hatte niemand bemerkt, daß der Großmeister gegen Alissa verloren hatte. Alle starrten wie gebannt auf Koljas Brett. Kolja streckte schon zum dritten Mal die Hand nach seinem König aus, unentschlossen, wohin er ihn stellen sollte, obwohl das jetzt keine Rolle mehr spielte. Schließlich schob der Großmeister seine Dame vor: »Schach!« »Und Gardez«, ergänzte Mila Rutkewitsch, aber das war auch so allen klar. Kolja schaute hilfeheischend zum Nachbarbrett hinüber, an dem Alissa hätte sitzen müssen, doch sie war nicht da. »Schnapp dir die Königin«, sagte Naumow, der kaum eine Ahnung vom Schach hatte. »Nicht die Königin, sondern die Dame«, verbesserte Mila Rutkewitsch. Kolja tauschte - es war mittlerweile ganz still geworden seine Dame gegen die des Großmeisters, und der führte umgehend ein ewiges Schach mit Turm und Springer herbei. Die Stellung wiederholte sich dreimal. 286 »Remis!« verkündete Eduard Petrowitsch am Ende. »Remis! Hurra, Remis!« riefen die Fans. »Sulima hat gegen den Großmeister Remis gespielt!« »Hört mal einen Moment her!« sagte der Lehrer. »Ich möchte Wladimir Arkadjewitsch in eurem Namen dafür danken, daß er sich die Zeit genommen hat, zu uns zu kommen.« Alle klatschten. »Das Ergebnis des Turniers«, fuhr der Lehrer fort, »lautet achtundzwanzigeinhalb zu anderthalb für den Großmeister.« Die Anwesenden waren baff. »Da müßten ja noch zwei Remis gespielt haben«, rief Mila Rutkewitsch. »Das ist bestimmt ein Irrtum.« »Keineswegs«, sagte der Großmeister. »Ich möchte mich ebenfalls bei euch bedanken, Kinder. Einige meiner Gegner haben sich als echte Kämpfer erwiesen. Und ich glaube sogar, daß mein letzter Widersacher ebenfalls hätte gegen mich gewinnen können wie dieses Mädchen, wäre er nur ein bißchen entschlossener gewesen und hätte er nicht soviel auf die anderen gehört ... « »Was für ein Mädchen?« fragte Mila Rutkewitsch. »Na wer schon.- Alissa Selesnjowa!« rief Julka, die nicht länger an sich halten konnte. »Sie hat den Großmeister besiegt!« »Was denn für eine Alissa, wo ist sie?!« Die Schüler aus den anderen Klassen kannten Alissa noch nicht, und es ging ein mächtiges Durcheinander los. Am lautesten aber hörte man die Stimme Borja Messerers, der immer wieder erklärte: »Ich hab's euch doch gesagt - sie ist ein 287 Supergirl! Es ist meine Entdekkung! Und ich hab sie als erster gemalt!« 288 16. Sie ist gefährlich Am nächsten Morgen überschlugen sich die Ereignisse geradezu. Auf dem Weg zur Schule wurde Kolja Sadowski von einem auffallend dicken Mann in langem, schwarzem Regenumhang angehalten, der seinen Hut tief in die Stirn gezogen hatte. »Guten Tag«, sagte der Dicke, »bist du aus der Sechs b?« »Wie kommen Sie darauf?« erwiderte Kolja. »Sieht man mir das an?« Der Dicke gefiel ihm nicht - er hatte ein gar zu gutmütiges Gesicht, es wirkte aufgesetzt. Deshalb sagte Kolja: »Wären Sie mal so freundlich, Ihre Maske abzunehmen?« »Was für eine Maske?« »Unter der Sie Ihre Hauer verstecken.« Der Dicke fuhr sich mit der Hand schnell ins Gesicht, als befürchte er, daß dort tatsächlich ein paar Hauer zum Vorschein kommen könnten. Sadowski setzte seinen Weg fort, ließ den Dicken einfach stehn, der aber holte ihn ein und sagte: »Augenblick. Gibt es bei euch in der Klasse einen Kolja?« , »Soll ich ehrlich sein?« fragte der Junge. »Ja, natürlich! Ehrlichkeit ist die höchste menschliche Tugend.« »Also gut, wenn ich ehrlich sein soll - ich bin Kolja.« 290 »Nein«, rief der Dicke aus, »du bist nicht Kolja. Zumindest nicht der richtige.« »Das haben Sie sehr genau festgestellt«, erwiderte Sadowski. »Ich frag mich in der letzten Zeit nämlich schon selber, ob ich der Kolja bin, der ich mal war. Ich hab ziemlich rote Haare, finden Sie nicht?« »Was denn, hattest du früher andere?« Der Dicke musterte ihn aufmerksam. »Früher war ich blond«, antwortete Kolja, »und außerdem ein Mädchen.« Der Dicke schnaufte. »Also gut«, sagte er, »dann hab ich jetzt eine zweite Frage. Kennst du eine Alissa?« »Ja, aber die geht nicht mehr zur Schule«, erwiderte Kolja. Also wirklich, der Dicke gefiel ihm immer weniger. Er wollte ihn möglichst schnell los werden, um so mehr, als er keine Lust hatte, ihm etwas über Alissa zu erzählen. »Sie ist übrigens in den Pamir geflogen«, fügte er hinzu, »und läßt Ihnen ausrichten, daß Sie ihrem Hündchen nichts tun sollen. Sonst noch Fragen?« »Du bist ein sehr ungezogener Bengel!!« entrüstete sich der Dicke. »Deine rothaarige Visage merk ich mir!« Gleich darauf war er wie vom Erdboden verschluckt. Kolja blieb noch ein Weilchen stehen, seufzte dann und ging schließlich weiter. Fünf Minuten später traf an genau derselben Stelle Mila Rutkewitsch mit dem Dicken zusammen - er ragte unvermittelt wie ein Berg vor ihrauf und sagte: »Entschuldigung, mein Mädchen, bist du aus der Sechs b?« »Ja«, antwortete Mila. 291 »Wärst du so nett, mir ein paar wichtige Auskünfte zu geben?« Der Dicke ging neben Mila her und sprach höflich, geradezu unterwürfig. »Was könnte ich Ihnen schon für Auskünfte geben?« sagte Mila. »Mir ist ein großes Mißgeschick widerfahren«, barmte der Dicke, »und nur du, mein Mädchen, könntest mir helfen.« »Aber ich bin in Eile, ich muß zur Schule. Wir haben in der ersten Stunde Englisch, und ich will meine Übersetzung noch einmal durchgehn.« »Ich werde nicht länger als zwei Minuten von deiner kostbaren Zeit in Anspruch nehmen«, versprach der Mann. »Ich muß mit dir über Alissa reden.« »Über welche Alissa?« Mila Rutkewitsch wurde mißtrauisch. »Ich hab keine Ahnung, unter welchem Familiennamen sie bei euch eingetragen ist, aber ich denke doch, daß ihr nur diese eine Alissa habt.« »Ja, Alissa Selesnjowa«, sagte Mila. »Was ist passiert?« »Ich hoffe, nichts Schlimmes. Wenigstens vorerst nicht.« Der Mann legte eine lange, bedeutungsvolle Pause ein. »Könnte denn etwas passieren?« Mila warf ihren schwarzen Zopf auf den Rücken. »Sind Sie von der Miliz?« »In gewisser Weise, ja«, sagte der Dicke. »Wann und warum ist Alissa in eure Klasse gekommen?« 292 »Vor drei Tagen«, erwiderte Mila. »Sie wohnt bei Julka Gribkowa, die beiden haben zusammen im Krankenhaus gelegen.« »Soso, das kommt hin... .«, murmelte der Dicke. Sie gingen an einem kleinen Platz vorüber, auf dem eine freie Bank stand. »Wenn du nichts dagegen hast«, sagte der Mann, »könnten wir uns einen Augenblick setzen.« Mila nickte, sie hatte noch Zeit. Die Sache begann sie zu interessieren, zumal ihr diese Alissa ziemlich unsympathisch war. »Ist dir an ihrem Verhalten etwas Seltsames aufgefallen?« erkundigte sich der Dicke. »Etwas, das nicht zu uns paßt? Etwas, das sie von den anderen abhebt?« »Tja, wie soll ich sagen ... « Mila zuckte die Achseln. »Ich verstehe. Du willst nicht schlecht von deiner Mitschülerin sprechen. Das ist sehr löblich, ja wirklich. Doch es geht um so ernste und wichtige Dinge, daß du unbedingt die Wahrheit sagen mußt. Du bist schließlich ein verständiges Mädchen, nicht wahr? Also: Wie findest du Alissa, gefällt sie dir?« »Nein!« brach es aus Mila, fast gegen ihren Willen, heraus. »Warum nicht?« »Sie gibt überall mit ihrem Wissen an«, sagte Mila. »Aha, mit ihrem Wissen«, wiederholte der Dicke. »ja, auch das paßt zum Bild. Doch nun eine andere Frage: Habt ihr einen Kolja in eurer Klasse?« »Aber ja, gleich drei!« »Und mit welchem von ihnen ist Alissa befreundet?« 293 »Sie ist nur mit Julka Gribkowa befreundet«, erwiderte Mila, »aber ich kümmere mich nicht um fremde Angelegenheiten.« »Sehr löblich«, sagte der Dicke wieder. »Trotzdem mußt du uns helfen. Ich bin nämlich Chefarzt eines Krankenhauses für besonders aggressive Kinder. Voriges Jahr ist ein hoffnungslos krankes Mädchen namens Alissa bei uns eingeliefert worden, sie neigte zur Brutalität, zum Randalieren. Sie schlug Kinder und Erwachsene, biß, wenn man sich ihr näherte. Sie hat auch aus einem Schulmuseum ein Tigerfell gestohlen, sich damit verkleidet und nachts Passanten beraubt. Als man Alissa einfing, hat sie drei Milizionäre zerkratzt und den Fährtenhund erwürgt, so daß wir ihr die Zwangsjacke anlegen mußten.« »Aber das ist ja schrecklich!« sagte Mila. »Nein, nicht schrecklich«, sagte da eine melodische Frauenstimme, »man muß im Gegenteil Mitleid mit Alissa haben. Es ist ja nicht ihre Schuld, daß sie krank ist.« An Milas Seite stand plötzlich eine kleine, hübsche, zierliche Frau in weißem Kittel und mit einem roten Kreuz am Ärmel. »Ach ja, darf ich vorstellen?« sagte der Dicke. »Das ist Frau Doktor Iwanowa. Sie hat unzählige Nächte damit verbracht, das arme Mädchen zu beruhigen, ihr Märchen zu erzählen und Medikamente zu geben.« »Das ist wahr«, stimmte die Frau zu, »leider waren all meine Bemühungen vergeblich. Dieses unselige Kind ist 294 neulich aus dem Krankenhaus geflohen, indem es aus einem Fenster im fünften Stock sprang.« »Und ihr ist nichts passiert?« »Nein, nicht das geringste. In diesem Zustand verspüren die Patienten keinerlei Angst. Wir haben schon in sämtlichen Schulen und Krankenhäusern nachgefragt - Alissa ist spurlos verschwunden. Doch nun haben wir erfahren, daß ein Mädchen, auf das die Beschreibung zutrifft, bei euch in der Klasse aufgetaucht sein soll.« »Aber sie macht insgesamt einen ruhigen Eindruck«, wandte Mila ein. »Und sie kann ganz ausgezeichnet Englisch.« »Das ist ja gerade das Unnormale«, erklärte der Dicke. »Ihr ganzer Verstand ist einzig darauf gerichtet, ihre Umgebung zu täuschen und den Eindruck zu erwecken, sie sei völlig normal. Genau darin liegt die Gefahr. Und daß sie so viel weiß, geht auch nicht mit rechten Dingen zu. Oder findest du es einleuchtend, daß ein Mädchen ihres Alters so klug ist?« Dieses Argument gefiel Mila sehr, es wischte all ihre Bedenken weg. Aber ja, das war die Lösung: Alissa war nicht normal, es konnte gar nicht anders sein! Kein Schüler der sechsten Klasse konnte klüger sein als sie, Mila Rutkewitsch! Als sie das begriffen hatte, war ihre Antipathie gegenüber Alissa wie weggeblasen. Nun tat ihr die andere direkt leid. »Was werden Sie mit ihr machen?« fragte sie. 295 »Wir nehmen sie mit.« »Warten Sie«, sagte Mila, »Alissa ist so still. Vielleicht wäre es besser für sie' bei uns in der Klasse zu bleiben. Sie könnte wieder gesund werden und am Ende ganz normale Leistungen bringen, genau wie die andern.« »Und wenn sie erneut zu toben anfängt? jemanden beißt? Denk doch mal an die Gefährdung deiner Mitschüler.« »Oje«, sagte Mila, »das hab ich ganz vergessen. Also gut, gehen wir schnell zum Direktor und erzählen alles.« »Nein, das ist leider nicht möglich«, erwiderte der Dicke betrübt. »Denn wenn wir uns geirrt haben und es gar nicht die von uns gesuchte Alissa ist, würden wir eine Unschuldige schwer belasten.« »Doch, doch, natürlich ist sie es!« beharrte Mila. »Es ist völlig unnormal, wie gut sie alles kann.« »Trotzdem wollen wir diskret vorgehn«,, sagte die zierliche Doktor Iwanowa. »Wir werfen zuerst einen Blick in die Klasse, vergewissern uns, daß es sich um das richtige Mädchen handelt. Und du hilfst uns dabei.« »Aber wie?« »Du bringst uns jetzt zum Hintereingang der Schule und zeigst uns, wo sich eure Klasse befindet. Aber so, daß Alissa es nicht bemerkt. Alles weitere übernehmen wir selbst. Und niemand wird erfahren, daß du uns geholfen hast, einverstanden?« »Na schön. Wenn es für die Medizin und die Sicherheit der Mitbürger notwendig ist, bin ich einverstanden. Dann kommen Sie jetzt, der Unterricht fängt bald an.« 296 Sie führte die beiden von hinten, durch den Schulgarten, ins Haus, erklärte ihnen, daß sie zum dritten Stock hinaufsteigen müßten, und sagte: »Aber nehmen Sie sie nicht direkt in der Klasse fest, das würde mir sehr leid tun.« »Keine Angst«, versicherte Doktor Iwanowa mit gütiger Stimme, »wir machen das sehr schonend und human. Wir sind solche Fälle gewöhnt.« 297 17. Zweimal Alla Sergejewna Mila verabschiedete sich von den beiden und rannte in ihre Klasse. Direkt an der Tür stieß sie mit Alissa und Julka zusammen. »Oh!« Sie starrte Alissa erschrocken an, preßte sich an die Wand und ließ die Neue vorangehen. »Was hat sie denn?« fragte Julka. »Die hat uns ja angesehn, als wären wir Gespenster.« »Keine Ahnung«, sagte Alissa, »ist bei mir alles in Ordnung? Vielleicht hab ich die Schuhe falsch rum an.« »Nein, es ist alles in Ordnung.« »Bei dir auch. Trotzdem muß sie irgendwas an uns verschreckt haben.« Mila Rutkewitsch war, ohne nach rechts oder links zu schaun, zu ihrem Platz geeilt, während die andern Alissa umringten und sich lautstark den gestrigen Tag in Erinnerung riefen, Borja Messerer schenkte ihr sein neuestesPorträt. Alissa mit Schachkrone. Es besaß nicht die geringste Ähnlichkeit mit ihr, trotzdem mußten alle lachen. Kolja Sadowski aber fragte deutlich, so daß es alle hören konnten: »Sag mal, Alissa, hast du einen Bekannten, der mächtig dick ist? « »Wieso? Wo hast du ihn gesehn?« Mila erstarrte zur Salzsäule - hatte dieser Sadowski sie etwa belauscht? »Nun sag schon, wo du ihn gesehen hast!« drängte Alissa. 298 »Auf dem Weg zur Schule«, erwiderte Kolja, »aber ich hab ihn abgehängt.« Die Klassentür wurde langsam geöffnet, und Mila dachte entsetzt: jetzt geht's los. Doch es war bloß Fima Koroljow. Er stürzte zum Lehrertisch und rief: »Hallo, Freunde, ihr seht jetzt eine Mordsnummer.« »Du bist verrückt, Fima«, sagte Katja Michailowa, »Alla Sergejewna wird jeden Augenblick hier sein.« »Das wird sie nicht«, widersprach Fima, »denn sie unterhält sich im Flur mit irgendeinem Dickwanst. Also, ich bitte um Aufmerksamkeit!« Fima öffnete seine Mappe und brachte ein sich wild gebärdendes Kätzchen zum Vorschein. »Ich bitte um Aufmerksamkeit!« wiederholte er. »Ihr seht vor euch die Superkatze mit Namen Alissa - sie kann bis hundert zählen!« In diesem Augenblick betrat Alla Sergejewna den Raum. Sie blieb an der Tafel stehen, ohne auch nur im geringsten Fima zu beachten, der dem flüchtenden Kätzchen hinterherjagte. »Ist das hier die Sechs b?« fragte sie, als würde sie nicht fast jeden Tag den Fuß in diese Klasse setzen. Die Kinder waren baff - wie konnte ihre Lehrerin nur eine so merkwürdige Frage stellen? Normalerweise würde sie sagen: »Koroljow, hör sofort mit dem Unsinn auf!« Und auch Alissa begriff sofort, daß etwas nicht stimmte. Sie duckte sich, verbarg das Gesicht. Nur Kolja Sadowski, der die seltene Gabe besaß, seine Späße stets zur richtigen Zeit anzubringen, antwortete: »Nein, wir sind die Zwei a.« Woraufhin Alla Sergejewna, 299 wiederum zur Verblüffung aller ausrief: »Das kann nicht stimmen! Du lügst schon wieder, Junge!« Nein, ausgeschlossen, daß Alla Sergejewna so mit Sadowski redete! Die Lehrerin ließ ihren Blick durch die Klasse schweifen, saugte sich mit den Augen geradezu an den Kindern fest, entdeckte schließlich Mila und fragte sie: »Wo ist Alissa?« »Dort, unter der Bank«, antwortete Mila gehorsam. »Aha«, rief Alla Sergejewna aus, »dann ist auch er hier!« Sie ging zur Bank, unter der Alissa sich versteckt hatte, bohrte ihre Blicke dabei aber unaufhörlich in die Gesichter der Kinder. »Wo ist Kolja?« fragte sie, wiederum an Mila gewandt. Die Rutkewitsch kniff vor Schreck die Augen zu. Das konnte doch nicht wahr sein! Alla Sergejewna sprach jetzt mit der Stimme von Doktor lwanowa. »Na also!« rief Alla Sergejewna. »jetzt hab ich dich!« In diesem Augenblick hörte man draußen gewaltigen Lärm. Die Klassentür wurde aufgerissen, und alle sahen, daß eine zweite Alla Sergejewna ins Zimmer stürmen wollte. Ein furchtbar dicker Mann mit verrutschtem Hut und langem schwarzem Regenumhang versuchte das zu verhindern, indem er sie in den Korridor zurückzog. Der Dicke wiederum wurde vom Sportlehrer Eduard Petrowitsch umklammert, der ebenfalls an ihm zerrte. Das Ganze erinnerte an eine Illustration zu dem »Märchen von der Rübe«. 300 »Lassen Sie mich los!« schimpfte Alla Sergejewna. »Das ist eine Unverschämtheit!« Eduard Petrowitsch, rot vor Anstrengung, hob den Dicken aus - nicht von ungefähr war er früher Ringkämpfer gewesen-, riß mit einem Ruck einen Arm von ihm nach hinten und warf ihn mit einem ausgesprochen eleganten Griff zu Boden. Der Dicke ließ Alla Sergejewna los und klatschte mit dem Gesicht auf. »Hurra!« schrien die sechsundzwanzig Zuschauer aus der Sechs b. »Ein Hoch für Eduard Petrowitsch! Ein klarer Sieg!« Gleich darauf gab es einen lauten Knall - die beiden Alla Sergejewnas waren vor der Tafel zusammengeprallt. Sie hatten ihre Brillen verloren und die Klassenbücher fallen lassen. »Das halt ich nicht aus!« rief die echte Alla Sergejewna und fiel in Ohnmacht. Die falsche Alla sprang über sie hinweg, rannte auf Eduard Petrowitsch zu und stieß ihm den Kopf in den Bauch. Der Sportlehrer hatte diesen Angriff nicht erwartet; er verlor das Gleichgewicht und ging in die Hocke. Mit einer für eine Frau ungewöhnlichen Kraft packte die falsche Alla den regungslos daliegenden Dicken bei den Beinen und zerrte ihn in den Korridor hinaus. Eine Sekunde später waren sie wie vom Erdboden verschluckt, man hörte nur noch den Kopf des Dicken über die Treppenstufen rumpeln. Einzig der schwarze Hut des Mannes und ein abgerissener Ärmel von seinem Regenumhang lagen noch im Raum, erinnerten an die Schlacht, die 301 stattgefunden hatte. Alla Sergejewna lag nach wie vor ohnmächtig am Boden, und auch Eduard Petrowitsch hockte an der Wand, ohne einen klaren Gedanken fassen zu können. Die Kinder fingen sich als erste. Einige von ihnen stürzten zur Lehrerin, um sie wieder zu sich zu bringen, andere halfen Eduard Petrowitsch auf die Beine. Nur Alissa beteiligte sich nicht an alldem. Sie hob Hut und Ärmel des Dicken auf, rannte schnell zum Fenster und warf die Beweisstücke hinaus. Etwa fünf Minuten vergingen, bis alle zur Ruhe kamen. Alla Sergejewna trank ein Glas Wasser, Eduard Petrowitsch erhob sich wieder und schaukelte wie ein dressierter Elefant mit dem Kopf, bis er schließlich in die Turnhalle abzog. Endlich kehrten auch die Kinder auf ihre Plätze zurück. »Setzt euch, Kinder, setzt euch«, murmelte Alla Sergejewna mit schwacher Stimme. »Eine unglaubliche Geschichte. Ich kann mir überhaupt keinen Reim drauf machen.« »Vielleicht sollten Sie sich etwas ausruhn?« schlug Borja Messerer vor. »Wir werden einfach dasitzen.« Er war bestrebt aus jeder Situation Nutzen zu ziehn. Der aber bestand darin, möglichst wenig zu lernen und statt dessen Bildchen zu malen. »Nein«, sagte Alla Sergejewna, bereits eine Spur entschiedener, »es ist ja nichts Besonderes vorgefallen. Wir werden die Sache später klären, jetzt fangen wir mit dem Unterricht an ... « 303 Alissa ließ ihren Blick inzwischen prüfend durch die Klasse gleiten. Zu dumm, daß sie sich im entscheidenden Moment unter der Bank versteckt hatte: Sonst wüßte sie jetzt, welchen der drei Koljas der Pirat als den richtigen erkannt hatte ... Kolja Sulima war an seinem Platz, Fima Koroljow ebenfalls, auch Kolja Sadowski ... Doch halt, wo steckte Kolja Naumow? Natürlich, der Naumow! Seine Tasche lag da, sein aufgeschlagenes Heft, er selbst jedoch war verschwunden. »Julka!« flüsterte Alissa hastig. »Naumow ist weg!« Sie stürzte zum Fenster. »Großer Himmel, Selesnjowa«, rief Alla Sergejewna, »was ist denn nun schon wieder los!« Alissa konnte gerade noch sehen, wie Kolja Naumow zum Schultor hinausrannte, ihm auf den Fersen die Piraten: der Fröhliche U im Regenmantel mit nur einem Ärmel, hinter ihm der Ratt. Er war gerade dabei, die Hülle Alla Sergejewnas abzustreifen und sich in Napoleon zu verwandeln, denn in Uniform ließ es sich besser laufen als in Frauenkleidern. »Julka, sie verfolgen ihn!« rief Alissa. »Ich lauf ihnen nach!« »Wer verfolgt wen?« fragte Alla Sergejewna. »Also nein, das ist zuviel für mich!« Alissa riß das Fenster auf, sprang, ehe auch nur jemand den Mund auftun konnte, mit einem gewaltigen Satz zu einer großen Eiche hinüber, die auf dem Schulhof wuchs. Bis zu ihrer Krone waren es vom 304 Fenster zwei, drei Meter. Alissa klammerte sich im Flug wie ein Affe an einen dicken Ast, wippte auf ihm und schwang sich zum nächstniederen Ast. Schließlich war sie unten angelangt, rannte hinter Kolja und den Piraten her. Alle aus der Sechs b waren zu den Fenstern geeilt und hatten diese waghalsige Nummer beobachtet. Nur Alla Sergejewna hatte nicht alles mitbekommen - sie war glücklicherweise erneut in Ohnmacht gefallen. Während Alissa ihre Sprünge vollführte, riefen die Mädchen ach und weh, die Jungs aber feuerten sie mit Rufenan. Lediglich Mila Rutkewitsch blieb gelassen. Als Alissa dann aus ihrem Blickfeld verschwunden war und die Mädchen sich abermals anschickten, die Lehrerin zu sich zu, bringen, sagte sie laut, so daß es alle hören konnten: »Das ist nicht weiter verwunderlich, Alissa ist nämlich nicht normal, ich habe mit ihrem behandelnden Arzt gesprochen. Und überhaupt, sie wird gesucht, weil sie aus einer Spezialklinik entflohen ist.« »Du solltest dich was schämen!« rief Julka. »Sie ist normaler und gesünder als du, ich weiß es!« Alla Sergejewna war nun wieder bei Bewußtsein und sagte »Ihr müßt schon entschuldigen, aber es ist wohl besser, ich gehe jetzt zur Sanitätsstelle. Ich bin völlig mit den Nerven runter.« Mila Rutkewitsch eilte ihr als erste zu Hilfe, begleitete sie hinaus. Die andern umringten sofort Julka, und Katja Michailowa verlangte: »Gribkowa, du erzählst uns jetzt alles, was du weißt!« »Ich weiß gar nichts«, 305 erwiderte Julka. Sie hielt ihre und Alissas Tasche umklammert. »Laßt mich durch, ich muß nach Hause.« »Wir lassen dich nirgendwohin!« sagte Fima Koroljow. »Ich weiß nämlich auch das eine und andere. Und wenn du es nicht erzählst, werde ich es tun.« »Nun red schon, Julka«, bat Kolja Sulima. »Wahrscheinlich müssen wir den beiden helfen.« 306 18. Ischutin hält sich raus Alissa sah weit vor sich den Nilpferdrücken des Fröhlichen U und auch die Napoleonsuniform, sie rannte aus Leibeskräften hinter den beiden her. Ihr wurde klar, daß die Entfernung nicht größer werden durfte, sonst war die Sache gleich verloren. Zumal sie sich nur schlecht in dieser Gegend auskannte. Plötzlich sah Alissa die drei in eine Seitenstraße einbiegen. Sie sauste wie ein Pfeil hinterher, hätte beinahe ein paar Passanten umgerannt, bog gleichfalls um die Ecke und sah gerade noch, daß die Piraten ein hinterhältiges Manöver versuchten: Hinter Kolja rannte nur noch der Fröhliche U her, während der Ratt auf der anderen Straßenseite dicht an den Häusermauern entlanghetzte. Er wollte Kolja überholen, so daß sie ihn in die Zange nehmen konnten. Kolja durchschaute ihre Absicht und schlüpfte blitzschnell in einen Hauseingang rechts neben ihm. Ihm blieb nur dieser Ausweg. Die Haustür schlug laut hinter ihm zu, und der Fröhliche U rief zufrieden: »Schrschschfk!« - was wohl hieß »Jetzt haben wir dich, Freundchen!« Sie hatten den Jungen in der Falle. Der Dicke folgte Kolja ins Haus, während der Ratt zu einem Torbogen weiterlief, der zum Hof führte. Alissa wartete einen Augenblick, ob einer der drei aus dem 307 Haus oder dem Torbogen käme, doch die Straße lag wie ausgestorben da. Nun rannte auch Alissa zu dem Haus - doch dort war Kolja nicht. Alissa hielt nach einem zweiten Ausgang Ausschau, und tatsächlich entdeckte sie einen, gleich hinter dem Lift. Das Mädchen trat zu der kleinen dunklen Tür und stieß sie auf. Sie gab nach, und Alissa stand jetzt in einem Hof, der von Häusern eingerahmt war. In seiner Mitte befand sich ein zugenagelter zweigeschossiger Schuppen, der offenbar abgerissen werden sollte. Außer dem Torbogen, den Alissa bereits kannte, gab es nur noch einen zweiten Ausgang am anderen Ende des Hofes. Der Hof war leer. Lediglich auf einer Bank unter einem ausladenden Baum saß ein Junger Mann in Wildlederjacke, Wildlederschuhen und sogar Hosen aus Wildleder. Wie er da Pfeife rauchte und las, wirkte er modisch, adrett und seriös. »Guten Tag«, sagte Alissa. »Guten Tag«, erwiderte der Junge Mann und legte einen Finger zwischen die Seiten. »Ach bitte, sind hier eben ein Junge und zwei Männer vorbeigelaufen?« »Ein Junge?« fragte der in Wildleder gehüllte Mann erstaunt. »Wie alt soll er denn sein?« »Ungefähr wie ich«, antwortete Alissa. »Zwei Männer waren hinter ihm her. Ein Dicker in zerrissenem Mantel und ein Kleiner, der wie Napoleon aussah.« »Sie waren hinter ihm her, sagst du? Aber warum? Ich finde das ziemlich merkwürdig.« »Sie wollten ihm einen Gegenstand wegnehmen. Es sind Verbrecher.« 308 »Ja, ist denn so was möglich?!« Der Junge Mann sah so rosig und glatt aus, als hätte er sich eben erst abgeschrubbt. Auf seinem Gesicht krochen, zwei Raupen gleich, rechts und links die Enden eines schwarzen Bärtchens zum Kinn hinunter. »Das ist wirklich merkwürdig«, sagte nun auch Alissa, »sie müssen nämlich hier vorbeigekommen sein. Vor wenigen Minuten erst.« »Wenn ich etwas Ordnungswidriges beobachtet hätte, würde ich hier nicht so ruhig herumsitzen«, erwiderte der Junge Mann. »Sie haben also niemanden gesehen?« »Du bist die erste, die hier das Treiben verrückt macht.« »Sagen Sie auch die Wahrheit?« »Hör zu, ich hab dir in reinstem Russisch erklärt, daß niemand vorbeigekommen ist, weder irgendwelche Jungs noch sonst jemand. Und nun verschwinde, du störst mich beim Lesen.« Mit diesen Worten schlug der Wildledermann sein Buch auf und vertiefte sich erneut in die Lektüre. Doch der Junge Mann hatte gelogen. Er hatte sehr wohl beobachtet, daß vor ungefähr zehn Minuten ein seltsamer Mann in der Uniform Napoleons in den Hof gerannt und durch einen Hinterausgang wieder verschwunden war. Er hatte sich noch über den Aufzug des Mannes gewundert, sein Buch beiseitegelegt und Betrachtungen über die Kompliziertheit des Lebens angestellt. Vielleicht drehen sie einen Film, dachte er, mit versteckter Kamera. Er holte sicherheitshalber ein Kämmchen aus der Tasche und fuhr sich damit durch 309 die Haare. Wenn man schon zufällig gefilmt wurde, sollte man tipptopp in Ordnung sein. Vielleicht würde der Regisseur aufmerksam werden, sich nach dem gut aussehenden Jungen Mann erkundigen und erfahren: »Der wurde zufällig gefilmt. Er heißt Pjotr Ischutin, ist Oberkoch in einem Restaurant, sehr belesen und auch sonst nicht dumm ... « Während Pjotr Ischutin noch seinen Träumereien nachhing, wurde die Hintertür ein zweites Mal geöffnet, und seinen Augen bot sich ein sonderbarer Anblick. Voran ging, nach allein Seiten Ausschau haltend, Napoleon und hinter ihm ein ungeheuer dicker Mann mit zerrissenem Mantel. Der Dicke trug einen leblos wirkenden Jungen unterm Arm. Wenn es sich hier tatsächlich um einen Film handelt, dachte Ischutin, dann bestimmt um keinen historischen. Es geht um einen Abenteuerfilm, in dem ein Kind geraubt wird. Er erhob sich von seiner Bank und ging neugierig auf die beiden Männer zu. Der Pirat Ratt, der voranschritt, erblickte den Jungen Mann als erster und fragte barsch: »Was willst du?« »Ich?!« Ischutin, war verdattert. »Ich wollte nur ... « Inzwischen war der Dicke zu dem zugenagelten Schuppen getreten und hatte ein Brett von einem der Fenster im Parterre beiseite gerückt. »Hör zu«, sagte der Ratt und schob den Dreispitz tiefer in die Stirn, »wenn du mir noch lange vor den Beinen herumspringst, mach ich Hackfleisch aus dir, hast du verstanden?« »Ja«, antwortete Ischutin, »ich habe verstanden.« 310 »Hast du etwa was gesehn?« »Nein, nichts«, beeilte sich Pjotr Ischutin zu versichern. Er hielt es für besser, sich rauszuhalten. »Nochmals«, drohte der Ratt und zog ein Messer aus der Tasche, »wenn du auch nur ein einziges Wort zu jemandem sagst, ist es aus mit dir. Weißt du, wer ich bin?« »Nein«, antwortete Ischutin. »Dein Glück. Wer mich kennt, lebt nämlich nicht lange.« Der Pirat drückte ihm das Messer gegen den Wildlederbauch und grinste sarkastisch. »Ich würde niemals ... «, stotterte Ischutin. Er konnte nicht wissen, daß es sich bei dem Messer um eine Attrappe handelte. »Dafür kennen wir dich um so besser«, fuhr Napoleon fort. »Du heißt Ischutin und wohnst in dem Haus dort drüben. Du siehst also, du kannst uns nicht entkommen.« »Schon klar«, sagte der Junge Mann. »Und überhaupt wollte ich bloß helfen.« »Wir brauchen deine Hilfe nicht.« Der Dicke war mit dem Jungen inzwischen verschwunden. »Kann ich jetzt gehn?« fragte Ischutin. »Es ist Zeit fürs Mittagessen.« »Warte noch.Setz dich hier auf die Bank.« Der Junge Mann gehorchte. 311 »Hier wird gleich ein Mädchen aufkreuzen und dich fragen, ob du uns gesehen hast. Was willst du ihr antworten?« »Daß ich niemanden gesehen habe ... ist doch einleuchtend. Man muß sich gegenseitig helfen, alle Menschen sind Brüder.« »Sieh an, wie schlau du bist. Also setz dich jetzt hin und lies. Aber wehe, du versuchst Tricks. Ich werde dich beobachten. Solltest du nicht Wort halten, hast du die längste Zeit gelebt. Die Buletten im Restaurant kann dann ein andrer braten, kapiert?« »Ja, ja!« versicherte Ischutin und schickte sich an, auf das Mädchen zu warten. Als sie dann auftauchte, handelte er wie verlangt. In gewisser Weise gefiel es ihm sogar, in eine so geheimnisvolle Sache verwickelt zu sein. Wer weiß - und dieser Gedanke beruhigte sein Gewissen etwas -, bestimmt haben dieser Junge und seine Freundin auch was auf dem Kerbholz. Alissa stand eine Weile unschlüssig im Hof und lief schließlich zu dem Torbogen am anderen Ende. Ischutin aber erhob sich vorsichtig und eilte nach Hause. Dort legte er sich erst mal aufs Sofa - Arme und Beine zitterten ihm. Dann sagte er laut zu sich selbst: »Man fährt am besten, wenn man sich nicht einmischt.« Darüber schlief er ein. Alissa aber glaubte dem Jungen Mann und kam zu dem Schluß, daß die Piraten und Kolja durch den zweiten Torbogen geflüchtet sein mußten. Deshalb nahm auch sie diesen Ausgang und fand sich nun in einem anderen Hof wieder, der sich vom vorigen deutlich unterschied. Es gab hier viele blühende 312 Sträucher mit Bänken, auf denen Junge Frauen und Großmütter mit Kinderwagen saßen. Ein paar Knirpse spielten im Buddelkasten und bauten Sandburgen. Alissa trat zu einer alten Frau, die ihr am nächsten saß, und fragte: »Entschuldigung, ist hier eben ein Junge vorbeigelaufen?« »Hat er dich geärgert?« fragte das Mütterchen zurück. »Nein«, antwortete Alissa, »das hat er nicht. Aber zwei Banditen sind hinter ihm her.« »Was, Banditen?!« Das Mütterchen sprang auf. »Wo sind Banditen?« fragten nun auch die anderen Frauen und begannen ihre Kinder einzusammeln. »Nur keine Aufregung!« Alissa versuchte, sie zu beruhigen. »Ich hab mich doch bloß erkundigt, ob hier ein Junge vorbeigelaufen ist, dem zwei Männer auf den Fersen waren - ein Dicker und ein Dünner, angezogen wie Napoleon.« »Wie barbarisch!« sagte ein anderes Mütterchen. »Hinter einem Kind her zu jagen!« »Es ist also niemand hier vorbeigekommen?« fragte Alissa. Ihr war mittlerweile klar, daß das nicht geschehen war, andernfalls gäb's hier helle Aufregung. »Nein«, sagte eine Junge Mutter. »Aber vielleicht kommen sie noch? Sag die Wahrheit, damit ich die Kleinen nach Hause bringen kann.« »Nein, niemand wird kommen«, versicherte Alissa und eilte zurück in den ersten Hof. Hinter ihr tönten die erregten Stimmen der Frauen, von denen einige zum Aufbruch rüsteten. 313 Was hat das bloß zu bedeuten? dachte Alissa. Im ersten Hof waren sie nicht, sonst hätte der Mann in der Wildlederkleidung sie sehen müssen, im zweiten waren sie auch nicht. Blieb also nur das Haus, in dem sie zuerst gewesen war. Dort mußte sie nach Kolja suchen, aber wie? Sie konnte doch nicht an allen Wohnungen klingeln. Und überhaupt, wonach sollte sie fragen? Alissa trat, in Gedanken versunken, durch den Torbogen auf die Straße hinaus und blieb stehen. Und hier stieß sie auf ihre Mitschüler aus der Sechs b. 314 19. Kriegsrat Nachdem Julka ihren Bericht beendet hatte, erklärte sich mindestens die Hälfte der Klasse bereit, Alissa und Kolja zu Hilfe zu eilen. Die Kinder suchten die umliegenden Straßen nach ihnen ab, doch ohne Erfolg. Sie wollten gerade beraten, was weiter zu tun sei, da sahen sie plötzlich, wie Alissa aus einem Torbogen trat. Alle stürmten auf das Mädchen zu, umringten sie. »Wo ist Kolja?« »Hast du die Piraten eingeholt?« »Wo sind die Banditen jetzt?« »Nur keine Angst, wir sind informiert. Fima und Julka haben uns alles erzählt.« »Ja, wir wissen, daß du aus der Zukunft kommst!« »Wir werden dir helfen, den Apparat zu finden ... « Alle redeten wild drauflos, es war kaum etwas zu verstehen, dennoch begriff Alissa und freute sich. »Danke«, sagte sie nur schlicht. Einer fiel dem andern ins Wort, sie spektakelten so laut, daß die Fensterscheiben der umliegenden Häuser zu klirren begannen. Plötzlich rief Larissa mit silberheller Stimme und Tränen in den himmelblauen Augen: »Oje, bestimmt foltern sie Kolja jetzt!« »Los, wir müssen ihn suchen!« rief Borja Messerer. Im zweiten Stock kam ein rundes, verschlafenes Gesicht zum Vorschein. »Spielt euer Räuber und Gendarm woanders ihr Rabauken! Unsereins will sich etwas ausruhn, ihr aber krakeelt herum. Ihr solltet euch schämen!« 315 Gleich darauf steckte einen Stock höher eine Frau mit Lockenwicklern ihren Kopf aus dem Fenster und fiel in das Geschimpfe ein: »Was sind das bloß für Zeiten! Als wir klein waren, haben wir brav Verstecken gespielt, statt zu randalieren!« »Was verstehen Sie denn!« knurrte Julka. »Streit nicht mit ihr«, sagte Katja Michailowa, »wir gehen zum Boulevard, setzen unsre Beratung da fort.« »Einer muß hierbleiben«, entgegnete Alissa. »Sonst fliehen sie womöglich, verschleppen Naumow.« »Ich bleib hier«, erbot sich Kolja Sulima. »Wer noch?« Borja Messerer meldete sich. Während Sulima in der Seitenstraße Posten bezog, nahm Borja im Hof Aufstellung. Die übrigen rannten zum Boulevard, um dort zu entscheiden, was weiter zu tun sei. Ein solches Abenteuer hatte die Klasse in den ganzen sechs Jahren ihres Bestehens nicht erlebt. Erstens war die Neue, wie sich herausstellte, nun doch kein Supergirl, sondern ein gewöhnliches Mädchen aus der Zukunft. Zweitens hatte sich Kolja Naumow in die Zukunft geschmuggelt und dort, wenn auch nicht in böser Absicht, allerhand angerichtet. Drittens war Fima Koroljow in all das eingeweiht gewesen, hatte sich aber niemandem anvertraut. Außer Kolja Sulima, der seinerseits Alissa informieren wollte, aber zu spät kam. Und viertens befanden sich nun ganz in der Nähe zwei echte kosmische Piraten, von denen einer ständig die Gestalt veränderte. Ereignisse also in Hülle und Fülle! Alissa setzte sich auf eine Bank, von der aus sie die Seitenstraße im Blick hatte. Die anderen umringten sie. 316 »Die Beratung ist eröffnet«, sagte Fima Koroljow. »Zwei Fragen stehen auf der Tagesordnung.« »Wieso zwei?« fragte Katja Michailowa. »Eine!« »Nein, zwei. Erstens: Wie finden und retten wir Kolja Naumow? Zweitens: Wie helfen wir Alissa, das Myelophon wiederzubekommen und in ihre Zeit zurückzukehren?« »Das hängt doch alles zusammen«, sagte Julka. »Unterbrich mich nicht!« protestierte Fima. »Wir müssen eine gewisse Ordnung einhalten, sonst kommen wir nie ans Ziel.« »Dich hat niemand zum Vorsitzenden gewählt!« rief Mila Rutkewitsch. »Im entscheidenden Moment muß eben einer die Sache in die Hand nehmen, der dazu befähigt ist. Übrigens hatte ich dir, Rutkewitsch, nicht das Wort erteilt. Wer weiß, vielleicht machst du sogar gemeinsame Sache mit den Piraten.« »Du solltest dich was schämen!« schimpfte Katja Michailowa und legte tröstend die Hand auf Milas Schulter: »Du kennst doch Fimas idiotische Späße.« »Das war kein Spaß!« Mila fing an zu weinen. »Wenn ich gewußt hätte ... « »Was ist denn los?« fragte Alissa, die nicht ahnte, daß Mila die Banditen in die Schule eingeschleust hatte. »Ach, nichts Besonderes«, sagte Julka, »ich erzähl es dir später.« Mila wandte sich ab, damit niemand ihre Tränen sah. Zum letzten Mal hatte sie vor einem Jahr geweint, als sie 317 von einer Praktikantin, die ihre Stellung als Klassenbeste nicht kannte, im Aufsatz eine Zwei bekam. »Das Wort hat jetzt Alissa Selesnjowa«, ließ sich Fima vernehmen. »Sie macht uns mit dem Stand der Suche nach dem Genossen Naumow bekannt. Wollen wir uns auf eine Beschränkung der Redezeiteinigen? « »Hör auf mit den Faxen!« sagte Katja streng. »Sonst setzen wir dich als Vorsitzenden ab. Alissa, fang an.« »Da gibt's so gut wie nichts zu erzählen«, begann Alissa. »Ich konnte die drei bis zu dem Haus da drüben verfolgen, Kolja rannte hinein, und der Fröhliche U ihm hinterher.« »Wer?« fragte Kolja Sadowski. »Der Fröhliche U, das ist der Dicke«, erklärte Julka. »Der Ratt jedoch - das ist der zweite Pirat, der sich in Alla Sergejewna verwandelt hatte - lief in den Hof.« »Ist das ein Durchgangshof?« fragte Katja Michailowa. »Ja. « »Alles klar«, sagte Fima, »er wollte Kolja am Hinterausgang abfangen.« »Aber er hat es nicht getan«, entgegnete Alissa. »Im Hof saß ein Mann mit einem Buch, und er hat mir versichert, daß nie- mand vorbeigekommen ist.« »Und wenn das nun der Ratt war, der bloß sein Äußeres geändert hatte?« fragte Julka. »Vielleicht hat er dich getäuscht, damit der Dicke inzwischen hinter Kolja her konnte?« Alissa überlegte einen Augenblick. »Nein, der Mann war echt. Ich hab mich lange mit ihm unterhalten. Die beiden hätten auch nicht unbemerkt in den 318 angrenzenden Hof gelangen können - dort saßen etliche Frauen mit Kindern.« »Alles klar«, resümierte Fima. »Wir müssen von der Hypothese ausgehen, daß sich die Piraten auf dem Dachboden des Hauses versteckt haben.« »Wieso auf dem Dachboden?« fragte Katja Michailowa erstaunt. »In dem Haus gibt es mindestens zwanzig Wohnungen. Ist doch möglich, daß sie sich in einer davon verschanzen.« »Nein, wir fangen mit dem Boden an. Ich hab da so eine Ahnung, und meine Vorahnung trügt nie«, beharrte Fima. »Na, gewiß doch«, sagte Julka bissig, »vorgestern hattest du ja auch so eine Ahnung, daß du nicht in Geografie drankommen würdest, erinnerst du dich?« »Ach, Kinder, bin ich aufgeregt!« seufzte die hübsche Larissa. »Ich sterbe fast vor Angst. Wär ich mal lieber nicht mitgekommen!« »Dann geh doch nach Hause«, sagte Fima. »Von dir haben wir ohnehin keinen Nutzen.« »Fima, das ist jetzt die letzte Warnung«, drohte Katja Michailowa. »Wenn du nicht aufhörst mit deinen Unverschämtheiten, setzen wir dich ab.« »Jawohl, wir setzen dich ab!« »Ich hab das ja auch nicht so gemeint«, rechtfertigte sich Larissa. »Ich wollte nur sagen, daß ich von all den Aufregungen furchtbaren Hunger bekommen habe. Das geht mir schon bei Klassenarbeiten so.« »Ich muß irgendwo noch ein Stück Schokolade haben«, sagte Julka und öffnete ihre Mappe. 319 »Also gut«, lenkte Fima ein, »dann laßt mal konkrete Vorschläge hören.« »Was für Vorschläge?« fragte Kolja Sadowski erstaunt. »Wir müssen das Haus absuchen, das ist doch jedem Igel klar.« »Gut«, sagte Fima, »der erste Vorschlag lautet: das bewußte Haus absuchen. Sollte uns an einer der Wohnungen was Verdächtiges auffallen, nehmen wir sie ins Visier. Aber anfangen sollten wir trotzdem mit dem Dachboden.« »Also ich komm nicht mit auf den Boden«, erklärte Larissa. »Dort gibt's womöglich Ratten oder Schaben, da sterb ich vor Angst.« »Na schön, vom Dachboden bist du befreit«, gestattete Fima. »Du bleibst unten auf der Bank sitzen.« »Moment mal«, schaltete sich Mila Rutkewitsch ein, die sich wieder beruhigt hatte. »Fima hat doch gesagt, das Myelophon läge bei Kolja Naumow zu Hause. In einer Kiste unterm Tisch. Ist das richtig?« »Richtig. Er selbst hat es mir gezeigt. « »Und wenn Kolja nun nicht dicht hält? Dann gehen die Piraten hin und holen sich den Apparat. Das wär nicht auszudenken!« »Ganz und gar nicht auszudenken!« bestätigte Alissa, die sich bis dahin kaum ins Gespräch gemischt hatte. »Dann wären all unsre Bemühungen umsonst gewesen.« »Er wird es niemals verraten«, sagte Fima, »selbst unter der schlimmsten Folter nicht. Kolja ist mein Freund, ich kenne ihn wie mich selbst.« 320 »Wie dich selbst!« höhnte Mila voller Verachtung. »Dir braucht man gar nicht erst mit Folter zu kommen, ein scharfer Blick genügt schon, damit du auspackst.« »Wir wissen alle, daß Naumow kein Feigling ist«, sagte Katja Michailowa, »aber die Piraten könnten ihn täuschen.« »Wie denn?« »Na, wie schon? Der Ratt verwandelt sich in Koljas Mutter und sagt zu ihm: >Nun gib mal den Apparat raus.< Und er wird's natürlich tun.« »Oje, das ist ja nicht auszudenken!« stöhnte Alissa. »Na hör mal, Kolja ist doch kein Idiot!« erwiderte Fima, allerdings nicht mehr ganz so überzeugt wie vorher. »Also ich schlage vor, daß jetzt jemand zu Naumow nach Hause geht und das Myelophon holt«, sagte Mila Rutkewitsch. »Am besten gehen Alissa und Fima. Alissa kennt ihren Apparat, und Fima könnte sagen, daß sie im Auftrag von Kolja kommen.« »Und was machen wir, wenn wir das Myelophon haben?« fragte Fima. Die andern schwiegen, sahen Alissa an. Die, aber begriff nicht, warum sie angestarrt wurde. Da sagte Mila Rutkewitsch: »Wir verstehen sehr gut, daß Alissa so schnell wie möglich zurück muß. Soll sie also, sobald ihr das Myelophon habt, in die bewußte Wohnung gehn, wo sich die Zeitkabine befindet. Fima wird sie hinführen.« »Ohne Schlüssel kommen wir dort nicht rein«, wandte Fima ein. 321 »Dann mußt du dir eben was einfallen lassen, damit Koljas Mutter ihn euch gibt«, sagte Katja Michailowa. »Du bist doch sonst nicht auf den Kopf gefallen. Also setz deine Begabung wenigstens einmal im Leben zum Nutzen anderer ein. Du begleitest Alissa und kommst postwendend zurück.« Julka spürte jäh einen Kloß in der Kehle. Aber das ging doch nicht, so plötzlich ... Sie wollte Einspruch erheben, wollte sagen, daß Alissa sich zuerst von den Gribkows verabschieden müsse, weil sonst die Großmutter sehr traurig wäre, doch Larissa streckte schon ihre Hand aus und sagte: »Mach's gut, Alissa. Es war sehr nett, dich kennenzulernen.« Alissa aber erwiderte böse: »Habt ihr denn alle den Verstand verloren? Glaubt ihr vielleicht, ich suche das Weite und laß euch die Sache mit Kolja allein ausbaden? Also wirklich, ihr müßt mich für den letzten Dreck halten, wenn ihr mir so was zutraut! Ihr selber seid mir, ohne zu zögern, zu Hilfe geeilt, und ich verschwinde so einfach, ja?! Wie eine verdammte Egoistin, ja?« Ihr traten vor Entrüstung die Tränen in die Augen. Julka fief ein Stein vom Herzen. Sie hatte schon befürchtet, Alissa könnte den vernünftigen Vorschlag Milas beherzigen und auf der Stelle in ihre Zeit zurückkehren. Natürlich hätte Julka nicht versucht, sie daran zu hindern ... Alle schwiegen peinlich berührt, so, als hätten sie Alissa etwas Ehrenrühriges vorgeschlagen. Obwohl Mila, bei Licht besehn, einleuchtend und logisch argumentiert hatte. 322 Als erste nahm Katja Michailowa das Wort. »Alissa hat recht. Sie hat so lange nach dem Myelophon gesucht, da kommt es jetzt auch nicht mehr drauf an. Außerdem wird sie uns sehr von Nutzen sein. Sportlich wie sie ist, nimmt sie Hürden, die wir niemals bewältigen würden, sie kennt auch die Piraten viel besser als wir. Und überhaupt sollten wir die ebenfalls zurückschicken.« »Unbedingt!« stimmte Larissa zu. »Die dürfen auf keinen Fall hierbleiben! Nein sowas, und ich wollte mich schon von Alissa verabschieden ... « Julka stieß einen Seufzer der Erleichterung aus und bemerkte, daß ihre Mappe noch immer offen war. Weshalb eigentlich? Ach ja, sie wollte für den Vielfraß Larissa nach Schokolade suchen. Julka steckte die Hand in die Tasche, doch statt der Schokolade ertasteten ihre Finger einen schweren, in Papier gewickelten Gegenstand. »Was ist denn das?« fragte sie und brachte ein Paket zum Vorschein. Es war ziemlich groß und fühlte sich wie ein Brotlaib an. Julka wickelte es raschelnd aus. »Na, das ist ein Ding!« sagte Alissa. »Was ist denn?« fragte Larissa. »Was ist passiert? Etwas Schlimmes? Wie Schokolade sieht das jedenfalls nicht aus.« »Nein«, sagte Alissa, »es ist das Myelophon.« 324 20. Die Suche geht weiter »Wegen diesem Ding bist du zu uns gekommen?« fragte Katja Michailowa. »Siehtgar nicht so interessant aus«, sagte Larissa. Alissa brachte eine Schnur mit einem kleinen Ohrhörer zum Vorschein, steckte ihn ins Ohr und drückte einen roten Knopf auf dem Gehäusedeckel. Sie wartete einen Augenblick, betätigte einen zweiten Knopf und begann an einem Rädchen zu drehen. Plötzlich lachte sie laut auf. »Was ist?« fragte Julka. »Es funktioniert«, sagte Alissa, »es ist alles in Ordnung.« »Und warum hast du gelacht?« »Weil Larissa gerade darüber nachdenkt, ob du weiter nach der Schokolade suchen wirst oder ob du's vergessen hast.« »Ist doch Quatsch!« Larissa wurde rot wie ein gebrühter Krebs. »Ich hab kein bißchen an die Schokolade gedacht. Mir ist der Hunger vergangen. Dieser Apparat ist nichts als Betrug.« Die andern brachen in Gelächter aus, Fima rutschte direkt von der Bank, so schüttelte es ihn. Alle wußten, wer recht hatte. »Aber wie kommt das Myelophon in Julkas Tasche?« fragte Mila Rutkewitsch, als wieder Ruhe eingekehrt war. »Irgendwer muß es dort reingesteckt haben.« 325 »Ich hab's gesehn, doch natürlich nicht an so was gedacht«, sagte Larissa. »Kolja Naumow hat sich vor dem Unterricht an Julkas Platz zu schaffen gemacht. Ich hab ihn noch gefragt, ob er vielleicht ein Liebesbriefchen hinterlegt, aber er fuhr mich so an, daß ich mich nicht mehr um die Sache kümmerte.« Katja Michailowa faltete, ordnungsliebend wie sie war, die Zeitung zusammen, in die das Myelophon gewickelt war, und rief: »Seht mal, eine Notiz!« »Gib her«, sagte Alissa und las laut vor: »>Du weißt sowieso schon alles oder wirst es bald erfahren. Wenn du der Meinung bist, ich sei schuld und verdiene Strafe, will ich nicht widersprechen. Aber ich geb dir mein Ehrenwort, daß ich den Apparat nicht stehlen, sondern bloß vor den Banditen retten wollte. Entschuldige die Verzögerung. Schade, daß du nicht bei uns bleiben kannst.< Das war's.« »Keine Unterschrift?« fragte Mila. »Nein.« »Es ist seine Handschrift«, erklärte Fima, der von hinten herangetreten war, »ich kenne sie genau.« »Hätte er das Myelophon doch schon gestern zurückgegeben«, seufzte Mila Rutkewitsch. »Na ja, unsre Jungs zeichnen sich nicht gerade durch Schlauheit aus«, sagte Larissa. »Erst fremdes Eigentum an sich nehmen und es dann andern in die Mappe stecken! Der reinste Kindergarten.« Alissa hängte sich das Myelophon über die Schulter. »Pack es lieber in die Tasche«, sagte Julka, »sonst verlierst du es womöglich.« 326 »Nein«, erwiderte Alissa, »wir werden es brauchen.« »Laß mich den Apparat tragen«, drängte Fima, »ich würd mir gern ein paar fremde Gedanken anhören.« »Ihr müßt schon entschuldigen«, sagte Alissa, »aber ich möchte das Myelophon selber nehmen. Nicht etwa aus Angst, ihr könntet es kaputt machen und weil ich euch nicht traue, sondern weil es diesen Apparat erst in hundert Jahren geben wird. Er existiert praktisch noch nicht.« »Schade«, sagte Fima. »Außerdem gehört ihr das Myelophon nicht persönlich«, ergänzte Mila, um Alissa den Rücken zu stärken. Alissa erhob sich von der Bank und bat Kolja Sadowski: »Würdest du meine Tasche tragen?« »Gib her.« »Wie geht's jetzt weiter?« fragte Fima, der trotz allem hoffte, den Apparat später, wenn alles im Lot war, doch noch in die Hand zu bekommen, und sei's für eine Minute. »Das Gerät kann menschliche Gedanken auf eine Entfernung von etwa zehn Metern auffangen«, sagte Alissa. »Wenn wir jetzt in das bewußte Haus gehn und an den Wohnungen lauschen, können wir genau hören, ob sich Kolja und die Piraten dort aufhalten.« »Aber ja«, rief Julka, »das ist einfach bis zur Genialität!« »Es hat allerdings keinen Sinn, wenn wir alle zusammen hingehn«, wandte Katja Michailowa ein. »Ein 327 Teil von uns sollte hier warten. Wozu im Riesentrupp durch die Etagen stapfen?« Doch freiwillig wollte niemand zurückbleiben. Schließlich einigten sie sich darauf, daß vier Mann auf Erkundung gehen sollten. Larissa wurde nach Hause geschickt, denn sie hatte den größten Hunger und konnte auch den anderen ein paar Stullen machen. Als sie weg war, bezweifelten allerdings alle, ob sie je zurückkommen würde. Hinlänglich als Trantüte bekannt, würde sie, sobald sie sich satt gegessen hatte, bestimmt einschlafen und nicht vor dem Abend wieder an ihre Mitschüler denken. Deshalb opferte sich Mila Rutkewitsch, erbot sich ihrerseits, Proviant herbeizuschaffen. Zumal sie vom gestrigen Geburtstag ihres Bruders eine noch fast unberührte Torte zu Hause hätten. Drei Torten hätten sie verputzt, die vierte nicht mehr. Ins Haus gingen Alissa, Fima, Kolja Sulima und Katja Michailowa. »Ich bestehe trotzdem darauf, mit dem Dachboden anzufangen«, beharrte Fima. »Du kennst unser Leben nicht gut genug, Alissa, deshalb muß ich dir erklären, daß sich die Konterrevolutionäre während des Bürgerkrieges fast immer auf den Dachböden versteckten.« »Was du nicht sagst!« erwiderte Katja. »Das liegt fast hundert Jahre zurück!« »Ich hab davon gelesen«, sagte Alissa. Der Fahrstuhl machte in der obersten Etage halt, und die Kinder stiegen aus, bemüht, leise zu sein. 328 »Stell dich lieber weiter hinten auf«, flüsterte Katja Alissa zu, »damit sie nicht gleich an das Myelophon herankommen.« Alissa nickte - Katja hatte recht: Wenn die Piraten den Apparat sahen, könnten sie nach ihm schnappen und damit fliehn. Die Kinder stiegen die Stufen zum Boden hinauf - vor der Tür hing ein massives Vorhängeschloß. »Hier waren sie nicht«, sagte Alissa. »Wir dürfen sie nicht unterschätzen«, widersprach Fima. »Die sind imstande, das Schloß abzunehmen und wieder ranzuhängen. Inzwischen wissen wir ja, wozu sie fähig sind.« Katja Michailowa fuhr mit dem Finger über das Schloß - es war staubig. »Hier ist schon seit ein paar Tagen niemand mehr gewesen«, konstatierte sie. Kolja Sulima lächelte. »Fima wird gleich behaupten, die Piraten hätten in ihrer Raffiniertheit den Staub nachträglich aufgetragen. Sie hätten eigens zu diesem Zweck welchen mitgebracht.« »Warum nicht?« Fima gab sich nicht geschlagen. »Ist doch denkbar. Die sind verteufelt schlau.« Alissa wollte keine Zeit mehr auf die sinnlosen Streitereien verschwenden und machte Anstalten, einen Stock tiefer zu steigen.. »Halt« rief Fima. »Hör trotzdem rein. Womöglich bereust du's nachher.« »Also gut ... « Alissa näherte sich der Bodentür, schaltete das Myelophon ein und begann die verschiedenen Frequenzen abzusuchen. 329 »Na, was ist?« drängte Fima. »Nichts. Bloß ein paar Tauben.« »Laß mich mal ran«, bat Fima. »Nur ganz kurz.« »Da ist nichts zu hören!« »Gib endlich Ruhe, Fima«, schimpfte Katja Michailowa. »Wir waren uns schließlich einig.« Alissa schaltete den Apparat aus, und die vier begaben sich eine Treppe tiefer. Auf diesem Absatz gab es drei Wohnungen. »Wollen wir klingeln?« fragte Kolja Sulima. »Nein, wir versuchen's ohne«, antwortete Alissa. »Die Gedanken dringen auch durch die Tür.« Sie ging zur ersten Tür, lauschte. »Es ist niemand da«, erklärte sie nach einer Weile. »Hör zu, Alissa«, sagte Fima, »vielleicht hat Naumow den Apparat kaputt gemacht?« Alissa wollte schon brüsk widersprechen, doch Kolja Sulima, der an der zweiten Tür stand, flüsterte-. »Dort drinnen unterhalten sich welche.« Alissa rannte hinüber. »Na, hörst du was?« »Stör mich nicht, Fima, da ist wirklich jemand.« »Und wer? Etwa die Piraten?« »Nein. Bloß ein altes Ehepaar. Sie streiten sich schon seit dem Morgen, wer die Milch für ihre Katze holen soll.« »Die arme Katzel!« sagte Katja Michailowa. »Naumow ist jedenfalls nicht dort«, erklärte Alissa. »Alles klar«, sagte Fima. »Laß mich das mal überprüfen.« Alissa reichte ihm den Ohrhörer - dieser Quengler gab ja doch keine Ruhe. 330 Fima lauschte mit geneigtem Kopf. »Junge, Junge, eine geradezu phantastische Technik! ... Sogar die Katze höre ich!« »Nun reicht's aber«, schimpfte Katja Michailowa. Sie hätte selber gern gelauscht, doch derStolz verbot ihr, darum zu bitten. Alissa war inzwischen zur dritten Wohnungstür getreten. »Willst du mal?« fragte sie, an Katja gewandt. »Danke, sehr gern, wenn's dadurch nicht kaputt geht ... « Alissa reichte ihr den Ohrhörer, in dem es zunächst nur rauschte. Alissa drehte eine Weile an dem Rädchen, sagte: »Heb die Hand, sobald du was hörst.« Kurz darauf hob Katja die Hand. Sie vernahm ein fernes, kraftloses Stimmchen: »Warum ruft er bloß nicht an? Ach, wenn er doch endlich anrufen würde ... Vielleicht hat er meine Nummer nicht richtig notiert? Aber nein, ich hab sie, ihm ja selber aufgeschrieben ... Er wollte sich doch gleich früh melden, noch vor den Vorlesungen ... « »Das muß irgendeine verliebte Gans sein«, sagte Katja. »Ist ja direkt peinlich, sich das anzuhören.« »Wir machen das schließlich nicht zu unserem Vergnügen«, sagte Kolja Sulima. »Willst du auch mal?« fragte Alissa. »Nein, danke ... Vielleicht später.« »So, Schluß. Er hat endlich angerufen«, berichtete Katja. »Nun gurrt sie und turtelt. Kannst dich selbst überzeugen. Piraten jedenfalls sind da keine.« Eine Etage tiefer waren zwei Wohnungen leer - ihre Besitzer offenbar zur Arbeit gegangen. Nur ein Hund 331 schlief dort und träumte von zehn Katzen, die ihm einen Knochen streitig machen wollten. In der dritten Wohnung aber saß ein kleines Mädchen und wartete auf seine Mutter, die endlos lange nicht vom Einkaufen zurückkehrte. Die Kleine war traurig und stellte sich in ihrer Angst die schlimmsten Dinge vor, sie fürchtete, daß ihre Mama niemals wiederkommen würde. Kein Pirat hätte sich so verstellen können. Die drei letzten Etagen bewältigten die Kinder in zwanzig Minuten. Alissa überließ jedem ihrer Begleiter abwechselnd das Myelophon, aber sie konnten nichts Verdächtiges entdekken. Hinter den Türen all der Wohnungen lebten ganz normale Leute, die sich unterhielten, stritten und wieder versöhnten - doch keiner, der einen anderen folterte oder bedrohte. Auch im Keller fanden sie niemanden. 332 21. Ischutin wird entlarvt Im Hof wartete Mila Rutkewitsch mit einem butterdurchtränkten Stullenpaket. »Mittagspause!« rief Julka. »Habt ihr was gefunden?« »Nichts«, sagte Alissa. »Sie sind zwar alle in das Haus reingegangen, aber rausgekommen ist niemand. Ich hab nicht die geringste Ahnung, was wir jetzt noch tun könnten.« »Wir setzen uns erstmal auf die Bank dort«, schlug Katja Michailowa vor. »Ein Kopf ist gut, zehn sind besser. Uns wird bestimmt was einfallen.« »Klar fällt uns was ein«, sagte Fima Koroljow, ich zum Beispiel hab schon die eine und andere Idee.« »Na, sicher«, stichelte Kolja Sadowski, »ich kann deine Gedanken nämlich ohne Myelophon lesen. Koroljow bastelt an einer Idee herum, wie er Kosmosflüge mit Hilfe von Luftballons realisieren könnte.« »Hör auf!« brummte Fima. »Mit dir kann man unmöglich ernsthaft reden.« »Ich hab auch nicht vor, ernsthaft mit dir zu reden«, erwiderte Sadowski. »Wenn man mit dir ernsthaft redet, platzt man vor Lachen.« Mila verteilte belegte Brote und Gurkenhälften. In diesem Augenblick erschien zu aller Überraschung auch Larissa. Sie verzog gähnend das Gesicht und schleppte einen vollen Verpflegungskorb mit. »Himmel, bin ich 333 müde!« sagte sie. »Ich bin im Gehen dauernd eingeschlafen.« »Larissa, du bist großartig!« sagte Kolja Sulima anerkennend. »Ist das dein Ernst?« fragte Larissa. »So was hört man gern.« Sulima gefiel ihr, weil er besonnen war, Schach spielte und eine Brille trug. »Natürlich ist das nicht sein Ernst«, sagte Fima. »Wenn du mir nicht glaubst, brauchst du bloß das Myelophon zu nehmen, dann weißt du, was er wirklich denkt.« »Ich hab mein Lebtag noch keine fremden Gedanken belauscht und werd das auch künftig nicht tun.« »Warum?« fragte Julka und machte sich daran, den Korb auszupacken. »Weil der andere vielleicht was Unanständiges denken könnte.« »Meine Güte«, rief Julka, »wo hast du denn die vielen Fressalien her!« »Hat mir alles meine Großmutter mitgegeben«, erwiderte Larissa, »ich hab ihr die Sache erklärt.« »Was hast du ihr erklärt?!« fragte Katja Michailowa erschrocken. »Na ja, nur das Nötigste«, schränkte Larissa ein. »Ich hah ihr gesagt, daß ein Mädchen aus der Zukunft zu uns gekommen ist, das großen Hunger hat.« »Und sie?« »Großmutter hat bloß geseufzt und gesagt: >Ach du lieber Gott, so ein langer Weg und nichts zu essen!< Dann haben wir den ganzen Kühlschrank ausgeräumt.« Und an Alissa gewandt: »Hier, koste mal die Pirogge, 334 Großmutter hat ausdrücklich erklärt, sie sei für dich. Sie sagt, solche gibt es bei euch nicht mehr, weil sie ihr Geheimnis mit ins Grab nehmen wird.« »Sie sollte es lieber an dich weitergeben«, sagte Julka. »Bei mir ist das vergebliche Mühe«, seufzte Larissa, »ich bin nämlich völlig unbegabt für Hauswirtschaft.« Alissa kaute auf der Pirogge herum und überlegte fieberhaft, wie es weitergehen sollte. Die Zeit verstrich, es war schon fast zwölf. »Und was machen wir jetzt?« fragte Julka, die Alissas Gedanken auch ohne Myelophon erriet. »Ist doch klar«, sagte Fima. Er mampfte an einem großen Stück Torte, und seine roten Backen zierte ein rosafarbener Bart. »Wir ruhn uns ein bißchen aus und setzen danach unseren Rundgang fort. « »Wohin denn noch?« sagte Alissa. »Wir haben ja schon das ganze Haus abgesucht.« »Dann gehen wir eben in die angrenzenden Häuser«, erwiderte Fima. »Wenn du nicht mehr kannst, lös ich dich mit dem Myelophon ab.« »Ist doch Quatsch,« die anderen Häuser abzuklappern!« protestierte Alissa. »Sie sind hier nicht rausgekommen.« »Moment mal«, sagte Sadowski, »bist du auch ganz sicher, daß sie keine Tarnkappen haben?« »Ausgeschlossen, das wäre unwissenschaftlich.« »Aber wieso bist du überzeugt, daß sie das Haus nicht verlassen haben?« ließ sich Mila Rutkewitsch vernehmen. »Wenn dieser Mann nun gelogen hat?« 335 Kolja Sulima erhob sich von der Bank und sagte: »Wir haben zwei Möglichkeiten. Erstens - wir suchen mit dem Myelophon sämtliche Häuser in diesem Hof ab ... « »Und die zweite Möglichkeit?« fragte Alissa. »Besteht darin, jenen Mann ausfindig zu machen, mit dem du gesprochen hast, und seine Gedanken zu überprüfen.« »Das ist genial!» rief Larissa aus. »Das mit der Uberprüfung können wir uns sogar sparen. Ich brauch einem Menschen nur tief in die Augen zu schaun, schon weiß ich, ob er die Wahrheit sagt oder nicht.« »Mit dem Myelophon ist es trotzdem sicherer«, beharrte Sulima. »Sag mal, Alissa, hast du nicht zufällig bemerkt, in welches Haus er gegangen ist?« »Ich hab nicht darauf geachtet. Wahrscheinlich in das da«, Alissa wies auf die Tür eines gelben dreistöckigen Hauses. Und - solche Zufälle soll's ja geben - genau in diesem Moment öffnete sich die Tür des Hauses, heraus aber kam ein etwas dicklicher, geschniegelter Mann mit Jacke, Hosen und Schuhen aus Wildleder. »Das ist er!« flüsterte Alissa und tastete sofort nach dem Ohrhörer in ihrer Tasche. Als der Mann Alissa erblickte, wich er unwillkürlich einen Schritt zurück. Er war sichtlich erschrocken. Etwa eine Minute blieb er wie angewurzelt in der Tür stehen, tat, als überlege er, ob er oben vielleicht die Schlüssel vergessen habe. Er klopfte seine Taschen ab - da waren die Schlüssel. Dann holte er seine Brieftasche hervor, schaute hinein, Alissa aber 336 vernahm die ganze Zeit seine Gedanken: Was will dieses verflixte Mädchen denn noch hier? Sogar Verstärkung hat sie mitgebracht. Hat sie mir etwa nicht geglaubt, hegt einen Verdacht? Doch was hätte ich anderes tun sollen, ich will in nichts hineingezogen werden! Das ist ganz allein ihre Angelegenheit ... Und überhaupt, die machen sich's leicht, die haben bestimmt alle selber was auf dem Kerbholz ... Ich werde jetzt versuchen, den Ring zu durchbrechen. Sie dürfen auf keinen Fall denken, ich hätte Angst vor ihnen ... Und Pjotr Ischutin, der Wildledermann, überquerteentschlossen den Hof in Richtung Ausgang. »Er weiß etwas«, sagte Alissa hastig, »aber er verheimlicht es.« »Ich werd mit ihm reden«, erbot sich Fima und sprang von der Bank auf »Laß mal, ich kann das besser«, entgegnete Kolja Sadowski. »Du iß erst mal deine Pirogge auf.« Sadowski holte den Mann mit einigen Schritten ein, versperrte ihm den Weg und fragte laut, so daß ihn die anderen hören konnten: »Entschuldigung, Sie sind nicht zufällig Napoleon?« »Wie bitte?« fragte Ischutin. »Wieso Napoleon?« In seinem Hirn aber jagten sich, für Alissa deutlich zu vernehmen, die Gedanken: Das ist eine Anspielung. Der Kerl vorhin war als Napoleon verkleidet. Ich darf mich unter keinen Umständen verraten! Da bin ich schön zwischen zwei Feuer geraten .. Ich hab weder von denen hier Schonung zu erwarten noch von den anderen ... Ob ich zur Miliz gehe? Aber was soll ich dort erzählen? 337 »Sollten Sie nämlich Napoleon sein«, fuhr Sadowski fort, der ein Meister darin war, den größten Unsinn mit der ernstesten Miene der Welt vorzubringen, »könnten Sie jeden Augenblick erschossen werden. Oder wissen Sie nicht, daß die Jagdsaison auf Ihresgleichen eröffnet worden ist? Ihr Fell würde sich ungemein gut in meinem Gästezimmer ausnehmen. Darf ich mal anfassen?« Sadowski streckte die Hand aus, um das Rauhleder zu berühren. Ischutin wich erschrocken zurück, er hatte völlig vergessen, daß er im Grunde dreimal so stark wie der Junge war. Seine Gedanken galoppierten: Will er damit andeuten, daß ich hier nicht lebend wegkomme? Ob ich schreie? Das wär wohl das Beste - es ist hellichter Tag, irgendwer wird schon zu Hause sein und mir zu Hilfe eilen. Aber die Wahrheit sagen, geht auch nicht. Der Kerl von vorhin schaut unter Garantie aus dem Fenster und beobachtet mich. Sobald ich ein Wort verrate, macht er mich kalt ... Alissa, als sie das gehört hatte, stand auf und ging gleichfalls zur Haustür. Bei Sadowski angekommen, sagte sie: »Laß ihn laufen. « »Richtig, das ist eine Unverschämtheit«, entrüstete sich Ischutin und hastete davon. Er war schon fast am Torbogen, da stellte sich ihm dieses gräßliche Mädchen erneut in den Weg und sagte leise, fast verschwörerisch: »jetzt sieht man Sie vom Fenster aus nicht mehr, Sie können also mit der Wahrheit herausrücken.« »Woher weißt du?« stotterte Ischutin. Ihm knickten die Beine weg, er mußte sich gegen die Wand lehnen. 338 »Haben sie den Jungen gefangen?« »Keine Ahnung..., ich hab nichts gesehn!« schrie Ischutin. Alissa hörte mit dem einen Ohr die Beteuerungen, mit dem anderen die Gedanken des Mannes, der dem Grundsatz lebte, sich nirgends einzumischen: Natürlich haben sie ihn gefangen, der Junge war fast bewußtlos ... Ischutin fand die Kraft, Alissa wegzustoßen und auf die Straße hinauszulaufen. Nur möglichst weit weg von diesem scheußlichen Haus, dachte er, und: Nie wieder hierher zurückkehren! Noch heute besteige ich irgendeinen Zug, egal wohin - von mir aus nach Magadan ... Kolja Sadowski hatte den Mann inzwischen eingeholt und ihm abermals den Weg versperrt. »Wir waren mit unserer Unterhaltung noch nicht fertig«, sagte er, »das Interessanteste kommt erst.« Ischutin war erneut gezwungen stehenzubleiben, und Alissa, die ihm nachgeeilt war, drängte: »Wohin haben sie den bewußtlosen Jungen gebracht?« Elende Hexe, dachte Ischutin, sie macht sich noch lustig über mich. Weiß ohnehin alles und macht sich lustig. Als ob ihr nicht bekannt wäre, daß sie den Jungen in den zugenagelten Schuppen dort drüben geschleppt haben ... »Genug«, sagte Alissa zu Sadowski, »du kannst ihn laufenlassen, wir brauchen ihn nicht mehr. Sie haben Kolja in den Schuppen dort gebracht.« »Du kannst wohl Gedanken lesen?« fragte Ischutin und dachte erleichtert: Ein Glück, daß sie mich laufenlassen. Es hätte schlimmer ausgehn können. 339 »Sie sollten sich schämen!« sagte Alissa. »Da entführen zwei erwachsene Männer einen Jungen, Sie aber haben vor lauter Angst nichts anderes zu tun, als die Verbrecher zu decken.« »Ich wollte das ja nicht, sie haben mich gezwungen«, rechtfertigte sich Ischutin. »Konnte ich denn wissen, ob die Männer im Unrecht waren?« »Sie sind ein Schuft«, sagte Sadowski, nun allen Ernstes. »Widersprechen Sie ja nicht! Aber wir werden uns wiedersehn, Sie entkommen mir nicht ... « Bei diesen Worten gab Ischutin endgültig Fersengeld. Er rannte so schnell davon, daß seine wildledernen Jackenschöße flatterten wie zwei Gänseflügel. Alissa aber vernahm seine sich entfernenden Gedanken: Genauso ist es ... ich entkomme ihnen nicht..., irgendwer schnappt mich unter Garantie ... Aber wie ist das möglich? Ich mische mich nirgends ein und werde doch geschnappt ... Nein, soweit laß ich es nicht kommen. Niemals! Ich setz mich in den erstbesten Zug und fahre nach Magadan, nach Sotschi oder Lwow ... Ich such mir dort was als Koch und halte mich künftig aus allem heraus ... 341 »Hoffnungslos«, sagte Alissa, »diesen Ischutin ändert niemand mehr. Er ist ein Fall für den Psychiater.« »Los, zurück jetzt!« mahnte Sadowski. Sie machten kehrt, in Richtung Torbogen, plötzlich blieb Alissa wie angewurzelt stehen. »Halt!« flüsterte sie. An einem der Fenster im Schuppen, der den Piraten als Zufluchtsort diente, wurden die Bretter vorsichtig auseinandergeschoben, und heraus kletterte ein kleines altes Mütterchen mit krummem Rücken, weißem, gepunktetem Kopftuch und einem Strauß Tulpen in der Hand. Die Alte trippelte ohne besondere Eile zum Hoftor, und die Kinder auf der Bank schenkten ihr keine Beachtung, sahen nicht einmal, daß sie aus dem zugenagelten Haus kam. Alissa ging schnell auf Frequenzsuche, bestrebt, die Gedanken der Alten einzufangen. Und sie tat gut daran, denn niemand außer ihr hätte auch nur ein Wort in den Gedankengängen dieses so harmlos wirkenden Mütterchens verstanden: Sie dachte nämlich auf Kosmisch - einer Sprache, die hier und in dieser Zeit noch völlig unbekannt war. Konkret aber dachte die Alte- Schnell jetzt, die Gören haben diesen feigen Trottel erwischt. Bestimmt wird er auspacken, sobald er aus meinem Blickfeld verschwunden ist. Ich muß ihn einholen und unschädlich machen ... Wie ist ihm diese Alissa bloß auf die Schliche gekommen? Aber da steht sie ja, im Torbogen, und schaut zu mir herüber ... Was hat sie 342 denn im Ohr? Doch nicht etwa den Hörer vom Myelophon? Alissa packte Sadowski am Arm. »Beeil dich, wir müssen ins Haus!« Sie betraten das Gebäude in dem Augenblick, als der Ratt in Gestalt des alten Mütterchens mit ganz ungreisenhafter Behendigkeit dem Ausgang zustrebte. Durch die verglaste Haustür sahen sie, wie die Alte ihren Rock raffte, unter dem Napoleonsstiefel mit goldenen Sporen hervorblitzten, und auf der Straße um das Haus herumlief. Alissa hörte auch die Gedanken des Piraten: jetzt haben wir euch, ihr Täubchen, ihr sitzt in der Falle! Wenn schon der Bengel nichts erzählt hat - Alissa wird auspacken ... jetzt oder nie ... »Mir nach!« rief Alissa Kolja Sadowski zu. »Und stell jetzt keine Fragen!« »Das tu ich schon lange nicht mehr«, erwiderte Kolja und folgte dem Mädchen durch den Hinterausgang in den Hof. Als die andern sie erblickten, war ihnen sofort klar, daß etwas Wichtiges passiert sein mußte. »Habt ihr's rausgekriegt«, fragte Julka. »Wo sind sie?« »Kolja und der Dicke sind in dem vernagelten Haus dort drüben«, sagte Alissa, »der Ratt aber ist draußen auf der Straße und wird gleich wieder zurück sein. Bis dahin müssen wir Kolja befreien. Das Fenster auf der anderen Seite des Hauses ist nur flüchtig zugenagelt, die Bretter lassen sich auseinanderschieben. Dort klettern wir rein und machen, sobald wir drin sind, gewaltigen Krach. Wir müssen den Dicken aufschrecken, ist das klar?« 343 Als erste stieg vorsichtig Alissa durchs Fensteer, gefolgt von Kolja Sulima, Sadowski, Fima, Julka und Katja Michailowa. Die anderen blieben unter dem Kommandovon Mila Rutkewitsch draußen und umzingelten das Haus, damit niemand flüchten konnte. Die sechs aber, die in das Haus eingedrungen waren, befanden sich nun in einem großen leeren Raum. Er war mit lustiger hellblauer Tapete beklebt, die freilich hier und da von den Wänden blätterte. Man sah die hellen Flecke, wo früher Schränke und Kommoden gestanden oder Bilder gehangen hatten. Die Tür zum Korridor war offen, und Alissa näherte sich ihr auf Zehenspitzen. Sogleich drangen entfernt und aufgeregt die Gedanken des Fröhlichen U an ihr Ohr: Wo steckt bloß dieser Ratt? Weshalb läßt er mich so lange allein? Hier wimmelt es von Kindern, und sie finden garantiert unsre Spur. Vielleicht sollte ich lieber verschwinden ... Weshalb ist es so still? Die Gedanken kamen von rechts. »Mir nach!« rief Alissa. »Vorwärts!« Und sogleich ging ein Riesengetöse los: »Hurra!« schrien die einen. »Haltet sie! « - die anderen. »Kolja, wo bist du?« - die dritten. Der Lärm war so gewaltig, daß das Haus zu wackeln begann. Denn in der Sechs b gab es, wenn die Notwendigkeit dazu bestand, ohne Übertreibung regelrechte Weltmeister im Brüllen. Keine zehn Sekunden später waren die Kinder an der Kellertreppe angelangt, wo sie erst mal stehenbleiben mußten, weil ihnen, wie eine Bombe und total verstört durch die unerwartete Attacke, der dicke Pirat in seinem zerrissenen Umhang entgegenstürzte. 345 Der Dicke sauste durch den Korridor, sprang kopfüber durch das erste sich bietende, mit Brettern vernagelte Fenster und landete genau zu Larissas Füßen, die ahnungslos ein Stück Torte vertilgte. Fast hätte sie sich daran verschluckt, als so unversehens und mit Gepolter ein großes, rundes, unförmiges Etwas vor ihr aufklatschte. Doch sie fing sich schnell wieder und sagte zu dem bäuchlings auf der Erde liegenden Piraten: »Da sehen Sie, wohin es führt, wenn man sich benimmt wie Sie.« Der Dicke machte Anstalten, sich zu erheben, doch das gelang ihm nicht. Er war, einem besiegten Boxer gleich, k. o. Borja Messerer sprang zu ihm und begann wie ein Schiedsrichter im Ring zu zählen: »Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs ... Aus!« 346 22. Leb wohl, Supergirl! Die Kinder rannten in den Keller, aus dem soeben der dicke Pirat gestürzt war. Dort herrschte Halbdämmer; nur ein spärlicher Lichtstreif, in dem aufgewirbelte Staubkörnchen tanzten, erhellte das Gesicht des auf dem Fußboden liegenden Jungen. Alissa beugte sich über ihn. »Kolja«, sagte sie, »hörst du mich?« Naumow hatte einen großen Bluterguß unterm Auge und eine Schramme auf der Wange. Es kostete ihn Mühe, die Lider zu heben, als er mit dumpfer, benommener Stimme erwiderte: »Macht euch keine Hoffnungen, ihr werdet nichts finden ... Das Myelophon ist an einem sicheren Ort versteckt ... « »Kolja«, flüsterte Julka, »erkennst du uns denn nicht? Wir sind's doch, die Sechs b!« »Oh ... «, Kolja versuchte den Kopf zu heben, »ihr seid's ... Ich hab nichts verraten ... Sie haben einen Schuß auf mich abgegeben, da bin ich ohnmächtig geworden.. «. Dann haben sie mich geschlagen und gesagt, ich würde hier nicht lebend rauskommen ... Aber ich hab nichts preisgegeben ... Wo ist Alissa?« »Ich bin hier, Kolja, sei ganz ruhig. Wir haben das Myelophon gefunden.« Doch Naumow wurde plötzlich von Unruhe erfaßt. »Schnell«, sagte er, »lauf weg, von mir erfahren sie nichts ... Nun beeil dich, sie werden dich verfolgen ... « 347 »Koljalein«, Fima schluckte an seinen Tränen, »du bist ein Held.. ., du ... « »Ich bin ein Dummkopf und kein Held«, erwiderte Naumow. »Lauf weg, Alissa ... « »Uns kann nichts passieren«, sagte das Mädchen, »denn wir sind viele. Sie können uns nichts anhaben.« Doch das sollte sich als Irrtum erweisen. Schon im nächsten Augenblick rief eine Stimme hinter ihr: »Keine Bewegung! Der Junge hat recht. Du hättest tatsächlich sofort fliehen sollen, Alissa, statt dich mit der Rettung anderer zu befassen. Wer sich um Fremde kümmert, verliert letztlich immer. Und jetzt gib das Myelophon her, dummes Ding!« Die Kinder drehten sich um. In der Kellertür stand der Ratt, diesmal wieder als Napoleon verkleidet. In seiner Hand lag glänzend eine Pistole. »Komm schön her, na los«, er winkte Alissa mit dem Finger heran. »Und falls ihr zu schreien anfangt - hier hört euch niemand. Mit jedem Schuß kann ich drei von euch einschläfern. Ich bin ja nicht grausam, aber ich brauche das Myelophon. Na, wie ist's, muß ich noch lange warten?!« »Nimm es dir selber, versuch's doch!« sagte Alissa, denn sie hatte bemerkt, daß sich Kolja Sulima, vorsichtig und vom Ratt unentdeckt, seitlich wegstahl. »Da bitte, nimm es dir«, wiederholte sie und beobachtete aus den Augenwinkeln, wie sich Kolja an den Piraten heranarbeitete. »Das mach ich auch!« Der Ratt trat einen Schritt auf sie zu. 348 In diesem Augenblick stürzte sich Sulima auf ihn. Allerdings nicht sehr geschickt - Sport war nicht seine Stärke. Der Ratt winkelte den einen Arm ab, und Sulima prallte dagegen. Durch den Ruck löste sich ein Schuß aus der Pistole und traf die Decke. In dieser Sekunde griff Julka in den Kampf ein - sie aber war sehr gut im Sport. Sie setzte zu einem Sprung an und krallte sich in den Ärmel der Napoleonsuniform. Alissa vollführte ihrerseits einen Meistersprung, wohl den besten, der ihr je geglückt war - sie schnellte wie ein Vogel in die Höhe, griff nach der Pistole, die der Ratt noch immer über den Kopf hielt, und drehte dem Piraten den Arm um, so daß er die Waffe fallen ließ. Nun stürzten sich auch die anderen auf den Ratt, der unter den Leibern seiner anstürmenden Feinde geradezu versank. »Na so was«, rief Katja Michailowa plötzlich, »der glitscht ja weg!« Im Halbdämmer sahen alle, wie sich der Pirat in eine glatte, geschmeidige Kugel verwandelte und in die Ecke rollte. Niemand außer Alissa wußte, daß er die Gestalt eines Rollerers vom Planeten Wsik angenommen hatte. 350 Die Kinder standen wie erstarrt, Alissa aber hatte jetzt die Pistole - in der Hand und rief: »Keine Bewegung, Ratt vom Planeten Rattus! Sonst schieße ich!« Die Kugel rollte zum Ausgang. Alissa hob die Pistole und zielte - da aber gebot ihr eine Stimme von der Tür her Einhalt. »Nicht schießen, Alissa. Er kann uns nicht entkommen.« Auf den Stufen, die zum Keller hinunterführten, stand ein großer, schlanker Mann in blauem Anzug. Alissa ließ den Arm sinken. Die Stimme des Mannes hatte so entschieden geklungen, daß sie einfach gehorchen mußte. »Ratt«, befahl der Fremde, »nimm gefälligst eine halbwegs vernünftige Form an. Dein Spiel ist aus.« Gleich darauf stand wieder Napoleon vor ihnen, Kolja Naumow aber sagte: »Ich bin an allem schuld, Nikolai Nikolajewitsch ... « »Ach, Sie sind wohl der Diensthabende von der Zeitstation?« fragte Alissa. »Ja, der bin ich«, erwiderte Nikolai Nikolajewitsch, »und die Schuld liegt eher bei mir. Aber dazu später.« »Der zweite Pirat ist geflohen«, sagte Alissa. »Er ist nicht weit gekommen«, entgegnete der Mann, »er liegt ausgeknockt draußen auf dem Hof. Wir müssen ihn möglichst schnell wegschaffen, ehe die Nachbarn aufmerksam werden.« Und an den Ratt gewandt: »Komm jetzt, du Kosmosschreck, und versuch nicht, zu türmen!« 351 »Aber nein, auf gar keinen Fall!« beeilte sich der Dünne zu versichern. »Ich war ja nur ein blindes Werkzeug in den Händen des Fröhlichen U, er hat mich gezwungen ... « Alle aus der Sechs b, die sich an der »Operation Kosmospiraten« beteiligt hatten - die Bezeichnung stammte von Fima -, versammelten sich bei Kolja Naumow. Nikolai Nikolajewitsch hatte ihm eine Medizin gegeben und die Anweisung, bis zum Abend liegen zu bleiben, ja keine Kapriolen zu machen. Deshalb lag Kolja nun halb in den Kissen, mit stolzer und zugleich schuldbewußter Miene. Nikolai Nikolajewitsch aber stand, von den Kindern umringt, im Zimmer und sagte: »Es hat keinen Zweck, jemanden im nachhinein