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Alissa jagt die Piraten

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Alissa jagt die Piraten 
Kir Bulytschow 
 
 
 
Der Kinderbuchverlag 
Berlin 1988 
 
 
 
ISBN 3-358-00467-8 
1. Auflage 1988 DER KINDERBUCHVERLAG BERLIN - DDR 
1988 (für diese Ausgabe) 
Verlag Lumina, Kischinjow 1984 Lizenz-Nr. 304-270/62/88 
Gesamtherstellung: Karl-Marx-Werk Pößneck V 15/30 LSV 7733 
Für Leser von 10 Jahren an 
 Bestell-Nr. 633 1518 00670
 
 
 
Inhalt 
 
ERSTER TEIL 
 
Der Gast aus der Vergangenheit 
Und wenn nun eine Schlange hinter der Tür ist? 
Nein, das ist nicht Indien 
Der gleichaltrige Großvater 
Liebst du Mangomelonen? 
Der Autobus fährt nirgendwohin 
Auf zum Kosmodrom! 
Wie kommt man auf ein Raumschiff? 
Schwarzfahrer in der Vase 
Die Mißerfolge der Piraten 
Ein Besuch im Kosmoszoo 
Gib acht auf das Myelophon! 
Zurück zur Zeitmaschine! 
 
 
 
ZWEITER TEIL Die drei Koljas 
 
Sie kann sich an nichts erinnern 
Wir haben drei Koljas in der Klasse 
Ich bin doch dein Papa! 
Wie sich alles zugetragen hat 
Die Schuhe des Doktors 
Die Flucht 
Die Retter 
Wir werden gemeinsam lernen 
Ich habe sie noch nie gesehn 
Der Ersatzspieler 
Das ist ein Bandit aus der Zukunft 
Handfeste Beweise 
Ein seltsames Mädchen 
Frag den Sadowski 
Ein Supergirl 
Sie ist gefährlich 
Zweimal Alla Sergejewna 
Ischutin hält sich raus 
Kriegsrat 
Die Suche geht weiter 
Ischutin wird entlarvt 
Leb wohl, Supergirl! 
 
 
 
 
 
ERSTER TEIL 
 
Der Gast aus der Vergangenheit 
 
 
 
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1. Und wenn nun eine Schlange hinter der Tür ist? 
 
 
Koljas Eltern sind verhältnismäßig jung - noch keine 
vierzig, Auch sie selber halten sich keineswegs für alt; 
sie haben sich ein Boot gekauft, basteln daran herum, 
hätscheln es, schleppen es an Land und lassen es wieder 
zu Wasser. Sie laden Gäste ein, um Schaschlyk zu braten 
und über Wassertouristik zu reden. Doch was sind das, 
bei Licht besehn, schon für Touristen. Sie können nicht 
das geringste mit ihrem Glück anfangen. Voriges Jahr 
zum Beispiel schipperten sie zwei Wochen über die 
Wolga, legten aber nur ganze hundert Kilometer zurück 
- zum Totlachen! Kolja findet es langweilig mit ihnen, 
ihre Romantik sagt ihm nicht zu, sie ist ihm zu 
komfortabel, Und so weigerte er sich an jenem Sonntag 
im April kategorisch, ihnen beim Lackieren dieses 
Prunkstückes, der »Tschaika«, zu helfen. Er behauptete, 
am nächsten Tag eine Klassenarbeit schreiben zu 
müssen, und die Eltern waren so gerührt von seiner 
Gewissenhaftigkeit, daß sie ihm seinen Willen ließen. 
Auf diese Weise hatte Kolja plötzlich einen völlig freien 
Sonntag vor sich ohne Eltern und ohne Pflichten, er 
konnte fröhlich in den Tag hinein leben, wie einst der 
griechische Philosoph Epikur. 
Als Kolja erwachte, waren die Eltern bereits fort. Auf 
dem Tisch lagen ein Zettel mit der Bitte, Kefir zu holen, 
und ein Rubel. 
Am Morgen glaubt man, so ein freier Tag sei 
unendlich lang, deshalb ließ Kolja sich Zeit. Er schaltete 
 
 
8 
das Radio auf volle Lautstärke und überlegte, wen er 
anrufen könnte. Doch es war noch zu früh, seine 
Freunde schliefen gewiß alle. Also beschloß er, den 
Kefir zu holen. Er nahm den Rubel, eine Tasche, leere 
Flaschen und trat auf die Treppe hinaus. 
Auf der Treppe kamen ihm zwei Sanitäter mit einer 
zusammenklappbaren Trage entgegen. Sie waren schon 
älter und kräftig, erinnerten an Transportarbeiter, nur 
daß sie weiße Kittel und Käppis trugen. Kolja blieb 
stehen und bemerkte, daß die Tür des Nachbarn 
lediglich angelehnt war; Stimmen drangen aus der 
Wohnung. Die Sanitäter verschwanden mit der Trage 
hinter dieser Tür - dem Mieter, Nikolai Nikolajewitsch, 
mußte etwas zugestoßen sein. 
Der Mann lebte allein, war oft auf Dienstreise, doch 
über seine Arbeit wußte Kolja nichts. Er beschloß zu 
warten. Bald darauf öffnete sich die Tür, und die 
Sanitäter kamen mit der Trage heraus, auf der Nikolai 
Nikolajewitsch lag, blaß und fast bis zum Hals 
zugedeckt. Ein junger Arzt mit dickem Köfferchen 
folgte ihnen, er blieb an der Schwelle stehen und fragte: 
»Was soll mit der Wohnung werden?« 
In diesem Augenblick bemerkte Nikolai 
Nikolajewitsch, sichtbar erfreut, den jungen. »Grüß 
dich, Namensvetter«, sagte er leise. »Gut, daß ich dich 
treffe. Mein Herz macht Schwierigkeiten, weißt du. Ein 
Pech ist das!« 
»Keine Bange«, erwiderte Kolja, »Sie werden wieder 
gesund.« 
 
 
9 
»Danke für die guten Worte. Ich hätte eine Bitte an 
dich: Nimm meinen Schlüssel. Ich erwarte dieser Tage 
einen Freund aus Murmansk, und er weiß, daß der 
Schlüssel bei euch liegt, wenn ich nicht zu Hause bin.« 
»Aber klar, wie immer«, sagte Kolja. Und dann, an 
den Arzt gewandt: »Ziehen Sie die Tür einfach ran, und 
geben Sie mir den Schlüssel.« 
Kolja begleitete Nikolai Nikolajewitsch hinunter. Die 
Sanitäter schoben die Trage behutsam in den 
Krankenwagen - Herzpatienten brauchten absolute 
Ruhe. 
»Wann werden Sie wieder rauskommen?« fragte Kolja 
den Nachbarn, der bereits im Wagen lag. 
»In einem Monat, vielleicht auch eher. Ich rufe an, 
sobald ich aufstehn darf.« 
»Ja, rufen Sie an, ich komm Sie besuchen«, versprach 
Kolja. »Vielleicht möchten Sie auch etwas Obst, sagen 
Sie nur, was Sie brauchen.« 
»Mein Freund aus Murmansk wollte mir eine 
bestimmte Medizin bringen, ich verlaß mich auf dich.« 
»Geht schon klar«, erwiderte Kolja, »meine Eltern 
helfen Ihnen gleichfalls gern.« Der Krankenwagen fuhr 
eilig davon - zur Sklifassowskiklinik, wie Kolja vom 
Arzt erfuhr. Der junge stand da, sah dem Wagen 
hinterher. Nikolai Nikolajewitsch tat ihm leid; der 
Nachbar war ein sympathischer Mann, der einem 
niemals mit Belehrungen oder Moralpredigten kam und 
mit dem es sich interessant reden ließ. 
Dann ging Kolja in den Laden, um Kefir zu kaufen. 
Als er bezahlen wollte, geriet ihm der Schlüssel der 
 
 
10 
Nachbarwohnung in die Finger, und er nahm sich vor, 
ihn gleich, wenn er zurück war, an gut sichtbarer Stelle 
im Flur aufzuhängen: Sollte der Freund aus Murmansk 
kommen, wäre der Schlüssel sofort zur Hand. Doch zu 
Hause angelangt, kam Kolja eine andere Idee. 
Die Sache war nämlich die, daß auf dem Schreibtisch 
von Nikolai Nikolajewitsch das Modell einer Fregatte 
stand. Sie war aus Holz, besaß gewaltige Segel, Wanten 
aus Bindfaden und Kanonen aus Kupfer. Der Nachbar 
hatte einmal gesagt, diese Fregatte bestände aus 
zweitausend Einzelteilen und sei die genaue Kopie eines 
richtigen Schiffes. Kolja betrachtete das Modell sehr 
gern; wenn man davorsaß und die Augen zukniff, 
konnte man sich direkt vorstellen, wie es über den 
Ozean glitt, mit schlaffen Segeln, weil schon die zweite 
Woche Windstille herrschte. 
Als Fima Koroljow, ein Mitschüler von Kolja, von der 
Fregatte erfahren hatte, wollte er mit zu Nikolai 
Nikolajewitsch. Doch Kolja hatte keine Eile: Es war 
gefährlich, Fima irgendwohin mitzunehmen, denn er 
war furchtbar vorlaut und tolpatschig, unter Garantie 
faßte er was an und machte es kaputt. Fima hatte es 
dann satt gehabt, Kolja zu drängen, und nur noch 
verlangt: »Schreib wenigstens die Maße von der Fregatte 
auf. Ich will ein Segelschiff basteln, aber es gibt kaum 
Anleitungen. Was kostet's dich schon, mir zu helfen!« 
Das Gespräch mit Fima hatte erst gestern 
stattgefunden, Nikolai Nikolajewitsch aber war heute ins 
Krankenhaus gekominen. Abends würden die Eltern 
wieder da sein und den Schlüssel vielleicht an sich 
 
 
11 
nehmen - doch Fimka glaubte ihm bestimmt kein Wort 
und hielt das Ganze für eine Ausrede. 
Deshalb nahm Kolja, zu Hause angelangt, ein Blatt 
Papier, Lineal und Bleistift zur Hand und betrat die 
Wohnung des Nachbarn. Er war überzeugt, nichts 
Unrechtes zu tun, denn hätte er Nikolai Nikolajewitsch 
um Erlaubnis gefragt, so hätte der nichts einzuwenden 
gehabt. 
Kolja schloß die Tür hinter sich, steckte den Schlüssel 
in die Tasche und machte im Korridor Licht, um die 
afrikanischen Masken zu betrachten, die dort 
zähnebleckend an der Wand hingen. 
Dann begab er sich ohne Hast in das große Zimmer, 
das Nikolai Nikolajewitsch zum Arbeiten und Schlafen 
diente. Aufdem Sofa lag noch das Bettzeug, das Laken 
war zerwühlt, der Telefonhörer baumelte knapp über 
dem Fußboden. Kolja stellte sich vor, wie der Nachbar 
versucht hatte, das Telefon zu erreichen, um die 03 zu 
wählen. Er legte den Hörer wieder auf. Kolja war noch 
nie allein in dieser Wohnung gewesen, und sie kam ihm 
jetzt, obwohl es sich um eine ganz gewöhnliche 
Behausung handelte, sehr verlassen und sogar ein 
bißchen unheimlich vor. Wie er so in der Mitte des 
Zimmers stand, spürte er auch, daß er nicht gerade 
anständig handelte. Er hätte am liebsten kehrtgemacht, 
ohne die Maße von der Fregatte zu nehmen. 
Das aber tat er nicht, und zwar weil an der Wand eine 
alte Steinschloßpistole hing. Nikolai Nikolajewitsch 
hatte Kolja manchmal erlaubt, sie in die Hand zu 
 
 
12 
nehmen, doch es war nur das halbe Vergnügen, wenn 
man dabei beobachtet wurde. 
Nachdem Kolja die Pistole ausgiebig betrachtet und 
sie an die Wand zurückgehängt hatte, fiel sein Blick 
plötzlich auf die Tür, die zum Hinterzimmer führte. 
Obgleich eine Tür wie jede andere, hatte es mit ihr eine 
besondere Bewandtnis: Sie war stets verschlossen. Sooft 
Kolja den Nachbarn auch besucht hatte, sie war in 
seinem Beisein kein einziges Mal geöffnet worden. Der 
Junge zerbrach sich seit langem den Kopf darüber, was 
sich wohl dahinter verbergen mochte, und so fragte er 
eines Tages. »Und was ist hinter der Tür dort?« 
»Hast du schon mal was von Ritter Blaubart gehört?« 
fragte Nikolai Nikolajewitsch zurück. 
»Aber Sie sind doch gar nicht verheiratet.« 
»Ich halte dort kleine neugierige Jungs versteckt«, 
erwiderte der Nachbar. »Sieben an der Zahl. Es ist noch 
Platz für einen achten.« Damit war das Gespräch 
beendet, und Kolja fragte nie wieder - schließlich hatte 
man seinen Stolz. 
Doch nun bemerkte Kolja, daß der Schlüssel in der 
Tür steckte. Offenbar hatte Nikolai Nikolajewitsch 
nicht damit gerechnet, krank zu werden. 
Kolja ging zur Tür und begann zu überlegen. 
Wahrscheinlich befanden sich wichtige Papiere oder 
Wertsachen in dem Raum. Vielleicht auch eine 
Briefinarkensammlung. Und überhaupt: Wenn jemand 
nicht gewillt ist, dir sein Zimmer zu zeigen, hast du 
nichts darin zu suchen. 
 
 
13 
Kolja war schon drauf und dran, zu der Fregatte 
zurückzukehren, als es ihn plötzlich durchzuckte. Und 
was, wenn der Nachbar irgendein seltenes Tier in dem 
Zimmer verborgen hielt? So selten und gefährlich, daß 
er es niemandem zeigen durfte? Eine Schlange vielleicht, 
eine Anakonda von zwölf Metern Länge? Nun saß 
dieses seltene Tier hungrig hinter der Tür und hatte 
keine Ahnung davon, daß es einen ganzen Monat nichts 
zu fressen kriegen würde. Bei einer Anakonda oder 
einem Kamel wäre das nicht weiter schlimm, die 
überstanden einen Monat ohne Essen und Trinken 
ohne weiteres. Doch wenn's ein Tiger war? Der würde 
mehrere Tage durchs Zimmer hetzen und schließlich 
vor Hunger krepieren. 
Natürlich nahm Kolja nicht ernsthaft an, daß sich ein 
Tiger hinter der Tür verbergen könnte. Er hatte einfach 
das unwiderstehliche Verlangen, einen Blick in das 
geheimnisumwobene Zimmer zu werfen, doch dafür 
brauchte es eine moralische Rechtfertigung. Eine 
bessere Rechtfertigung aber als die Sorge um ein 
hungerndes Tier konnte es nicht geben. 
Kolja blieb noch einen Augenblick unschlüssig 
stehen, lauschte auf Geräusche aus dem Nebenraum - 
alles still. 
Da drehte er den Schlüssel herum und öffnete die 
Tür. 
 
 
14 
 
 
2. Nein, das ist nicht Indien 
 
 
Kolja wollte nur einen kurzen Blick in das Zimmer 
werfen und sich gleich wieder zurückziehn. 
Vorausgesetzt natürlich, daß sich dort kein 
durstleidendes Kamel befand. 
Er öffnete die Tür etwa fünf Zentimeter weit - nichts 
geschah. Er stieß sie weiter auf - wieder nichts. 
Schließlich steckte er den Kopf durch den Spalt und 
mußte feststellen, daß das Zimmer so gut wie leer war. 
Es war ein kleiner Raum mit grünen Wänden. Vor 
dem. Fenster hing ein dichter Vorhang, dennoch war es 
hell genug, um alles erkennen zu können. 
Im Zimmer befanden sich zwei Schränke und ein 
Stuhl. Der eine Schrank, aus Holz, war alt und sehr 
geräumig, seine Türen standen offen. In dem Schrank 
hingen mehrere Anzüge und Regenmäntel, darunter 
standen Männer- und Frauenschuhe unterschiedlichster 
Größe. Im Regalteil lagen, ordentlich gestapelt, Laken, 
Kissenbezüge, Hemden und Wäsche. Außen am 
Schrank aber lehnten drei Klappbetten. 
Was muß ein Kundschafter vermuten, wenn er in der 
Wohnung eines allein lebenden Mannes einen Schrank 
mit Kleidung für andere Leute entdeckt? Der 
Kundschafter Kolja kam zu dem Schluß, daß diese 
Sachen den Freunden und Bekannten von Nikolai 
 
 
15 
Nikolajewitsch gehörten, die ihn zuweilen von auswärts 
besuchten und bis zu einer Woche blieben. 
Im großen und ganzen war das Zimmer völlig 
uninteressant für Kolja, und er hätte seelenruhig wieder 
gehen können, wäre da nicht der zweite Schrank 
gewesen. Er war recht ungewöhnlich, erinnerte entfernt 
an eine Telefonzelle, war aber viel größer. Kolja trat an 
die Glastür heran und schaute ins Innere. Anstelle eines 
Telefonapparates befand sich an der Wand ein 
Instrumentenpult, ähnlich dem eines Flugzeugs. Und 
Kolja begriff, daß in eben dieser »Telefonzelle« das 
Geheimnis des Zimmers verborgen lag. 
»Einen Moment«, sagte Kolja zu sich selbst, denn er 
war ein bißchen aufgeregt und zwischen zwei Wünschen 
hin und her gerissen: sollte er gehen oder die Apparatur 
näher in Augenschein nehmen, denn er interessierte sich 
für Technik. Er hatte im vorigen Jahr sogar ein Radio 
zusammengebastelt, das freilich nicht funktionierte. 
Kolja drückte auf die Klinke der Glastür, und sie gab 
leise nach, als wäre sie geölt. Die Tür fuhr auf, lud Kolja 
geradezu ein, sich im Innem umzuschaun. Kolja 
widersetzte sich nicht länger und betrat die Kabine. Er 
begann das Instrumentenpult zu studieren. Auf seinem 
unteren, etwas vorstehenden Teil befanden sich zwei 
Knopfreihen. Darüber waren mehrere Schalter 
nebeneinander angebracht und mehrere Zifferblätter. 
Da das ganze System im Augenblick tot war, 
ausgeschaltet, konnte Kolja nicht erkennen, wozu es 
diente. 
 
 
 
 
 
17 
 
Ausgerechnet da fiel sein Blick auf einen Schalter, 
neben dem links die Aufschrift EIN angebracht war, 
rechts dagegen die Aufschrift AUS. Der Schalter zeigte 
nach rechts, zum AUS. 
Ich kann ihn ja jederzeit wieder zurückstellen, dachte 
Kolja, und drehte den Schalter nach links. 
Ein leises Summen ertönte, die Zeiger auf dem Pult 
erzitterten, manche gerieten in Bewegung. 
Kolja wollte wieder ausschalten, doch da vernahm er 
ein leichtes Klicken hinter sich. Er wandte sich hastig 
um und mußte festellen, daß sich die Tür hinter ihm 
geschlossen hatte. Er drückte von innen auf die Klinke - 
sie gab nicht nach. Doch deswegen geriet Kolja noch 
lange nicht aus der Fassung. Er drehte den Schalter 
nach rechts, und die Zeiger auf den Armaturen kehrten 
in die Nullstellung zurück, das Summen verstummte, die 
Tür sprang von selbst wieder auf. 
»Na bitte«, sagte Kolja, »die Maschinen haben dem 
Menschen zu gehorchen.« 
Er ließ die Tür weitere zweimal auf- und zugehn, 
dann beschloß er, auch die anderen Schalter 
auszuprobieren; im Notfall konnte man sie ja wieder in 
die Nullstellung bringen. 
Einer der Schalter, er war rot und befand sich am 
Ende der zweiten Knopfreihe, trug die Aufschrift 
START. Unter den Knöpfen waren Zahlen und 
irgendwelche unverständlichen Zeichen zu sehen. 
Zwei der Knöpfe aber trugen den Vermerk: 
 
 
 
18 
ZWISCHENSTATION bzw. ENDSTATION. 
Das weckte Koljas Neugier. Er stellte den Schalter auf 
START , doch nichts passierte. Er nahm das EIN dazu 
- wieder nichts. Erst als er zusätzlich den Knopf 
ZWISCHENSTATION drückte, glückte der Versuch. 
Und zwar in einem Maße, daß es Kolja leid tat, - ihn 
überhaupt unternommen zu haben. 
Das Summen wurde jetzt so laut, daß es ihn fast 
betäubte. Die gläserne Tür verschwand hinter einem 
Dunstschleier, das Glas wurde milchig. Die Kabine 
begann sacht zuvibrieren, so als würde beim Zahnarzt 
die Bohrmaschine in Gang gesetzt. Kolja streckte schon 
die Hand aus, um dieses Vibrieren zu beenden, doch in 
diesem Moment flammte auf einem kleinen Bildschirm 
oberhalb, des Instrumentenpults eine rote, ziemlich 
grelle Schrift auf: ACHTUNG! 
Diese Aufschrift verlosch sofort wieder, an ihrer 
Stelle tauchte eine andere auf, in Weiß: ÜBERPRÜFEN 
SIE, OB SIE IM KREIS STEHEN! 
Kolja schaute nach unten und sah, daß er auf einem 
kleinen, runden, schwarzen Teppich stand, der von 
einer weißen Linie umrandet war. 
»Ja«, rief er, bemüht, das anschwellende Gedröhn zu 
übertönen, »ich steh im Kreis!« 
Die nächste Aufforderung war noch strenger 
gehalten: NICHT BEWEGEN! AM GRIFF 
FESTHALTEN! 
Kolja konnte zunächst keinen Griff entdecken, doch 
dann schob sich ziemlich weit oben, in Augenhöhe, ein 
Haltegriff aus dem Armaturenbrett. Er war auf die 
 
 
19 
Größe eines Erwachsenen zugeschnitten. Kolja 
klammerte sich gehorsam an das kühle Metall, denn er 
wagte nicht, sich den Aufforderungen auf dem 
Bildschirm zu widersetzen. 
AUGEN SCHLIESSEN! lautete der nächste Befehl. 
Er kniff die Augen zu, und alles um ihn her 
verschwand. Da gab es nichts mehr - kein Oben und 
Unten, weder Luft noch Hitze oder Kälte. Nur das 
kühle Metall des Haltegriffs, an dem sich Kolja festhielt. 
Der Junge hätte nicht sagen können, wie lange das 
Ganze währte. - Vielleicht nur kurze Zeit, vielleicht aber 
auch zwei Stunden. Plötzlich jedenfalls war alles zu 
Ende, lediglich ein leichtes Summen war zu hören. 
Kolja verharrte noch einige Zeit reglos und versuchte zu 
sich zu kommen. Als er es endlich wagte, ein Auge zu 
öffnen, fiel sein Blick zuerst auf den Bildschirm, auf 
dem grün geschrieben stand: BEFÖRDERUNG IST 
ERFOLGT. ZWISCHENSTATION. 
Kolja holte tief Luft und schwor sich, seine Nase 
niemals mehr in Dinge zu stecken, die ihn nichts 
angingen. Doch nun wußte er, was zu tun war. Er 
brachte den Schalter mit der Aufschrift START in die 
Nullstellung zurück, den Schalter EIN AUS aber drehte 
er nach rechts, zum AUS. Es wurde sofort sehr still. 
Das hätte schlimmer ausgehen können, dachte Kolja, 
während er die Kabinentür öffnete. Überhaupt hab ich 
mich ganz wacker geschlagen, hab die Hosen nicht allzu 
voll gehabt. Direkt schade, daß ich's niemandem 
erzählen darf. 
 
 
20 
Kolja verließ die Kabine und blieb verblüfft stehen, 
weil sich irgend etwas in dem Zimmer verändert hatte. 
Oder seine Augen spielten ihm einen Streich. Erstens 
waren die Türen des Kleiderschranks jetzt geschlossen, 
obwohl Kolja sie nicht angerührt hatte. Nun, das 
mochte noch angehn - sie konnten zugeschlagen sein, 
als die Kabine gezittert hatte wie ein verängstigter Hase. 
Viel merkwürdiger war, daß alle drei Klappbetten 
verschwunden und die Zimmerwände, gerade noch 
grün tapeziert, plötzlich frisch geweißt waren. Kolja rieb 
sich die Augen - es half nichts. Da beschloß er, sich 
keine Gedanken mehr darüber zu machen. Wenn man 
etwas partout nicht begriff, sollte man besser nicht 
weiter nachdenken. Diesem Grundsatz folgte er zum 
Beispiel, wenn er zur Tafel gerufen wurde und eine 
Aufgabe nicht lösen konnte oder nicht wußte, in 
welchem Jahr Amerika entdeckt worden war. Er schaute 
dann zum Fenster hinaus und ließ Aufgabe Aufgabe 
sein - die Vier war ihm ohnehin sicher, es sei denn, 
irgendeine mitleidige Seele sagte ihm vor. 
So grübelte Kolja auch jetzt nicht weiter, er tastete 
nach dem Wohnungsschlüssel in seiner Tasche und 
begab sich zur Tür. 
Im großen Zimmer hatte sich gleichfalls etwas 
verändert. Die Fregatte war verschwunden. Das wäre 
aber ja noch gegangen, wenn nicht auch der Tisch weg 
gewesen wäre, auf dem das Schiffsmodell gestanden 
hatte, das Sofa mit den zerwühlten Laken und Decken, 
das Telefon und die Pistole an der Wand - kurz, alles. 
Das Zimmer war das gleiche, nur hatte jemand, 
 
 
21 
während sich Kolja in der Kabine aufhielt, die Wände 
geweißt und sämtliches Inventar entfernt. 
Wie sollte man sich so etwas erklären? 
Nun, Kolja als kluger Junge hatte sofort eine 
Erklärung parat. Er hatte kürzlich eine Erzählung des 
amerikanischen Schriftstellers Washington Irving 
gelesen, über einen Mann, der in die Berge 
aufgebrochen und dort eingeschlafen war. Dann kehrte 
er in sein Dorf zurück, doch niemand erkannte ihn. Er 
griff sich ans Gesicht - ihm war ein Bart gewachsen, der 
bis zum Gürtel reichte. Und so kam er drauf, daß er 
etwa zwanzig Jahre geschlafen haben mußte. 
Bei diesem Gedanken faßte sich Kolja ans Kinn, 
einigermaßen verwundert, daß er keinen Bart hatte. Und 
während er sein Kinn betastete, taten ihm bereits seine 
Eltern leid, die vor zwanzig Jahren von ihrem Boot 
nach Hause gekommen waren und den Kefir auf dem 
Tisch vorgefunden hatten, nicht aber ihren Sohn. Sie 
hatten gewiß sämtliche Krankenhäuser angerufen, die 
Miliz alarmiert - umsonst. Kolja, zwölf Jahre alt, war 
und blieb verschwunden. 
Mit diesen traurigen Gedanken verließ Kolja das 
Zimmer. Er war darauf gefaßt, daß sich der Korridor in 
diesen zwanzigjahren ebenfalls verändert hatte. Doch er 
hätte niemals vermutet, daß mit ihm eine derartige 
Verwandlung vor sich gegangen war. 
Es gab keinen Korridor mehr. Da war plötzlich ein 
Raum, etwa zehnmal so groß wie vorher, zwei 
Stockwerk hoch, vollgestellt mit allen möglichen 
 
 
22 
Apparaturen und von einem unbegreiflichen Licht 
erhellt. 
Der Saal nahm nicht nur die Fläche des ehemaligen 
Korridors ein, sondern auch den Treppenabsatz und 
sogar die Wohnung, in der Kolja lebte. Dieser Schlag 
war stärker als alle anderen. 
Der junge wollte zur Kabine zurücklaufen und den 
Schalter betätigen - vielleicht würde die Anwandlung 
dann vorübergehn? -, doch ihm kam eine andere Idee. 
Was hatte dort unter den Knöpfen gestanden? 
ZWISCHENSTATION und ENDSTATION- Das 
aber konnte nur bedeuten, daß es sich um irgendwelche 
Haltestellen handelte. Demzufolge stellte diese Kabine 
eine Art superschnelles Transportmittel dar, das ihn an 
einen anderen Ort, in eine andere Stadt befördert hatte, 
vielleicht sogar nach Indien. Und natürlich war das hier 
nicht das Zimmer von ehedem, sondern ein Raum, der 
ihm bloß ähnelte. 
 
Als Kolja zu diesem Schluß gelangt war, hatte er es 
nicht mehr eilig, zur Kabine zurückzukommen. Dazu 
war immer noch Zeit. Er durfte doch nicht die 
Möglichkeit aus der Hand geben, einen Blick nach 
Indien oder Samarkand zu werfen. 
Kolja fand die Tür, die zum Ausgang führte, recht 
schnell. Sie war von der gleichen Farbe wie die Wand, 
zeichnete sich lediglich durch einen haarfeinen, kaum 
sichtbaren Spalt ab. Rechts davon entdeckte Kolja einen 
weißen Knopf. Er betätigte ihn, und die Tür glitt zur 
Seite. Gleich darauf befand sich der Junge in einem 
 
 
23 
langen, breiten, fensterlosen Flur. Gewiß gab es hier 
noch andere Türen, von weitem jedoch verschmolzen 
sie mit der Wand. 
Nun denn, beschloß Kolja, setzen wir unseren Weg 
fort, Um aber später die Tür ohne langes Suchen 
wiederzufinden, legte er ein Fünfkopekenstück daneben. 
Im Flur begegnete ihm keine Menschenseele, 
vielleicht weil es Sonntag und noch früh am Morgen 
war. Kolja hatte keine Uhr, doch er wußte, daß es auf 
der Erde mehrere Zeitzonen gab - durchaus möglich 
also, daß in Indien jetzt Mittag war, auf den Hawaii-
Inseln aber, sollte es ihn dorthin verschlagen haben, 
sogar Abend. 
Tja, -nicht von ungefähr hatte Nikolai Nikolajewitsch 
das hintere Zimmer stets verschlossen gehalten. 
Wahrscheinlich handelte es sich hier um ein 
Transportmittel, das sich noch im Versuchsstadium 
befand und vorerst geheimgehalten wurde. Nun, der 
Nachbar konnte unbesorgt sein: Kolja würde schweigen 
wie ein Grab. 
An den Korridor schloß sich eine breite Treppe an, 
die in eine große Halle führte. Ihre Vorderfront war 
ganz und gar durchsichtig. Sie bestand aus einer riesigen 
Glaswand, und Kolja wunderte sich, daß sie so heil und 
unversehrt war. 
Er trat näher und betrachtete durchs Glas den Platz 
vor dem Gebäude. Dort wuchs kurzgeschnittenes,junges Gras. In einiger Entfernung standen Bäume, die 
bereits blühten. Kolja sagte sich, daß die Bäume in 
 
 
24 
Moskau noch nicht soweit waren, demzufolge mußte er 
in eine südliche Stadt geraten sein. 
Der Junge berührte versehentlich die Glaswand, und 
plötzlich bildete sich eine Öffnung, die genau Koljas 
Größe entsprach. Die Wand, als wäre sie lebendig, lud 
ihn ein, hindurchzuschreiten. 
Kolja folgte der Aufforderung. Draußen war es nicht 
sehr kalt, und in seiner Jacke war er gerade richtig 
angezogen. Es wehte ein schwacher Wind, hinter den 
Bäumen sah man Hochhäuser aufragen. Kolja 
überquerte einen glatten, rosafarbenen Weg, ging auch 
ein paar Schritte auf dem Rasen. Dann drehte er sich 
um, betrachtete das Gebäude, aus dem er soeben 
gekommen war. Es war ein Hochhaus mit etwa zwanzig 
Stockwerken, das jedoch kaum Fenster und so gut wie 
keine Kanten besaß. Als hätte jemand eine Feile 
genommen und das Haus rundum geglättet. Es 
schimmerte perlmuttfarben, Man konnte nicht gerade 
behaupten, daß Kolja dieses Haus gefiel, doch als 
toleranter Mensch war er der Meinung, jedes Volk soll 
so bauen, wie es ihm beliebt. 
Über der großen Glasfront, durch die Kolja soeben 
geschritten war, stand in riesigen goldenen Buchstaben: 
 
ZEITINSTITUT 
 
Seitlich davon aber befanden sich zwei geschoßhohe 
schwarze Quadrate. Das eine stellte eine Uhr dar, in 
deren Innern Ziffern leuchteten: 9.15.35 ... 36 ... 37 ... 
38 ... 39 ... Die letzte Zahl änderte sich fortwährend und 
 
 
25 
bedeutete die Sekunden. Das zweite Quadrat hingegen 
warf sämtliche Theorien des Jungen über den Haufen. 
Dort nämlich war zu lesen: 
 
MOSKAU 
11. APRIL 2082 
SONNTAG 
 
Gewiß hätte ein anderer an Koljas Stelle die Hände 
gerungen, wäre vor Schreck in Tränen ausgebrochen 
und ins Zeitinstitut zurückgelaufen, um möglichst 
schnell nach Hause zur Mama zu kommen. Denn nicht 
jeder wäre dem Abenteuer gewachsen gewesen, in das 
Kolja hier geraten war, dazu brauchte es schon starke 
Nerven. Hier ging's schließlich nicht um lumpige 
zwanzig Jahre wie in der Erzählung von Washington 
Irving, sondern um mehr als hundert. Selbst 
Schildkröten lebten selten so lange. 
Kolja aber freute sich. Er sagte laut: »Na, dann wollen 
wir mal!« Und er beschloß, sich mit der Rückkehr Zeit 
zu lassen. Die Eltern waren sowieso noch nicht zu 
Hause, und Nikolai Nikolajewitsch lag im Krankenhaus. 
Unter diesen Umständen würde es sich Kolja niemals 
verzeihen, wenn er auf einen Bummel durch die ferne 
Zukunft verzichtete. 
 
 
 
26 
 
3. Der gleichaltrige Großvater 
 
 
Fürs erste mußte Kolja entscheiden, welche Richtung er 
einschlagen sollte. Dabei ließ er sich von der 
Überlegung leiten, daß in Moskau bestimmt noch 
Häuser existierten, die ihm aus seiner Zeit bekannt 
waren. Demzufolge würde er, wenn er sich jetzt rechts 
hielt, also den Gogol-Boulevard ansteuerte, ganz gewiß 
auf Vertrautes stoßen. Sein Orientierungssinn war nicht 
schlecht, er hatte sich noch kein einziges Mal im Wald 
verirrt, und so würde er auch in Moskau nicht 
verlorengehn. Selbst nach hundert Jahren nicht. 
Allerdings war es besser, niemanden nach dem Weg zu 
fragen - das würde die Leute nur mißtrauisch machen. 
Kolja marschierte los. Er ging auf einem rosafarbenen 
Weg von etwa drei Metern Breite, der leicht unter den 
Füßen federte. Hinter den Bäumen, die den Rasen 
säumten, mündete der Weg in eine breite Straße. 
 
 
 
 
 
 
 
28 
 
Kolja hatte sie kaum betreten, als hinter ihm eine 
Stimme rief: »Runter von der Straße, Junge! Wo läufst 
du denn?! Willst du überfahren werden?« 
Er sprang zur Seite und sah, daß ein merkwürdiger 
alter Mann auf ihn zurollte. Er fuhr auf einem 
einrädrigen Fahrrad, die Arme wie ein Zirkusakrobat, 
seitlich von sich streckend, um das Gleichgewicht zu 
halten. Auch seine Kleidung erinnerte an einen 
Akrobaten: enganliegendes grünes Trikot und weiche 
rote Turnschuhe mit langen Spitzen. Der Alte trug das 
graue Haar zu einem Igel geschnitten und einen langen 
Schnurrbart, der ebenfalls nach den Seiten abstand, als 
brauchte der Mann auch ihn für sein Gleichgewicht. 
Als der Alte Kolja eingeholt hatte, sagte er: »Begleite 
mich ein Stück. Allein dahinzuradeln ist langweilig.« 
Das Rad an dem Gefährt war nicht sehr groß, so daß 
der Mann ordentlich treten mußte. Trotzdem kam er 
kaum voran. 
Kolja ging neben ihm her. 
»Du willst wohl zum Fasching?« erkundigte sich der 
Alte und musterte Koljas ganz alltäglichen Anzug. 
Kolja sagte sich, daß jetzt Vorsicht das Wichtigste sei, 
und erwiderte: »Erraten.« 
»Dein Kostüm stimmt aber nicht«, sagte der Alte. »Zu 
meiner Zeit trugen die Jungs eine sogenannte 
Schuluniform. Sie bestand aus dunklen blaugrauen 
Hosen und einem. , ., tja, wie soll ich sagen..., einem 
Jackett. Weißt du, was ein Jakkett ist?« 
 
 
29 
»Ich kann es mir vorstellen«, antwortete Kolja und 
hätte beinahe hinzugefügt, daß ja sein Vater, wie 
übrigens alle Männer, ein solches Jackett besaß. Doch er 
besann sich sofort: Immerhin war eine Menge Zeit 
vergangen, gewiß kannten die Kinder von heute keine 
Jacketts mehr. 
Aber der Alte achtete nicht weiter auf Koljas 
Antworten, er wollte selber reden. Zwischen den 
Sträuchern am Straßenrand stand eine Bank, die freilich 
wenig Ähnlichkeit mit den üblichen Parkbänken besaß. 
Sie war sehr niedrig und erinnerte an ein Sofa. Als der 
Alte von seinem Rad stieg und Kolja aufforderte, neben 
ihm Platz zu nehmen, erwies sie sich als sehr weich, wie 
mit Flaum gefüllt. 
»Laß uns fünf Minuten ausruhn«, schlug der Alte vor, 
»ich bin ein bißchen außer Atem. Ich heiße übrigens 
Pawel. Und du?« 
»Kolja.« 
»Bist du in Eile?« 
Der Junge wußte nicht, was er darauf erwidern sollte. 
Er war sich selber nicht im klaren, ob er's eilig hatte 
oder nicht. Natürlich war es schade, hier auf einer 
weichen Bank zu sitzen und seine Zeit mit Gesprächen 
über Jacketts zu vergeuden, in denen er sich gewiß 
besser auskannte als der alte Mann. Andererseits war 
Pawel der erste, der ihm in der Zukunft über den Weg 
gelaufen war und keinerlei Mißtrauen hegte. 
Der Alte wartete Koljas Antwort gar nicht erst ab, 
sondern fuhr fort: »Also dann laß dir jetzt mal erklären, 
was ein Jackett ist. Es handelt sich dabei um ein 
 
 
30 
altertümliches Kleidungsstück, das die Männer in 
meiner Jugendzeit trugen.« 
»Warum kaufen Sie sich eigentlich kein zweirädriges 
Fahrrad?« unterbrach Kolja den Alten. »Ist doch 
unbequem mit nur einem Rad.« 
»Die Ärzte empfehlen es«, erwiderte der Alte. »Damit 
die Muskeln nicht verkümmern. In meinem Alter darf 
man die Ratschläge der Ärzte nicht in den Wind 
schlagen. Willst du mal meine Muskeln fühlen?« 
Der Alte beugte den Arm im Ellbogen und 
präsentierte Kolja seinen Bizeps. Er war gut entwickelt, 
besser jedenfalls als bei dem Jungen. 
»Doch jetzt zurück zu den Jacketts. Sie wurden mit 
Knöpfen geschlossen ... Ah, ich seh schon, das ist dir 
bekannt, dein Faschingskostüm weist diese unbequemen 
Dinger ja gleichfalls auf. Ich würde dir dennoch 
empfehlen, ein paar Änderungen vorzunehmen ... « 
»Mir scheint aber«, sagte Kolja, um Höflichkeit 
bemüht, »daß mein Kostüm genau stimmt. Das ist kein 
Anzug für die Schule, sondern ein ganz gewöhnlicher, 
für alle Tage.« 
»Wir trugen damals weiße Hemden und schwarze 
Hosen«, entgegnete der Alte. 
»Na ja, aber wann war das..., doch zu einer ganz 
anderen Zeit!« rief Kolja aus. 
»Was meinst du mit einer ganz anderen Zeit?« fragte 
der Alte verblüfft. 
Kolja schätzte mit einem kurzen Blick Pawels Alter - 
er tippte auf sechzig. 2082 minus sechzig ergab in etwa 
 
 
31 
2022. »Nun ja, in den zwanziger Jahren dieses 
Jahrhunderts«, sagte er. 
Der Alte brach in lautes Gelächter aus. »Nein, wie 
naiv!« rief er und wischte sich die Tränen aus den 
Augen. »Du bist vielleicht ein Spaßvogel! Du 
schmeichelst mir ganz fürchterlichl Seh ich tatsächlich 
so jung aus?« 
»So jung nun auch wieder nicht«, antwortete Kolja 
wahrheitsgemäß, »aber Radfahren können Sie noch ganz 
toll.«»Dann will ich dir ein Geheimnis verraten. Ich werde 
morgen hundertsiebzehn.« 
»Das kann nicht sein!« sagte Kolja. »Dann stammen 
Sie wohl aus Abchasien?« 
»Warum denn das?« 
»Weil die Leute dort lange leben. Sie ernähren sich 
von Käse und Wein und hüten Schafe.« 
»Nein. Ich stamme aus Moskau, ernähre mich 
hauptsächlich von Kefir und hab eine Vorliebe für 
Hammelkeulen. Magst du Hammelkeulen?« 
»Ich bin ganz versessen drauf«, gestand Kolja. Er 
hatte seine Verwunderung noch immer nicht 
abgeschüttelt. »Demnach sind wir Altersgenossen«, 
sagte er schließlich. 
»In gewissem Sinne, ja«, stimmte der Alte zu. »Wenn 
wir von deinem Kostüm ausgehen, sind wir 
Altersgenossen. Nur muß ich dir noch einmal allen 
Ernstes versichern, daß die Jungs zu meiner Zeit anders 
gekleidet waren. Ich könnte vergessen haben, was 
 
 
32 
fünfzig Jahre zurückliegt, doch niemals, was im vorigen 
Jahrhundert war.« 
Was sollte man da machen! Der Alte war so 
überzeugt, daß Streiten mit ihm keinen Sinn hatte. 
Und Kolja wollte auch gar nicht streiten. Er war tief 
beeindruckt: Neben ihm saß sein Altersgefährte, der 
hundert Jahre später auf einem einrädrigen Rad fuhr 
und weiche rote Turnschuhe trug. Hieß das nicht, daß 
vielleicht auch er, Kolja, in hundert Jahren noch lebte? 
»Und was macht die Gesundheit?« erkundigte er sich 
mitfühlend. »Geht's einigermaßen?« 
»Ich kann nicht klagen. Der Medizin sei Dank. 
Allerdings schlafe ich schlecht.« 
»Das ist nicht weiter schlimm«, erwiderte Kolja. »In 
welche Schule sind Sie eigentlich gegangen?« 
»In die 123. Mit Englischzweig. Auf dem Prospekt des 
Friedens.« 
»Ich geh auch in die Englischsprachige«, sagte Kolja. 
»Do you speak english?« 
»Yes' I do«, antwortete Pawel. »ja und, lernst du gut?« 
»Mal so, mal so. Die Lehrer geben immer eine Menge 
auf.« 
»Und ich dachte, heute gäb's keine Hausaufgaben 
mehr.« 
»Na ja, nur manchmal, beeilte sich Kolja zu 
versichern. 
»Meine Urenkel jedenfalls behaupten immer, es gäbe 
keine Hausaufgaben. Wahrscheinlich hab ich doch 
recht, wenn ich ihnen nicht glaube.« 
 
 
33 
»Und wo sind Sie Schlittschuh gelaufen?« fragte Kolja, 
um ihn abzulenken. 
»Ich? Im Sokolniki-Park. Und du? « 
»Ich im Park der Kultur.« 
Kolja beschloß nun, sich mit Erinnerungen 
zurückzuhalten, weil er sonst bloß noch eine Dummheit 
verzapfte. Die fünf Minuten waren vergangen, Pawel 
aber machte keine Anstalten aufzubrechen. Es gefiel 
ihm ganz offensichtlich, sich mit jemandem zu 
unterhalten, der ihn nur halb so alt geschätzt hatte. 
Am Himmel wurde ein weißer Streifen sichtbar. Er 
entstand schneller, als ihn ein Düsenflugzeug je 
hervorbringen könnte. 
»Was ist das?« fragte Kolja. 
»Ein Splinter«, antwortete der Alte gleichmütig. 
»Vielleicht auch ein Liner zum Mond. Dort findet heute 
ein Festival statt, weißt du das nicht?« 
»Doch, doch, natürlich. Aber wir haben mit unserem 
Fasching zu tun.« 
 
 
Über der Straße flog langsam eine perlmuttfarbene 
Kugel von einem halben Meter Durchmesser dahin. Als 
sie sich der Bank genähert hatte, änderte sie jäh den 
Kurs und steuerte direkt auf sie zu. Kolja erschrak ein 
bißchen, doch der Alte winkte die Kugel heran und 
schnippte, als sie nur noch eine Armlänge entfernt war, 
mit den Fingern gegen ihre Oberfläche. In der 
Kugelwand bildete sich eine Öffnung, und ein 
 
 
34 
schwarzer Gegenstand, ähnlich einem Zigarettenetui, 
plumpste dem Alten geradenwegs auf die Hand. 
»Na, dann wollen wir mal einen Blick in die Zeitung 
werfen«, sagte er. 
Die Kugel stieg auf der Suche nach anderen Lesern 
steil in die Luft. 
Kolja beobachtete verstohlen, wie der Alte einen 
Knopf seitlich am »Zigarettenetui« drückte. Das Etui 
verwandelte sich plötzlich in einen kleinen Bildschirm, 
auf dem eine Farbsendung lief. Da es für Kolja, der 
neben dem Alten saß, etwas unbequem war, das 
Geschehen auf dem Bildschirm zu verfolgen, hörte er 
nur, wie eine melodische Stimme sagte: »... Das Festival 
auf dem Mond verspricht ein Höhepunkt unter den 
diesjährigen Veranstaltungen zu werden ... In der UNO 
wurde eine neue Gesprächsrunde zu Fragen ... « In 
diesem Augenblick wurde Koljas Aufmerksamkeit von 
drei durchsichtigen Kugeln abgelenkt, die, einander 
überholend und die Fahrbahn nicht berührend, an ihnen 
vorbeisausten, In ihrem Innern saßen auf weichen 
Polstern Leute, und ein Mann las genau solch eine 
Zeitung, wie sie der Alte neben ihm in der Hand hielt. 
Da wurde Kolja bewußt, daß die Zeit verstrich. Alle 
hatten es eilig, irgendwohin zu kommen, nur er 
faulenzte hier herum. 
»Entschuldigen Sie, wie spät ist es eigentlich?« fragte 
er, an Pawel gewandt. 
Der andere streckte ihm, ohne den Blick von der 
Zeitung zu heben, seinen Arm hin. Am Handgelenk des 
Alten entdeckte der Junge ein breites Armband, auf dem 
 
 
35 
freilich nichts zu sehen war. Plötzlich aber flammten 
dort ein paar Zahlen und Buchstaben auf: 
 
ZEIT: 10 - 12 - 36 TEMP: 15' KEIN REGEN 
 
»Danke«, sagte Kolja, der beschlossen hatte, sich über 
nichts mehr zu wundern. 
 
 
 
 
36 
4. Liebst du Mangomelonen? 
 
 
Koljas Gefährte - man hätte ihn gut und gern Paschka 
nennen können, wäre er nicht so alt gewesen - hatte sich 
in die Zeitung vertieft und alles um sich her vergessen. 
Deshalb stand der Junge leise auf und entfernte sich. 
Ihm war eine Idee gekommen: Er wollte zum 
Kosmodrom fahren und, wenn möglich, einen kurzen 
Abstecher zum Mond machen. Immerhin flogen 
Touristenschiffe dorthin - die Reise konnte also nicht 
allzu lange dauern. Er fragte den Alten aber nicht, wie er 
zum Kosmodrom käme, denn in hundert Jahren wußte 
sicherlich jeder Moskauer, wo es sich befand, Die Frage 
hätte nur Mißtrauen hervorgerufen. 
Kolja ließ seinen Blick in die Runde gleiten und 
entdeckte ein Haus, das er kannte. Es befand sich auf 
einer Anhöhe, und seine Säulen schimmerten weiß 
hinter Bäumen hervor. Hundert Jahre zuvor hatte es auf 
dem Gogolboulevard gestanden und den Verband der 
Kunstschaffenden beherbergt; sogar eine Gedenktafel 
war dort angebracht, Sie trug den Hinweis, daß hier 
Turgenjew gelebt hatte. 
Der Boulevard hatte sich im Laufe der Jahre stark 
verändert. Erstens war er jetzt drei-, wenn nicht fünfmäl 
so breit - wenn man in der Mitte lief, konnte man kaum 
seine Ränder sehen, zweitens waren die Bäume und 
Pflanzen ganz anders. Gewiß, einige der alten Bäume, 
Linden und Ahorn, standen noch, doch zwischen ihnen 
 
 
37 
wuchsen blühende Apfel und Birnbäume, ja sogar 
Palmen. Als der Junge näher trat, bemerkte er, daß 
einige von ihnen, offenbar die zartesten, von dünner, 
durchsichtiger Plastfolie umgeben waren, wieder andere 
wurden durch eine Warmlufthülle geschützt. Diese Luft 
stieg aus kleinen Gittern hoch, die von jungem Gras 
verdeckt waren. Gleich am Fußweg aber stand ein 
merkwürdiges Gewächs, das an eine Klette oder auch an 
Sauerampfer erinnerte, nur tausendmal größer war. In 
seinem Blattwerk hing eine Staude grüner Bananen. Auf 
der Erde neben dem Stamm aber saß ein Affe und 
schälte eine der Früchte ab, die er gerade gepflückt 
hatte. 
Bei diesem reichlich tropenhaften Anblick fiel Kolja 
ein-, daß er hungrig war, Er hatte außer einem Glas 
Kefir und einem Butterbrot mit Tee seit dem frühen 
Morgen nichts gegessen. Außerdem liebte er Bananen. 
Und so sagte er sich: Wenn es einem Affen erlaubt ist., 
mitten auf dem Gogolboulevard diese Früchte zu 
verspeisen, dürfte das einem Menschen erst recht 
gestattet sein. 
Kolja warf sicherheitshalber einen Blick in die Runde, 
sah aber niemanden. Er ging zu dem Bananenbaum und 
sagte: »Rück mal ein Stück, Affe, sonst schnappst du 
noch nach mir.« Das Tier bleckte die Zähne, kam der 
Aufforderung jedoch nach undfuhr fort, seine Banane 
abzuschälen. 
Kolja stellte sich auf die Zehenspitzen und machte 
Anstalten, eine Banane abzureißen. Sie löste sich nur 
schwer von der Staude, so daß der ganze Baum 
 
 
38 
erzitterte. Schließlich hatte er es geschafft. Er wollte sich 
mit seiner Beute gerade neben dem Affen niederlassen, 
als einkräftiger Junge, etwas älter als Kolja, aus dem 
Gebüsch trat und sagte: »Dummkopf, was machst du 
denn da!« 
Bei einem Erwachsenen hätte sich Kolja 
wahrscheinlich entschuldigt, doch vor so einem 
Burschen widerstrebte ihm das. 
»Wieso?« sagte er. »Ein Affe darf das und ich nicht?« 
»Die Bananen sind ja noch gar nicht reif und 
außerdem als Tierfutter gedacht, Du liebst wohl auch 
Bananen?« 
»Geht dich das was an?« 
»Nein, natürlich nicht.« 
»Dann mach, daß du weiterkommst.« 
»Das werde ich nicht, denn ich bin hier für die 
Auslese zuständig. Du dagegen benimmst dich wie ein 
kleines Kind.« 
»Und der Affe?« entgegnete Kolja. »Sieh nur all die 
Schalenreste.« 
»Nein so was, vergleichst dich mit einem Affen!« sagte 
der Bursche verächtlich. »Für den ist das doch das 
Hauptnahrungsmittel.« 
Das Tier bemerkte, daß man von ihm sprach, und 
verschwand mit der Banane sicherheitshalber im 
Blattwerk einer Linde. 
»Komm mit«, sagte der Bursche zu Kolja. 
»Ich denk nicht dran.« 
»Hast wohl Angst?« 
 
 
39 
»Ich? Angst? Solche wie dich werf ich mit links über 
die Schulter, zehn auf einmal!« 
»Ich werd mich doch nicht mit dir prügeln«, erwiderte 
der Bursche, »wir sind in unterschiedlichen 
Gewichtsklassen. Iß ruhig deine Banane, wenn du sie 
schon mal gepflückt hast. Mir tut's nicht leid drum.« 
»Ich hab sie gleichfalls für einen Affen gepflückt«, 
schwindelte Kolja. »Ich hab nämlich einen zu Hause.« 
»Wo wohnst du denn?« 
»Weit weg.« 
»Nicht in Moskau?« 
»Nein.« 
»Wo denn?« 
Kolja überlegte fieberhaft , dann fiel ihm ein, daß 
seine Großmutter in Konotop lebte, und so sagte er: »In 
Konotop.« 
»Das kenne ich«, erwiderte der Bursche. »Stammt da 
nicht Milena Mitina her?« 
»So ist es«, stimmte Kolja zu. Das fehlte ihm gerade 
noch: Jetzt würde ihn der andere über irgendeine Milena 
Mitina ausfragen, er aber hatte nicht den blassesten 
Schimmer, wer das war! 
»Nein«, berichtigte der Bursche sich selber, »Milena ist 
ja aus Kostroma. In Konotop bauen sie den Tunnel ins 
Erdinnere.« 
»Stimmt«, sagte Kolja mit Grabesstimme. 
»Du bist vielleicht seltsam. Wie heißt du eigentlich?« 
»Kolja.« 
»Und ich Dshawad. Was ist dein Spezialgebiet?« 
»Wie meinst du das?« 
 
 
40 
»Na ja, was du werden willst,« 
Kolja fiel nicht gleich eine Antwort ein. Ihm war 
bereits klar geworden, daß die Alten weniger gefährlich 
für ihn waren als seinesgleichen. 
Zum Glück wurde Dshawad in diesem Augenblick 
abgelenkt. Sie waren mittlerweile auf einem Platz 
angelangt, von Blumen und kleinen Büschen bestanden 
und mit einem großen Bassin im Zentrum. Rund um 
das Becken lagen bunte Kleidungsstücke. 
»He, Lena«, rief Dshawad, »komm mal raus, wir 
müssen was bereden!« 
In der Mitte des Bassins brodelte spritzend das 
Wasser auf, und ein Mädchen kam an die Oberfläche. 
Es tauchte nicht einfach hoch, sondern schien sich bis 
zur Taille herauszuschieben. 
Erst da begriff Kolja, daß das Mädchen rittlings auf 
einem riesigen Fisch saß. Der Fisch schwamm schnell 
im Kreis, sein glatter, glänzender Rücken ragte ein Stück 
aus dem Wasser. Als das Tier dann an den Rand des 
Beckens geschwommen kam, wo Kolja und Dshawad 
standen, stellte sich heraus, daß es ein Delphin war. Er 
verharrte reglos am Beckenrand, schaute Kolja mit 
seinem kleinen lustigen Auge an, und der Junge streckte 
ihm die Banane hin. 
»Bist du übergeschnappt?« Dshawad packte ihn am 
Arm. »Du mußt ihn ja nachher nicht vom Durchfall 
kurieren. Seit wann fressen Delphine Bananen?« 
»Bei uns in Konotop ernähren sie sich ausschließlich 
davon.« 
 
 
41 
Das Mädchen war von ihrem Delphin 
heruntergestiegen; es war jünger als Kolja, höchstens 
zehn. »Guten Tag«, sagte sie. »Du hast mich gerufen, 
Dshawad?« 
»Hör zu, Lena, das hier ist Kolja. Er scheint vom 
Fasching zu kommen und hungrig zu sein. Hast du 
nicht was zu essen da?« 
»Ich bin nicht hungrig«, widersprach Kolja. 
Der Delphin verharrte nach wie vor reglos am 
Beckenrand. Er steckte die stupsnäsige Schnauze 
heraus, als lausche er. 
»Auf dem Tisch im Labor liegen ein paar 
Mangomelonen«, sagte Lena. »Alissa hat sie gestern 
abgenommen. Danach leckt man sich alle zehn Finger. 
Hast du Alissa heute schon gesehn?« »Nein. Wollte sie 
denn kommen?« 
»Ja. Sie hat versprochen, das Myelophon 
vorbeizubringen. Ich arbeite doch mit Grischka und 
Maschka.« Lena wies mit der Hand zum Bassin, und 
Kolja sah, daß jetzt ein zweiter Delphin 
hinzugekommen war und ebenfalls auf ihre 
Unterhaltung zu lauschen schien. Kein Zweifel - das 
waren Grischka und Maschka. 
»Und wo nehmt ihr das Meerwasser her?« fragte 
Kolja, um überhaupt etwas zu sagen. 
»Es ist synthetisch«, antwortete das Mädchen. »Bei 
euch in Konotop etwa nicht?« 
»In Konotop haben wir Süßwasserdelphine.« 
 
 
42 
»Hör nicht auf ihn«, sagte Dshawad. »Gehen wir jetzt. 
Ich hab selber Appetit auf Mangomelone. Eine 
erstaunliche Kreuzung!« 
Ein Stück vom Bassin entfernt befand sich ein kleines 
weißes Haus, das die gleichen geschmeidigen Formen 
besaß wie das Zeitinstitut. Als sie näher kamen, stellte 
Kolja fest, daß die Wände mit winzigen Poren 
durchsetzt waren, als beständen sie aus Schaum. Koljas 
Vater war Bauingenieur, deshalb interessierte sich 
derJunge für Baustoffe und kannte sich ein bißchen 
darin aus. Noch im vorigen Jahr wollte er selber mal 
einen Bauberuf ergreifen, hatte es sich in diesem Jahr 
aber anders überlegt - es zog ihn zum Kosmos. 
»Ist das Schaumbeton?« fragte Kolja. 
»Wie kommst du auf Schaumbeton?!« sagte Dshawad 
erstaunt, »Manchmal bin ich direkt verblüfft über deine 
Rückständigkeit! Würde ich mich nicht an das strikte 
Prinzip halten, keine überflüssigen Fragen an Leute zu 
stellen, die von sich aus nicht reden möchten - das eine 
und andre würd ich schon von dir wissen wollen.« 
»Laß es lieber«, erwiderte Kolja. »Vertagen wir die 
Unterhaltung, wie man bei uns in Konotop sagt.« 
Sie betraten das Haus und befanden sich nun in einem 
geräumigen Zimmer. An den Wänden ringsum standen 
Tische mit irgendwelchen Apparaturen. In der Mitte 
war ein runder Tisch, wo in einer Schüssel drei Früchte 
lagen. Sie besaßen die Größe einer mittleren Melone, 
wichen jedoch in der Form ab und waren orangefarben. 
 
 
 
 
 
44 
»Na schön«, sagte Dshawad, »dann werden wir uns jetzt 
mal an der Mangomelone laben. Wenn du willst, kannst 
du Fragen stellen. Ich habe nichts zu verbergen.« 
Er brachte ein Messer zum Vorschein, zerschnitt die 
Frucht. In ihrem Innern befand sich ein kleiner Kern, 
der sich von allein herauslöste und in die Schüssel fiel. 
»Bei einer normalen. Mangofrucht läßt sich der Kern 
nur schwer vom Fleisch trennen«, sagte Dshawad. 
»Ich weiß«, erwiderte Kolja, »hab es selber schon 
versucht. Man schmiert sich alle Finger voll, bis man's 
geschafft hat.« 
Dshawad zerteilte die Frucht in kleine Stücke, und sie 
machten sich drüber her. Es war ein Hochgenuß! Die 
Mangomelone war süß, saftig und weich, sie schmeckte 
Kolja ganz ausgezeichnet, auch wenn er nicht hätte 
sagen können, was daran Mango und was Melone war. 
»Wem gehört dieses Labors?« fragte er. 
»Der Schule. Wem sonst?« 
»Und die Delphine? Gehören die auch der Schule?« 
»Natürlich. Genau wie die Affen und die 
Pythonschlange Archimedes.« 
»Eine Pythonschlange? Wo ist sie?« 
»Sie schläft dort drüben auf der Linde. Ich zeig sie dir 
nachher.« 
»Ist sie lang?« fragte Kolja. 
»Mittellang. An die fünf Meter. Die Geophysiker 
haben eine größere von fast neun Metern, sie ist noch 
kein bißchen zahm. Wenn du willst, flippen wir nachher 
mal kurz rüber und schaun sie uns an.« 
 
 
45 
»Nein«, sagte Kolja, »ich hab keine Zeit, mit dir 
rüberzuflippen. Und du, wieso beschäftigst du dich 
eigentlich mit Bananen? Hast du nichts Besseres zu 
tun?« 
»Bananen sind die Nahrung von morgen«, erwiderte 
Dshawad. »Man muß sie nur anreichern. 
Was mich betrifft, so glaube ich nicht, daß im 
synthetischen Eiweiß die Zukunft liegt. Und du?« 
»Ich hab noch nicht drüber nachgedacht.« 
»Sag mal, schwitzt du nicht in deinen Klamotten?« 
»Wenn'ssoweit ist, werd ich sie schon ausziehn,« 
»Und wo willst du jetzt hin?« 
»Zum Kosmodrom.« 
»Wozu denn das?« 
»Mal sehn. Vielleicht flieg ich kurz zum Mond rüber,« 
»Da kommst du heut nicht hin, dort findet doch das 
Festival statt. Es gibt keine Karten mehr, ich hab's 
versucht.« 
»Schade«, sagte Kolja. »Dann versuch ich's eben mit 
dem Mars.« 
»Dahin nehmen sie unsereinen nur selten mit. 
Höchstens zu einer Exkursion.« 
»Trotzdem fahr ich jetzt zum Kosmodrom.« 
»Warum das, hast du noch nie ein Kosmodrom 
gesehn!« 
»Wir in Konotop haben keins.« 
»Das möchte ich aber stark bezweifeln. Na, mir ist's 
egal, fährst du eben hin. Du mußt den Bus nehmen, 
Linie 3, die Haltestelle ist am Gogol-Denkmal auf dem 
Arbat. Mit dem Bus also zum Prospekt des Friedens, 
 
 
46 
und von dort mit dem Flipper weiter zum Kosmodrom. 
Warte, ich bring dich ein Stück,« 
Sie kamen an einigen Beeten vorbei, wo mehrere 
Kinder, hauptsächlich kleine Knirpse, mit jäten und 
anderen Gartenarbeiten beschäftigt waren, 
»Willst du mal sehn?« fragte Dshawad. »Das gibt's bei 
euch in Konotop wahrscheinlich auch nicht.« Er führte 
Kolja zu einem Jungen, der neben einem der Beete 
hockte, »Hier, die haben wir erst im vorigen Jahr vom 
Aldebaran geholt, Wir sind dabei, sie zu akklimatisieren. 
Zeig sie ihm, Arkascha.« 
»Mach ich gern«, sagte der Junge und nahm zwei 
erbsengroße Samenkörner aus einem Plastsäckchen, die 
er in eine Vertiefung im Boden steckte. Dann griff er 
sich einen Gartenschlauch und begoß sie ausgiebig. 
»Wann soll ich denn wiederkommen« erkundigte sich 
Kolja. »Im Juni?« 
»So wart's doch ab«, sagte Dshawad, »du bist vielleicht 
ein Wilder! Sieh nur hin.« 
Tatsächlich konnte Kolja mit eigenen Augen 
beobachten, wie aus dem Boden langsam zwei grüne 
Triebe kamen. Arkascha begoß sie erneut, und sie 
begannen schneller zu wachsen. Nach einer Minute 
bereits waren sie etwa zwanzig Zentimeter lang und 
bildeten kleine Verzweigungen. »Hol schnell den 
Dünger«, sagte der Junge zu Dshawad, »er liegt im 
Labor auf meinem Tisch!« Dshawad rannte los, daß 
seine nackten Fersen nur so blitzten. Von allen Seiten 
kamen Junge Botaniker und Naturforscher, Kolja 
bemerkte, daß sich das Blattwerk einer großen Linde am 
 
 
47 
Rande der Lichtung auseinanderschob und der Kopf 
einer riesigen Pythonschlange sichtbar wurde, die 
neugierig die Vorgänge beobachtete. Doch niemand 
schenkte ihr Beachtung, und so gab auch er sich den 
Anschein, nicht das geringste dabei zu finden, daß hier 
Pythonschlangen von den Bäumen hingen. Dann kam 
ein kleines Mädchen - es mochte in der ersten Klasse 
sein - mit einem seltsamen Vogel auf der Schulter. Er 
erinnerte an einen Papagei, nur daß er zwei Köpfe 
besaß. Der eine Kopf schaute auf die grünen Triebe, der 
andere auf die Schlange. 
Als Dshawad mit dem Dünger zurückkam, waren die 
Triebe schon einen Meter hoch, und an ihren Zweigen 
hatten sich Knospen gebildet. Dshawad schüttete etwas 
Dünger auf die Wurzeln; 
sogleich kamen die Wurzelenden zum Vorschein und 
machten sich gierig daran, ihn unter sich zu vergraben. 
Kolja trat einen Schritt zur Seite - besser war besser. 
An den Zweigen hatten sich mittlerweile gelbe Blüten 
gebildet. Als die Triebe etwa drei Meter hoch waren, 
fielen diese Blüten ab, und aus den Fruchtknoten 
begannen sich Früchte zu entwickeln. Kolja konnte den 
Blick nicht von diesem Schauspiel losreißen. Nach 
weiteren zwei, drei Minuten wuchsen die Früchte, die 
zunächst an kleine grüne Ringe erinnerten, heran und 
färbten sich gelblich. Sie erinnerten Kolja an irgend 
etwas, er wußte nur nicht, woran. 
Plötzlich löste sich eine der Früchte und fiel zu 
Boden. Der Vogel mit den zwei Köpfen sprang dem 
Mädchen von der Schulter, packte die Frucht mit beiden 
 
 
48 
Schnäbeln, konnte sie jedoch nicht anheben, weil sich 
seine Köpfe gegenseitig behinderten. 
Alle lachten, das Mädchen aber sagte, als wollte es 
sich rechtfertigen: »Lacht doch nicht. Wir haben ihn erst 
vor kurzem gezüchtet, er hat noch ein paar 
Schwierigkeiten.« 
Nun fielen nacheinander auch die übrigen Früchte zu 
Boden. Dshawad hob drei der größten auf und reichte 
sie Kolja. »Hier, nimm, wirst sie auf dem Weg zum 
Mond gut gebrauchen können.« 
»Kann man die denn essen?« 
»Koste doch mal.« 
Kolja biß ein Stück ab, und die Frucht erwies sich als 
eine gewöhnliche Brezel, kalt zwar und ohne Mohn, 
doch ganz frisch. 
»Das ist vielleicht ein Ding!« sagte er. »Wachsen auf 
dem Aldebaran die Brezeln alle auf Bäumen?« 
»Na weißt du!« entrüstete sich Arkascha, der das 
restliche Gebäck in einen Korb gelegt hatte. »Ich hab 
von den Pflanzen des Aldebaran lediglich das 
Wachstumstempo übernommen. -Alles andre hab ich 
über den Weizen und den Brotbaum erreicht.« 
Als Kolja und Dshawad ein Stück weg waren, so daß 
niemand sie hören konnte, sagte Dhswad: »Er ist ein 
künftiges Genie der Genetik und hat einen 
Wunschtraum. Es ist gut, wenn der Mensch einen 
Wunschtraum hat,« 
»Und was wäre das?« 
 
 
49 
»Er will Frühstücksportionen für die Kosmosflotte 
züchten. Fix und fertig verpackt: gekochtes Huhn, Reis 
und schwarzer Kaviar. Keine schlechte Aufgabe, was?« 
»Nicht übel«, erwiderte Kolja und mampfte seine 
Brezel. »Ob er mir einen von diesen Samen abgibt?« 
»Ich werd mich nicht für dich verwenden«, sagte 
Dshawad. »Nicht etwa, weil ich dich nicht leiden 
könnte, sondern weil du ein Heimlichtuer bist, Und das 
mit Konotop ist auch geschwindelt.« 
»Schon gut, ich komm auch so zu recht«, erwiderte 
Kolja. »Vielen Dank jedenfalls für die Melone,« 
»Also dann, auf Wiedersehn, vielleicht begegnen wir 
uns noch mal. Schade, daß du Alissa nicht 
kennengelernt hast, sie wär dir bestimmt behilflich 
gewesen, in den Kosmos zu fliegen, Sie kennt viele 
berühmte Leute in der Fernraumflotte und war 
bestimmt schon auf zwanzig Planeten. Wenn's reicht.« 
»Wie alt ist denn diese Alissa?« fragte Kolja. »Wann 
hat sie das alles geschafft?« 
»So alt wie wir beide. Elf,« 
»Ich bin schon zwölf«, sagte Kolja. »Na gut, dann geh 
ich jetzt, Einen Gruß an Alissa.« 
 
 
 
 
50 
5. Der Autobus fährt nirgendwohin 
 
 
Es war fast zwölf, als Kolja das Gogoldenkmal am 
Arbat erreichte. Er entdeckte den Autobus sofort, Im 
Zentrum des Platzes, der mit verschiedenfarbigen 
Platten ausgelegt war, standen auf einer kleinen 
Erhebung drei Busse. Kolja erriet, daß es öffentliche 
sein mußten, denn über jedem hing, ohne befestigt zu 
sein, eine Kugel mit der Aufschrift »Linie l«, »Linie 2«, 
»Linie 3«. 
Die drei Autobusse waren gerade vorgefahren. 
Passagiere stiegen aus und ein. Einige der Fahrgäste 
kamen unter der Erde hervor, offenbar aus der Metro, 
andere näherten sich auf Flügeln, die sie 
zusammenlegten, als sie zur Tür traten, wieder andere 
kletterten aus Ballons, die, ihrer Last entledigt, von 
allein abflogen, um neuen Platz zu machen. 
Kolja fürchtete, der Autobus könnte ohne ihn 
abfahren, und setzte zu einem Spurt über den Platz an. 
Er war es gewohnt, Bussen und Bahnen 
hinterherzulaufen, denn er haßte es, seine Zeit mit 
Warten an Haltestellen zu vergeuden. 
Er rannte und überlegte dabei, was zu tun sei, wenn er 
eine Fahrkarte kaufen mußte. Er kannte ja nicht mal ihr 
Geld. Eine Hoffnung hatte er allerdings: Daß man in 
hundert Jahren Bus fuhr, ohne bezahlen zu müssen. 
Kolja rannte schnell, und da niemand außer ihm den 
Platz auf solche Art überquerte, wäre es beinahe zu 
 
 
51 
einem Unfall gekommen. Die Ballons und sonstigen 
Flugmaschinen mußten scharf bremsen, stiegen steil in 
die Höhe, versuchten auszuweichen. Die einen, um 
nicht gegen den Jungen zu prallen, die anderen, um 
nicht auf die ausweichenden aufzufahren. Kolja sah aus 
den Augenwinkeln, was er da angerichtet hatte, und 
legte noch mehr Tempo vor. Wer weiß, wie das Ganze 
geendet hätte, wäre nicht in diesem Augenblick ein 
Mann auf Flügeln geradenwegs zu Kolja 
hinuntergestoßen, um ihn aus dem Gewühl heraus in 
die Luft zu heben. 
»Wo willst du hin, du dummer Kerl?« fragte er barsch. 
»Weshalb riskierstdu dein Leben und gefährdest 
obendrein andere?« 
»Lassen Sie mich los!« zeterte Kolja, der zwei Meter 
über der Fahrbahn in der Luft strampelte. »Ich muß den 
Bus erreichen, er fährt gleich ab!« 
Gewiß wäre ihm, hätte er mehr Zeit zum Überlegen 
gehabt, eine bessere Ausrede eingefallen. Doch wenn 
man in Eile ist, sagt man meistens die Wahrheit. 
»Nein so was, er macht noch Witze!« entrüstete sich 
der Mann mit den Flügeln, trug Kolja aber trotzdem zu 
der Erhebung, wo die Busse standen, und ließ ihn 
herunter. Kolja wäre beinahe hingefallen, er prallte recht 
schmerzhaft mit den Füßen auf. 
»Au«, rief er, »ich hätte mir doch was brechen 
können!« 
»Ich hätte nicht gedacht, daß die Kinder auf der Erde 
so empfindlich sind«, erwiderte der Mann, der über ihm 
 
 
52 
in der Luft hing und die Flügel bewegte, die denen einer 
Libelle glichen. 
Erst in diesem Augenblick bemerkte Kolja, daß der 
Mann eine enganliegende, dunkelblaue Kombination 
trug. Darauf war vorn ein goldgestickter Saturn mit 
Ring abgebildet, am Ärmel waren vier Sterne befestigt. 
Oje, dachte Kolja erschrocken, das ist vielleicht ein 
Milizionär. Er wird dich gleich fragen, wo du wohnst. 
 
Aber der Mann war zum Glück kein Milizionär, denn 
in diesem Moment sagte eine Stimme, die Kolja bekannt 
vorkam: »Seien Sie ihm nicht böse, Kapitän.« Am Rand 
der Fahrbahn stand, sein einrädriges Fahrrad 
festhaltend, Koljas Gesprächspartner von vorhin, der 
alte Pawel. »Ich kenne diesen Jungen. Er ist einfach ein 
bißchen zerstreut, weil er sich auf den Fasching 
vorbereitet.« »Ich soll ihm nicht böse sein?« erwiderte 
der Mann. »Schließlich hat er durch sein waghalsiges 
Manöver die Leute gefährdet. Das aber ist sträflich.« 
Und an Kolja gewandt: »Wo willst du eigentlich so 
schnell hin?« 
»Zum Kosmodrom. Reisen in den Weltraum sind 
mein größter Traum.« 
»Wer so leichtsinnig ist wie du, hat im Kosmos nichts 
zu suchen.« 
»Ich werde mich bessern«, versprach Kolja. »Wirklich, 
ich werd mir Mühe geben.« 
»Er wird sich bessern«, unterstützte ihn der Alte. 
»Dann sehen wir uns vielleicht wieder«, sagte der 
Kapitän und schickte sich an, weiterzufliegen. »Halt, 
 
 
53 
warten Sie einen Augenblick«, rief Kolja, »könnten Sie 
mir vielleicht ein Autogramm geben?« Er suchte seine 
Taschen nach Papier und Bleistift ab, fand aber nur 
zwei Kopeken und einen Radiergummi. 
»Such nicht weiter.« Der Kapitän lachte. »Hier hab ich 
etwas für dich zur Erinnerung.« Er nahm einen der 
kleinen goldenen Sterne von seinem Ärmel und reichte 
ihn dem Jungen. Gleich darauf stieg er steil in die Luft. 
»Danke!« rief Kolja ihm hinterher. 
»Also weißt du«, sagte der Alte, »ich könnte dich 
direkt beneiden: Der berühmte Poloskow 
höchstpersönlich, Kosmonaut für Fernraumfahrt und 
Kommandant der >Pegasus<, hat dir einen seiner 
Sterne geschenkt, Hast du überhaupt eine Ahnung, was 
so ein Stern bedeutet?« 
»Nein.« 
»Jeder der Sterne steht für eine Sternenexpedition. Als 
ich ein Junge war, dachte man im Traum noch nicht an 
sowas.« 
»Zu jener Zeit gab's auch schon Kosmonauten«, sagte 
Kolja. 
»Ja, aber noch keine Expeditionen zu den Sternen.« 
»Das werden wir auch noch in Angriff nehmen«, 
versicherte Kolja und befestigte den Stern an seinem 
Armel. 
Der Alte winkte ihm zum Abschied zu, stieß sich mit 
dem Fuß ab und trat in die Pedale seines reichlich 
wackligen Gefährts. 
Kolja dachte, sein Bus wäre längst abgefahren, doch 
er stand zum Glück noch immer da. Er besaß 
 
 
54 
Stromlinienform, doch keine Fenster, und an dieser 
Tatsache erkannte Kolja, daß es sich um ein 
Hochgeschwindigkeitsfahrzeug handeln mußte. Über 
dem Eingang leuchtete die Aufschrift: »Zum Prospekt 
des Friedens«. 
Komme, was wolle, dachte Kolja und bestieg den Bus 
hinter einer älteren Frau, die recht sportlich aussah und 
eine Tunika trug, wie man sie von griechischen 
Göttinnen kannte, Er nahm sich vor, alles genau so zu 
machen wie sie, dann würde ihm nichts passieren. 
Im Autobus war es hell, doch es gab keine Sitzplätze. 
Alle, die einstiegen, gingen zielstrebig weiter. Kolja 
heftete sich der Frau an die Fersen und entdeckte, als sie 
etwa die Hälfte des Ganges zurückgelegt hatten, einen 
Vorhang, darüber die Aufschrift-. »Endstation. Prospekt 
des Friedens«. Die Frau steuerte den Vorhang an und 
verschwand dahinter. Kolja wartete einen Moment, 
folgte ihr dann und sah sie bereits der Ausgangstür 
zustreben, die ins Freie führte. Der Junge befand sich 
nun auf einem anderen, ihm unbekannten Platz. Die 
Frau betrat eine Rolltreppe, die nach unten führte. Aus 
der Bustür drängten inzwischen neue Fahrgäste. Kolja 
begriff nicht das geringste, deshalb ging er auf ein 
Junges Mädchen zu und fragte, »Können Sie mir bitte 
sagen, was das für eine Haltestelle ist?« 
»Was für eine Haltestelle?« 
»Nun ja, ich möchte wissen, wie der Platz hier heißt.« 
»Das ist der Prospekt des Friedens, siehst du das 
nicht?« 
 
 
 
 
 
56 
»Danke«, sagte Kolja, begriff aber trotzdem nichts. Er 
kehrte zum Autobus zurück und las über der Tür die 
Aufschrift: »Einstieg. Zum Arbat.« 
Was sollte denn das heißen? Das kam ja so heraus, als 
würde sich der Bus gar nicht vom Fleck bewegen. Man 
stieg an dem einen Platz ein und am anderen wieder 
aus? Aber wie wurde man befördert? 
Kolja ging zum nächsten Autobus. An seiner Tür 
leuchtete die Aufschrift: »Einstieg. Zum 
Nowodewitschjekloster«. Na bitte, dachte Kolja, jetzt 
kann ich's mühelos überprüfen. Er kannte dieses 
Kloster. 
Diesmal betrat er den Bus gelassen, durchquerte den 
Gang, passierte den Vorhang und stieg aus. Er stand am 
Ufer der Moskwa; ganz in der Nähe ragten die 
rosafarbenen Zinnen des Nowodewitschje-Klosters auf, 
hinter denen die Kuppeln der Kathedrale und der 
Glockenturm zu sehen waren. 
Kolja kehrte zum Prospekt des Friedens zurück. 
Tatsächlich, sagte er sich, ein überaus bequemer 
Städteverkehr. In irgendeinem phantastischen Roman 
hatte er mal etwas von Nulltransport gelesen. Da hatte 
ein Kosmosschiff Raum und Zeit übersprungen. 
Wahrscheinlich beruhte das hier auf dem gleichen 
Prinzip. Er würde das gelegentlich genauer ergründen. 
 
 
 
 
57 
6. Auf zum Kosmodrom! 
 
 
Doch nun galt es erst mal, zum Kosmodrom zu flippen, 
wie Dshawad es ausgedrückt hatte. Kolja war noch nie 
geflippt und hatte es auch bei anderen nicht gesehen. 
Deshalb beschloß er, zunächst das Treiben ringsum ein 
bißchen zu beobachten. 
Er sah Leute, die zu Fuß gingen, und andere, die in 
durchsichtigen Kugeln Platz nahmen. Ein Mann näherte 
sich einer Reihe von Säulen, entnahm der einen etwas.. 
Das interessierte den Jungen - er wollte erkunden, was 
es damit auf sich hatte. 
Die Säulen waren von unterschiedlicher Farbe. Auf 
der weißen stand »Eis«, auf der gelben »Limonade«, auf 
der grünen »Äpfel«, auf der blauen »Belegte Brote«, auf 
der braunen »Kwaß«. Insgesamt waren es etwa dreißig 
Säulen, doch Kolja untersuchte sie nicht alle, um nicht 
den Eindruck zu erwecken, so etwas noch nie gesehen 
zu haben. Ein Mann trat an die gelbe Säule, drückte 
einen Knopf auf der oberen Leiste - und heraus kam ein 
Glas mit Limonade. Der Mann trank die Limonade aus, 
stellte das Glas zurück, und sofort verschwand es 
wieder im Innern der Säule. 
Alles klar, sagte sich Kolja und trat an die weiße Säule. 
Er bekam ein Schokoladeneis, das nicht sehr süß, doch 
zu essen war. Dann ging Kolja zur gelben Säule und 
trank eine Limonade. Danach entnahm er ein Brot mit 
Butter und Käse, worauf erneut nachgetrunken werden 
 
 
58 
mußte, diesmal mit Kwaß - . Da entdeckte er auf einer 
orangen Säule die Aufschrift »Bananen«. Nun denn, 
dachte Kolja, warum nicht auch eine Banane. Er aß die 
Banane, legte die Schale zurück, und sie verschwand im 
Innern der Säule. 
Ein solches Leben gefiel Kolja, deshalb kehrte er zum 
Eis zurück. Das erste Mal hatte er den äußersten linken 
Knopf gedrückt, jetzt betätigte er den daneben. Und 
richtig - diesmal war's eine andere Sorte: Apfeleis. Kolja 
konnte es längst nicht mehr so schnell 
hinunterschlingenwie die vorige Portion, deshalb 
verschnaufte er erst mal, näherte sich der Haltestelle, wo 
die Leute in die durchsichtigen Ballons stiegen. Er 
wollte sehn, wie das vor sich ging. 
Immer wenn jemand an den Ballon herantrat, fuhr 
dort eine runde Luke auf. Der Passagier nahm in einem 
Sessel Platz, die Luke schloß sich wieder, und der 
Fahrgast drückte einen der Knöpfe. Gleich darauf erhob 
sich der Ballon ein kleines Stück Über den Boden und 
schwebte davon. Erstaunlich war auch etwas anderes: 
Kaum hatte sich ein Ballon mit Fahrgast entfernt, da 
kam schon ein neuer, bereit, den nächsten Passagier 
aufzunehmen. 
Kolja trat an einen Ballon heran, stieg aber noch nicht 
ein, sondern warf zunächst einen Blick ins Innere. Vor 
dem Sessel befand sich ein leicht schräges Pult mit 
mehreren Knopfreihen. 
Unter jedem der Knöpfe stand eine Aufschrift, 
allerdings so klein gedruckt, daß sie von außen nicht zu 
entziffern war. 
 
 
59 
Das werden wohl die Flipper sein, von denen sie 
immer reden, dachte Kolja. Doch bevor er auf Reisen 
ging, wollte er eine dritte Sorte Eis ausprobieren. Er 
kehrte zu der weißen Säule zurück und drückte den 
Knopf. Es war herrliches Erdbeereis, das noch besser 
schmeckte als das mit Apfel. Allerdings hatte Kolja nun 
bereits einige Mühe, es zu vertilgen, er spülte mit einem 
weiteren Glas Limonade nach. 
Nun dürft ihr Kolja nicht etwa für einen Schwächling 
halten. Normalerweise hätte er gut und gern zehn 
Portionen geschluckt, doch er war in Eile und schon 
mächtig satt von all dem, was er durcheinander gegessen 
und getrunken hatte. 
Aus diesem Grund fühlte sich Kolja, als er endlich 
den Ballon bestieg, um zum Kosmodrom zu flippen, 
auch voll und schwer wie eine Schlange, die ein Ferkel 
verschluckt hat. Er ließ sich in den Sessel fallen und war 
so müde, daß ihm, als er das Pult mit den Knöpfen 
studierte, fast die Augen zufielen. Aber es hatte alles 
seine Richtigkeit: Unter jedem Knopf stand der Name 
einer Straße oder eines Platzes, zum Beispiel 
»Universität«, »Roter Platz«, »Sokolniki«. Und er fand 
auch, was er suchte, sogar mehrfach: »Kosmodrom l«, 
»Kosmodrom 2«, »Rangierkosmodrom« und selbst 
»Schulkosmodrom«. Nehmen wir mal »Kosmodrom1«, 
entschied Kolja und drückte den entsprechenden 
Knopf. Woraufhin sich sein Ballon nicht schlechter als 
die andern ein Stück in die Luft erhob, schnell an 
Tempo gewann und im Strom genau solcher Flipper 
dahinflog. Kolja begriff sehr bald, daß der Verkehr 
 
 
60 
strengen Regeln unterlag. Die Ballons behinderten 
einander nicht, an Kreuzungen stiegen die über der 
Hauptstraße dahinschwebenden Flipper ein Stück höher 
und glitten wie auf einer unsichtbaren Brücke über 
denen dahin, die sich von den Seiten näherten. Einige 
Flipper flogen ganz hoch oben, wie kleine 
Kinderluftballons, dazwischen tauchten immer mal 
»Libellen« auf - Leute mit Flügeln. Noch weiter über 
ihnen aber zogen große Schiffe, Scheiben, Ringe und 
Kugeln ihre Bahn ... 
 
Es saß sich weich und bequem in dem Flipper, und 
Kolja wäre beinahe eingeschlafen. Eigentlich war er 
tatsächlich eingenickt, hatte es nur nicht bemerkt. Es 
wurde ihm erst bewußt, als er wieder aufwachte. So ist 
das manchmal morgens in der ersten Schulstunde: Man 
sitzt, schreibt, überlegt, kämpft gegen den Schlaf an, 
plötzlich aber gibt's einen Ruck, und man merkt, daß die 
Hand von der Zeile gerutscht ist und unmögliche 
Krakel zu Papier gebracht hat. 
Wahrscheinlich hatte Kolja nur ein oder zwei Minuten 
vor sich hin gedämmert, trotzdem erschrak er, als er an 
die eventuellen Folgen dachte. Automatik hin, 
Automatik her - was konnte passieren, wenn einer der 
Ballons außer Kontrolle geriet! Bei immerhin hundert 
Stundenkilometern! 
Von oben näherte sich ein großer Flipper, der 
offenbar zur Landung ansetzen wollte und deshalb 
kurze Zeit neben Kolja dahinglitt. Der Passagier 
hantierte an irgendwelchen Hebeln, und Kolja 
 
 
61 
vermutete, daß es wohl auch eine Handsteuerung geben 
mußte. Aber ja, wie sollte man sonst zum Beispiel ein 
bestimmtes Haus anfliegen? 
Das mußte er ausprobieren! Er schaltete die 
Automatik aus und betätigte einen kleinen Hebel mit 
der Aufschrift »Steigen«. Ganz vorsichtig, so daß sich 
der Flipper nur ein paar Meter in die Luft erhob. Aber 
das reichte schon aus, um beinahe einen Zusammenstoß 
herbeizuführen. Nein, so ging das nicht. Wenn schon, 
denn schon! Und Kolja zog den Hebel fast bis zum 
Anschlag zu sich heran. 
Da der Junge noch niemals vorher geflippt war, 
konnte er nicht wissen, wie prompt die Ballons 
reagierten. Koljas Gefährt raste dem Himmel und der 
Sonne mit einer solchen Geschwindigkeit entgegen, daß 
die Erde unter ihm versank und seine Ohren zu 
dröhnen anfingen. Der Junge erschrak und zog den 
Hebel wieder zurück. Da verharrte der Ballon reglos, 
durch diese unbarmherzige Behandlung war er direkt 
ein bißchen plattgedrückt. Plötzlich sagte eine Stimme 
aus dem Pult: »Werter Passagier! Sie verstoßen gegen die 
Verkehrsregeln. Wenn Sie nicht aufhören, den 
Flugapparat irrezuführen, sehen wir uns genötigt, 
zwangsweise auf Automatik umzuschalten.« 
»Entschuldigen Sie«, erwiderte Kolja, »ich werde es 
nicht wieder tun.« Der Ballon sank nun und Kolja 
brachte den Hebel - diesmal ganz vorsichtig - in eine 
neutrale Position. Der Flipper kam zur Ruhe und flog 
jetzt gleichmäßig auf der Höhe eines 
hundertgeschossigen Hauses dahin. 
 
 
 
 
 
 
63 
Kolja drehte sich um und schaute auf Moskau hinunter. 
Von hier aus wirkte die Stadt unendlich und sehr grün. 
Freilich war nur schwer zu erraten, wo sich was befand. 
Der Junge entdeckte den Fernsehturm von Ostankino, 
daneben ragten drei weitere Türme auf, etwa doppelt so 
hoch. Sie umringten den alten Turm wie große, kräftige 
Söhne ihr altes Mütterchen. 
Zum Zentrum hin verschmolz die Stadt zu einem 
Gemisch gruner und gelber Tupfen. Um den Kreml 
ausmachen zu können, mußte Kolja höher steigen. Er 
betätigte sacht den entsprechenden Hebel und 
vermerkte mit Genugtuung, daß der Ballon gehorchte 
und ihn sanft nach oben trug. Wär gar nicht schlecht, 
sagte er sich, noch ein paar Tage hierzubleiben und 
nach Herzenslust durch die Gegend zu flippen. 
Kolja zog am Hebel und schaute dabei fortwährend 
nach hinten. Die Stadt lag tief unter ihm, doch er 
empfand keine Angst. Endlich schien es ihm, als sähe er 
die Türme des Kreml, doch in diesem Moment gab es 
ein leises Knistern, und alles um ihn her verschwand. 
Ringsum stand undurchdringlicher grauer Nebel. 
»Was ist denn das für ein Luftrowdy!« rief eine 
Stimme. »Hören Sie auf, mein Netz zu zerreißenl Halten 
Sie an!« 
Kolja gehorchte. Er brachte den Ballon zum Stehen 
und hing in dichtem Nebelbrei, Wie sehr er den Kopf 
auch drehte und wendete - er konnte nicht das geringste 
erkennen. 
»Schlafen Sie, oder was ist los?« ertönte die Stimme 
erneut. 
 
 
64 
Sie klang zornig und kam Kolja bekannt vor. 
»Was soll ich denn tun?« fragte der Junge kleinlaut. 
»Na was schon. Fallen Sie!« 
»Aber Sie haben mir doch befohlen, anzuhalten.« 
»Das war ja auch richtig. Sie hätten mein Netz sonst 
noch einmal zerrissen und wären mit mir 
zusammengestoßen. Sie sollen fallen, hab ich gesagt!« 
Kolja kam der Aufforderung eilig nach, und der 
Flipper stürzte in die Tiefe wie ein Schnellift. Er paar 
Sekunden nur dann flammte plötzlich die Sonne wieder 
auf, Kolja sah nach oben und bemerkte eine gewaltige 
runde Wolke über sich. Er war versehentlich in sie 
hineingeflogen. Als er aber genauer hinschaute, stellte er 
fest, daß es sich um keine gewöhnliche Wolke handelte. 
Sie war von einem in der Sonne glänzenden Netz 
umspannt, das zu einem großen Ballon führte, in dem 
ein Mann saß. Der Ballon zog die Wolke hinter sich her. 
»So, und nun kommen Sie mal her«, sagte die Stimme. 
»Ich möchte mir den Luftrowdy etwas genauer ansehn. 
Ihretwegen verlier ich jetzt die Hälfte meiner Wolke.« 
Kolja bemerkte, daß aus dem Riß, den er hinterlassen 
hatte, wie Dampf aus einem Wasserkessel grauer Nebel 
entwich. 
»EntschuldigenSie bitte«, sagte Kolja, »ich hab das 
nicht gewollt.« 
»Kommen Sie trotzdem hoch.« 
Kolja blieb nichts anderes übrig, als der Aufforderung 
Folge zu leisten; er hatte den Flipper nun schon ganz 
gut im Griff. Als er sich dem Schlepperballon näherte, 
 
 
65 
fiel ihm ein Stein vom Herzen: Der Pilot war sein alter 
Bekannter Pawel. 
»Ach, du gondelst so wild durch die Luft!« sagte der 
Alte, als er sah, wen er vor sich hatte. »Was soll das 
heißen, Kolja?« 
»Ich war so in den Anblick des Kreml vertieft«, 
erwiderte der Junge schuldbewußt, »daß ich Sie nicht 
bemerkt habe.« Und um abzulenken, »Aber sind Sie 
denn nicht müde? Sie sind doch den ganzen Vormittag 
Rad gefahren ... « 
»Glaubst du etwa, ich wäre so alt geworden, wenn ich 
mich zur Ruhe gesetzt hätte? Das Radfahren ist 
Gesundheitstraining. Die Wolken aber schlepp ich für 
das meteorologische Institut, in dem ich arbeite.« 
»Ach, Sie sagen das Wetter voraus?« 
»Vorausgesagt wurde das Wetter früher. Heute 
bestimmen wir es. Sieh nur hin, wie viele wir sind.« 
Und Kolja erblickte, über den ganzen Himmel 
verstreut, Ballons, die Wolken hinter sich herzogen. Es 
mochten an die hundert sein, vielleicht auch mehr. 
»In Rjasan wurde um Regen gebeten«, fuhr der Alte 
fort. »Wir haben ihnen zum Abend leichten 
Niederschlag versprochen. Wenn du willst, kannst du 
mitkommen.« 
»Danke, ich möchte schnell zum Kosmodrom.« 
»Diesen Eindruck hab ich aber gar nicht. jedenfalls 
geb ich dir den Rat, den Flipper wieder auf Automatik 
zu schalten, bevor sie deine Manöver in der 
Steuerzentrale bemerken. Mach es selber, ehe sie es für 
 
 
66 
dich tun. Das wäre peinlich. Immerhin sind wir 
verständige Menschen.« 
Kolja wollte den Rat des Alten befolgen, kam aber 
nicht mehr dazu. Die Handsteuerung hatte sich ohne 
sein Zutun ausgeschaltet, und über der ganzen Breite 
des Pults flammte die Aufschrift: 
 
ZWANGSWEISE UMSCHALTUNG AUF 
AUTOMATIK. 
 
Der Flipper glitt schnell in die Tiefe und flog drei 
Minuten später im Strom der anderen Ballons dicht 
über dem Erdboden dahin, in Richtung Kosmodrom. 
 
 
 
 
67 
7. Wie kommt man auf ein Raumschiff? 
 
 
Auf dem Halteplatz vor dem Kosmodrom kletterte 
Kolja aus dem Flipper. Das Kosmodrom selbst war 
ziemlich bescheiden, wie er bei sich feststellte. Das 
Abfertigungsgebäude hatte höchstens drei Stockwerke. 
Der Junge hatte gehofft, sofort den Bug einiger wie 
Speere aufragender Raumschiffe zu erblicken, doch 
nichts dergleichen. Außerdem gab es unter all den 
Leuten, die aus den Flippern stiegen, vor dem Gebäude 
hin und her spazierten oder einfach herumstanden, so 
gut wie keinen Menschen in Kosmonautenuniform oder 
im Skaphander. Genauso wenig wie Außerirdische, 
Roboter und sonstige zu einem Kosmodrom gehörige 
Wesen. 
Kolja trat zum Eingang, Über der Tür stand: 
 
MOSKAUER KOSMODROM 1 PLANETARE 
MITTEILUNGEN 
 
Alles klar, sagte sich der Junge, von hier aus erfolgen 
keine Flüge zu den Sternen. Auch die ankommenden 
Schiffe bleiben auf der Umlaufbahn oder auf den 
umliegenden Planeten. Er wußte das aus 
Phantastikbüchern. 
Von innen wirkte das Gebäude bedeutend größer. 
Vor gut einem Jahr war Kolja mit der Großmutter nach 
Suchumi geflogen, und der Flugplatz -von Wnukowo 
 
 
68 
erinnerte ihn entfern, an das Kosmodrom. Dort hatte es 
genau solche Hallen gegeben. Die Leute hasteten 
ebenso herum oder waren, im Gegensatz dazu, ganz 
und gar nicht in Eile, weil sie sich aus Angst, zu spät zu 
kommen, viel zu früh eingefunden hatten. Oder weil der 
Start wegen schlechten Wetters verschoben worden war. 
Ob auch Raumflüge wegen schlechten Wetters 
verschoben wurden? Kolja trat an den 
Auskunftsbildschirm und fragte: »Gibt es noch 
Fahrkarten für den nächsten Flug zum Mond?« 
»Der letzte Flug ist vor fünfzehn Minuten erfolgt«, 
antwortete eine Frauenstimme. 
»Und was für Karten gibt es sonst?« 
»Entschuldigung, ich habe Ihre Frage nicht 
verstanden«, sagte die Frauenstimme. »Wo möchten Sie 
denn hin?« 
»Zum Uranus«, antwortete Kolja, obwohl er diese 
Absicht ganz und gar nicht gehabt hatte.»In welcher 
Angelegenheit?« erkundigte sich die Stimme. 
Ein Glück, daß es sich bloß um einen Automaten 
handelt, dachte Kolja, ein Mensch wäre gleich. 
mißtrauisch geworden. Er unterließ es, auf eine so 
indiskrete Frage zu antworten, und setzte seinen Weg 
fort, um zu erkunden, wo sich der Ausgang zum 
Flugfeld befand. 
 
 
 
 
 
70 
Es gab zwar alle möglichen Ausgänge, doch keinen für 
Einzelreisende. Über einem las man »Medizinische 
Kontrolle«, vor anderen Türen aber stand eine Aufsicht, 
oder man mußte irgendeine Marke einwerfen, um die 
Lichtschranke passieren zu können. Was soll denn das, 
dachte Kolja betrübt, da ist man extra zum Kosmodrom 
gefahren und kann nicht mal den kleinsten Flug 
unternehmen, geschweige denn zusehn, wie andere 
abfliegen! 
Kolja verließ das Gebäude und beschloß, es zu 
umgehen, vielleicht hatte er Glück. Er lief etwa zehn 
Minuten, bog um eine Ecke und stand plötzlich vor 
dem riesigen, bis zum Horizont reichenden Flugfeld. 
Auf dem Feld war kein einziges richtiges Raumschiff 
zu entdecken, nur ein paar diskusförmige Scheiben 
standen dort, jede von der Größe eines Fußballfeldes. 
Es handelte sich hier offenbar um »fliegende 
Untertassen«. 
Plötzlich sah Kolja, wie eine der Scheiben vom Boden 
abhob. Sie stieg ganz langsam auf, so als sei sie leichter 
als Luft und würde durch nichts bewegt. Als der Diskus 
etwa hundert Meter hoch war, neigte er sich, wie von 
der Hand eines Sportlers geschleudert, sacht zur Seite 
und sauste dann unverhofft davon, wobei er mit seiner 
Schmalseite die Luft durchschnitt. Kolja folgte ihm mit 
dem Blick, bis die Scheibe nur noch eine kleine Linse 
war und schließlich einzig ein weißer Streifen am 
Himmel anzeigte, in welcher Richtung sie sich entfernte. 
Der Junge wollte gar zu gern ein Stück näher an die 
Schiffe heran, deshalb tastete er sich an der 
 
 
71 
Gebäudemauer entlang vorsichtig zum Flugfeld vor. 
Doch er hatte noch keine zwanzig Schritte zurückgelegt, 
als er gegen eine unsichtbare Wand stieß, Etwas Hartes 
und Durchsichtiges hinderte ihn am Weiterlaufen. Kolja 
tastete das Hindernis mit den Händen ab - es war glatt 
und führte in die Höhe, soweit seine Hände reichten. 
Ganz schön schlau, dachte der Junge, sagte sich aber 
gleich darauf, daß diese Wand ja nicht endlos sein 
konnte. Irgendwo mußte sie zu passieren sein. 
Kolja ging nun wieder zurück auf die Straße, die vom 
Hauptgebäude weg zu einigen kleineren Bauten führte. 
Vor dem kleinsten der Häuser blieb er stehen, denn von 
dort drangen Stimmen zu ihm. 
Er schaute hinein. In einem großen Raum mit 
gewölbter Decke befanden sich einige Jungen und 
Mädchen, alle ungefähr so alt wie Kolja. Sie scharten 
sich um einen niedrigen Tisch. 
Niemand bemerkte, daß Kolja hereinkam und sich zu 
den Kindern gesellte. Er stand da und hielt Ausschau 
nach einer Tür, die zum Flugfeld führte. Endlich 
entdeckte er sie und wollte sich ihr schon unauffällig 
nähern, als ein untersetztes Bürschchen mit Lockenkopf 
auf ihn aufmerksam wurde und sagte: »Wo willst du 
denn hin, dort ist doch Vakuum!« 
»Ich wollte aufs Flugfeld«, erwiderte Kolja. »Und 
wozu?« 
»Einfach so.« Und damit der Lockenkopf keine 
Fragen mehr stellen konnte, fragte er seinerseits: »Und 
was macht ihr hier?« »Siehst du das denn nicht? Wir 
arbeiten.« 
 
 
72 
»Klar, daß ihr arbeitet.. Ich möchte wissen, woran.« 
»An einem Sputnik. Sag bloß, er hat keine Ähnlichkeit.« 
»Natürlich hat er Ähnlichkeit. Soll es ein Modell 
werden?« 
»Sind wir vielleicht kleine Kinder? Das wird ein 
gewöhnlicher Nachrichtensatellit, über den sie das 
Schulprogramm senden, Gibt es das in eurer Schule 
etwa nicht?« 
»Ich bin aus Konotop«, erwiderte Kolja, »und nur 
Historiker.« 
»Na weißt du«, sagte der Lockenkopf, »da habt ihr 
aber eine einseitige Ausbildung,« 
»Wann schickt ihr euren Sputnik eigentlich hoch?« 
fragte Kolja, um abzulenken. 
»Wir warten bloß noch auf den Transportroboter.Heute ist mächtiger Trubel wegen dem Festival auf dem 
Mond, deshalb hat sich der Start verzögert.« 
»Geht ihr raus aufs Flugfeld?« 
»Natürlich, wir müssen den Sputnik doch auf dem 
Gravitonenschieber montieren, damit der ihn zur 
Umlaufbahn bringt.« »Und wo ist euer Lehrer?« »Er 
wartet auf dem Flugfeld.« 
Kolja begriff, daß sich ihm hier eine günstige 
Gelegenheit bot, doch er durfte nichts übereilen. 
»Hör mal«, sagte er zu dem Lockenkopf, »was ist denn 
da für eine Wand um das Kosmodrom gebaut worden? 
Ich glaube, im vorigen Jahr gab es die noch nicht.« 
»Du hast recht. Im vorigen Jahr war hier noch eine 
gewöhnliche Mauer, doch sie hat das Gesamtbild 
 
 
73 
verschandelt. Deshalb dieses Kraftfeld.« »Wozu denn 
das?« 
»Was heißt, wozu? Zum Schutz vor unsereinem 
natürlich. Oder glaubst du, es mangelt an 
Grünschnäbeln, die unbedingt zum Mars wollen? Aber 
was, so frag ich dich, haben Grünschnäbel auf dem 
Mars verloren? Und doch versuchen sie's.« 
»Wolltest du selbst denn nie auf den Mars?« fragte 
Kolja. 
»Ich? Nein. Ich fliege erst zum Mars, wenn ich dort 
von Nutzen sein kann«, sagte der Lockenkopf. »Dafür 
lerne ich ja.« 
»Glaub ihm kein Wort«, schaltete sich ein etwas 
älterer Junge ein. »Er wollte nicht bloß zum Mars, 
sondern hat sich, um dorthin zu gelangen, sogar auf 
einen Transportliner geschmuggelt. Ein Glück, daß man 
ihn rechtzeitig erwischt hat, sonst wäre er im Kosmos 
erfroren.« 
»Erstens war ich damals klein«, sagte der Lockenkopf 
gekränkt, »es liegt schon gut zwei Jahre zurück, und 
zweitens bin ich nicht so dumm gewesen, in ein 
Transportschiff zu klettern. Ich hab mich auf einem 
Postschiff versteckt.« 
»Ach, auf einem Postschiff kann man wohl zum Mars 
fliegen?« fragte Kolja, der seine Vorsicht vergessen 
hatte. 
Der Lockenkopf bedachte ihn mit einem 
mißtrauischen Blick. »Sag mal, weshalb bist du 
eigentlich hier?« 
 
 
74 
»Ich? Nur so. Ich wollte mir euren Sputnik anschaun, 
damit ich unsern Jungs in Konotop davon berichten 
kann.« 
Der Lockenkopf glaubte ihm ganz offensichtlich nicht 
und wollte schon zu neuen Fragen ansetzen, doch in 
diesem Augenblick fuhr die Wand zur Seite auf, und im 
Zimmer erschien ein Transportroboter in Gestalt eines 
Karrens. Es war einfach eine Ladeplattform, die über 
der Erde dahinglitt. Doch als die Plattform am Tisch 
angelangt war, kamen aus ihrem Innern ein paar 
Metallgreifer, die den Sputnik in Sekundenschnelle 
umklammerten und vorsichtig auf die Ladefläche 
stellten. Der Karren rollte nun aufs Flugfeld hinaus, und 
die Kinder folgten ihm eilig. Kolja aber, den sie völlig 
vergessen hatten, schloß sich ihnen an. 
Kolja ging so lange hinter dem Karren her, bis er ein 
ebensolches Gefährt entdeckte, das ihnen genau 
entgegen kam und eine hübsche, etwa zwei Mann hohe 
Vase geladen hatte. Über die Vase war eine halb 
durchsichtige Hülle gestülpt. 
Diese Begegnung kam Kolja gerade recht. Er blieb ein 
Stück hinter den anderen Kindern zurück, wartete, bis 
der Karren mit der Vase bei ihm war, dann schlüpfte er 
in ihren Windschatten und lief nun in ihrem Schutz 
neben ihr her, so als sei er ihr Eigentümer und wollte sie 
seiner Großmutter auf den Jupiter schicken. 
Niemand hatte Koljas Verschwinden bemerkt. 
Nun galt es, sich an eines der Schiffe 
heranzupirschen, Kolja hatte in diesem Augenblick 
nicht unbedingt die Absicht, irgendwohin zu fliegen. Er 
 
 
75 
wollte nur, wenn es ihm schon geglückt war, aufs 
Flugfeld zu gelangen, das so sorgsam vor blinden 
Passagieren behütet wurde, wenigstens den Fuß in ein 
Raumschiff setzen, sich ein bißchen darin umschaun. 
Der Karren mit der Vase schwenkte zu einem Diskus 
ab, der ein Stück entfernt von den übrigen stand, Das 
kam Kolja sehr zupaß: Die Vase wurde bestimmt ins 
Schiffsinnere befördert - auf diese Weise würde auch er 
sich hineinschmuggeln können. 
Und so geschah es auch. 
 
 
76 
 
 
8. Schwarzfahrer in der Vase 
 
 
Der Transportkarren bremste vorsichtig vor der offenen 
Schiffsluke. Von nahem wirkte der Diskus geradezu 
riesig. Die Luke, von der Größe eines FußbaIltors, 
schimmerte schwarzlich unterm Diskusrand; von ihr 
führte eine Laufplanke hinunter, so breit wie eine 
mittlere Landstraße und mit geriffeltem Plast bedeckt, 
damit man nicht rutschte. 
Vor dieser Laufplanke kam der Karren zum Stehen. 
Kolja kauerte sich hinter ihm nieder, damit ihn die 
Leute nicht sahen, die die Fracht in Empfang nehmen 
würden. Doch niemand ließ sich blicken. Statt dessen 
fuhr der Karren, als hätte er Befehl erhalten, vorsichtig 
den Steg hoch, wobei er die Vase mit seinen Greifern 
fest umklammert hielt. 
Es wäre unverzeihlich von Kolja gewesen, eine solche 
Gelegenheit auszulassen. Er war bisher von niemandem 
bemerkt und angehalten worden, da würde er doch jetzt 
nicht darauf verzichten, einen Blick ins Innere des 
Schiffes zu werfen! Und wenn's nur ein ganz kurzer war, 
für eine Minute! Danach würde er sofort nach Hause 
zurückkehren. 
Der Karren blieb in einem großen, nicht sehr hohen 
und nur schwach erhellten Saal stehen. Kolja wollte sich 
schon entfernen, als aus dem Innern des Gefährts eine 
 
 
77 
Stimme ertönte. Es war die langweilige Stimme eines 
Automaten: »Transportroboter vierundvierzig - wohin 
mit Fracht Nummer zwölf-drei. Erwarte Information.« 
Sogleich kam irgendwo von oben die Antwort: »An 
Transportroboter vierundvierzig - habe keine 
Information, Ihre Fracht betreffend. Empfangen Sie 
weitere Anweisungen in Laderaum zwei.« Der Karren 
setzte sich erneut in Bewegung. Bis jetzt hatte Kolja 
nichts Interessantes entdecken können, er war noch 
keinem einzigen Menschen begegnet. Der Karren rollte 
aus dem großen Saal in einen kleineren, wo sich bereits 
mehrere Kisten befanden. Hier war es heller, und von 
irgendwoher kam ein kalter, trockener Lufthauch. 
Kolja hielt Ausschau, scheinbar neugierig, in 
Wirklichkeit jedoch auf der Suche nach einem Versteck. 
Deshalb trugen ihn seine Beine zu einer großen dunklen 
Nische zwischen den Kisten. Er ging in Deckung und 
war nun mit sich selbst im Widerstreit. Die eine Hälfte 
seines Ichs forderte, daß er kehrtmachte, sobald der 
Roboter die Vase abgeladen hatte, die andere aber 
wollte davon nichts hören. 
Während er so mit sich stritt, bot sich ihm plötzlich 
ein überraschender Anblick. In der breiten 
Vasenöffnung wurde unvermutet ein Menschenkopf 
sichtbar. Er war kugelrund und völlig kahl. Der Kopf 
sah sich nach allen Seiten um und verschwand wieder. 
Kolja war zum ersten Mal an diesem Tag erschrocken. 
Der Kopf kam erneut zum Vorschein, dicke 
Wurstfinger krallten sich um den Vasenrand, dann 
arbeitete sich mühsam ein Mann ins Freie, der einzig aus 
 
 
78 
Kugeln zu bestehen schien. Der Kopf ebenso wie der 
Bauch, ja selbst die Arme wirkten kugelförmig. Der 
Mann erinnerte an einen überfütterten Säugling. 
Der Dicke wälzte sich über den Vasenrand und 
rutschte auf, dem Bauch an ihrer gerundeten Seite 
hinunter. Der Karren geriet ins Schwanken und fragte 
verdattert: »Was ist denn das was ist denn das?« 
Die Stimme unter der Decke aber erwiderte: »Alles in 
Ordnung. Sie erhalten Anweisung. Ich warte auf 
Information.« 
Der Dicke klopfte mit den Fingerknöcheln gegen die 
Vase" und gleich darauf kam ein zweiter Kopf zum 
Vorschein. Der jedoch war schmal und klein, saß auf 
einem dünnen Hals. Der Dicke hob die Arme in die 
Höhe und half dem Mageren herunter. 
Das Ganze erinnerte an eine Illustration zu dem 
Märchen »Ali Baba und die vierzig Räuber«. Die Räuber 
in diesem Märchen hatten sich ja ebenfalls in einem 
Gefäß versteckt, nur daß man ihnen später den Garaus 
machte. 
Die beiden Männer blieben noch einen Augenblick 
auf dem Karren stehen und rannten dann ausgerechnet 
zu der dunklen Nische, in der Kolja sich verborgen 
hielt. Der Junge kroch hastig ein Stück zurück und fand 
einen schmalen Spalt zwischen Kisten und Wand. Er 
quetschte sich hinein und verharrte reglos mit 
angehaltenem Atem. 
Da saß er ganz schön in der Falle! Solange die beiden 
hier hockten,mußte auch er ausharren. Es gab keinen 
 
 
79 
Zweifel, der Dicke und der Dünne wollten als blinde 
Passagiere zum Mars fliegen. 
Doch wenn sich jemand auf ein Raumschiff 
schmuggelte, der gerade mal zwölf war und dazu aus 
einer anderen Epoche stammte, war das verständlich. 
Bei Erwachsenen aus dieser Zeit sah das schon anders 
aus. Außerdem hatte Kolja Angst vor den beiden - sie 
gefielen ihm nicht. 
Von oben sagte eine Stimme: »An Transportroboter 
vierundvierzig - Fracht fälschlich hierher befördert - 
Vase ein Geschenk für den Aldebaran - Fracht zurück 
an Hauptlager, Wenn Anweisung verstanden, bitte 
bestätigen.« 
»Anweisung verstanden«, antwortete der Karren. 
»Fracht hat Gewicht verändert - minus 
einhundertdreiundneunzig Kilogramm 
sechshundertzweiundachtzig Gramm. Möglicher Verlust 
während des Transports - bitte überprüfen.« 
Kolja stellte sich vor, wie der Karren mit seinen 
Greifern den Boden abtastete, etwas suchte, doch nichts 
fand. Die Schwarzfahrer wogen demnach 
einhundertdreiundneunzig Kilogramm. 
Die beiden in Koljas Nähe wurden unruhig und 
begannen in einer unverständlichen Sprache zu flüstern, 
die einzig aus Mitlauten bestand. Es hörte sich ungefähr 
so an: »Kch-mschschsch-frk-Psch-krr« - das war eine 
hohe,- pieps ende Stimme. Und »Schschschpsch-
w'prrrr-kttttt-zz« antwortete, um einiges tiefer, die 
andere. 
 
 
80 
Sieh mal an, dachte Kolja schadenfroh, jetzt kriegt 
ihr's mit der Angst. Gleich werden sie euch haben! 
Dabei vergaß er völlig, daß er sich hier ja selber 
unerlaubt aufhielt. Er hatte nur den Wunsch, man möge 
die beiden hindern, zum Mars zu fliegen. 
Draußen ertönten unzählige Trappelschritte, so als 
käme ein ganzer Zwergentrupp in- den Frachtraum 
gerannt. Der Dicke und der Dünne verstummten, 
krochen noch mehr in sich zusammen. 
Die Schritte verteilten sich über die ganze Halle, und 
plötzlich war alles ringsum in grelles Licht getaucht. 
Kolja spähte durch einen Spalt zwischen den Kisten 
und sah, daß die Nische, in der sich die beiden 
Schwarzfahrer verborgen hielten, jetzt von mehreren 
kleinen Robotern mit vielen Armen und Beinen 
bevölkert war, Die Männer preßten sich ganz dicht an 
die Wand, und der Dicke machte sogar Anstalten, sich 
in den Spalt zu zwängen, wo Kolja hockte, was ihm 
freilich nicht gelang. Als der Junge einen erneuten Blick 
zwischen die Kisten hindurch riskierte, sah er, wie die 
beiden verzweifelt versuchten, die kleinen Roboter 
abzuschütteln. Die aber hatten sich fest in ihre Opfer 
gekrallt und zerrten sie zur Mitte des Raumes. 
Eine Minute später verkündete die Automatenstimme 
des Karrens: »Zwei Menschen aufgefunden, zwischen 
Containern versteckt, weigerten sich herauszukommen.« 
Die Stimme von oben erwiderte: »Wiegen Sie die 
beiden, erbitte Information.« 
Kolja beobachtete, wie die kleinen Roboter die beiden 
Männer in die Luft hoben. 
 
 
81 
»Gewicht meines Menschen beträgt dreiundvierzig 
Kilogramm sechshundertzweiundachtzig Gramm«, sagte 
der eine Roboter. 
»Gewicht meines Menschen beträgt hundertfünfzig 
Kilogramm glatt«, meldete ein zweiter. »Gesamtgewicht 
genau hundertdreiundneunzig Kilogramm 
sechshundertzweiundachtzig Gramm«, konstatierte ein 
dritter. 
Worauf der Karren sagte: »Errechnetes Gewicht 
entspricht Verlust.« 
Die Stimme von oben ordnete an.- »Leute festhalten, 
bis Wache eintrifft.« 
Dem Jungen dagegen schenkte niemand Beachtung - 
er war ja nicht auf dem Transportkarren mitgefahren. 
Die kleinen Roboter hatten die bei den Schwarzfahrer 
noch immer fest im Griff, was diese zu lautem Protest 
veranlaßte: »Kchrr! Pschschpwschh!« 
Dann betrat der Wachhabende den Raum. Er trug 
eine blaue Kombination; auf dem einen Ärmel befand 
sich direkt über einem kleinen Stern, wie auch Kolja ihn 
seit kurzem besaß, ein gestickter Komet. 
»Laßt sie los«, sagte er zu den Robotern. 
Sofort plumpste der Dicke zu Boden, der Dünne 
dagegen konnte sich auf den Beinen halten. »Das ist 
eine Unverschämtheit!« schimpfte der Dicke. »Das ist 
glatter Hohn! Mit welchem Recht haben Sie diese 
Mißgeburten auf uns losgelassen?« 
»Da frage ich eher Sie, was Sie hier im Laderaum zu 
suchen haben«, erwiderte der Wachhabende. »Wie sind 
Sie überhaupt hergekommen?« 
 
 
 
 
 
83 
»Wir wollten uns nur dieses wunderschöne Schiff 
ansehn«, sagte der Dünne. 
Kolja hätte um ein Haar gerufen: »Er lügt!«, unterließ 
es dann aber - er hatte sich ja nicht viel besser verhalten! 
»Ich möchte es genau wissen«, beharrte der 
Wachhabende. 
»Wir sind ganz einfach hereingekommen.« 
»Ich glaube vielmehr, daß Sie sich in der Vase 
versteckt hatten«, widersprach der Mann. 
»Ja und, ist das vielleicht verboten?!« empörte sich der 
Dicke. »Jeder fährt so, wie es ihm gefällt.« 
»Wo wollen Sie überhaupt hin?« 
»Gestatten Sie, daß ich Ihnen alles erkläre«, begann 
der Dünne. »Damit es keine Mißverständnisse gibt. Das 
Mütterchen meines Freundes hier lebt auf dem Pluto ... 
So sag doch was!« 
Der Dicke brach sogleich in Tränen aus und stöhnte: 
»Stimmt, mein altes Mütterchen lebt auf dem Pluto. Sie 
hat heute Geburtstag und wartet auf mich. Sie wird 
neunzig. Sie. kann schließlich diesen Tag nicht ohne 
ihren geliebten Sohn begehen,« 
»Da sehen Sie, wie er leidet«, sagte der Dünne. 
»Erzählen Sie weiter.« 
Der glaubt ihnen doch nicht etwa, dachte Kolja. 
»Da haben wir uns eben in der Vase versteckt«, 
ergänzte der Dicke. »Auf Ihrem Schiff war ja kein Platz 
mehr frei.« 
»Und wohin, glauben Sie, fliegt dieses Schiff?« 
»Na, zum Pluto.« 
»Sie irren sich. Das hier ist ein Postschiff zum Mars.« 
 
 
84 
»O Himmel«, rief der Dicke, »gibt's denn so was! Sie 
wollten uns zum Mars schicken!« 
»Niemand wollte Sie irgendwohin schicken«, 
erwiderte der Wachhabende barsch. »Und überhaupt 
bleiben Sie vorerst hier auf der Erde, Es wär ja noch 
verständlich, wenn sich irgendein Knirps aufs Schiff 
schmuggelt. Wenn jedoch erwachsene Menschen solche 
Späße machen, ist das zumindest befremdlich, Übrigens, 
was macht Ihr Mütterchen auf dem Pluto? Das ist doch 
eine wissenschaftliche Basis und kein Sanatorium.« 
»Seine Mutter ist nicht etwa Rentnerin«, beeilte sich 
der Dünne zu versichern, »sie hat sich auf die 
Gewinnung von Wasser aus dem Vakuum spezialisiert.« 
»Also gut, da Sie sich nun mal im Schiff geirrt haben, 
werden die Roboter Sie jetzt zum Dispatcher des 
Kosmodroms begleiten. Er wird Ihnen behilflich sein, 
Billetts für das richtige Schiff zu kaufen. Er wird auch 
ein Auge drauf haben, daß Sie niemanden mehr 
täuschen. Auf Wiedersehen. Und noch etwas: Sie haben 
Glück gehabt. Während des Fluges wird der Frachtraum 
nämlich hermetisch verschlossen, so daß hier während 
der vollen drei Tage eine Temperatur von null Grad 
betrachtet.« 
»Oh, wie dankbar wir Ihnen sind!« riefen die beiden 
Schwarzfahrer wie aus einem Mund. »Wir werden Ihre 
Güte unser Leben lang nicht vergessen. Aber Sie 
brauchen die Roboter wirklich nicht zu bemühen, die 
haben doch gewiß andere Arbeit. Wir finden schon 
selber zum Abfertigungsgebäude zurück.« 
 
 
85 
»Nein, wo denken Sie hin!« Der Wachhabende lachte 
spöttisch. »Mit den Robotern verirren Sie sich 
wenigstens nicht, und ich bin beruhigt.« 
Kolja beobachtete aus seinem Versteck heraus, wie 
der Wachhabende die beiden Männer zum Ausgang 
brachte und sie dort der Obhut der Roboter überließ. 
»Was war denn los?« hörte Kolja jemanden fragen. 
Ein hochgewachsener Kosmonaut war an den 
Wachhabenden herangetreten - es war jener Kapitän 
Poloskow, der Kolja das Sternchen geschenkt hatte. 
»Eine merkwürdige Geschichte, Kapitän«, antwortete 
der Wachhabende. »Sehen Sie die beiden Männer dort 
drüben übers Feld hasten?« 
»Ja. « 
»Sie hatten sich, in einer Vase versteckt, aufs Schiff 
geschmuggelt. Diese Vase aber war fälschlich zu uns an 
Bord geraten.« 
»Wieso denn?« 
»Sie war für den Pluto bestimmt. Für den dortigen 
Klub der Wissenschaftler. Die beiden wollten ebenfalls 
zum Pluto. Angeblich wohnt dort die Mutter des einen 
und wird neunzig.« 
»Ist doch Blödsinn!«sagte Poloskow. 
»Der Meinung bin ich auch.« 
»Irgendwie kommen mir die beiden bekannt vor«, 
sagte der Kapitän. »Ich hab sie schon mal gesehen, weiß 
bloß nicht mehr, wo. Hast du übrigens alle Ladeluken 
überprüft, damit wir nicht noch mehr blinde Passagiere 
an, Bord haben?« 
 
 
86 
»Kein Grund zur Besorgnis, Kapitän, Bevor wir 
abfliegen, geh ich noch mal mit dem Biosucher durch. 
Dem entgeht nicht die kleinste Maus.« 
»In Ordnung«, erwiderte Poloskow. »Dann gehen wir 
jetzt zur Kommandobrücke und erstatten dem 
Dispatcher Meldung.« 
Die beiden Kosmonauten entfernten sich, und Kolja 
begriff, daß er keinen Augenblick länger hier bleiben 
durfte. Überhaupt war es Zeit, nach Hause 
zurückzukehren. 
Er kletterte vorsichtig aus seinem Versteck und rannte 
die Laufplanke hinunter. Dann wartete er, bis ein 
Transportkarren vorüberrollte, und gelangte in dessen 
Windschatten schnell zum Kosmodromgebäude. Drei 
Minuten später trat er bereits auf den Vorplatz hinaus, 
wo die Flipper standen. 
 
 
 
 
87 
9. Die Mißerfolge der Piraten 
 
 
Wenn man für kurze Zeit in eine fremde Stadt kommt, 
kann man sich an einem Tag zwar die Straßen ansehn, 
die Museen und sogar ein paar Leute kennenlernen, 
doch man wird schwerlich einen Eindruck davon 
erhalten, wie die Menschen hier leben, was für Sorgen, 
Nöte und Freuden sie haben. Auf diese Weise kann ein 
ganz falsches Bild entstehen. 
Das trifft zu, wenn man in eine fremde Stadt kommt. 
Doch was erst, wenn man, wie Kolja, in eine völlig 
andere Welt gerät? 
Kolja streifte durch die Straßen, sah dies und jenes, 
traf auf Menschen, von denen er sich gleich wieder 
trennte. Das eine und andere verstand er - schließlich 
ändert sich nicht alles in hundert Jahren. Vieles sah er 
auch nicht oder deutete es falsch. 
So glaubte er zum Beispiel, daß die Leute in hundert 
Jahren fröhlich und sorglos dahinlebten, nur taten, was 
ihnen Freude bereitete, zum Fasching gingen und zu 
anderen Planeten flogen. Die Schwierigkeiten aber, die 
sie hatten, sah er nicht. Dabei existierten die 
Schwierigkeiten durchaus. Zum Teil dieselben wie zu 
unserer Zeit, zum Teil ganz andere. Natürlich versuchte 
niemand, Kolja etwas vorzumachen oder vor ihm zu 
verheimlichen - sie hielten ihn ja alle für ihren 
Zeitgenossen. Doch an einem einzigen Tag kann man 
eben nur sehen, was an der Oberfläche liegt. 
 
 
88 
Und so war es auch nicht verwunderlich, daß Kolja 
beim Anblick der beiden Männer, die auf dem Schiff 
hinter den Kisten Zuflucht suchten, nicht gleich begriff, 
um was für Leute es sich handelte. Der Wachhabende 
hatte sie ja ebenfalls nicht durchschaut. Kapitän 
Poloskow dagegen war unruhig geworden, hätte sie 
vielleicht erkannt, wären sie nicht schon so weit weg 
gewesen. 
Denn der Kapitän war ihnen bereits vor knapp zwei 
Jahren begegnet, als er mit seinem Raumschiff 
»Pegasus« und einer Gruppe vom Moskauer Zoo zu 
verschiedenen Planeten aufgebrochen war, um seltene 
Tiere und Vögel zu erwerben. Zu dieser Expedition 
hatte übrigens auch das Mädchen Alissa gehört; sie war 
von ihrem Vater, dem Direktor des Zoos, 
mitgenommen worden. Die Reisenden hatten damals 
viele Abenteuer bestehen und sich mit einigen 
unangenehmen Gesellen auseinandersetzen müssen - 
mit den kosmischen Piraten. Das war auch nicht weiter 
erstaunlich. Früher, zur Zeit der Segelschiffe, machten 
Seeräuber die Meere unsicher. Als dann im Laufe der 
Jahre Telefon, Radio, schnelle Schiffe und Flugzeuge 
erfunden wurden, gingen den Räubern die Verstecke 
aus, sie hatten immer mehr Mühe, den Verfolgern zu 
entkommen, und es gab auf der Erde bald keine Piraten 
mehr. Etwas ganz anderes war dagegen der Kosmos. 
Die Galaxis ist einem Ozean vergleichbar, nur einige 
millionenmal größer. Die Planeten sind wie Inseln, darin 
verstreut, die Gestirne wie Archipele. Der Rest aber ist 
Ödnis, durch die die Raumschiffe fahren. 
 
 
89 
 
In der Galaxis existieren die unterschiedlichsten 
Systeme. Wie einst auf der Erde, leben dort 
fortschrittliche und rückständige Völker, ja selbst Wilde 
beieinander. Es gibt sogar Planeten, deren Bewohner 
sich ein Dasein ohne Krieg gar nicht vorstellen können. 
Und genau diese Tatsache nutzen die kosmischen 
Piraten aus. Sie brauchen Geld, begehren Schätze, denn 
sie streben nach Luxus und Zerstreuung. Am meisten 
aber verlangt es sie nach Macht über die Welt. Eine 
Zeitlang waren diese Piraten für alle die schlimmste 
Plage, doch dann hatten die Bewohner der Galaxis es 
satt und beschlossen, ihnen ernsthaft auf den Leib zu 
rücken. Sämtliche Planeten des Galaktischen Bundes 
vereinten ihre Kräfte, bauten eigens zu diesem Zweck 
ein paar Schnellkreuzer und starteten einen Feldzug 
gegen das Piratentum. Schon wenige Monate später 
waren fast alle Räuber gefangen, man hatte sie in ihren 
Stützpunkten aufgestöbert und den Bestohlenen einen 
Teil des geraubten Gutes zurückerstatten können. Doch 
einigen der gewieftesten und listigsten Piraten war es 
gelungen zu entkommen, und zu ihnen gehörten zwei 
berüchtigte Banditen. Der eine hieß Fröhlicher U, er 
war dick und schien einzig aus Fettkugeln zu bestehen. 
Auf den ersten Blick konnte man ihn für einen 
gutmütigen, gesprächigen Dickwanst halten, doch das 
wäre ein verhängnisvoller Irrtum gewesen: Niemand 
konnte ihm trauen, selbst seine nächsten Freunde 
mußten sich vorsehen. 
 
 
90 
Der Fröhliche U hielt sich für überaus durchtrieben. 
Wenn es keinen gab, den er hereinlegen konnte, setzte 
er sich hin und spielte mit sich selber Karten, wobei er 
grauenhaft betrog. 
Ganz anders dagegen sein Kumpan Ratt vom toten 
Planeten Rattus. Die Rattusser hatten stets nur Kriege 
geführt, sie kannten gar keine andere Beschäftigung. Sie 
kämpften so lange, bis sie sich gegenseitig ausgerottet 
hatten, ein paar Übriggebliebene verschanzten sich in 
finsteren Höhlen. Der Ratt aber hatte es satt, ständig 
nur in Höhlen zu hausen, und schloß sich den Piraten 
an. Er wurde zu einem der unbarmherzigsten Banditen 
in der Galaxis. 
Der Ratt trug stets eine synthetische Hülle. Meistens 
zog er es vor, sich den Anschein eines kleinen, traurigen 
Männchens zu geben, doch unter dieser Hülle verbarg 
sich ein Insekt mit behaarten Beinen, rundem Leib und 
dünnen, spitzen Scheren. Auf dem Rücken besaß er 
kleine Flügel, die er aber nur schlecht gebrauchen 
konnte. Er benötigte sie, um mit ihrem Gesumm den 
Gegner zu betäuben. Außerdem besaß der Ratt einen 
Schwanz mit Giftstachel. Das Gift wirkte allerdings nur 
bei Wesen seiner eigenen Gattung. 
Als fast alle Piraten gefangen waren, schlossen sich 
die beiden zusammen, obwohl sie früher spinnefeind 
gewesen waren. Nun machten sie schon seit fünf Jahren 
die Galaxis unsicher, wenn auch immer auf der Flucht. 
Noch vor kurzem hatten sie ein eigenes Raumschiff 
besessen und mehrere Handlanger, doch nachdem die 
Expedition vom »Pegasus« sie mit Hilfe der Drei 
 
 
91 
Kapitäne besiegt hatte, waren sie völlig verarmt. Sie 
konnten zwar der gerechten Strafe entrinnen, mußten 
sich aber zwei Jahre lang auf fernen Planeten verborgen 
halten. 
Und ausgerechnet Kolja, für einen einzigen Tag in die 
Zukunft geraten, mußte auf den Ratt und den 
Fröhlichen U treffen, ohne freilich etwas von ihrer 
schlimmen Vergangenheit zu ahnen. Die beiden Piraten 
waren am Morgen auf der Erde angelangt, hatten aber 
nicht vor, lange zu bleiben. Sie mußten befürchten, 
gefangen zu werden, deshalb wollten sie möglichst 
schnell auf ein Schiff gelangen, das sie zum Pluto 
brachte. Dort arbeitete nämlich eine kleine Expedition, 
die schon bald ein mit Gold beladenes Raumschiff zur 
Erde senden würde. Bekanntlich gab es auf dem Pluto 
mehr Gold als Granit. 
Beinahe hätten die Piraten Erfolg gehabt, wären sie 
nicht durch einen Irrtum des Computers versehentlich 
auf ein falsches Schiff geraten. Wahrscheinlich hätten 
sie es geschafft, den Goldtransport zu kapern und damit 
in den Kosmos zu fliehen, vielleicht aber auch nicht. 
Jetzt jedenfalls schlüpften die beiden Banditen, nur 
kurze Zeit nach Kolja,zum Halteplatz der Flipper 
hinaus, stiegen in einen Doppelsitzer und verließen eilig 
das Kosmodrom. 
»Wo tauchen wir unter?« fragt e der Fröhliche U. »Die 
haben wir ganz schön angeschmiert!« Er brach in lautes 
Gelächter aus. 
»Psst! Die Dispatcherzentrale hört vielleicht mit!« 
sagte der Ratt. 
 
 
92 
»Auf der Erde werden keine Gespräche abgehört. 
Außerdem reden wir ja in unsrer Sprache.« »Trotzdem 
sollten wir lieber flüstern.« 
»Also wohin fliegen wir?« 
Der Ratt studierte die Aufschriften unter den 
Knöpfen. Es waren mehr als hundert, doch keine sagte 
den beiden zu. 
»Das da!« zischte der, Ratt. »Da fliegen wir hin! Ist 
vielleicht gar nicht so ungünstig für uns. jedenfalls 
werden sie uns dort bestimmt nicht suchen.« 
Sein dünner synthetischer Finger, der die Kralle 
verdeckte, betätigte einen Knopf, unter dem 
geschrieben stand: 
 
KOSMOSZOO. 
 
Zur gleichen Zeit näherte sich auch Kolja Moskau. Er 
wollte zum Prospekt des Friedens, von wo er mit dem 
Autobus Nr. 3 zum Gogolboulevard fahren würde, um 
zurück zum Zeitinstitut zu gelangen. Und es wäre auch 
alles gut gegangen, hätte es ihm vor Müdigkeit nicht die 
Augen zugezogen. Wahrscheinlich machten ihm noch 
immer das viele Eis und die Brause zu schaffen. 
Vielleicht war er aber auch einfach nur erschöpft. 
Der Flug verlief ruhig, Kolja verstieß nicht gegen die 
Verkehrsregeln, es war warm und behaglich im Flipper. 
Bis zur Ankunft wollte er noch ein bißchen die Augen 
schließen, über dies und jenes nachdenken. Er schloß 
die Augen auch wirklich, zum Nachdenken freilich kam 
er nicht, weil er sofort einschlief. Im Schlaf neigte er 
 
 
93 
sich nach vorn, legte den Kopf auf die Arme und 
drückte mit dem Ellbogen dabei versehentlich den 
Knopf mit der Aufschrift KOSMOSZOO. 
 
 
 
 
94 
10. Ein Besuch im Kosmoszoo 
 
 
Der Flipper gelangte an eine Kreuzung, schwenkte 
seitlich ab, entfernte sich vom Prospekt des Friedens 
und sauste in Richtung Zentrum davon, dorthin, wo 
sich zu Koljas Zeiten der Zoo befunden hatte. Später 
war dieser Zoo auf ein geräumigeres Gelände 
umgezogen. Aber als man dann zu fernen Planeten flog 
und ungewöhnliche Lebewesen auf die Erde mitbrachte, 
wurde ein zweiter, spezieller Zoo für Kosmostiere 
benötigt. Und für ihn wählte man wieder das alte, 
gewohnte Gelände. 
Von alldem wußte Kolja natürlich nichts. Er schlief 
friedlich, in der Annahme, daß seine Reise nun bald zu 
Ende sei. 
Doch dem war ganz und gar nicht so. 
»Junger Mann!« hörte er plötzlich eine laute Stimme. 
»Ich sehe zum ersten Mal, daß jemand den Flipper als 
Schlafkabine benutzt!« 
Kolja war im Nu hellwach, sprang auf und stieß sich 
den Kopf an der Decke des Flugkörpers. »Was ist los?« 
fragte er, denn er hatte völlig vergessen, wo er sich 
befand. 
Vor ihm stand ein Mann in grüner Arbeitskluft, die 
mit Birken bemalt war. Sie wirkten so echt, daß man 
meinen konnte, der Mann stünde nicht auf Beinen, 
sondern auf Birkenstammen. Es war ein seltsamer 
Anblick, Kolja saß da und zwinkerte mit den Augen. 
 
 
95 
Erst jetzt begriff er, daß er sich nicht auf dem Prospekt 
des Friedens befand. Hinter ihm und zu beiden Seiten 
ragten einige mehr oder weniger normal aussehende 
Gebäude auf, direkt vor ihm jedoch führte ein Tor in 
Gestalt eines bizarren Felsens zu einer Höhle. Hinter 
dem Felsen sah man die Dächer und Kuppeln 
irgendwelcher Bauten und Baumwipfel, in die Höhle 
selbst aber strömten ununterbrochen Leute 
unterschiedlichen Alters. 
»Wo bin ich?« fragte Kolja. 
»Weißt du das wirklich nicht?« Der Mann war aufs 
höchste verblüfft. 
»Ich stamme aus Konotop«, erwiderte Kolja, »und war 
noch nie hier.« 
»Das ist doch nicht möglich!« rief der Mann erstaunt 
aus. »Du bist der erste, der mir eine solche Frage stellt!« 
»Und wo bin ich nun?« beharrte Kolja. 
»Das hier ist der Kosmoszoo.« 
»Der was?« 
»Der Kos-mos-zoo. Der Zoo für kosmische Tiere. ich 
aber, heiße Elektron Stepanowitsch und bin für die neue 
Technik zuständig.« 
In diesem Augenblick flammte über dem Felsen eine 
rote Leuchtschrift auf. KOSMOSZOO und verlosch 
wieder. 
»Na, das ist ein Ding!« sagte Kolja. Er hatte zum 
Prospekt des Friedens fahren wollen und war statt 
dessen in den Zoo für Kosmostiere geraten! Fast wäre 
er, ohne ihn gesehen zu haben, in seine Zeit 
 
 
96 
zurückgekehrt. Also wirklich, er hatte ausgesprochenes 
Glückl »Dann geh ich jetzt mal,« sagte Kolja. 
»Wohin?« 
»Na, in den Kosmoszoo. Sie glauben doch nicht, ich 
würde mir, da ich nun schon mal hier bin, diesen 
Anblick entgehen lassen.« 
»Nein, das glaube ich wirklich nicht«, stimmte 
Elektron Stepanowitsch zu. »Eigentlich hab ich ja jetzt 
Feierabend und wollte gerade nach Hause gehn, aber da 
es sich so ergeben hat, können wir den Rundgang ja 
gemeinsam machen. Für mich ists interessant, jemanden 
zu begleiten, der noch niemals hier war.« 
»Machen Sie sich nur keine Umstände«, sagte Kolja. 
»Nein, wieso denn, das ist quasi zweimal Kosmoszoo. 
Du wirst dir die Tiere anschaun, und ich beobachte dich 
dabei.« 
Sie betraten gemeinsam die Höhle, die den Eingang 
zum Zoo bildete. 
Dieser Eingang war nicht von ungefähr so 
beschaffen, wie er sich darbot. Genau solch eine Höhle 
hatte man nämlich eines Tages im offenen Kosmos 
entdeckt. Sie bewegte sich zwischen den Sternen dahin, 
und in ihrem Innern schwirrten, verschiedenfarbigen 
Glühwürmchen gleich, winzige Vögel herum, die 
kleinsten, die man im Universum kannte: Sie waren mit 
Schwanz gerade mal einen halben Zentimeter lang, doch 
von erstaunlichen Farbschattierungen - kein einziger 
glich dem andern. Man hatte die Höhle, so wie sie war, 
zur Erde gebracht und ihr ein neues Domizil im 
Kosmoszoo gegeben. Da die Vögel aber nur im 
 
 
97 
luftleeren Raum existieren konnten, war innerhalb der 
Höhle ein durchsichtiger Tunnel für die Besucher 
installiert worden. 
Im Tunnel herrschte Halbdämmer, so daß Kolja 
zunächst gar nicht begriff, was sich hinter den 
Glaswänden tat: Es sah aus, als würden Tausende 
bunter Funken sich zu einem Schwarm formieren, 
wundersame Muster bilden, jäh wieder 
auseinanderfliegen, Ketten, Kreise und Dreiecke 
formen. Die Vögel fühlten sich sehr wohl auf der Erde 
und vermehrten sich außerordentlich. Man hatte bereits 
alle Tiergärten der Welt damit versorgt, und es gab auch 
schon einige private Liebhaber, die diese Tierchen in 
Vakuumbehältern bei sich zu Hause hielten. 
Nachdem Kolja die Vögel ausgiebig bewundert hatte, 
ging er mit seinem Begleiter weiter, zu einem 
geräumigen Platz, wo sich linkerhand ein großer Teich 
befand. In seiner Mitte tauchte plötzlich ein riesiger 
schwarzglänzender Tierkörper auf, an dessen 
schlangenförmigem Hals von etwa zehn Metern ein 
kleiner Kopf saß. Es war ein absolut echter Dinosaurus. 
»Aber die Dinosaurier sind doch längst ausgestorben!« 
rief Kolja verblüfft aus. 
»Im Grunde schon«, erklärte Elektron Stepanowitsch, 
»doch unsere Gelehrten haben vor einigen Jahren im 
ewigen Eis ein Ei gefunden und eine Methode 
entwickelt, es künstlich auszubrüten. Ein kleiner 
Brontosaurus ist geschlüpft, herangewachsen und zahm 
geworden.« 
 
 
 
 
 
99 
»Und weshalb hält man ihn im Kosmoszoo, wenn er ein 
Erdentier ist?« 
»In einem normalen Tierpark ist er sehr schwer zu 
halten, immerhin sind die Dinosaurier schon seit vielen 
Millionen Jahren ausgestorben.« 
»Wahrscheinlich fühlt er sich sehr einsam bei Ihnen«, 
sagte Kolja. »Allein, wie er ist.« 
»Tja, wie soll ich sagen ... So einsam ist Bronta nun 
auch wieder nicht, er hat durchaus Freunde. 
Sieh mal da ... « 
Kolja schaute zum Teich hinüber und erblickte am 
gegenüberliegenden Ufer ein Mädchen in roter 
Kombination. Sie hatte helle, kurze Haare und war 
kaum älter als Kolja. Das Mädchen hob den Arm und 
rief etwas. 
»Wieso läßt man sie zu ihm?« fragte Kolja. 
»Das ist Alissa, eine alte Freundin von Bronta. Sie 
haben sich kennengelernt, als Bronta noch ganz klein 
war.« 
»Ist das nicht trotzdem gefährlich?« wandte Kolja ein. 
Er verfolgte, wie der Brontosaurusdem Mädchen am 
Ufer seinen unglaublich langen Hals entgegenreckte und 
sich von ihr füttern ließ. »Er könnte doch nach ihr 
schnappen.« 
»Nein, er ist zahm.« 
Kolja sah mit angehaltenem Atem zu, wie das Tier 
langsam ans Ufer schwamm und dem Mädchen seinen 
Kopf zu Füßen legte. Sie aber hockte sich hin und 
kraulte ihn dort, wo andere Tiere normalerweise ihr Ohr 
haben. Kolja hatte keine Ahnung, ob Dinosaurier 
 
 
100 
Ohren besaßen, und auf die Entfernung konnte er das 
auch nicht erkennen. 
»Komm jetzt, laß uns weitergehn«, sagte Elektron 
Stepanowitsch. »Wenn du willst, mach ich dich nachher 
mit Alissa bekannt.« 
Alissa ... Alissa ... Den Namen hatte Kolja heute 
schon einmal gehört. Ob es sich um jene Alissa 
handelte, von der die Jungs auf der Biostation 
gesprochen hatten? 
»War diese Alissa schon mal im Kosmos?« fragte er 
»Aber ja, sogar mehrmals. Sie ist bereits ein ziemlich 
anerkannter Kosmosbiologe.« 
»Was Sie nicht sagen!« rief Kolja ungläubig aus. »Sie 
ist doch noch ein Kind.« 
»Bist selber ein Kind! Ist es nicht egal, wie alt jemand 
ist? Hauptsache, er versteht sein Fach.« 
Früher hätte Kolja solch weise Worte mit beiden 
Händen unterschrieben. Wie oft hatte er seinen Eltern 
und selbst den Lehrern klarmachen wollen, daß das 
Alter keine Rolle spielte und die Erwachsenen kein 
Recht hätten, auf ihre grauen Haare zu pochen. Doch 
die Großen hatten ihn ausgelacht oder waren sogar 
empört gewesen, sie hatten ihn für arrogant und 
aufsässig gehalten. 
 
Hier und in diesem Augenblick dagegen regte sich der 
Widerspruchsgeist in ihm, das kam hin und wieder vor. 
»Es ist viel zu früh für sie, sich mit Biologie zu 
befassen«, knurrte er. »Wenn sie ein bißchen älter ist, 
 
 
101 
will sie vielleicht zur Feuerwehr. Oder mit Puppen 
spielen.« 
»Du willst sie also nicht kennenlernen?« 
»Ich denk nicht dran.« 
»Wie du meinst«, sagte Elektron Stepanowitsch. »Aber 
vielleicht möchtest du dir mal den Plapperschnabel 
ansehen?« 
»Was denn für einen Plapperschnabel?« 
»Alissa hat ihn mitgebracht. Er merkt sich alles, was in 
seiner Anwesenheit gesprochen wird. Er hat ein 
phänomenales Gedächtnis und beherrscht achtzehn 
kosmische Sprachen.« 
Kolja zuckte die Achseln. Insgeheim interessierte es 
ihn schon, doch er wollte das nicht zeigen, weil Alissa 
diesen Plapperschnabel mitgebracht hatte. Ja und, was 
war schon dabei? Wenn Kolja das Glück gehabt hätte, 
hundert Jahre später zur Welt zu kommen - er hätte 
ebenfalls einen Plapperschnabel aus dem Kosmos 
geholt. Es lag ja noch alles vor ihm. Er würde die 
Schiffe bauen, mit denen Alissa in den Weltraum flog. 
Er selber würde, wenn er erst mal groß war, den Boden 
ferner Planeten betreten. Wenn er ein bißchen mehr 
Zeit hätte, und waren es nur zwei Tage, würde er es sich 
nicht nehmen lassen, hier in der Zukunft nach sich 
selber zu suchen. Nicht ausgeschlossen, daß er noch 
lebte - sein Altersgenosse, der alte Pawel, existierte ja 
auch. »Worüber denkst du nach?« fragte Elektron 
Stepanowitsch. 
Ȇber gar nichts. Also, wo ist nun Ihr 
Plapperschnabel?« 
 
 
102 
Der Vogel saß unter einer Glasglocke von der Größe 
eines Hauses. Die Tür zu dieser Glocke war geöffnet, so 
daß er ins Freie konnte. 
- Das Tier erinnerte an einen großen weißen Papagei. 
Auf dem Kopf hatte es ein Krönchen, doch besaß es 
statt einem Schnabel zwei und statt zwei Ohren nur 
eins. 
Vor dem Plapperschnabel drängten sich die 
Schaulustigen und unterhielten sich mit ihm. 
»Erzähl mal was von den Drei Kapitänen«, bat ein 
altes Mütterchen, das ihren Enkel an der Hand hielt. 
Der Knirps lutschte einen großen Bonbon. 
»Sei freundlich mit den Leuten, aber biedre dich nicht 
an rief der Plapperschnabel barsch. 
»Also nein, er ist heute nicht in Stimmung«, sagte das 
Mütterchen. »Komm, Wanetschka, wir fliegen ein 
bißchen auf den Sklissen.« 
»Ich will aber nicht zu den Sklissen!« heulte der Kleine 
und spuckte den Bonbon aus. »Ich will zu den 
Gottesanbeterinnen vom Mars!« 
»Seid nicht so laut«, sagte der Vogel mit seinem 
zweiten, Schnabel, »die Piraten könnten uns hören.« 
Der erste Schnabel aber zischelte mit völlig anderer 
Stimme»Kchrr, ppschsch, brsch, prschschwrch.« 
Wo hatte Kolja diese Laute schon mal gehört? Es war 
doch, noch gar nicht lange her. 
Aus dem zweiten Schnabel drang Gelächter. 
Aber ja, in dem Postschiff, das zum Mars fliegen 
sollte! So hatten die Schwarzfahrer miteinander 
gesprochen. 
 
 
103 
»Was ist das?« erkundigte er sich bei Elektron 
Stepanowitsch. »Wen ahmt er da nach?« »Die 
kosmischen Piraten«, antwortete das Mütterchen, die 
sich mit dem zeternden Knirps entfernte. »Ich höre ihm 
öfter zu.« 
»Nein«, entgegnete Koljas Begleiter, »das ist der Schrei 
der kledianischen Eule. Ich arbeite hier und höre ihn 
ebenfalls oft sprechen.« 
Kolja hatte seine eigene Meinung zu diesem Punkt, 
behielt sie aber für sich. 
Der Plapperschnabel war nun eingeschlafen, und die 
beiden gingen weiter. 
»Elektron Stepanowitsch!« rief plötzlich ein großer, 
leicht gebeugter Mann mit hellen, schon etwas 
schütteren Haaren. »Da sind Sie ja, und ich dachte, Sie 
wären bereits nach Hause gegangen!« »Das wollte ich 
auch«, erwiderte der Techniker, »hab es mir aber anders 
überlegt. Ich begleite diesen Jungen Mann hier, der 
noch nie in unserem Zoo war.« 
»Hoffentlich nimmt mir Ihr Junger Freund nicht übel, 
daß ich Sie jetzt bitte, mit zur Futteranlage zu kommen. 
Sie müssen überprüfen, wieso die Anlage den gesamten 
Vorrat an Hanfsamen ins Drachenstädtchen geleitet hat. 
Ziehen die Drachen etwa neuerdings Hanf anständigem 
Rindfleisch vor?« 
»Das ist doch unmöglich!« rief Elektron 
Stepanowitsch und richtete sich auf seinen Birkenbeinen 
zu voller Größe auf. »Ich hab das System erst gestern 
kontrolliert. Der Hanf ging zur Kleinvogelvoliere und 
 
 
104 
das Rindfleisch zu den Drachen. Warte auf mich, Kolja, 
geh inzwischen ein bißchen spazieren.« 
»Das ist wirklich zu dumm«, sagte der 
großgewachsene Mann. »Wir haben das neue System 
gerade erst installiert, es funktionierte, und ich glaubte, 
heute ruhigen Gewissens zum Kongreß fliegen zu 
können ... « 
»Da haben Sie's, Professor Selesnjow!« sagte Elektron 
Stepanowitsch. »Ich hab der neuen Technik von 
vornherein mißtraut. Würden wir unser Futter austeilen 
wie früher, mit Hilfe der guten alten Roboter, gäbe es 
keinerlei böse Uberraschungen. Nun sagen Sie bloß, die 
Drachen fressen die Hanfsamen wirklich.« 
»Sie sind hungrig und fressen's.« 
Kolja wollte seinen Begleiter korrigieren, ihm sagen, 
daß die Tiere früher nicht von Robotern, sondern von 
richtigen Menschen, ihren Wärtern, gefüttert worden 
waren, doch Elektron Stepanowitsch wiederholte 
bereits, an Kolja gewandt-. »Geh ein bißchen spazieren, 
während ich mit dem Direktor die Futteranlage 
überprüfe. Vielleicht ist sie kaputtgegangen, vielleicht 
meint sie aber auch nur, es sei ökonomischer, aus den 
Drachen Vegetarier zu machen.« 
Elektron Stepanowitsch und der Zoodirektor 
entfernten sich, und Kolja hörte noch, wie der 
Professor fragte: »Haben Sie zufällig Alissa gesehn? Ich 
konnte mich noch nicht mal von ihr verabschieden.« 
»Ihre Tochter war gerade am Teich«, antwortete der 
Techniker. »Sie hat sich mit Bronta unterhalten ... « 
Möcht mal wissen, auf wieviel Planeten dieser Professor 
 
 
105 
schon war, dachte Kolja. Vielleicht auf hundert, wenn 
nicht mehr. Ein beneidenswerter Mensch! Durchaus 
möglich, daß ich später nicht einfach Kosmonaut 
werde, sondern Kosmoszoologe. Solche Leute werden 
ja auch gebraucht. 
Als die beiden Männer aus seinem Blickfeld 
verschwunden waren, setzte Kolja den Rundgang fort. 
Er stand ein Weilchen vor einem Aquarium mit 
Kosmosbarschen, die sich von ihren Artgenossen auf 
der Erde nur dadurch unterschieden, daß sie die Augen 
am Schwanz hatten und deshalb beim Schwimmen mit 
dem Kopf wedelten. 
Dann trat Kolja auf eine Lichtung, wo einige Kühe 
weideten. Neben einer dieser Kühe stand das 
Mütterchen von vorhin. Sie hatte den Kleinen auf den 
Rückendes Tieres gesetzt, und Kolja fand diese Art der 
Zerstreuung merkwürdig. Doch in diesem Augenblick 
entfaltete die Kuh so etwas wie ein Paar Flughäute und 
erhob sich schwerfällig ein kleines Stück über den 
Boden. Die anderen Kühe hoben die Köpfe, 
beobachteten den Vorgang und wandten sich wieder ab. 
Am Rand der Lichtung war ein Täfelchen angebracht 
mit der Aufschrift. »Sklisse. Paarhufer vom Planeten 
Scheschinera.« 
Die alte Frau lief neben der Kuh her und hielt den 
Kleinen fest, der nun endlich lachte. 
Wieder einige Zeit später gelangte Kolja zu einem 
kleinen Platz, auf dem metergroße Insekten 
herumspazierten. Sie erinnerten an Gottesanbeterinnen. 
 
 
106 
Wenn sie einander begegneten, hoben sie ihre kurzen 
Vorderpfoten und tasteten sich lange gegenseitig ab. 
Plötzlich kam Alissa, das Mädchen in der roten 
Kombination, vorbei. Sie hatte eine schwarze Tasche 
über der Schulter hängen. Eine der Gottesanbeterinnen 
richtete sich, als sie sie erblickte, auf ihren dünnen 
Hinterbeinen auf und streckte die Vorderpfoten in die 
Höhe, als betete sie. Alissa winkte ihr zu, blieb aber 
nicht stehen. Kolja folgte ihr. 
 
 
 
 
 
 
 
108 
 
11. Gib acht auf das Myelophon! 
 
 
Hätte man Kolja auf den Kopf zu gesagt, daß er Alissa 
beneidete - er wäre entrüstet gewesen. Was gab's da zu 
beneiden? Sie war einfach später als er auf die Welt 
gekommen. Er dagegen war genau zur rechten Zeit 
geboren und darüber hinaus auch noch in der Zukunft 
gewesen. Er kam sich vor wie ein Kundschafter auf 
großer Entdeckungsfahrt: Er war ein Stück vorausgeeilt, 
hatte sich umgesehn und würde zurückkehren, um den 
langen Weg zu Fuß gemeinsam mit allen fortzusetzen. 
So war das. Und doch beneidete er Alissa insgeheim ein 
kleines bißchen - wie konnte es anders sein? Wieviel 
Interessantes hatte sie schon gesehen! Die Abenteuer, 
die sie erlebt hatte, waren mit gewöhnlichen nicht zu 
vergleichen. Und bei näherem Hinschaun gefiel ihm das 
Mädchen auch. Als Mensch. Deshalb folgte er ihr. Mal 
sehn, was sie jetzt tun wird, dachte er. Vielleicht wartet 
irgendwo ein zweiter Dinosaurus auf sie. 
Doch Alissa steuerte auf ein Gebäude zu, an dem 
»Rechenzentrum« stand. Bevor sie allerdings dazu kam, 
es zu betreten, eilte ihr der Zoodirektor, Professor 
Selesnjow, entgegen. Vater und Tochter trafen sich, nur 
zehn Schritt von Kolja entfernt, so daß er jedes Wort 
ihrer Unterhaltung hören konnte. Um nicht den 
Anschein zu erwecken, daß er lauschte, wandte er sich 
zu einem Käfig um, wo ein finster dreinschauender 
 
 
109 
Wolf mit Hörnern und Eisenpanzer im Kreis herumlief. 
. »Ich hab dich nur mit Mühe gefunden, Papa«, sagte 
Alissa, »es ist alles in Ordnung. Du fährst weg?« 
»Ja. Ich bin in zwei Wochen wieder zurück.« 
»Wenn du Mama siehst - ich habe alle Bücher gelesen, 
die sie mir dagelassen hat. Sobald sie zurück ist, können 
wir uns darüber unterhalten.« 
»Haben sie dir nicht gefallen?« 
»Nur zum Teil. Weißt du, es ist schade, seine Zeit mit 
Belletristik zu verschwenden.« 
»Da bin ich aber gar nicht deiner Meinung«, erwiderte 
der Professor. »Hoffentlich wirst du mal kein trockener 
und langweiliger Mensch. Überhaupt will mir scheinen, 
daß du noch vor zwei Jahren viel fröhlicher warst. >Die 
drei Musketiere< waren deine Lieblingslektüre.« 
»Die >Zoologie des Kosmos< aber auch.« 
»Na gut. Sieh zu, daß du das Frühstücken nicht 
vergißt.« 
»Ich würd's bestimmt vergessen, aber der Roboter 
Grischka läßt das niemals zu. Und wenn ich Appetit auf 
ein richtiges warmes Essen habe, fahre ich zu den 
Großeltern. Bei denen steht man nicht hungrig vom 
Tisch auf.« 
»Ach ja, noch was: Hast du wieder mal das 
Myelophon genommen? Du weißt doch, das ist kein 
Spielzeug. Wenn nun eins der Tiere plötzlich krank 
wird!« 
»Denkst du etwa, ich benutze es als Spielzeug?« 
»Versteh mich richtig, Alissa. Auf der ganzen Erde 
gibt es nur zwanzig solcher Myelophone. Sie sind auf 
 
 
110 
die wichtigsten Institute und medizinischen Zentren 
verteilt worden. Die Kristalle in diesem Gerät sind so 
selten, daß in den letzten Jahren die acht Expeditionen, 
die auf dem Asteroiden Wlasta waren, nur ganze 
sechsundzwanzig Stück gefunden haben ... « 
»Du brauchst mir wirklich keine Lektion zu erteilen, 
Papa«, sagte Alissa erstaunt. »Ich weiß das alles sehr gut, 
und ich verspreche dir: Noch heute, sobald ich den 
Versuch mit dem Hohlwesen abgeschlossen habe, 
bringe ich das Myelophon zurück in die Klinik. Kannst 
dich drauf verlassen. Überleg doch nur mal, vielleicht 
können die Hohlwesen tatsächlich denken. Gerade jetzt, 
wo sie in Blüte stehn ... « 
»Möglicherweise hast du recht. Na schön, ich muß 
jetzt los. Und vergiß die Großeltern nicht, sie haben 
Sehnsucht nach dir.« 
Alissa und ihr Vater gaben sich einen Kuß zum 
Abschied und gingen jeder in eine andere Richtung. 
Kolja wollte dem Mädchen schon folgen, da sah er 
plötzlich zwei Männer, die im Schatten auf einer 
weichen Bank saßen. Der Junge hätte schwören können, 
daß es sich um die beiden blinden Passagiere aus der 
Vase im Kosmodrom handelte. Allerdings war er nicht 
hundertprozentig sicher, denn erstens hatte auf dem 
Schiff Dunkelheit geherrscht, zweitens waren sie jetzt 
verkleidet: Der Dicke trug einen breitkrempigen 
Strohhut, der Magere einen hellblauen Umhang. Doch 
wenn es tat sächlich die beiden waren - was suchten sie 
hier? 
 
 
111 
Der Magere stieß den Dicken in die Seite und sagte 
etwas zu ihm. Sie erhoben sich und entfernten sich 
hastig. Sie schlugen dieselbe Richtung ein wie Alissa. 
Kolja dachte bei sich, daß die Männer das Gespräch 
zwischen Alissa und ihrem Vater ebenfalls mit angehört 
haben mußten, doch nicht das beunruhigte ihn. Was 
besagte es schon, daß ihm die beiden nicht gefielen? 
Vielleicht wartete die Mutter des Dicken tatsächlich auf 
dem Pluto, während er keine Fahrkarten bekommen 
hatte. Schon möglich, daß der Plapperschnabel nur die 
kledianische Eule nachgeahmt hatte und nicht die 
kosmischen Piraten. In solche Gedanken vertieft, folgte 
Kolja den Männern. Denn es blieb dabei - sie waren 
ihm unsympathisch. Sie gefielen ihm einfach nicht, 
basta. 
Ein Stück entfernt konnte Kolja den roten Anzug des 
Mädchens erkennen: Alissa betrat gerade ein Hochhaus. 
Keine Minute später schlüpften auch die beiden in das 
Gebäude. 
Kolja überlegte nicht lange. Er rannte hinterher und 
ebenfalls in das Haus hinein. 
Das Gebäude erwies sich als Terrarium. Ein hoher, 
schmaler Gang führte zwischen Glaswänden entlang, 
hinter denen alle möglichen Ungeheuer zu sehen waren 
- Kolja beachtete sie nicht weiter. 
 
Er prallte selbst dann nicht zurück, als eine Schlange 
gegen das Glas sprang und nach ihm schnappen wollte. 
Sie stieß mit ihrem glänzenden Hornschuppenkopf 
 
 
112 
gegen die Scheibe, ließ ihre Giftzähne blitzen, und ein 
trüber Giftstrahl rann das Glas hinunter. 
Im Terrarium befanden sich so gut wie keine 
Besucher. Kolja blieb jäh stehen: Vor ihm waren der 
Dicke und der Dünne aufgetaucht. Der Junge preßte 
sich an die Wand, die hier ein bißchen in den Gang 
hineinragte, und so konnte ihn der Dicke, der sich 
gerade umdrehte, nicht sehen. Die beiden 
verschwanden um eine Ecke. 
Weiter vorn mündete der Gang in einen großen Saal. 
Kolja lief auf Zehenspitzen zum Eingang und spähte, 
sich an die Wand pressend, in den Raum. 
Es war eine geräumige runde Halle mit einer Kuppel 
darüber. Im Zentrum der Halle erhob sich ein flacher 
Hügel, auf dem so etwas wie ein dickwandiges 
Betonrohr von etwa drei Metern Durchmesser lag. Aus 
solchen, wenn auch dünneren Rohren, dachte Kolja, 
bauen sie bei uns die Gasleitungen. 
Von außen war das Rohr mit grünem Moos bedeckt, 
aus dem kleine, an Vergißmeinnicht erinnernde Blumen 
sprossen. Von innen waren die Wände glatt und 
glänzend. 
Im Innern des Rohrs stand Alissa mit ihrer schwarzen 
Tasche. Sie war geöffnet, und von ihr führte ein kleiner 
Draht zum Ohr des Mädchens. »Hör zu, Hohlwesen«, 
sagte sie, und ihre Stimme hallte als Echo im Rohr 
wider, »ichhab trotz allem den Verdacht, daß du 
denken kannst. Ich kenne bloß die Frequenz nicht. Nun 
verrat sie mir schon!« 
 
 
113 
Alissa beugte sich über die schwarze Tasche und 
machte sich daran zu schaffen. 
Kolja sah sich suchend nach den Männern um - er 
fragte sich, wo sie abgeblieben waren. Doch dann 
entdeckte er den Dicken: Die breite Hutkrempe verriet 
ihn. Die beiden hatten sich hinter dem kleinen Hügel 
versteckt. 
Nun zweifelte Kolja kein bißchen mehr daran, daß 
Alissa Gefahr drohte. Er sah den Hut von der einen 
Seite näher kommen, während der Dünne in seinem 
Umhang geduckt um den Hügel herumlief und am 
entfernten Ende des Rohrs auftauchte. 
Kolja hielt es nicht länger aus und rief: »Alissa, paß 
auf, hinter dir!« 
Der Kopf des Dünnen verschwand, und der Dicke 
stürzte zum hinteren Ausgang des Saals, wobei er den 
Hut verlor. 
»Was ist los?« fragte das Mädchen. Sie drehte sich um, 
konnte jedoch außer einem Hut, der auf dem Boden lag, 
nichts entdecken. 
Kolja rannte bereits durch den Korridor zum 
Ausgang. Hauptsache, er hatte die beiden gestört. 
Dagegen legte er keinen Wert darauf, von Alissa 
gesehen zu werden, damit die ihn nicht erst ausfragen 
konnte. Deshalb auch überquerte er mit einigen 
schnellen Sätzen den Platz vor dem Terrarium und bog 
in eine enge Allee ein. 
Er wollte einem Mann ausweichen, der plötzlich vor 
ihm stand. Der aber packte ihn, und Koljas Blick fiel auf 
 
 
114 
zwei Birkenstämme. Der Junge hob den Kopf und 
erkannte Elektron Stepanowitsch. 
»Wo willst du denn hin?« rief der Techniker. »Ich 
suche dich überall!« 
»Ich? Ich ... habe Sie ebenfalls gesucht.« 
»Hat dich irgendwas erschreckt?« 
»Mich?. Aber nein. Ich muß nur einfach nach Hause.« 
»Hast du's weit nach Hause?« 
»Über eine Stunde«, sagte Kolja. 
»Na, dann setz dich einen Augenblick und hol erst 
mal Luft. Du siehst ja völlig verstört aus.« 
Kolja sträubte sich nicht, er war sogar froh, einen 
Bekannten getroffen zu haben. Er fragte nur: »Wie spät 
ist es?« 
»Es geht auf sechs.« 
»Wirklich zum Verrücktwerden, wie die Zeit 
verfliegt!« sagte Kolja. 
Sie setzten sich nebeneinander auf die Bank, und 
Kolja erkundigte sich: »»Na, was macht Ihre 
Futteranlage? Hat sie es aufgegeben, die Drachen mit 
Hanf zu füttern?« Dabei spähte er durch ein paar 
Bambuszweige fortwährend zum Platz vor dem 
Terrarium, um zu sehen, was sich tat. 
Dort jedoch tat sich, außer daß ein paar vereinzelte 
Passanten auftauchten, überhaupt nichts. Weder der 
Dicke, noch der Dünne, noch Alissa ließen sich blicken.
 
 
115 
»So was Idiotisches«, erwiderte Elektron Stepanowitsch, 
»keinem noch so primitiven Roboter wäre ein derartiger 
Irrtum unterlaufen, von einem Menschen ganz zu 
schweigen. Für eine Maschine bedeuten Fleisch oder 
Hanf nichts weiter als eine Kombination von Zeichen. 
Also wirklich, diesem Unfug muß ein Ende bereitet 
werden ... « 
»Was hat es eigentlich mit dem Myelophon auf sich?« 
unterbrach Kolja den Redeschwall des Technikers. »Ist 
das auch so eine neue Maschine?« 
»Das Myelophon? Nein, das gibt es schon seit einigen 
Jahren. Aber wahrscheinlich nicht mehr lange.« 
»Wieso das? Maschinen können doch nicht 
aussterben.« 
»Hin und wieder schon, und hier ist solch ein 
besonderer Fall. Der Apparat selbst stellt kein Novum 
der Technik dar, er ist nichts weiter als ein 
elektronischer Empfänger mit Verstärker. Das 
Entscheidende an ihm ist der Kristall - den gibt es 
nämlich vorerst nur auf dem Asteroiden Wlasta. 
Merkwürdig, daß du noch nie davon gehört hast.« 
»Das muß ich irgendwie verpaßt haben«, erwiderte 
Kolja. 
Elektron Stepanowitsch sah Kolja verdutzt an, 
seufzte, fuhr aber in seinen Erläuterungen fort: »Als 
man die ersten Kristalle dieser Art auf die Erde 
mitbrachte und zu erforschen begann, stellten die 
Gelehrten fest, daß sich in seiner Struktur etwas 
veränderte, sobald sich ihm ein Mensch näherte. Die 
Wissenschaftler schlugen sich lange mit diesem 
 
 
116 
Phänomen herum, ehe sie begriffen, daß die Kristalle in 
der Lage waren, Hirnströme aufzufangen. Später kamen 
sie auf die Idee, die Kristalle mit Verstärkern zu 
versehen, und eines schönen Tages gelang es ihnen 
dann, Gedanken hörbar zu machen. Kannst du dir 
vorstellen, was das für einen Wirbel auslöste?« 
»Aber ja, gewiß«, erwiderte Kolja. 
»Sag bloß, du hast auch davon nichts mitbekommen!« 
»Vielleicht war ich damals noch zu klein ... Das heißt 
also, man kann mit Hilfe des Myelophons fremde 
Gedanken lesen?« 
»Natürlich. Was meinst du, was ich dir die ganze Zeit 
klarzumachen versuche! Und sicherlich kannst du dir 
vorstellen, wieviel Leute gern ein solches Myelophon 
hätten.« 
»Und ob ich das kann«, sagte Kolja. »Sämtliche 
Zauberkünstler werden sich darum reißen.« 
»Wie bitte, wer? Was für Zauberkünstler? Was haben 
die damit zu schaffen?« 
»Na, die Leute im Zirkus, die angeblich Gedanken 
lesen können.« 
Elektron Stepanowitsch sah Kolja an, als wäre der 
übergeschnappt, sogar sein Hängeschnauzbart richtete 
sich ein Stück auf. Doch er beherrschte sich, sagte: 
»Natürlich nicht die. Die Ärzte vor allem. Zwar können 
sie sich den Kranken selbst anhören, sie können auch 
die Daten der medizinischen Apparaturen auswerten, 
doch ist es zum Beispiel bei Nervenkrankheiten wichtig, 
zu wissen, was der Patient wirklich denkt. Oder bei 
Kleinkindern: Solange sie noch nicht sprechen können, 
 
 
117 
sind sie auch unfähig auszudrücken, wo sie Schmerzen 
haben.« 
»Und wozu hat der Zoo ein solches Gerät erhalten?« 
»Nicht der Zoo schlechthin, sondern der Kosmoszoo. 
Immerhin betreuen wir hier außerirdische Tiere, einige 
davon sind einmalig, und nicht immer ist uns Menschen 
klar, welches Futter sie bevorzugen, welche 
Temperaturen und was sonst noch. Deshalb wurde eins 
von den zwanzig Myelophonen auf der Erde uns 
zugeteilt. Wir hüten es wie unseren Augapfel.« 
»Und ob ihr es hütet« höhnte Kolja. »Ich selbst habe 
beobachtet, wie Alissa es mit ins Terrarium geschleppt 
hat. Sie hätte es um ein Haar verloren.« 
Nun darf man nicht etwa denken, daß Kolja eine 
Petze war. Er zürnte Alissa einfach, weil sie so sorglos 
mit dem wertvollen Instrument umging. Ganze zwanzig 
gab es davon auf der Erde, in den Krankenhäusern riß 
man sich darum, sie aber lief damit durch den Zoo, um 
den Gedanken irgendeines Rohrs zu lauschen! 
»Wenn sie's bei sich hatte«, sagte Elektron 
Stepanowitsch, »so heißt das Professor Selesnjow hat es 
ihr erlaubt. « 
»Na klar sagte Kolja, »ist ja auch ihr Vater!« 
 
»Ich muß mich doch sehr über dich wundern«, 
erwiderte der Techniker. »Wenn ich dich so anseh, 
scheinst du, von deiner Kleidung mal nicht zu sprechen, 
ein ganz normaler Junge zu sein. Aber du redest, als 
kämst du aus dem Mittelalter.« 
»Was hab ich denn so Schlimmes gesagt?« 
 
 
118 
»Zum Beispiel, daß Professor Selesnjow ein wertvolles 
Gerät aus der Hand gibt, nur um seiner unverständigen 
Tochter eine Freude zu bereiten. Zumindest haben sich 
deine Worte so angehört. Aber merk dir, Alissa ist ein 
verantwortungsbewußter Mensch, und wenn sie das 
Myelophon benötigt dann aus wissenschaftlichen 
Gründen.« 
»Ja, ja, ich weiß«, fiel ihm Kolja ins Wort, »um die 
Gedanken irgendeines Hohlwesens zu lesen.« Er wollte 
nicht klein beigeben. 
»Richtig. Ich selbst vermute ebenfalls, daß es sich bei 
diesem Rohr um ein vernunftbegabtes Wesen handelt. 
Zumal jetzt, wo es in Blüte steht, können sich bei ihm 
durchaus neue Empfindungen einstellen. Ich wäre froh, 
wenn dein Kopf wenigstens ein Fünftel von dem leisten 
würde, was Alissa vermag.« 
»Danke für das Kompliment«, erwiderte Kolja. Und 
es war klar, daß er dem Mädchen jetzt noch mehr 
grollte als vorher. Sogar ein Gefühl von Rache stieg in 
ihm hoch: Sollten die beiden Kerle ihr das Myelophon 
ruhig wegschnappen. Dann würde sie ganz schön 
dumm dastehn mit all ihrer Gescheitheit. 
»Na schön«, sagte Elektron Stepanowitsch und erhob 
sich, »für mich wird's Zeit. Ich hab mich gefreut, deine 
Bekanntschaft zu machen. Vielleicht sehen wir uns malwieder.« Freilich war ihm anzumerken, daß er es bereits 
bedauerte, diesem Jungen über den Weg gelaufen zu 
sein. 
Kolja aber dachte: Na und, ist mir doch egal. 
»Kommst du nicht mit?« fragte der Techniker. 
 
 
119 
»Nein, ich bleib noch ein bißchen sitzen.« 
»Solltest du was brauchen - du findest mich immer 
hier.« 
»Danke, ich werd dran denken.« 
Kolja blieb allein auf der Sofabank zurück, die Sonne 
versank bereits hinter den Bäumen und färbte die 
Wolken am Himmel rötlich. Der Junge war mittlerweile 
rechtschaffen müde, und zwar weniger in den Beinen als 
im Kopf. Der hatte seine Tagesnorm mehr als erfüllt. 
Und jetzt schnellstens nach Hause, dachte Kolja. 
Allerdings wär's nicht schlecht, irgendwas zur 
Erinnerung mitzunehmen. Er ließ seinen Blick 
umherschweifen, fand aber nichts, das als Souvenir 
taugte. Nicht mal Ansichtskarten gab's hier. Er hätte am 
Morgen eben doch eine Zeitung kaufen sollen, um sie 
seinen Freunden zu Hause zu zeigen. Doch am Morgen 
wußte er noch nicht, wie schnell dieser Tag vergehen 
würde. 
Kolja holte ein kleines Federmesser aus der Tasche 
und beschloß, sich hier in der Zukunft damit zu 
verewigen. Die Sitzfläche der Bank war zu weich, da 
konnte man nichts schnitzen, doch die hölzerne 
Rückenlehne war geeignet. Die Allee lag wie 
ausgestorben da, der Besucherstrom war abgeebbt. Auf 
einem breiten Pfad, hinter Bambussträuchern gelegen, 
fuhr ein Karren mit Töpfen und Thermosbehältem 
vorüber - offenbar wurden jetzt die Tiere gefüttert. 
Hoffentlich hatte die Futteranlage nicht abermals 
verwechselt, wer was bekommen sollte. Ach ja, dachte 
Kolja, jetzt ein Teller Suppe wär nicht schlecht. Im 
 
 
120 
allgemeinen war er dafür nicht zu haben. Aber wenn 
man den ganzen Tag bei Eis, Limonade und Brezeln 
zugebracht hat, nimmt man sogar Suppe gern. 
Kolja drehte sich ein bißchen zur Seite und machte 
sich daran, sein Visitenkärtchen in die Banklehne zu 
ritzen. Diese Leidenschaft hatte ihm schon so manche 
Abreibung eingebracht; einmal, als er seine Initialen in 
der Schulbank hinterlassen hatte, wurde sogar sein Vater 
hinbestellt. Aber konnte er etwa fortgehn, ohne eine 
Spur in der Zukunft zu hinterlassen? In hundert Jahren 
würde er unbedingt hierher zurückkehren und einen 
Blick auf sein Schnitzwerk werfen. 
Das Holz war weich, es ließ sich leicht bearbeiten. 
Wahrscheinlich war das gar kein Holz, sondern nur sehr 
ähnlich wirkendes Plast. 
Niemand störte Kolja. Nur einmal ging eine Familie 
vorbei, da verdeckte der Junge das kleine Messer mit der 
Hand und tat so, als würde er die Büsche betrachten. 
Schließlich hatte er in Großbuchstaben eingraviert: 
 
KOLJA, KLASSE 6b, 26. SCHULE 
 
Es stimmte alles, und doch würde niemand die 
Wahrheit erraten. Man würde ihn, wenn überhaupt, in 
ihrer 26. Schule suchen. Doch nun wurde es höchste 
Zeit für ihn, er mußte ja noch durch die halbe Stadt 
flippen, um zum Zeitinstitut zu gelangen. 
Kolja steckte das Messer wieder ein und erhob sich. 
Er kam an derLichtung mit den Sklissen vorbei; sie 
dämmerten vor sich hin und erinnerten im übrigen an 
 
 
121 
ganz gewöhnliche Kühe. Dann bog er in die Hauptallee 
ein, die zum Ausgang führte. Da war auch schon der 
Teich mit dem Dinosaurus: Bronta war aus dem Wasser 
geklettert und stand mit den Vorderbeinen auf dem 
Ufer. Gleich darauf entdeckte der Junge auch Alissa. Sie 
hängte ihre schwarze Tasche an die Umzäunung, sprang 
hinüber und befand sich nun gleichfalls am Ufer. Bronta 
knickte wie ein dressierter Elefant die Vorderbeine ein, 
damit das Mädchen bequemer hinaufklettern konnte. 
Kolja blieb vor Verblüffung stehen - die hatte vielleicht 
Sachen drauf! 
Alissa saß bereits rittlings auf dem Dinosaurus, und 
Bronta schritt vorsichtig, um seine Freundin nicht zu 
bespritzen, ins Wasser, begann zu schwimmen. 
 
 
 
 
 
123 
 
Die beiden langten in der Mitte des Teiches an, und 
Bronta bog den Hals auf Schwanenart. Es war ein 
hübscher Anblick, und die letzten, vereinzelten 
Besucher blieben stehen, betrachteten dieses Bild. Auch 
Kolja war so in dieses Schauspiel vertieft, daß er den 
Dicken und den Dünnen erst in dem Moment die Allee 
entlangrennen sah, als sie schon fast am Ausgang waren. 
Der Dicke preßte Alissas schwarze Tasche an die Brust. 
Kolja begriff in Sekundenschnelle, daß es sich um die 
Tasche mit dem Myelophon handelte, die das Mädchen 
so sorglos am Ufer zurückgelassen hatte. 
»Ach«, sagte Kolja laut, »das hab ich kommen sehn!« 
Dann rannte er aus Leibeskräften hinter den Dieben 
her. Eigentlich hätte er Lärm schlagen müssen, damit 
sich alle an der Verfolgungsjagd beteiligten, aber auf 
diese Idee kam er erst, als die Männer bereits in die 
Höhle eingetaucht waren. 
»Haltet sie!« rief Kolja, doch ihm war vom schnellen 
Laufen die Puste ausgegangen. Sollte Alissa ihn 
trotzdem gehört und sich umgedreht haben, konnte sie 
die Räuber natürlich nicht mehr sehn. Als Kolja auf den 
mittlerweile ausgestorbenen Platz vor dem Zoo 
hinausrannte, hatten die Diebe gerade den Autobus 
erreicht. Es war die Nummer 6: »Kosmoszoo - 
Sokolniki«. Daneben standen noch zwei andere Busse. 
Da Kolja trotz allem bedeutend schneller laufen 
konnte als die kosmischen Piraten, stürmte er fast 
gleichzeitig mit ihnen in den Bus. Bei alldem hatte er 
Glück, denn unmittelbar vor den beiden gingen zwei 
 
 
124 
Frauen, die sich angeregt unterhielten und dabei den 
Durchgang zum Vorhang nach Sokolniki versperrten. 
Der Magere, der vorneweg lief, mußte bremsen, so daß 
der Dicke auf ihn aufprallte. Dabei reckte er die Hand 
mit der Tasche in die Höhe, damit das Myelophon 
keinen Schaden nahm. Und genau in diesem Moment 
war Kolja bei ihnen. 
Die Frauen, die nicht bemerkt hatten, was sich hinter 
ihnen abspielte, schritten durch den Vorhang; gleich 
nach ihnen verschwand auch der magere Ratt. Der 
Dicke aber drehte sich um und erkannte Kolja, dem er 
ja schon im Terrarium begegnet war. Er zückte eine 
Waffe und stieß ein drohendes Geheul aus, wagte aber 
nichts zu unternehmen. Vielmehr eilte er gleichfalls zum 
Vorhang. 
Zuweilen passiert es, daß man den einzig richtigen 
Entschluß in Bruchteilen von Sekunden faßt, während 
man bei gründlichem Überlegen niemals drauf 
gekommen wäre. Der Dicke schritt, die Tasche mit dem 
Myelophon noch immer über dem Kopf haltend, gerade 
durch den Vorhangl da schnellte Kolja in die Höhe und 
riß die Tasche an sich. Der Dicke hatte damit nicht 
gerechnet, seine Finger gaben nach, während er selbst 
sich bereits auf der anderen Seite des Vorhangs befand, 
in Sokolniki, ungefähr zwanzig Kilometer von Kolja 
entfernt. 
Kolja preßte die Tasche an sich, rannte zurück und 
schlüpfte aus dem Autobus auf den Vorplatz hinaus. 
Keine Menschenseele zu sehen, auch Alissa nicht. Hatte 
sie ihn denn nicht rufen gehört? Kolja hatte vergessen, 
 
 
125 
daß sich das Mädchen zu diesem Zeitpunkt ja auf 
Brontas Rücken inmitten des Teiches befunden hatte, 
und von dort brauchte es schon seine Zeit, um zum 
Ausgang zu gelangen. 
Kolja blieb wie angewurzelt stehen. Ihm war klar, daß 
die Diebe nur wenige Sekunden benötigten, um hierher 
zurückzukehren. Was also tun? Der Junge wagte es 
nicht, den großen Platz zum Kosmoszoo zu 
überqueren, denn er hatte ja die Waffe in der Hand des 
Dicken gesehen. Während er davonrannte, würden ihn 
die beiden in aller Ruhe abmurksen. 
Doch neben dem Sokolniki-Bus gab es ja noch zwei 
andere. Auf dem, der Kolja am nächsten stand, befand 
sich die Nummer 8 mit der Aufschrift »Kosmoszoo - 
Prospekt des Friedens«. Kolja zögerte keine Sekunde, 
sprang in diesen Bus, lief durch den Gang, sauste wie 
ein Blitz durch den Vorhang und fand sich am Prospekt 
des Friedens wieder. Dort entdeckte er sogleich den 
Autobus Nummer 3: »Prospekt des Friedens Gogol-
Boulevard«. 
Wie zum Trotz, stand hier aber eine kleine Schlange, 
so daß Kolja sich hinten anstellen mußte. Die Leute 
hatten es nicht eilig, sie unterhielten sich, und Kolja 
verlor auf diese Weise eine ganze Minute, ehe er 
einsteigen konnte.Als er schon fast drin war, sah er den 
Mageren aus dem Nachbarbus klettern und den Kopf 
auf der Suche nach Kolja hin und her drehn. Der Junge 
begriff, daß er die Räuber nicht hatte überlisten können. 
Sie hatten sich getrennt und lauerten ihm jeder 
woanders auf Kolja schlängelte sich in seiner 
 
 
126 
Verzweiflung zwischen all den Passagieren nach vorn 
und durch den Vorhang. Er hatte keine Ahnung, ob der 
Dünne ihn entdeckt hatte, beschloß aber trotzdem, 
keine Zeit mehr zu verlieren. Er sauste, wobei er fast 
eine Frau umrannte, über den Vorplatz in den Schutz 
einiger Bäume und versteckte sich hinter einem dicken 
Ahornbaum, dann holte er erstmal tief Luft. 
Gewiß wäre es gescheiter gewesen, die Mitreisenden 
im Autobus um Hilfe zu bitten, doch nachdenken kann 
man bekanntlich nur mit kühlem Kopf. Kolja dagegen 
hatte die Verfolger im Nacken gehabt, die zornig waren 
wie von der Kette gelassene Wölfe: 'schließlich hatte er 
ihnen ihre wertvolle Beute abgejagt. 
Doch nun, hinter dem Baumstamm verborgen, 
begann er zu überlegen. Er sagte sich, daß es besser sei, 
nicht zum Kosmoszoo zurückzukehren. Wenn Alissa 
schon so nachlässig war, das Myelophon zu verlieren, 
sollte sie jetzt ruhig ein bißchen zittern. Wir kennen 
diese Musterschüler zur Genüge, dachte Kolja. Er selber 
hatte nie zu ihnen gehört und legte auch keinen Wert 
darauf. Doch er war im Grunde gutmütig und hatte 
bereits einen Plan, wie er das Myelophon zurückgeben 
könnte. Er würde es Dshawad oder einem der Jungen 
Naturforscher vor der Biostation aushändigen. Sie 
kannten Alissa und würden es an sie weiterleiten. Er 
selbst aber würde in Ruhe nach Hause fahren. 
Nachdem Kolja diesen Entschluß gefaßt hatte und 
sich gerade in Bewegung setzen wollte, sah er plötzlich 
den Dicken aus dein Autobus steigen. Seine rosa Glatze 
glänzte unter der Abendsonne wie ein Luftballon. Der 
 
 
127 
Mann hielt nach allen Seiten Ausschau, und Kolja 
erstarrte zur Salzsäure: Zu seinem großen Schrecken 
ging der Bandit jetzt nämlich auf die Frau zu, die er 
vorhin um ein Haar umgerannt hätte - sie wartete, an 
der Haltestelle auf einen freien Flipper -, und fragte sie 
höflich etwas. Der Junge konnte seine Worte zwar nicht 
hören, doch es war klar, daß sich der Dicke nach ihm 
erkundigte. Und tatsächlich, die Frau nickte und wies 
mit der Hand zum Boulevard herüber, wobei es Kolja 
so vorkam, als würde ihr Finger genau auf ihn zeigen. 
Der Junge machte sich ganz dünn hinter seinem 
Baumstamm. Was sollte er jetzt bloß tun? Er 
beobachtete, wie der Dicke ein schwarzes Kästchen aus 
der Jackentasche holte wahrscheinlich ein kleines 
Funkgerät, mit dem er seinen Kumpan herbeirief. Nein, 
Kolja durfte nun keine Sekunde mehr verlieren! 
Er rannte los. 
 
 
 
 
128 
12. Zurück zur Zeitmaschine! 
 
 
Hätte Kolja besser nachgedacht - er wäre nicht 
losgerannt. Der Pirat konnte ihn ja von der Haltestelle 
aus nicht sehen, er bemerkte ihn erst, als die Zweige bei 
Koljas Flucht in Bewegung gerieten, und setzte zu 
seiner Verfolgung an. Es stimmt schon, auf kurzen 
Strecken war Kolja den beiden überlegen, doch wenn es 
um Ausdauer ging, waren die Räuber im Vorteil. Sie 
hatten ihre natürlichen Herzen nämlich schon lange 
gegen mechanische ausgetauscht, um so mehr, als Herz 
für sie nicht zählte. 
Nachdem Kolja etwa hundert Meter auf der Allee 
zurückgelegt hatte, drehte er sich um und sah den 
Dicken gerade aus dem Gebüsch kriechen. Kolja rannte 
nun, was seine Kräfte hergaben, in Richtung Biostation. 
Hoffentlich langte er rechtzeitig bei den Kindern an! In 
ihrer Nähe würden die Räuber. es nicht wagen, ihn 
anzugreifen. Und wenn doch, so würden Dshawad und 
Arkascha wenigstens das Myelophon in Sicherheit 
bringen. 
Der Junge hastete an einem Platz vorüber, vorbei an 
Blumenrabatten und der kleinen Lichtung, wo man ihn 
am Morgen mit den Pflanzenbrezeln bewirtet hatte. 
Doch es war niemand zu sehen. Nur die Delphine 
schwammen geruhsam im Bassin. Einer von ihnen 
sprang, als er Kolja erblickte, kurz aus dem Wasser, so, 
 
 
129 
als freue er sich über das Wiedersehen mit einem 
Bekannten. 
»Wo ist Dshawad?« rief Kolja im Laufen. 
Der Delphin gab natürlich keine Antwort. 
Keins von den Kindern war mehr da, keine 
Menschenseele, Kolja aber hörte in einiger Entfernung 
das Keuchen des Dicken. Er hatte die Verfolger also 
doch nicht abgeschüttelt! 
Kolja änderte die Richtung, stürzte aufs Labor zu, 
aber auch hier war alles verschlossen. Nicht einmal ein 
Plätzchen, wo er das Myelophon, von den Banditen 
unbemerkt, verstecken konnte. Nun blieb ihm nur noch 
ein Ausweg: Zurück zum Zeitinstitut! Kolja hetzte 
durch die Straßen, hakenschlagend wie ein Hase. Er 
hatte irgendwo gelesen, daß man auf diese Weise nicht 
so leicht von der Kugel des Verfolgers getroffen werden 
konnte. 
Bei der Bank, wo er am Morgen mit dem alten Pawel 
gesessen hatte, blieb er kurz stehen, um zu 
verschnaufen. Er war so erschöpft, daß er keinen Schritt 
mehr tun konnte. Nicht weit von ihm glitt ein Flipper 
vorbei. Kolja winkte dem Fahrgast verzweifelt zu, doch 
der Mann verstand ihn nicht, er winkte zurück und flog 
weiter. 
 
 
 
 
 
 
131 
Dann war wieder das verdammte Keuchen hinter ihm. 
Der Dicke blieb ihm auf den Fersen, und Kolja mußte, 
ob er wollte oder nicht, abermals los. 
Endlich tauchte das Zeitinstitut auf, es lag genauso 
riesig, majestätisch und ausgestorben da wie am 
Morgen. Was für ein Pech, daß Kolja ausgerechnet an 
einem Feiertag in die Zukunft geraten mußte, wo die 
meisten Moskauer zum Festival auf den Mond oder 
zum Baden in den Süden ans Meer gefahren waren! 
Kolja rannte mit voller Wucht gegen die durchsichtige 
Wand, die den Eingang zum Zeitinstitut bildete. Doch 
sie gab, anders als am Morgen, nicht nach. Der Junge 
gebärdete sich an der Glastür wie eine Fliege an der 
Fensterscheibe. Dabei sah er greifbar nah die Treppe, 
die zur Zeitkabine führte und damit in die 
Vergangenheit, nach Hause. 
Jede Sekunde konnten die Verfolger hier sein. Kolja 
rannte verzweifelt an der Wand entlang in der 
Hoffnung, auf einen Notausgang zu stoßen, den man zu 
schließen vergessen hatte. Das aber war nicht der Fall, 
und so suchte Kolja hinter einem Gebüsch Zuflucht. 
Er hatte sich kaum versteckt, als auch schon die 
Piraten vor dem Zeitinstitut auftauchten. Sie hatten den 
Jungen von weitem zu dem Gebäude laufen sehen und 
glaubten, er sei drin. Kolja beobachtete aus seinem 
Versteck, wie die beiden vor dem Eingang haltmachten. 
Er hatte plötzlich die irrsinnige Hoffnung, sie würden 
eine Weile gegen die Tür klopfen und dann 
kehrtmachen. Vielleicht kam auch jemand vorbei und 
störte sie auf. 
 
 
132 
Doch Piraten legt man nicht so schnell herein. Sie 
begriffen sehr bald, daß das gläserne Hindernis ihren 
Schlägen standhalten würde und daß folglich auch der 
Junge es nicht hatte überwinden können. Deshalb 
trennten sie sich und gingen jeder von einer anderen 
Richtung um das Gebäude herum. 
 
 
 
 
 
134 
Der Dicke schlich, kaum einen Schritt entfernt, an Kolja 
vorbei, und hätte er nicht selber so laut gekeucht - er 
hätte das Herz des Jungen hämmern hören. An der 
Hausecke trafen die beiden aufeinander und begannen 
mit gedämpfter Stimme zu beratschlagen: »Schpppsch-
grchchch-wppr.« 
»Gppprr-kchsh, dpprn.« 
Kolja verstand natürlich nichts von ihrer 
Piratensprache und beobachtete deshalb gespannt, was 
sie als nächstes tun würden. Die Männer aber waren 
offenbar der Meinung, Kolja sei trotz allem irgendwie 
ins Innere des Hauses gelangt. 
Der Dicke holte einen glänzenden Gegenstand 
hervor, den Kolja vorhin im Autobus für eine Pistole 
gehalten hatte. Der Dünne trat ein paar Schritte zurück. 
Dann zielte der Dicke auf eins der geschlossenen 
Fenster im Parterre, und ein gleißender Strahl fuhr ins 
Glas, das normalerweise weder eine Faust noch ein 
Stein hätte zertrümmem können. Freilich hatten die 
Erbauer des Zeitinstituts nie damit gerechnet, daß 
jemand mit einem kosmischen Blaster dagegen angehen 
würde.Kolja hörte das Glas zischen, sah die dünnen, 
schmelzenden Rinnsale, vom Dämmerlicht rötlich 
verfärbt, die Wand hinabströmen und sofort wieder 
erstarren. 
Die Piraten standen da, warteten, bis die Masse 
abkühlte, um sich nicht zu verbrennen. Dann begann 
sich der Dicke durch die schmale Öffnung zu zwängen. 
Eine Minute später schauten nur noch seine Stiefel 
 
 
135 
heraus, während der schwere Körper auf den Fußboden 
plumpste. Gleich darauf trat Stille ein. 
»Pchfrschk?« fragte der Dünne. 
Von drinnen kam die Antwort: »Frtt-trttf« 
Der Magere rannte vom Fenster weg und um die 
Ecke. Er wollte sich vor dem Ausgang postieren, damit 
der Junge nicht entkommen konnte. 
Für Kolja wäre es sicher das beste gewesen, so lange 
im Gebüsch liegen zu bleiben, bis der Dicke wieder 
herauskam und die beiden ihr Glück woanders 
versuchten. Doch er hatte jetzt nur noch einen einzigen 
Gedanken: so schnell wie möglich die Zeitkabine zu 
erreichen, und dann nach Hause, nach Hause, nach 
Hause! 
Er zählte bis fünfzig, erhob sich und rannte geduckt 
zur Fensteröffnung. Da der Dicke dort vielleicht Posten 
bezogen hatte und ihm auflauerte, blieb Kolja zunächst 
in der Hocke davor sitzen und lauschte. Er hörte nichts 
Verdächtiges, richtete sich auf und warf einen Blick ins 
Innere des Gebäudes. Das Fenster führte in einen leeren 
Raum, wo aufgereiht mehrere Reinigungsroboter an der 
Wand standen. Die Tür zum Korridor war offen. 
Das Fensterbrett reichte Kolja bis ans Kinn, und es zu 
erklimmen gelang nicht sofort. Der Junge hangelte sich 
mühsam hoch, wobei seine müden Beine immer wieder 
an der Wand abrutschten und seine Hände weich wie 
Watte waren. Plötzlich rief eine schrille Stimme hinter 
ihm: »Ah, da haben wir dich ja! « 
Kolja begriff, daß alles verloren war. Der Dünne hatte 
ihn offenbar scharren hören und war herbeigeeilt. Doch 
 
 
136 
gleich darauf geschah so etwas wie ein Wunder: Koljas 
Beine fanden plötzlich Halt im Mauerwerk, und seinen 
Armen strömte solche Kraft zu, daß er es schaffte, sich 
hinaufzuhangeln. Er plumpste auf den Fußboden im 
Zimmer. 
Der Junge sprang sofort wieder auf die Beine und 
rannte, die Tasche mit dem Myelophon an die Brust 
gepreßt, aus dem Raum. Der Magere schrie etwas hinter 
ihm her und machte ebenfalls Anstalten, durchs Fenster 
zu klettern. 
Der Junge hastete durch den Korridor zur Treppe 
und sah sich jäh dem Dicken gegenüber, der den Lärm 
gehört hatte. Der Pirat rief: »Halt!<, doch Kolja sauste 
bereits auf den Treppenabsatz hinaus und zu der 
angelehnten Tür, wo auf dem Fußboden sein 
Fünfkopekenstück glänzte. Er hatte es ja dort 
zurückgelassen, um sich später, auf dem Rückweg, nicht 
zu verirren. 
Kolja schlug behende die Tür hinter sich zu, stürmte 
an Apparaturen und Instrumenten vorbei ins hintere 
Zimmer, das dem seines Nachbarn Nikolal 
Nikolajewitsch aufs Haar glich. Die Zeitkabine stand da 
wie ein Rettungsboot bei Seenot. 
Kolja lauschte - draußen war nichts zu hören. 
Vielleicht hatten sie seine Spur verloren. Er stieß einen 
tiefen Seufzer aus und betrat die Kabine. 
Da war dasselbe Schaltpult wie in der Maschine, die er 
aus seiner Zeit kannte. Kolja schaltete das System ein 
und vernahm voller Genugtuung das bekannte 
Brummen: Die Zeitmaschine arbeitete. In diesem 
 
 
 
Moment hörte er aber auch, wie jemand die Tür zum 
hinteren Zimmer öffnete. Nun zögerte er nicht länger. 
Er drückte den Knopf, der ihn in seine Zeit 
zurückbringen sollte, und betätigte den Hebel mit der 
Aufschrift: START. Gleich darauf stürzte er in die 
Unendlichkeit, ins Nichts, wo es weder Anfang noch 
Ende gab, wede Oben noch Unten - nur wirbelnde 
Leere. Kolja eilte durch die Zeit. 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
ZWEITER TEIL 
 
Die drei Koljas 
 
 
 
139 
1. Sie kann sich an nichts erinnern 
 
 
Alik Borissowitsch, der diensthabende Arzt, jung, doch 
ziemlich dick und mit Bart, war der lustigste Mensch im 
ganzen Krankenhaus. Wer ihn sah, hätte meinen 
können, die Leute kämen zu ihrem Vergnügen in die 
Klinik. Oder auch, um sich anzuhören, wie dieser 
Doktor am Don Hechte angelte und die Nachtigall 
nachahmte. 
Heute nun kam er nach dem Mittagessen ins 
Krankenzimmer und sagte mit betont trauriger Stimme: 
»Ich weiß gar nicht, wie ich die Trennung von euch 
überstehen soll. Was fang ich ohne euch an?« 
»Trotzdem sollten Sie mich möglichst bald nach 
Hause lassen«, sagte Julka Gribkowa, »wir fahren 
nämlich auf Exkursion.« 
Alissa, deren Nachnamen hier keiner kannte, schwieg 
zu den Worten des Arztes, so als ginge sie das alles 
nichts an. 
»Was macht dein Blinddarm?« erkundigte sich Alik 
Borissowitsch bei Julka. 
»Heut früh hat's noch ein bißchen weh getan«, 
erwiderte das Mädchen. 
»In einer Woche hast du das Ganze vergessen«, 
versprach der Doktor. 
Julka wollte schon entgegnen, daß man ihm 
wahrscheinlich noch nie den Blinddarm 
herausgenommen hätte, doch sie unterließ es. 
 
 
140 
»Und wie geht es dir, Alissa?« fragte Alik 
Borissowitsch. 
»Gut.« 
»Kannst du uns was Neues erzählen?« 
»Nein.« 
Julka sah ihre Zimmergefährtin an, sie tat ihr leid. 
Manch einer hat doch wirklich Pech. Vor einigen Tagen 
war Alissa beim Überqueren der Straße gegen einen 
Trolleybus gerannt und hatte sich eine 
Gehirnerschütterung zugezogen. Doch das war noch 
nicht das Schlimmste. Als man Alissa einlieferte, hatte 
sie buchstäblich alles vergessen. Freilich war Alik 
Borissowitsch der Meinung, daß diese Krankheit in den 
meisten Fällen zu heilen sei. Trotzdem muß man sich 
das mal vorstellen, zu vergessen, wie man heißt, wo man 
wohnt und zur Schule geht, ja nicht mal mehr seine 
Eltern zu kennen! Das Erstaunlichste aber - Alissa war 
zur Zeit des Unfalls lediglich mit einem leichten Overall 
und Sandalen bekleidet gewesen, und das im April. 
Auch hatte sie keinerlei Ausweis, Geld oder sonst etwas 
bei sich gehabt. Julkas Mutter war, wie übrigens der 
Milizionär, der Alissa am Abend zuvor befragt hatte, der 
Ansicht, daß ein Mensch schließlich nicht spurlos 
verlorengehen könne. Die Miliz hatte die Mieter 
sämtlicher umliegender Häuser am Unfallort 
vernommen, doch niemand wußte etwas. Und niemand, 
der sein Kind als vermißt gemeldet hatte. Ihr Foto war 
bereits an sämtliche Kinderheime innerhalb und 
außerhalb der Stadt geschickt worden - nichts. Alissa 
war verschwunden und auch wieder nicht, und darin lag 
 
 
141 
ein Geheimnis. Julka jedenfalls sagte sich, daß ihre 
Mutter und die Großmutter Moskau um und um 
gekrempelt hätten, wäre sie auch nur einen Tag lang 
nicht nach Hause gekommen. 
Rein äußerlich, so stellte Julka fest, war ihre 
Zimmergenossin ein ganz normales Mädchen von etwa 
zwölf Jahren. Sie hatte blondes, kurzgeschnittenes Haar, 
blaue Augen und lange Beine, ein Mensch eben wie 
jeder andere, sogar ein bißchen braungebrannt, was zu 
dieser Jahreszeit allerdings verwunderte. 
Und noch etwas anderes, das sie keinem verriet, 
wußte Julka von Alissa. Gestern abend hatte das 
Mädchen, obwohl sie nicht aufstehn durfte, einen 
Fluchtversuch unternommen. Als alles still war, hatte 
sich Alissa in ihrer Krankenhauskluft ganz leise aus dem 
Bett und zur Tür geschlichen. Sie und Julka lagen zu 
zweit im Zimmer - das dritte Mädchen war vor zwei 
Tagen entlassen worden. Julka, die noch nicht schlief, 
fragte: »Wo willst du hin, Alissa?« 
»Ich bin gleich wieder zurück.« 
Aber Julka schwante nichts Gutes, sie sagte: »Du 
darfst doch noch nicht aufstehn.« 
»Ich bin sofort wieder da.« 
»Hör mal«, erwiderte Julka, die ein pfiffiges Mädchen 
war, »solltest du vorhaben zu fliehen, wirst du dich 
unweigerlich erkälten. Es regnet, und draußen sind 
grade mal null Grad.« 
»Ich denk gar nicht daran zu fliehen«, erwiderte Alissa 
und ging in den Korridor hinaus. Dort aber stieß sie 
prompt auf die diensthabende Schwester - Julka hörte 
 
 
142 
die beiden reden. Kurz darauf war Alissa wieder da und 
legte sich ins Bett. 
»Ist wohl mißglückt?« fragte Julka. 
»So ist es.« 
»Hab ich dir doch gleich gesagt. Wo wärst du 
überhaupt hingegangen?«»Ich weiß schon, wohin.« 
»Gar nichts weißt du, hast ja dein Gedächtnis 
verloren. Du hättest dich bloß erkältet und einen Monat 
das Bett hüten müssen.« 
»Ich erkälte mich nicht«, sagte Alissa. 
»Da hat sich ja ein Robin Hood gefunden!« Julka 
lachte. »Alle Leute, die bei null Grad nur mit einem 
Pyjama bekleidet durch die Straßen laufen, erkälten sich. 
Das ist Naturgesetz. Im übrigen aber hab ich gewußt, 
daß die Krankenhaustore nachts verschlossen sind, so 
daß ich mir um deine Gesundheit keine allzu großen 
Sorgen gemacht hab.« 
»Besten Dank auch«, sagte Alissa. Sie war betrübt und 
gab von nun an keine Antwort mehr auf Julkas Fragen. 
Julka aber dachte, daß es um Alissa wohl mehr 
Geheimnisse gab, als gut war. Erinnerte sie sich wirklich 
an nichts? 
Auch jetzt, da sie Alik Borissowitsch zuhörte, der 
lautstark seine Anekdötchen zum besten gab und dabei 
mit seinen Schnurrbartenden wackelte wie ein 
gutmütiger Kater, beobachtete sie die ganze Zeit ihre 
Zimmergefährtin. Wenn man im Krankenhaus lag und 
sich Geheimnissen gegenübersah, war es doch nur 
natürlich, daß man zu einem Sherlock Holmes wurde. 
 
 
143 
»Vorigen Sommer«, erzählte der Doktor, »war ich mit 
Bekannten zum Angeln am Don. Warst du eigentlich 
schon mal am Don, Alissa?« 
»Ich weiß nicht.« 
»Na, ist auch unwichtig«, sagte Alik Borissowitsch. 
Sieh an, dieser Schlauberger, dachte Julka. Macht auf 
lustig, dabei hat er nur seine Arbeit im Sinn. Sie wußte 
von ihrer Mutter, daß man in Fällen wie dem von Alissa 
nur erst ein winziges Ende finden mußte, um den Faden 
vollends zu entwirren. 
»Wir kamen also in der Staniza an«, fuhr Alik 
Borissowitsch fort, »gar nicht weit vom Asowschen 
Meer. Eine furchtbare Hitze herrschte, die Melonen 
aber waren noch nicht reif ... « 
Alissa wandte sich zum Fenster und betrachtete die 
Regentropfen, die übers Glas rannen. 
»In der Staniza trafen wir einen alten Mann, der sich 
erbot, uns ans Asowsche Meer zu bringen ... 
Warst du schon mal am Asowschen Meer, Alissa?« 
»Nein.« 
»Woraus schließt du das?« »Ich war eben nicht da, und 
basta.« »Und am Schwarzen Meer?« »Dort war ich.« 
»Ach ja? Und was hast du da gemacht? Dich erholt?« 
»Nein, gearbeitet. Ich hab ein Wörterbuch der 
Delphinsprache zusammengestellt.« 
Alik Borissowitsch lachte und sagte: »Na, ich seh 
schon, es geht aufwärts mit uns. Warst du allein am 
Schwarzen Meer oder mit deinen Eltern?« 
»Ich erinnere mich nicht ... « 
 
 
144 
Also nein, dachte Julka, die Ärzte führst du vielleicht 
an der Nase herum, aber mich nicht. Möcht nur mal 
wissen, weshalb du vorgibst, dich an weniger zu 
erinnern, als du tatsächlich weißt. »Wir setzten uns also 
ins Boot ... « fuhr der Doktor fort, doch in diesem 
Moment schaute Schurotschka, eine Schwester, ins 
Zimmer und sagte: »Sie werden am Telefon verlangt, 
Alik Borissowitsch.« 
Als der Doktor fort war, fragte Julka: »Na, hast du 
den Gedanken an deine Flucht aufgegeben?« 
»Ja.« »Und warum?« 
»Ich hab Angst, mich zu erkälten.« »Und der wahre 
Grund?« 
»Der wahre Grund ist, daß man mich in diesem 
Aufzug umgehend zurückbringen würde.« »Oho, das ist 
ja schon ein Fortschritt!« rief Julka aus. »Da kannst du 
mal sehn, wie nützlich es ist, auf Ältere zu hören.« 
»Wer von uns beiden älter ist, muß sich erst noch 
erweisen.« 
»Ich«, sagte Julka. »Wie alt bist du?« »Zwölf.« 
»Ich bin erst elf«, bekannte Alissa. »Ich dachte, wir 
wären gleichaltrig.« 
»In welcher Klasse bist du?« fragte Julka. 
»Schwer zu sagen, du begreifst es sowieso nicht.« 
»Was gibt's da nicht zu begreifen! Ich bin in der 
Sechsten und du wahrscheinlich in der Fünften. Was 
habt ihr denn gerade in Literatur?« 
 
 
145 
»Wir haben andere Klassen«, erwiderte Alissa. »Ich 
befasse mich zur Zeit mit angewandter Genetik. Sagt dir 
das etwas?« 
»Ein bißchen schon. Obwohl ich eine Englisch-Schule 
besuche. Nach meiner Meinung kommt die Genetik für 
dich allerdings noch zu früh.« 
»Dafür ist es nie zu früh. Ich will Kosmosbiologe 
werden wie mein Vater. Ohne angewandte Genetik aber 
bist du in der Biologie verlorenen.« 
»Himmel«, sagte Julka, »wenn dich der Doktor hören 
könnte!« 
»Ja und, was wäre dann?« 
»Ich denke, du erinnerst dich an nichts! Nicht mal an 
deinen Nachnamen. Und nun behauptest du, dein Vater 
wäre Kosmosbiologe.« 
»Das ist mir zufällig eingefallen ... « 
»Na gut, dann will ich dir helfen«, sagte Julka. »Wenn 
dein Vater Kosmosbiologe ist, arbeitet er nicht in 
Moskau. Deshalb hat man dich auch noch nicht 
gefunden. Er ist entweder auf dem Kosmodrom in 
Baikonur tätig oder im Sternenstädtchen.« 
»Nein«, widersprach Alissa, »er arbeitet in Moskau. 
Und zwar im Kosmoszoo ... « 
»wo?« 
»Ach, das ist so eine Organisation. Aber er ist gerade 
zu einer Konferenz geflogen und wird erst in zwei 
Wochen wieder hier sein. Eine davon hab ich hier 
schon vergeudet.« 
»Und wo ist deine Mutter?« 
 
 
146 
»Die ist auf ... « Alissa hielt noch rechtzeitig inne. Um 
ein Haar hätte sie sich verraten. 
»Das ist dir also auch eingefallen?« fragte Julka. 
»Ich hab es schon wieder vergessen.« 
»Meine Güte, bist du schwierig! « rief Julka aus. 
 
 
 
 
147 
2. Wir haben drei Koljas in der Klasse 
 
 
Julka nahm ein Buch zur Hand, tat so, als lese sie, 
blätterte sogar die Seiten um. Doch hätte sie jemand 
über den Inhalt befragt sie hätte nicht antworten 
können. Allerdings hatte sie keine Lust, das Gespräch 
mit Alissa als erste wieder aufzunehmen. 
Ungefähr eine Stunde war vergangen, als Alissa 
plötzlich' von sich aus sagte: »Du bist also in der 
sechsten Klasse? « 
»Ja.« 
»In einer Sechs b?« 
»Ja. « 
»Die Sechs b - das könnte hinkommen«, stellte Alissa 
fest. »Genau die brauche ich. Ist es die 
sechsundzwanzigste Schule?« 
»Ja, aber wie kommst du darau?« 
»Es ist einfach sehr wichtig für mich, daß du in der 
sechsundzwanzigsten Schule bist. Einmal muß ich doch 
Glück haben.« 
»Daß ich gerade in diese Schule gehe, ist nicht weiter 
verwunderlich«, sagte Julka. »Sie befindet sich hier ganz 
in der Nähe, und das Krankenhaus ist ja für unseren 
Bezirk zuständig. Da wäre es schon merkwürdiger, 
wenn ich eine Schule in Sokolniki besuchen würde. 
Aber was willst du mit unserer Schule?« 
»Mit eurer Schule - gar nichts. Ich brauche den Kolja 
aus deiner Klasse, seinen Nachnamen, seine Adresse.« 
 
 
148 
»Und welchen Kolja? Wir haben drei. Sie heißen 
Sulima, Sadowski und Naumow.« 
»Was denn, gleich drei! Das erschwert die Sache 
natürlich. « 
»Was erschwert welche Sache? Also wirklich, du bist 
kein Mensch, sondern das reinste Rätsel. Und ich glaub 
dir auch nicht, daß du dein Gedächtnis verloren hast. 
Du verstellst dich bloß, ich begreif nur nicht, warum.,« 
»Ich muß einen Jungen namens Kolja finden, der in 
die Sechs b geht. Aber die Wahrheit ist so 
unwahrscheinlich, daß du mir nicht glauben würdest.« 
»Doch, ich glaube dir.«»Ich werde dir alles erzählen, 
aber laß mir Zeit. Dafür mußt du mir helfen, Kolja zu 
finden.« »Und wie soll das aussehn? Du kennst ja nicht 
mal seinen Nachnamen. Wenn du etwas von ihm willst, 
mußt du eben mal zu uns in die Klasse kommen und 
ihn dir selber raussuchen.« 
»Ich hab ihn doch noch nie gesehen!« 
»Man könnte glatt den Verstand verlieren! Also gut, 
dann frag sie alle drei der Reihe nach.« »Und wenn er 
sich nicht zu erkennen gibt? Das wird er sogar mit 
Sicherheit nicht.« 
In diesem Augenblick wurde die Tür geöffnet, und 
Julkas Mutter kam herein. Sie schaute beinahe jeden Tag 
nach der Arbeit bei den Mädchen vorbei. Die beiden 
mußten ihr Gespräch unterbrechen, was Julka fast ein 
bißchen ärgerte. 
Die Mutter brachte Blumen, ein paar Zeitschriften, 
für ihre Tochter einen Brief von ihren Mitschülern und 
für Alissa einen ganzen Packen Zeitungen und eine 
 
 
149 
Schachtel Schokoladenbonbons. »Aber lies nicht zuviel 
auf einmal«, sagte sie zu Alissa, »immerhin hattest du 
eine Gehirnerschütterung, damit ist nicht zu spaßen.« 
»Das werde ich nicht«, erwiderte Alissa, »vielen 
Dank.« 
»Ich hab mich mal am Kiosk nach verschiedenenGebietszeitungen umgesehn und sie dir gebracht. 
Solltest du nicht aus Moskau stammen, wär es doch 
möglich, daß deine Heimatzeitung darunter ist und du 
sie wiedererkennst.« 
»Nein«, sagte Alissa, »meine Zeitung werde ich hier 
nicht sehen. Sie ist ganz anders beschaffen.« »Wie denn 
anders?« fragte die Frau verblüfft. 
»Ich erinnere mich nicht.« 
Als Julkas Mutter wieder gegangen war, sagte Alissa: 
»Deine Mama ist noch ganz jung und sehr hübsch.« 
»Ich weiß«, erwiderte Julka, »du bist nicht die einzige, 
die das sagt. Aber ist deine Mama denn alt?« 
»Nein, ganz und gar nicht.« 
Es dunkelte bereits, und Alik Borissowitsch kam 
herein, um sich von den beiden für heute zu 
verabschieden. Kurz darauf schaute auch Schurotschka 
vorbei, verabschiedete sich gleichfalls und flüsterte den 
Mädchen zu, daß sie mit dem Doktor ins Kino ginge. 
»Aber zu keinem ein Wort, verstanden?« 
»Versprochen!« riefen Julka und Alissa wie aus einem 
Munde. 
Als Schurotschka fort war, lachten sie laut los und 
konnten sich lange nicht beruhigen. 
 
 
150 
»Die Erwachsenen haben Geheimnisse, die einfach 
zum Totlachen sind«, prustete Julka. 
»Die sogenannten Erwachsenen«, berichtigte Alissa. 
»Schurotschka ist gerade mal sechs, sieben Jahre älter als 
wir. Nicht der Rede wert.« 
»Hast recht, nicht der Rede wert«, stimmte Julka zu. 
»Erzähl mir was über deine Klasse«, bat Alissa. 
»Und was soll ich erzählen?« 
»Wie ihr so lernt, wieviel Stunden ihr habt, was für 
Spezialfächer - einfach alles. « 
»Keine Ahnung, wo ich anfangen soll. Du weißt ja 
ohnehin Bescheid.« 
»Ich hab alles vergessen. Geh davon aus, daß ich mir 
rein, gar nichts gemerkt habe.« 
»Wenn ich nur wüßte, wann ich dir glauben soll und 
wann nicht.« 
»Ehrenwort, mir ist über deine Schule so gut wie gar 
nichts bekannt. Weder über die Art des Unterrichts 
noch über den, Lehrplan.« 
»Aber wieviel Klassen wir haben, ist dir bekannt?« 
»Ich glaube, zehn. Stimmt das?« 
»Na siehst du, du hast dich erinnert. Und mit wieviel 
Jahren kommt man zur Schule?« 
»Mit fünf?« 
»Also hör mal, Alissa - mit sieben! Entweder du 
verstellst dich einmalig gut, oder du hast tatsächlich Brei 
im Kopf ... Aber halt, vielleicht bist du nicht nur nicht 
aus Moskau, sondern nicht einmal aus der 
Sowjetunion?« 
»Wie stellst du dir das vor?« fragte Alissa ungehalten. 
 
 
151 
»Na ja, du könntest eine Touristin sein, bist mit 
deinen Eltern aus dem Ausland hergekommen und 
ihnen verlorengegangen.« 
»Spreche ich denn so schlecht russisch?«»Nein, du 
sprichst gut russisch.« »Richtig gut?« »Richtig gut.« 
»Danke. Also zur Schule kommt man bei euch mit 
sieben Jahren? Und was macht man bis dahin?« 
»Na was schon. Man geht in den Kindergarten, spielt, 
bäckt Sandkuchen ... Was sollten kleine Knirpse sonst 
tun?« 
»Seltsam», sagte Alissa, »mit fünf Jahren bin ich 
bereits ... « Sie verstummte. 
»Was bist du mit fünf Jahren?« fragte Julka. 
Jemand ging über den Flur, blieb vor ihrer Tür stehen, 
kam aber nicht zu den Mädchen herein, sondern schien 
dem Gespräch zu lauschen. 
Die Tür hatte eine Mattglasscheibe, und man sah 
darauf die Umrisse eines Menschen. 
»Wer kann das sein?« flüstere Alissa. 
»Da gibt's viele Möglichkeiten«, sagte Julka, »aber dir 
kann's ja egal sein. Oder erwartest du jemanden?« 
»Nein.« 
»Und doch hab ich den Eindruck, daß du auf 
jemanden wartest. Ich an deiner Stelle würde immerzu 
auf dem Sprung sein. Wenn nun plötzlich die Tür 
aufgeht und deine Mutter vor dir steht?« 
»Das wird nicht passieren.« Alissa seufzte. »Ich bin 
hier ganz allein.« 
»Und wenn sie es doch ist?« 
»Das wäre sehr schlimm.« 
 
 
152 
»Hat sie dich schlecht behandelt? Bist du, etwa 
absichtlich von zu Hause weg? Oder hast du vielleicht 
eine böse Stiefmutter?« 
»Red keinen Unsinn«, sagte Alissa, »ich hab eine 
wunderbare, einfach großartige Mama, nicht schlechter 
als deine.« . 
»Und wenn sie nun plötzlich hereinkommt, und du 
erkennst sie nicht wieder? Schließlich hast du dein 
Gedächtnis verloren.« 
»Schon möglich«, sagte Alissa und drehte sich zur 
Wand. Vielleicht war sie eingeschlafen, vielleicht weinte 
sie aber auch nur leise vor sich hin. Julka hätte es nicht 
mit Bestimmtheit sagen können, obwohl sie genau 
hinhörte. 
 
 
 
 
153 
3. Ich bin doch dein Papa! 
 
 
Zwei, drei Stunden waren vergangen. Im Krankenhaus 
war es ruhig geworden, viele schliefen schon. Alissa lag 
noch immer mit dem Gesicht zur Wand da, Julka las. 
Die Treibhausrosen, die ihr die Mutter mitgebracht 
hatte, standen auf ihrem Nachttisch, und Julka spürte 
ihren frischen, angenehmen Duft. 
Plötzlich wurden erneut Schritte im Flur laut. Wie 
vorhin. Jemand näherte sich vorsichtig, doch 
schwerfällig ihrer Tür und blieb dort stehen. 
»Alissa«, flüsterte Julka, »sieh doch mal.« 
Alissa setzte sich im Bett auf und preßte den Finger 
an die Lippen. 
Die menschliche Silhouette verharrte ein wenig vor 
der Tür und entfernte sich dann wieder. 
»Mir gefällt das nicht«, sagte Julka, »ich werde die 
Nachtschwester rufen.« 
»Warte«, sagte Alissa. 
In diesem Moment vernahmen sie Stimmen im 
Korridor, mehrere Leute näherten sich ihrem Zimmer, 
die Tür wurde langsam geöffnet. 
Doch nichts passierte, nur die Nachtschwester, Maria 
Pawlowna, kam herein. Sie war schon älter, sehr streng 
und bei den Patienten nicht sonderlich beliebt, weil sie 
stets und ständig die Krankenhausordnung im Munde 
führte. Wer aber war schon scharf darauf, alle 
 
 
154 
möglichen Regeln einzuhalten, besonders wenn man so 
gut wie gesund war. 
»Schlaft ihr schon, Mädchen?« fragte sie. 
»Nein.« 
»Alik Borissowitsch möchte mit dir sprechen, Alissa.« 
»Was denn, jetzt?« Alissa war verblüfft. »Aber ist denn 
Alik Borissowitsch nicht ... « 
In diesem Augenblick betrat der Doktor bereits das 
Zimmer. 
»Wie fühlt ihr euch?« fragte er, als hätte er sich nicht 
erst vor zwei, drei Stunden von ihnen verabschiedet. 
Vielleicht ist er schon wieder zurück aus dem Kino, 
dachte Julka, oder er hat sich mit Schurotschka 
gestritten. 
»Ich hoffe, es ist alles in Ordnung bei euch«, fuhr Alik 
Borissowitsch fort. »Ich hab nämlich eine Uberraschung 
für Alissa. Eine wunderbare Überraschung! Du kannst 
nach Hause.« 
»W-wie denn das?« Alissa war blaß geworden, Julka 
sah es deutlich. »Das ist doch unmöglich!« 
»Doch, es ist möglich!« Alik Borissowitsch war so 
ausgelassen, als wollte er im nächsten Moment einen 
Freudentanz aufführen. »Nun hat alles sein gutes Ende 
gefunden. Dein Papa ist gekommen, du kannst also 
deine Sachen packen.« 
»Mein Papa kann gar nicht kommen«, erwiderte Alissa 
leise. 
»Nun sträub dich mal nicht länger, Kindchen«, sagte 
der Doktor. Dann drehte er sich zu Maria Pawlowna 
 
 
 
um und wies sie barsch an, die Entlassungspapiere 
fertigzumachen. 
 
 
 
156 
»Wie denn das, Alexander Borissowitsch?« Die 
Schwester war verblüfft. »jetzt gleich? Aber wir haben 
Nacht. Nein, ich bin ganz und gar dagegen.« 
»Bitte keinen Widerspruch!« sagte Alik Borissowitsch 
mit völlig veränderter Stimme. Julka hätte nie gedacht, 
daß er so sprechen könnte. »Führen Sie meine 
Anweisungen aus!« 
»Morgen früh«, entgegnete Maria Pawlowna. 
»Entsprechend der Krankenhausordnung und mit 
Zustimmung des Stationsarztes. Ich werde mich niemals 
dazu hergeben, gegen die Regeln zu verstoßen. Und das 
um so mehr, als Sie, Alexander Borissowitsch, schon 
nicht mehr im Dienst sind. Ich möchte nur mal wissen, 
wo der diensthabende Arzt steckt.« 
»Was kann ich dafür, wenn der diensthabende Arzt 
nirgends aufzutreiben ist«, sagte Alik Borissowitsch. 
»Man wird ihn zur Rechenschaft ziehen. jedenfalls 
können wir das Kind nicht gewaltsam von seiner 
Familie fernhalten. Ihr Vater ist extra aus einer anderen 
Stadt hierhergekommen, er leidet, ist erregt, hören Sie 
doch nur.« 
Der Doktor verstummte, und alle vernahmen ein 
lautes Schnaufen hinter der Tür, vielleicht war es auch 
ein Schluchzen. 
»Da bitte«, fuhr Alik Borissowitsch fort, »Sie wollen 
doch nicht etwa dem Kind und seinen Angehörigen 
wegenirgendwelcher idiotischer Regeln einen 
bleibenden Schaden zufügen! Also gehen Sie, und 
machen Sie die Unterlagen fertig. Ich unterschreibe, 
 
 
157 
wo's nötig ist, und die Sache hat ein Ende. Seien Sie 
wenigstens einmal menschlich.« 
»Aber Alissa hatte eine Gehirnerschütterung, es wäre 
schädlich für sie, aufzustehen.« 
»Das war und ist vorbei«, erwiderte der Doktor. »Ich 
habe sie heute untersucht, ihr kann nichts passieren.« 
»Also wirklich, Alexander Borissowitsch, ich erkenne 
Sie nicht wieder!« rief Maria Pawlowna aus. »Sie sind 
heute gar zu seltsam.« 
»Sie sollen gehen!« herrschte der Doktor sie an. »Und 
bleiben Sie in Ihrem Zimmer! Sollten Sie - sich meinen 
Anordnungen widersetzen, werde ich eine Beschwerde 
gegen Sie einreichen.« »Wa-a-as?« Maria Pawlowna wäre 
vor Verblüffung fast in Ohnmacht gefallen. »Sie ... 
gegen mich ... eine Beschwerde?!« 
Alik Borissowitsch schubste die Schwester regelrecht 
aus dem Zimmer und sagte zu dem Mann, der draußen 
wartete: »Kommen Sie herein, mein Lieber, Ihre 
Tochter erwartet Sie schon voll Ungeduld.« 
Die Schwester beiseitestoßend, zwängte sich ein 
unwahrscheinlich dicker, vor Fett wabbelnder Mann mit 
Sonnenbrille und tief in die Stirn gezogenem Hut in den 
Raum. Er war in einem Maße dick und so seltsam 
gekleidet, daß Julka vor Staunen den Mund aufriß. 
»Wo ist mein Töchterchen, wo ist mein Goldkind?« 
rief der Dicke mit weinerlich dünner Stimme und ging 
mit ausgebreiteten Armen geradenwegs auf Alissa zu. 
»Komm, Kindchen, komm nach Hause, zurück zu Papa 
und Mama«, brabbelte der Dicke, wobei er sich wie eine 
Lokomotive auf Alissa zubewegte. 
 
 
158 
»Nein!« rief Alissa plötzlich. »Wagen Sie es nicht, 
näher zu kommen, wagen Sie es ja nicht! Sie sind nicht 
mein Vater! Ich hab Sie zwar irgendwo schon mal 
gesehen, aber mein Vater sind Sie nie und nimmer!« 
Alissa saß aufrecht im Bett, mit dem Rücken gegen die 
Wand gepreßt und die Decke bis zum Kinn 
hochgezogen. 
»Bleiben Sie stehn!« rief nun auch Julka, die Alissa 
sofort Glauben schenkte. »Oder ich schreie. Ich kann 
unheimlich laut schreien.« 
»Einen Moment.« Alik Borissowitsch hielt den Dicken 
zurück. »Wir dürfen die Kinder nicht verschrecken. 
Immerhin hatte Ihre Tochter eine Gehirnerschütterung 
und das Gedächtnis verloren. Alissa erkennt Sie nicht, 
und daran ist kaum etwas Erstaunliches. Und du, Alissa, 
beruhige dich. Wir werden uns jetzt gemeinsam 
erinnern, dann fährst du mit deinem Papa nach Hause. 
Alles wird gut, du wirst sehn. Du aber, Julka, brüll nicht 
rum. In den Nachbarzimmern schlafen kranke Kinder, 
willst du sie aufwecken?« 
»Alissa, Kindchen, du hast doch nicht etwa deinen 
lieben Papa vergessen?« greinte der Dicke. »Weißt du 
nicht mehr, wie ich dich auf meinen Armen wiegte, wie 
wir ... « 
Bei diesen Worten packte der Doktor den Dicken aus 
rgendeinem Grund beim Ärmel und zischte wie eine 
Schlange. 
»Genau!« rief Julka. »Das muß sich erst noch 
herausstellen, ob er wirklich ihr Vater ist. Kann er sich 
überhaupt ausweisen?« 
 
 
159 
»Natürlich kann ich mich ausweisen«, erwiderte der 
Dicke. ich hab alle Unterlagen bei mir.« Er holte einen 
Packen Paiere aus der Tasche seiner gewaltigen Hose 
und wedelte danit vor Julkas Nase herum. 
»Misch dich nicht in Dinge, die dich nichts angehn, 
Kleine«, agte Alik Borissowitsch zu Julka. »Und ob mich 
das was angeht!« entgegnete Julka. »Mich geht 
buchstäblich alles was an. Sie können sich gar nicht 
vorstellen, vas alles!« Sie war in einer Verfassung, daß 
man ihr besser nicht zu nahe kam. 
»Also los, Alissa, steh auf«, befahl der Doktor, »und 
beeil dich. Wir haben uns vergewissert, daß der Bürger 
hier dein Vater ist. Du fährst jetzt mit ihm nach Hause, 
dort wirst du dich an alles erinnern und wieder völlig 
gesund werden.« 
Alik Borissowitsch gab dem Dicken einen Wink, er 
solle seine Tochter nehmen, und der machte auch schon 
Anstalten dazu. Doch Alissa sprang im Bett auf und 
preßte sich an die Wand. Die Arme des Mannes griffen, 
wie die Scheren eines Krebses, ins Leere. 
»Schneller doch«, rief Alik Borissowitsch, »sie werden 
gleich hier sein!« 
»Die stecken ja unter einer Decke!« schrie Julka. »Sie 
machen gemeinsame Sache!« 
»Natürlich«, antwortete Alissa, die bestrebt war, sich 
dem Zugriff der beiden zu entziehen. »Sieh dir nur mal 
seine Schuhe an!« 
»Wessen Schuhe?« 
»Na, die von Alik Borissowitsch.« 
 
 
160 
Julka, die nun ebenfalls im Bett stand, schaute nach 
unten und begriff augenblicklich: Alik Borissowitsch 
hatte zwei rechte Schuhe an. 
»Was ist los, was ist denn?« fragte der Doktor und sah 
gleichfalls auf seine Schuhe. 
Und nun bot sich Julka ein ganz und gar 
phantastischer Anblick: Der zweite Schuh, der am 
linken Fuß des Doktors steckte, vollführte ein paar 
Zuckungen, veränderte seine Form und wurde gleich 
darauf zu einem gewöhnlichen linken Schuh. 
»Ach herrje«, sagte Julka. 
»Kein Grund zur Aufregung«, erwiderte Alik 
Borissowitsch, »meine übliche Zerstreutheit.« 
Plötzlich schrie Alissa- »Julka-a-a!« 
Während Julka in den Anblick der sonderbaren 
Schuhe vertieft war, hatte sich der Dicke so geschickt an 
Alissa herangepirscht und sie gepackt, daß sie keinerlei 
Widerstand mehr leisten konnte. Sie baumelte an der 
Hüfte des Dicken, strampelte mit den Beinen, schlug 
mit Fäusten um sich, doch den Mann beeindruckte das 
kein bißchen. 
Er stieß den Nachttisch um, so daß die Blumenvase 
umfiel und sich das Wasser über den Fußboden ergoß. 
Dann stürzte er zur Tür. 
 
 
 
 
 
162 
Nun ist alles verloren, dachte Julka. Doch da fiel ihr ein, 
wie sie in früheren ruhmreichen Zeiten der Häuptling 
der Rothäute gewesen war und ihren tapferen Stamm 
zum kühnen Sturm auf die weißgesichtigen 
Nachbarskinder geführt hatte. Und so stieß sie auch 
jetzt ihren Irokesenschlachtruf aus, so laut, daß die 
Fensterscheiben klirrten. und eine, die schon einen 
Sprung hatte, sogar zerbrach. Danach setzte sie wie ein 
Panther zu einem Satz auf den Dicken an und zerkratzte 
ihm mit den Fingernägeln das Gesicht. 
Julkas Angriff kam so überraschend und heftig, daß 
der Mann sein Opfer losließ. Alissa plumpste zu Boden, 
der Dicke aber hatte alle Hände voll zu tun, Julka 
abzuschütteln. Als ihm das gelungen war, stürzte er zur 
Tür, die regelrecht aus den Angeln sprang und an die 
gegenüberliegende Flurwand prallte. 
Alik Borissowitsch fauchte ein »Trrprrf!« und rannte 
hinter dem Dicken her. 
Julka und Alissa aber saßen auf dem Fußboden und 
schüttelten mit den Köpfen, um zu sich zu kommen. 
»Na, wie haben wir's denen gegeben?« sagte Julka 
schließlich. 
»Hoffentlich ist deine Naht nicht aufgeplatzt«, 
erwiderte Alissa. »Im übrigen aber bist du eine echte 
Freundin.« 
»Das war demnach nicht dein Vater?« 
»Aber nein, kein Stück. Das war ein kosmischer Pirat, 
er heißt Fröhlicher U.« 
»Also wirklich, Alissa, jetzt spinnst du. Was denn für 
ein kosmischer Pirat?« 
 
 
163 
»Ich werde dir alles erzählen, denn ich hab jetzt volles 
Vertrauen zu dir. Wir müssen nur warten, bis hier alles 
zur Ruhe gekommen ist. Hör mal, sie kommen bereits 
angerannt.« 
Und tatsächlich kam gleich darauf Maria Pawlowna 
ins Zimmer gestürzt. 
»Was ist geschehen?« rief sie. »Weshalb sitzt ihr auf 
dem Boden, und dazu im Wasser? Das ist gegen die 
Krankenhausordnung!« 
Die beiden lachten und standen auf. 
»Nein so was, ich versteh überhaupt nichts mehr«, 
seufzte die Schwester. »Und wie's scheint, bin ich an 
allem schuld. Wo ist eigentlich Alexander 
Borissowitsch? Und dein Vater, Alissa?« »Was denn für 
ein Alexander Borissowitsch?« fragte Alissa unschuldig. 
»Und was für ein Vater?« »Na, die beiden, die eben hier 
waren.« 
»Hier war niemand.« 
Julka bekam bei diesen Worten Quadrataugen. »Aber 
das ... « begann sie. 
»Hier war kein Mensch«, wiederholte Alissa mit einer 
Stimme, so daß Julka sofort begriff: jetzt galt es, zu 
schweigen und ihr in allem recht zu geben. 
»Ich hab doch mit eignen Augen gesehen ... « beharrte 
Maria Pawlowna, stutzte dann und fragte: »Undwer hat 
die Fensterscheibe zerschlagen, die Tür aus den Angeln 
gehoben, wer hat geschrien? Versucht ja nicht, mich für 
dumm zu verkaufen, ich versteh ohnehin nichts mehr.« 
»Das muß ein Windstoß gewesen sein«, antwortete 
Alissa. »Ein Wirbelsturm oder so was. Er hat die 
 
 
164 
Scheibe eingedrückt, uns von den Betten gefegt und 
dabei sogar die Tür aus den Angeln gehoben. Was ist 
daran so ungewöhnlich?« 
»Himmel, ich verlier noch den Verstand!« stöhnte die 
Schwester. »Ich habe Alexander Borissowitsch und 
diesen anderen Bürger, einen kräftigen, 
respekteinflößenden Mann, doch leibhaftig vor mir 
gesehen. Sie haben mich gebeten, Alissas 
Entlassungspapiere zu holen...« »Wissen Sie, Maria 
Pawlowna«, sagte Alissa, »ich denke, Sie sollten jetzt mal 
Alik Borissowitsch anrufen. Bestimmt sitzt er zu Hause 
und trinkt Tee. Er wird Ihnen bestätigen, daß er heute 
abend nicht hier war und auch meinen Vater nicht 
gesehen hat.« 
»Das tu ich!« erwiderte die Schwester streng. »Und 
zwar sofort. Das laß ich nicht auf sich beruhn. Einer 
von uns ist verrückt geworden, ich kann nur hoffen, daß 
nicht ich es bin. Zuerst aber bringe ich euch trockene 
Pyjamas und quartier euch um. Schließlich könnt ihr 
nicht in diesem zugigen Zimmer bleiben.« 
Als die Mädchen in ihren neuen Betten lagen und sich 
die Tür hinter Maria Pawlowna geschlossen hatte, fragte 
Julka: »Weshalb hast du ihr vorgeschlagen, den Doktor 
anzurufen? Der ist doch sicher noch unterwegs.« 
»Du hast nicht das geringste begriffen«, erwiderte 
Alissa. »Alik Borissowitsch tut hier nichts zur Sache. 
Der hat den Abend mit Schurotschka verbracht und 
sitzt jetzt bei einem Glas Tee zu Hause. Der Doktor 
von vorhin war nie und nimmer Alik Borissowitsch, ich 
hab's nur nicht gleich durchschaut. Es war der Kumpan 
 
 
165 
vom Fröhlichen U, ebenfalls ein kosmischer Pirat. Er 
heißt Ratt und stammt vom Planeten Rattus. Die beiden 
verfolgen mich. Und wenn du mir nicht glaubst, 
brauchst du nur abzuwarten, was Maria Pawlowna von 
Alik Borissowitsch erfährt.« 
 
 
»Aber es war eindeutig unser Doktor - unmöglich, ihn 
zu verwechseln! Maria Pawlowna hat ihn auch erkannt 
... « 
»Ich hab mich ja anfangs selber täuschen lassen«, gab 
Alissa zu. »Der Ratt versteht sich nämlich unheimlich 
gut auf Metamorphose. Nur mit den Schuhen ist ihm 
ein Versehen unterlaufen, erinnerst du dich?« 
»Aber ja«, sagte Julka. 
In diesem Augenblick schaute Maria Pawlowna zur 
Tür herein und flüsterte beängstigend laut: »Ich muß es 
sein, die verrückt ist! Alexander Borissowitsch sitzt zu 
Hause und trinkt Tee. Er hat mich ... ausgelacht!« 
 
 
 
 
166 
4. Wie sich alles zugetragen hat 
 
 
»Natürlich hast du das Recht, mir nicht zu glauben«, 
sagte Alissa, als sich alles beruhigt hatte und Stille im 
Krankenhaus eingekehrt war. »Ich bin mir gar nicht so 
sicher, ob ich das an deiner Stelle tun würde.« 
Julkas Narbe tat verständlicherweise ein bißchen weh 
- für solch einen Panthersprung war es trotz allem noch 
etwas früh, auch wenn sie morgen entlassen wurde. Sie 
legte sich also bequem zurecht und beschloß, Alissa 
nicht zu unterbrechen. Auch hatte Julka jetzt eine neue 
Theorie ausgebrütet: Alissa war ein Gast aus dem 
Kosmos, kam von einem anderen Planeten. 
»Ich hab außer dir niemanden, dem ich mich 
anvertrauen könnte«, begann Alissa. »Kinder kenne ich 
sonst keine, und ein Erwachsener würde mir gleich gar 
nicht glauben. Selbst wenn ich Beweise hätte.« 
»Stimmt«, bestätigte Julka. »Erwachsene glauben die 
normalsten Dinge nicht. Du stammst von einem 
fremden Planeten, nicht wahr?« 
»Nein«, sagte Alissa, »ich bin aus Moskau. Und auch 
hier geboren.« 
»Schade. Und ich dachte schon, du wärst eine 
Außerirdische.« 
»In gewissem Sinne bin ich das sogar. Ich bin nämlich 
noch nicht geboren. Ich komm erst in hundert Jahren 
zur Welt.« 
»Wie bitte?« 
 
 
167 
»Ich stamme aus der Zukunft. Aus dem 
einundzwanzigsten Jahrhundert.« 
»Das ist einleuchtend«, erwiderte Julka, »denn ich hab 
mich schon gefragt, wieso du nichts über unsre Schulen 
weißt und doch so einwandfrei russisch sprichst.« 
»Bist du denn gar nicht erstaunt, daß ich aus der 
Zukunft stamme?« 
»Natürlich. Aber noch erstaunlicher wäre es gewesen, 
wenn du aus dem Kosmos kämst. 
Jedenfalls bist du eine Moskauerin, wenn auch keine 
aus unseren Tagen. Erzähle!« . 
»Tja, da gibt's nichts Besonderes zu erzählen: Ich lebe 
in Moskau, geh hier zur Schule ... « 
»Warst du schon mal auf dem Mond?« 
»Ja. Und auf dem Mars. Auch im Fernen Kosmos.« 
»Du Glückliche! Ist die Auswahl eigentlich streng? 
Wir haben in der Klasse einen Jungen, den Borja 
Messerer, der möchte mal Kosmonaut werden. Aber sie 
haben ihm gesagt, daß er gesundheitlich nicht dafür 
taugt. Und nun geht er jeden Morgen die zwei 
Kilometer zur Schule zu Fuß. Allerdings kommt er 
immer zu spät. Vielleicht schmeißen sie ihn aus der 
Schule, bevor er sich abgehärtet hat.« 
»Unterbrich mich doch nicht dauernd. Nein, die 
Auswahl ist nicht streng. Man kann als Tourist fahren, 
aber auch auf Exkursion gehn. Ich bin mal in einer 
wissenschaftlichen Expedition mitgefahren. Wenn's 
dich interessiert, erzähl ich dir davon.« »Es interessiert 
mich mächtig!« 
 
 
 
 
 
169 
»Du weißt ja bereits, daß ich mich auf die Biologie 
spezialisiere. Ich will später unbedingt mit Tieren 
arbeiten, etwas Schöneres gibt es nicht! Mein Papa ist 
ebenfalls Biologe, er befaßt sich mit Tieren aus dem 
Kosmos. Mich interessiert speziell der tierische 
Verstand, da ist bisher noch sehr wenig erforscht. Das 
muß man sich mal vorstellen: Die Menschen fliegen in 
fremde Galaxien, können sich aber nicht mit einer 
gewöhnlichen Katze verständigen.« »Ich kann mit 
meiner Katze über alles reden«, widersprach Julka. 
»Allerdings rede bloß ich, sie schweigt.« 
»Na siehst du, sie schweigt. Aber ich hab dir das mit 
der Biologie nicht von ungefähr erzählt. Die Sache ist 
nämlich, daß mein Vater einen bestimmten Apparat in 
seinem Zoo hat, ein sogenanntes Myelophon. Es ist 
imstande, die Hirnströme von Lebewesen einzufangen 
und ihre Gedanken hörbar zu machen.« 
»Auch meine?« 
»Von jedem beliebigen Wesen. Nur ist dieser Apparat 
unwahrscheinlich selten und sehr wertvoll. Mein Vater 
hat ihn mir für kurze Zeit anvertraut, ich sollte ihn 
sofort nach dem Versuch wieder im Labor abgeben.« 
»Und von wem hast du die Gedanken belauscht?« 
»Zuerst die von Delphinen, danach die von einem 
Hohlwesen. Und dann ergab es sich, daß ich mich von 
Bronta verabschiedete.« 
»Wer ist denn das nun wieder?« 
»Ein Brontosaurus, ich hänge sehr an ihm. Er lebt bei 
uns im Kosmoszoo.« 
 
 
170 
»Aber die Brontosaurier sind vor vielen Millionen 
Jahren ausgestorben, das hab ich mal gelesen!« 
»Lesen kann man viel. Wir haben einen ausgebrütet.« 
»Was denn, ganz neu?« 
»Du unterbrichst mich schon wieder, Julka! Auf diese 
Weise bin ich morgen früh noch nicht fertig.« »Also 
weißt du. Erst erzählst du solche Sachen, und dann darf 
man sich nicht mal drüber wundern. So was gibt's nur in 
phantastischen Büchern. Wenn ich mir vorstelle, daß du 
eigentlich erst in hundert Jahren lebst!« 
»Also weiter. Ich verabschiedete mich von Bronta und 
ließ das Myelophon am Ufer zurück, um es nicht naß zu 
machen. Bronta lebt nämlich in einem Teich. Ich ließ 
mich ein bißchen auf seinem Rücken spazierentragen, 
plötzlich dreh ich mich um - das Myelophon ist weg! 
Und irgendein Junge schrie: Haltet sie!, dann rannte er 
selber davon.« 
»War das Kolja?« 
»So warte doch. Bevor ich also Bronta gebeten hatte, 
mich ans Ufer zu bringen, und endlich am Tor anlangte, 
war der Junge verschwunden. Auf dem Vorplatz 
standen drei Busse, aber zum Glück kaum Leute. Ich 
hab sie gefragt, ob sie einen Jungen mit schwarzer 
Tasche aus dem Zoo hätten laufen sehn, und ein Mann 
sagte, er sei in Richtung Prospekt des Friedens 
eingestiegen. Doch ein anderer Mann ergänzte, dieser 
Junge habe den Bus gleich wieder verlassen, um in einen 
anderen umzusteigen. Ich hab innerhalb von fünf 
Minutensämtliche Busstationen nach ihm abgesucht, 
bin in dieser Zeit durch halb Moskau gefahren und 
 
 
171 
schließlich zum Zoo zurückgekehrt, ohne den Jungen 
zu finden ... « 
»Halt mal - durch halb Moskau in nur fünf Minuten? 
Mit dem Bus?« 
»Natürlich. Womit denn sonst?« 
»Wie schnell fahren denn bei euch die Busse?« 
»Sie fahren gar nicht, sie bleiben auf der Stelle ... Aber 
was soll's, du begreifst es ja doch nicht. Bei euch gibt's 
keine solchen Busse. Ich erzähl dir später davon. 
jedenfalls bin ich wieder zurück zum Zoo, ziemlich 
geklatscht, wie du dir denken kannst, es war furchtbar. 
Was sollte ich bloß tun? Ich lief so vor mich hin, es war 
kurz vor der Schließzeit und kaum noch jemand zu 
sehn. In meiner Verzweiflung dachte ich: Vielleicht war 
das alles ein Irrtum, und du hast die Tasche nur 
igendwo liegenlassen? Idiotisch natürlich, aber ich hab 
mich an diese Hoffnung geklammert ... « 
»Das kenn ich«, sagte Julka, »ist mir auch schon 
passiert.« 
»Ich lauf also, schau hierhin, dorthin, plötzlich seh 
ich, daß ein paar Reinigungsroboter vor einer der Bänke 
diskutieren. Nun sind Roboter, wie du dir denken 
kannst, im allgemeinen schweigsame Gesellen und nur 
schwer aus der Reserve zu locken. Die hier dagegen 
gestikulierten heftig mit den Armen und stritten. Ich 
ging zu ihnen, fragte, was passiert sei, die Roboter aber 
waren ganz außer sich, sagten, ihnen wäre so etwas 
noch nicht begegnet. Dabei zeigten sie auf eine Bank, in 
deren Lehne die Worte geschnitzt waren: Kolja, Klasse 
6b, 26. Schule. Und nun beratschlagten die Roboter, ob 
 
 
172 
sie die Bank wegbringen und durch eine neue ersetzen 
sollten.« 
»Himmel, aus unserer Schule!« rief Julka aus. 
»Genau. Irgendein Kolja aus einer Sechs b, der genau 
an diesem Tag bei uns im Kosmoszoo war. Andernfalls 
hätten die Roboter sein >Kunstwerk< schon früher 
entdeckt.« 
»Und wenn er das Myelophon gar nicht genommen 
hat?« 
»Hör zu. Als ich mich an der Bushaltestelle nach dem 
besagten Jungen erkundigte, dachte ich zunächst noch, 
es könnte vielleicht einer von unsern Jungs sein, die sich 
einen Spaß machen wollten. Du kennst ja diese Bengel, 
die haben einen direkt idiotischen Humor.« 
»Stimmt, die sollten lieber gar keinen Humor haben«, 
bestätigte Julka. 
»Aber alle, die den Jungen gesehen hatten, 
versicherten, daß er ganz seltsam gekleidet war, wie zum 
Fasching, mit einem Kostüm aus dem zwanzigsten 
Jahrhundert. Ich hab auf diese Feststellung zunächst 
nicht weiter geachtet, doch als ich dann die Inschrift 
entdeckte, die nur jemand mit vorsintflutlicher 
Phantasie verfassen konnte ... « 
»Solche soll es geben«, seufzte Julka. 
»... da begriff ich augenblicklich, daß hier einer aus der 
Vergangenheit im Spiel war.« 
»Aber wie konnte er zu euch gelangen? Hat er eine 
Zeitmaschine erfunden?« 
 
 
173 
»Auf dieselbe Art wie ich.« »Es gibt also eine 
Zeitmaschine?« »Natürlich gibt es sie, weshalb denn 
nicht?« »Weil das die reinste Phantastik ist!« 
»Für dich vielleicht, für mich dagegen ist es ganz 
gewöhnlicher Alltag. Aber lassen wir das jetzt, « fuhr 
Alissa fort, »alle Fakten wiesen jedenfalls darauf hin, daß 
ein Mensch aus der Vergangenheit zu uns geraten war, 
zudem ein unverständiger Junge, der kein Benehmen 
hatte und mit einem Messer die Banklehnen verunzierte. 
Das aber konnte nur bedeuten, daß er die Zeitmaschine 
unerlaubt betreten hatte und - stell dir das bloß vor! - 
völlig unkontrolliert durch unsre Zeit spazierte. Ein 
Skandal!« 
»Wieso denn?« 
»Weil das verboten ist! Niemand hat das Recht, sich 
ins Zeitinstitut zu schmuggeln, um nach Herzenslust 
hierhin und dorthin zu reisen. Das bringt alles 
durcheinander!« 
»Dennoch hat ein einfacher Junge aus der sechsten 
Klasse die Zeitmaschine benutzt«, sagte Julka, »wie 
erklärst du dir das?« 
»Das ist mir ein Rätsel. Die Maschine steht in einer 
bestimmten Wohnung. Wir haben dort einen 
Verbindungsmann. Nie und nimmer hätte er einen 
Fremden passieren lassen.« 
»Trotzdem hat er es getan.« »Nein, unser Mann war 
nicht im Zimmer. Niemand war dort.« »Und wo steckte 
er?« »Keine Ahnung.« »Na gut, erzähl weiter. Es wird 
bald hell.« »Du hast das Zuhören wohl satt?« »Aber 
nein, wo denkst du hin!« 
 
 
174 
»Nun ja, ich bin also zum Zeitinstitut geflippt, und 
was sehe ich - es ist geschlossen. Da fiel mir ein, daß ja 
Feiertag war. Ich rannte um das Gebäude herum, 
plötzlich entdeckte ich ein kaputtes Fenster. In diesem 
Augenblick war mir dann endgültig klar, daß ich mich 
nicht getäuscht hatte: DerJunge war hier.« 
»Und was haben die Piraten mit alldem zu tun? Der 
falsche Doktor und der Dicke?« 
»Damals hab ich noch nicht an sie gedacht, obwohl 
ich eigentlich hätte drauf kommen müssen, denn der 
Junge konnte das Glas im Gebäude nie und nimmer 
zerschlagen. Es war geschmolzen. Ich kletterte durch 
die kaputte Scheibe und rannte zum zweiten Stock 
hoch, denn ich wußte ja, daß sich dort die Zeitkabine 
für das vorige Jahrhundert befand, ein Bekannter hatte 
sie mir mal gezeigt. Ich rannte also hoch und sah - alles 
hatte seine Richtigkeit. Die Kabine war besetzt, sie 
arbeitete, die Armaturen zeigten an, daß gerade ein 
Transport in das Jahr neunzehnhundertsechsundsiebzig 
erfolgte. Das war er! Nach dem Ende des Transports 
bin ich dann selber in die Kabine, hab mich, um es kurz 
zu machen, in die Vergangenheit befördert und bin bei 
euch gelandet. Ich verließ die Kabine - kein Mensch zu 
sehen. Weder der Junge noch unser Verbindungsmann, 
niemand. Ich ging ins andere Zimmer - auch hier Leere, 
nichts aufgeräumt, das Bett nicht gemacht. Plötzlich 
aber war mir, als würde die Wohnungstür klappen. Ich 
lief hin, rannte auf den Treppenabsatz hinaus - nichts. 
Wo konnte der Junge bloß hin sein? Nach unten, auf die 
Straße?« 
 
 
175 
»Bist du ihm hinterher?« 
»Natürlich. Und ich war kaum unten, als die Tür zu 
der bewußten Wohnung ein zweites Mai geöffnet wurde 
und jemand rief: »Bleib stehn, Mädchen!« 
»Das war wohl jemand aus dem Zeitinstitut«, 
mutmaßte Julka. 
»Das dachte ich zunächst auch. Erst jetzt ist mir klar, 
daß es sich offenbar um die Piraten handelte. Doch 
damals überlegte ich nicht weiter. Ich wie ein Blitz aus 
dem Haus und die Straße runter. Ich rannte, ohne mich 
umzudrehn, und wußte nur das eine: Ich wurde verfolgt. 
Ich hatte alle Kontrolle über mich verloren.« 
»Das wär mir nicht anders ergangen«, tröstete Julka. 
»Ich brachte ein, zwei Häuserviertel hinter mich, da 
war mir plötzlich, als ginge der Junge über die Straße. 
Ich ihm nach, und r-rums: mit dem Kopf gegen einen 
Bus.« 
»Dein Schädel hält ganz schön was aus.« 
»Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie weh das tat.« 
»Doch, kann ich. Aber wieso bist du der Meinung, 
daß es die Piraten waren, die dich verfolgten?« »Als sie 
heute in unser Zimmer traten, hab ich sie nicht gleich 
erkannt. Aber als ich sie dann durchschaut hatte, ist mir 
klar geworden, daß sie in die Sache verwickelt sind. Sie 
waren es, die die Tasche mit dem Myelophon gestohlen 
hatten. Deshalb hat Kolja auch gerufen: >Haltet sie!< 
Die Piraten haben mich offenbar schon im Zoo 
beobachtet.« 
»Aber warum denn? Du bist doch fast noch ein 
Kind.« 
 
 
176 
»Für den einen bin ich ein Kind, für einen anderen 
der ärgste Feind. Irgendwann erzähl ich dir mal von 
unserem Kampf gegen diese Piraten in der ganzen 
Galaxis.« 
»Na weißt du, Alissa, manchmal übertreibst du 
wirklich ein bißchen.« 
»Ach, was rede ich mit dir, du glaubst die simpelsten 
Dinge nicht!« 
»Wieso bin ich verpflichtet, dir alles zu glauben? Das 
eine und andere nehm ich dir ab. Zum Beispiel die 
Tatsache, daß du aus der Zukunft stammst, auch die 
Geschichte mit Kolja. Aber die Busse, die in fünf 
Minuten durch halb Moskau fahren, ohne sich von der 
Stelle zu bewegen - das nehm ich dir nicht ab. Auch die 
Piraten nicht so ganz. Und überhaupt, wozu brauchen 
sie dein Myelophon?« 
»Ja, verstehst du das denn nicht? Die Piraten haben 
ziemliche Mühe, sich zu behaupten. Kürzlich haben sie 
sogar ihr letztesRaumschiff eingebüßt. Sie müssen sich 
verstecken, sind aber immerzu auf der Suche nach 
irgendwelchen Wertsachen. Kaum hatten sie 
mitgekriegt, daß ich im Besitz des Myelophons war, 
stand ihr Entschluß fest, es mir zu stehlen. Und ich 
Trottel ... « 
»Du, ich weiß jetzt, was zu tun ist«, unterbrach Julka 
ihren Redeschwall. »Wir müssen zu mir in die Klasse 
gehn und jeden der drei Koljas fragen, wer den Apparat 
aus der Zukunft an sich genommen hat.« 
»Aber wie kann ich das, wenn ich hier liege?« 
 
 
177 
»Gedulde dich ein bißchen. In ein paar Tagen bin ich 
wieder in der Schule und kann mich für dich 
erkundigen.« 
»Unmöglich. Ich hab ohnehin ein Geheimnis 
preisgegeben, das ist schlimm genug. Und jetzt willst du 
noch mit der Fragerei beginnen. Nein, wenn schon, 
dann muß ich die Sache selbst ausfechten. Ich hätte dir 
ja auch nichts erzählt, wenn mir die Piraten nicht auf 
der Spur wären. Begreifst du nun, wie schwierig das alles 
ist?« 
»Klar, begreif ich das. Was meinst du, werden sie 
wiederkommen?« 
»Da bin ich ganz sicher.« 
»Wenigstens sind wir jetzt darauf vorbereitet. Uns 
kriegen sie nicht so schnell.« 
»Springen kannst du übrigens ganz toll«, sagte Alissa. 
»Der Fröhliche U wird Kratzer fürs ganze Leben 
zurückbehalten.« 
»Das tut mir kein bißchen leid.« »Also gut, schlafen 
wir jetzt?« 
»Einverstanden. Und morgen früh überlegen wir, was 
zu tun ist.« 
 
 
 
 
178 
5. Die Schuhe des Doktors 
 
 
Julka dachte, daß sie bestimmt nicht einschlafen könnte. 
Die Gedanken wirbelten ihr durch den Kopf, sie 
grübelte - und erwachte plötzlich. 
»Guten Morgen«, sagte Alissa, als sie sah, daß ihre 
Freundin munter war, »wie hast du geschlafen? Haben 
dich keine Alpträume gequält?« 
»Mich quälen niemals Alpträume.« 
»Sind dir keine kosmischen Piraten, Gäste aus der 
Zukunft und sonstige phantastische Dinge im Traum 
erschienen?« 
»Nein, nichts von alledem.« 
»Na gut. Ich bin schon gewaschen und gekämmt. Es 
wird Zeit, daß wir von hier fliehn, bevor erneut etwas 
passiert.« 
Julka setzte sich mit einem Ruck im Bett auf. »Du 
glaubst, sie kommen wieder?« 
»Ich wundre mich, daß sie noch nicht hier waren. 
Vielleicht wissen sie nicht, wo sie uns suchen sollen.« 
»Oder sie lecken ihre Wunden.« 
»Weißt du, Julka, als ich heute früh aufwachte, kam 
mir plötzlich der Gedanke, du könntest alles, was ich dir 
erzählt habe, für einen bloßen Traum halten.« 
»Ja und, was wäre dann?« 
»Dann würde ich nicht versuchen, dich vom 
Gegenteil zu überzeugen.« 
 
 
179 
»Ist doch alles Unsinn. Wir müssen etwas 
unternehmen.« 
»Das nenn ich ein ernsthaftes Gespräch. Und ist dir 
auch schon eingefallen, was?« 
»Ich kann im Schlaf nicht nachdenken. Manche 
können das ja, zum Beispiel der Fima Koroljow aus 
unsrer Klasse. Er legt sich zur Nacht das Lehrbuch 
unters Kopfkissen und löst auf diese Weise seine 
Schulaufgaben.« 
»Das Lehrbuch nützt ihm nichts, das könnte er ruhig 
weglassen. Aber zur Sache. Du hast gesagt, ihr hättet 
drei Koljas in der Klasse. Erzähl mir von ihnen. Wer 
hätte das tun können?« 
»Darüber habe ich mir auch schon den Kopf 
zerbrochen, mich mit jedem einzelnen beschäftigt. Ich 
würde auf Kolja Sadowski tippen.« 
»Warum?« 
»Der hat nur Unsinn im Kopf, lernt schlecht, denkt 
sich irgendwelche Streiche aus und ist überhaupt ein 
Blödmann.« 
»Und die beiden andern stehen außerhalb jeden 
Verdachts?« 
»Als ob man für Jungs seine Hand ins Feuer legen 
könnte!« 
»Für einige schon.« 
»Für unsre jedenfalls nicht. Also da wäre noch Kolja 
Naumow. Er treibt Sport, härtet sich ab, übernachtet im 
Winter nur im Schlafsack auf dem Balkon.« »Und der 
dritte?« 
 
 
180 
»Das ist Kolja Sulima. Der ist gar nicht so übel, 
zumindest besser als die meisten. Er befaßt sich 
ernsthaft mit Mathematik und arbeitet sogar im 
Planetarium mit. Weißt du, was der mal werden will? 
Raumschiffkonstrukteur. Außerdem spielt er prima 
Schach, besser als alle andern in der Klasse. Aber auch 
für ihn würd ich nicht meine Hand ins Feuer legen.« 
»Dieser Kolja Sulima würde sich doch bestimmt gern 
mal ein Raumschiff der Zukunft ansehn, was meinst 
du?« 
»Aber ja, natürlich! Daß ich daran nicht gleich gedacht 
hab! Wenn du willst, red ich mal mit ihm.« »Auf gar 
keinen Fall! Du weißt von nichts, verstehst du? Geh 
dich jetzt waschen, das Waschbecken ist gleich hinter 
der Tür.« 
Während Julka sich fertigmachte, schaute Maria 
Pawlowna zur Tür herein. »Nun, wie habt ihr im neuen 
Zimmer geschlafen?« 
»Danke, gut«, antwortete Alissa. »Ist in unserem alten 
Zimmer das Fenster schon wieder eingesetzt?« 
»Nein, der Glaser war noch nicht da.« Und an Julka 
gewandt - »Hast du auch nicht vergessen, daß du heute 
entlassen wirst?« 
»Natürlich nicht. Großmutter holt mich nachher ab.« 
»Und wann werde ich entlassen?« erkundigte sich Alissa. 
»Das entscheidet der Doktor. Doch wo willst du dann 
hin, Kindchen?« 
Maria Pawlowna verstummte, schien förmlich darauf 
zu warten, daß die beiden die Rede auf das Ereignis von 
 
 
181 
heute nacht brachten. Aber die Mädchen schwiegen, 
verzogen keine Miene. 
Schließlich begann Maria Pawlowna selber: »Habt ihr 
gestern nicht einen gehörigen Schreck bekommen?« 
»Nein, warum denn?« 
»Na, weil die Fensterscheibe rausgeflogen ist.« 
»Ach wo, wir waren kein bißchen erschrocken«, sagte 
Alissa. »Manchmal ist der Wind noch viel stärker. Ich 
hab mal gelesen, daß so ein Sturm ein ganzes Haus mit 
einem Mädchen und ihrem Hund in die Luft gehoben 
und über einen Gebirgskamm getragen hat.« 
»Das ist doch nicht möglich!« rief Maria Pawlowna 
aus. 
»Doch, ich hab das auch gelesen«, beeilte sich Julka, 
mit der Zahnbürste im Mund, zu versichern. In diesem 
Moment wurde die Tür schwungvoll aufgerissen, und 
Alik Borissowitsch der Doktor, trat ein. »Guten 
Morgen, ihr Pechvögel!« sagte er aufgeräumt schon von 
der Schwelle aus und wunderte sich sehr, weil Maria 
Pawlowna bei seinem Anblick die Arme seitlich 
ausstreckte und sich wie eine Glucke schützend vor 
Alissa stellte. Alissa selbst sprang in ihrem Bett hoch 
und preßte sich an die Wand, während Julka vor 
Schreck fast ihre Zahnbürste verschluckte. »Was starrt 
ihr mich an, als sei ich der Geist von Hamlets Vater?« 
fragte der Arzt verblüfft. 
 
Julka wendete keinen Blick von seinen Schuhen - am 
rechten Fuß steckte der linke Schuh und am linken der 
rechte. Es war der falsche Doktor! 
 
 
182 
»Wagen Sie es ja nicht, sich den Kindern zu nähern«, 
rief Maria Pawlowna, »ich hab noch genug von heute 
nacht! Oder ich rufe unverzüglich die Miliz!« 
Julka spuckte die Zahnbürste aus und sagte mit 
pasteweißen Zähnen: »Die Schuhe, sieh dir nur mal 
seine Schuhe an, Alissa!« 
Nun schaute auch Alik Borissowitsch auf seine Füße 
hinunter. »Himmel«, rief er und bückte sich, »mit mir ist 
es ja weit gekommen! Und ich wundre mich schon, 
weshalb ich seit dem Morgen so unbequem laufe. Die 
Damen mögen mir verzeihen, wenn ich mich in ihrer 
Anwesenheit umziehe. Wie's scheint, werd ich bald ein 
berühmter Mann sein. Zerstreut bin ich schon, das 
Talent kommt noch. « 
Der Doktor band die Schuhe auf, zog sie aus und 
stand ein paar Augenblicke nur in Socken da, bevor er 
mit einiger Mühe den richtigen Fuß in den richtigen 
Schuh steckte. Dann bückte er sich erneut und band die 
Schuhe wieder zu. »Trotzdem«, fuhr er fort, »dürfte 
meine Zerstreutheit noch kein Grund dafür sein, daß 
die verehrten Anwesenden in solche Panik geraten. Was 
hat euch an meinem Anblick so erschreckt? Ich kann 
mir nicht vorstellen, daß ein Mensch, der die Schuhe 
verkehrt herum angezogen hat, furchterregender sein 
soll als ein Drache.« 
Alissa hatte sich mittlerweile wieder aufs Bett gesetzt 
und sagte: »Kannst dich weiterwaschen, Julka, hast noch 
das ganze Gesicht voll Zahnpasta.« 
»Aber die Schuhe ... « 
 
 
183 
»Kein Grund zur Besorgnis. Er hat sie umgezogen, 
wie sich's gehört. Er ist wirklich der Doktor.« »Was 
heißt, wirklich?« wunderte sich Alik Borissowitsch. 
»Klar, daß ich's bin. Gerade erst hat man mir denGewerkschaftsbeitrag für drei Monate abgenommen. 
Was sagt ihr dazu?« 
»Andernfalls hätte man Ihnen überhaupt keinen 
Beitrag abgenommen«, sagte Alissa. »Hat Ihnen denn 
der Film gefallen?« 
»Was denn, auch das wißt ihr? Nein, der Film war 
langweilig, aber alles andere war wundervoll. Das wolltet 
ihr doch hören, nicht wahr?« 
»Entschuldigen Sie, Alexander Borissowitsch«, 
schaltete sich Maria Pawlow-na ein, »bitte sagen Sie mir 
in aller Offenheit, ob Sie gestern abend noch einmal im 
Krankenhaus waren.« 
»Sie haben mich dasselbe bereits heute nacht gegen 
halb zwölf gefragt.« 
»Ich weiß, trotzdem ... « »Aber was ist denn Um 
Himmels willen passiert? Ich komme zur Arbeit, schau 
bei den beiden netten, intelligenten Mädchen vorbei - 
sie sind weg. Wie vom Erdboden verschluckt. Die 
Fensterscheibe ist kaputt, die Tür aus den Angeln 
gerissen, war heute nacht ein Sturm hier?« 
»Ich glaube, es war eine Windbö«, sagte Alissa, »oder 
eine Windhose. Julka schrie im ersten Schreck so laut 
los, daß wir aus den Betten fielen. Maria Pawlowna aber 
muß eine Halluzination gehabt haben.« 
»Eine Halluzination?« Alik Borissowitsch sah die 
Schwester verwundert an. 
 
 
184 
»Also ich verstehe überhaupt nichts mehr«, sagte 
Maria Pawlowna verstört. »Ich muß mal in der 
Fachliteratur nachlesen. Vielleicht bin ich einfach 
überarbeitet. jedenfalls kam es mir vor, als wären Sie 
gestern abend noch einmal hier gewesen und hätten 
Alissas Vater mitgebracht. Auch haben Sie verlangt, daß 
ich umgehend die Entlassungspapiere für das Mädchen 
fertig mache.« »Und Sie waren einverstanden?« fragte 
Alik Borissowitsch erstaunt. 
»Nein, natürlich nicht, das hätte ja gegen die 
Krankenhausordnung verstoßen. Aber ... Ach, was red 
ich noch. Wahrscheinlich. bin ich einfach eingeschlafen, 
irgendwie eingenickt während der Wache. Das jedoch 
ist unverzeihlich, und ich werde die Konsequenzen 
ziehn.« 
»Wo war eigentlich der diensthabende Arzt?« 
erkundigte sich Alik Borissowitsch. »Wer hatte Dienst?« 
»Timofejew. Er war nirgends aufzutreiben. Später 
fand man ihn schlafend im Heizungskeller ... Himmel, 
vielleicht ist auch das nur ein Hirngespinst von mir? « 
Maria Pawlowna lief laut schluchzend aus dem Zimmer. 
 
Julka zwinkerte Alissa zu - alles lief nach Wunsch. Die 
Wahrheit würde sowieso niemand glauben, und wenn 
doch, ginge ein solches Tohuwabohu los, daß sie ihr 
Myelophon hätten abschreiben können. 
»Du mußt dich jetzt von Alissa verabschieden, Julka«, 
sagte der Doktor. »Wirst du sie besuchen?« 
»Unbedingt. Muß sie noch lange hier bleiben?« 
 
 
185 
»Nein, sie kann bald entlassen werden. Allerdings 
hängt das nicht zuletzt von Alissa selbst ab. Wir können 
sie erst entlassen, wenn wir ihre Adresse kennen.« 
Du hast gut reden, dachte Julka. Du weißt, wo du 
wohnst, steigst einfach in den Trolleybus und fährst 
nach Hause. Alissa weiß ja ebenfalls, wo sie wohnt, nur 
ändert sich dadurch gar nichts. Selbst wenn sie's 
zehnmal weiß, wird's nicht leichter für sie. »Sie können 
Alissa zu uns entlassen«, sagte sie. 
Der Doktor ging, und die Pflegerin brachte das 
Frühstück. Der Grießbrei klumpte, und Julka ließ ihn 
stehn. Alissa aber sagte: »Ich hab zwar nichts für 
Grießbrei übrig, weder mit noch ohne Klumpen, werde 
ihn aber trotzdem essen - ich muß Kräfte sammeln.« 
»Ich dagegen esse heute bereits zu Hause. 
Großmutter kocht ganz gut, sie will bloß immer gelobt 
werden.« 
Alissa aß widerwillig ihren Brei auf. Die Laune war ihr 
gründlich verdorben. »Ich werd mich wohl oder übel 
verstekken müssen«, sagte sie seufzend. 
»Und wo?« 
»Was weiß ich. Du mußt mir jedenfalls was zu essen 
bringen.« 
»Aber es ist jetzt kalt.« 
»Ich bin abgehärtet und hab keine Angst vor einer 
Erkältung.« 
»Trotzdem. Wo willst du hin?« 
»In den Wald.« 
»Und ich brauche zwei Stunden mit dem Zug, um zu 
dir zu gelangen, ja?« 
 
 
186 
»Stimmt, ich vergesse immerzu, wie langsam ihr euch 
fortbewegt.« 
»Du immer mit deinem >wir< und >ihr< Hör auf 
mit diesen Unterschieden. Wer weiß, vielleicht bin ich 
sogar deine Großmutter, und wenn's um sieben Ecken 
ist. Und ich als deine Großmutter verbiete dir, bei 
Regen und Frost im Wald zu hocken.« 
»Wenn du mir kein Essen bringen willst, laß es 
bleiben. Ich komm schon irgendwie zurecht. Auch 
Kolja find ich ohne deine Hilfe.« »Wie du meinst. Ich 
aber sag dir: Mit deinem Starrsinn wirst du nicht mal das 
Dolgoruki-Denkmal finden, geschweige denn Kolja.« 
»Alles klar. Du kennst mich nicht, ich kenn dich nicht, 
und ich hab dir auch nichts erzählt. 
Solltest.du trotzdem was ausplaudern, glaubt dir 
sowieso niemand.« 
»Ich hab nicht die Absicht, etwas auszuplaudern, 
brauchst keine Angst zu haben.« 
Und so stritten sie sich. Sahen sich nicht mal an, als 
Julkas Großmutter, Maria Michailowna, kam, um die 
Enkelin aus dein Krankenhaus abzuholen. 
»Ich hab gehört, Mädchen«, sagte Maria Michailowna, 
»ihr hättet heut nacht einen gehörigen Schrecken 
bekommen. Seltsam,. bei uns war kein bißchen Sturm ... 
Wo sind denn deine Sachen, Julka, noch im anderen 
Zimmer?« 
»Dann hol ich sie jetzt. Du pack inzwischen deinen 
Krimskrams hier zusammen - Zahnbürste und so. Aber 
warum ist Alissa traurig? Weil sie allein zurückbleiben 
muß?« 
 
 
187 
Alissa gab keine Antwort. 
Die Großmutter brachte Julkas Bücher, Hefte und 
ihre sonstige Habe herüber, packte alles in ein 
Köfferchen und sagte zu Alissa: »Im Kühlschrank ist 
noch etwas Pastete und Schmelzkäse, das kannst du 
haben. Ich hab's mit der Schwester abgesprochen. Hast 
du gehört, Alissa?« 
»Ja«, sagte Alissa, ohne die Frau anzusehn, was Maria 
Michailowna ein bißchen kränkte. Sie war der Meinung, 
daß man etwas Freundlichkeit erwarten konnte, wenn 
man selber nett zu den Leuten war. Dennoch sagte sie: 
»Ich besuch dich morgen und bring dir ein paar 
Apfelsinen. Auch was Leichtes zu lesen. Es wird aber 
erst am Nachmittag werden.« 
»Danke«, sagte Alissa, »Sie brauchen sich keine 
Umstände zu machen, ich werde hier bestens versorgt.« 
»Red keinen Unsinn, Kind. Ich hab nicht vor, die 
Wohltäterin zu spielen, du brauchst einfach ein bißchen 
Fürsorge. So lange du dein Gedächtnis nicht wieder hast 
und deine Eltern nicht gefunden sind, werden wir drei 
dich abwechselnd besuchen, das macht überhaupt keine 
Schwierigkeiten. Bestimmt würdest du genauso handeln, 
wenn Julka hier läge.« 
»Also gut, danke«, wiederholte Alissa. 
Jetzt ist es dir wahrscheinlich peinlich, dachte Julka. 
Du führst alle an der Nase herum, die Großmutter aber 
sorgt sich um dich. Doch sie dachte es ohne Groll, 
begriff sehr wohl, daß sie selbst an Alissas Stelle 
vielleicht gar nicht so standhaft gewesen, eventuell sogar 
in Tränen ausgebrochen wäre. »Natürlich besuche ich 
 
 
188 
dich«, sagte sie deshalb schnell, »wir haben noch viel zu 
bereden.« 
»Wie du willst«, erwiderte Alissa gleichgültig und, wie's 
schien, mehr aus Höflichkeit. 
Sie glaubt mir nicht, dachte Julka. Sie ist überzeugt, 
daß ich jetzt gehe und alles vergesse. 
Julka und die Großmutter verabschiedeten sich mit 
Handschlag. Man sah deutlich, daß Alissa noch etwas 
sagen wollte, es sich dann aber anders überlegte. Sie 
weinte nicht, doch ihre Augen waren feucht. 
Himmel, was mach ich da! dachte Julka entsetzt. 
Kann man so einen Menschen zurücklassen, der all 
seine Hoffnungen auf einen setzt? 
»Nun, habt ihr euch verabschiedet?« fragte Maria 
Michailowna. 
»Ach komme zurück«, flüsterte Julka der anderen 
hastig zu, »ganz bestimmt!« 
»Auf Wiedersehn«, sagte Alissa nur. 
Julka und die Großmutter waren kaum aus dem 
Zimmer, da blieb Julka stehen, legte die Tasche mit den 
Büchern aufs Fensterbrett im Flur und sagte: 
»Augenblick, Großmama.« 
»Was ist denn?« 
»Ich möchte, daß wir Alissa mitnehmen.« 
»Mitnehmen? Wohin?« 
»Na, zu uns nach Hause.« 
»Du bist wirklich verrückt, Julka! Hast du vergessen, 
daß Alissa krank ist? Sie hatte eine Gehirnerschütterung 
und Gedächtnisschwund, sie braucht medizinische 
 
 
189 
Betreuung ... Also nimm jetzt deine Tasche,und 
komm.« 
Sie verabschiedeten sich von Alik Borissowitsch, von 
Schurotschka und den anderen, nahmen Julkas 
Entlassungspapiere und ihre Kleidung in Empfang, da 
ging die Tür auf, und Julkas Mutter stand auf der 
Schwelle. »Gut, daß ich euch noch antreffe«, sagte sie, 
»das Taxi wartet draußen. Beeilt euch!« 
Julka war aufbruchbereit, zögerte aber merklich. 
»Ist noch was?« fragte die Mutter. 
»Sie will unbedingt Alissa mitnehmen«, erklärte Maria 
Michailowna. »Als wenn wir hier zu bestimmen hätten!« 
»Julka hat recht«, stimmte die Mutter zu. »Ich hab mir 
schon selber überlegt, daß wir Alissa vorübergehend zu 
uns nehmen, sobald sie wieder gesund ist.« 
»Ich hab ja nichts dagegen, bloß nicht gleich heute.« 
»Ihr seid also einverstanden?« rief Julka erfreut aus. 
»Natürlich«, sagte die Großmutter, »aber jetzt los, das 
Taxi wartet.« 
»Mama, liebe Mama, ich hab noch eine riesige Bitte an 
dicht, bettelte Julka. 
»Schieß los.« 
»Geh zu Alissa, und gib ihr einen Zettel von mir.« 
»Hat das nicht bis morgen Zeit«, widersprach Maria 
Michailowna, »bis dahin wird deiner Alissa schon nichts 
passieren.« 
»Ach, das verstehst du nicht, Großmutter, es ist 
wirklich sehr wichtig. Kann ich dir mal was ins Ohr 
flüstern, Mama?« 
 
 
190 
Maria Michailowna zuckte die Achseln, sagte nur: 
»Also, ich warte draußen am Taxi. Wie ist die 
Nummer?« 
»Ich hab sie mir nicht gemerkt. Der Chauffeur ist so 
ein Schwarzhaariger mit Bärtchen.« 
Julka zog die Mutter ein Stück beiseite und flüsterte 
laut: »Alissa darf nicht hierbleiben, ihr droht Gefahr.« 
»Mit dir geht wieder mal die Phantasie durch, Julka.« 
»Du mußt mir glauben, Mama. Du weißt doch, ich 
mach dir nur selten was vor.« 
»Das gehört sich ja auch nicht.« 
»Deshalb mußt du mir unbedingt glauben. Geh sofort 
zu Alissa. Ich hab ihr nicht mal unsre Adresse und die 
Telefonnummer dagelassen. Es kann nämlich sein, daß 
Alissa von hier fliehen muß, und wo soll sie dann hin? 
Ich will, daß sie zu uns kommt, verstehst du?« 
»Ich verstehe bloß, daß Kinder und Eltern sich 
gegenseitig respektieren sollten - nun schreib schon 
deinen Zettel. Hier hast du Papier und Füller.« 
»Du bist ein Goldstück, Mama!« 
»Oh, danke.« 
Julka aber schrieb auf das Blatt aus dem Notizbuch 
ihrer Mutter: »Alissa, unsere Telefonnummer ist 145 55 
67, die Adresse: Ostrowskigasse 16. Vom Krankenhaus 
mit dem Trolleybus Nr. 15 bis Haltestelle >Haus der 
Wissenschaftler Es ist die Wohnung Nr. 29, über den 
Hof. Du kannst jederzeit kommen, wir warten auf dich. 
In drei Tagen geh ich wieder zur Schule, bis dahin frag 
ich unsre Mädchen unauffällig aus, ob ihnen was 
Verdächtiges bei den drei Koljas aufgefallen ist. Ich 
 
 
191 
mach das sehr vorsichtig, brauchst also keine Angst zu 
haben. Mit Mama und der Großmutter ist alles 
besprochen, sie sind in Ordnung. Den Zettel vernichte. 
Julka.« 
 
 
 
 
192 
6. Die Flucht 
 
 
Als Julka fort war, trat der Ärzterat zusammen. Ein 
Professor untersuchte Alissa; in seiner Begleitung 
befanden sich Ärzte, die Alissa vorher noch nie gesehen 
hatte. Sie schauten ihr in die Augen, ließen sie rechnen 
und stellten alle möglichen Fragen, auf deren 
Beantwortung das Mädchen aber keine allzu große 
Mühe verwandte. Sie war mit etwas ganz anderem 
beschäftigt: Damit nämlich, herauszufinden, ob sich 
unter all die Ärzte nicht vielleicht der Ratt gemischt 
hatte. Sie wußte sehr wohl, daß die kosmischen Piraten 
nicht so schnell aufgaben, wenn sie sich etwas in den 
Kopf gesetzt hatten. Und Alissa konnte sich nur zu gut 
vorstellen, wie dringend sie das Gerät zum 
Entschlüsseln fremder Gedanken benötigten. Einfach 
grauenvoll, wenn nichts mehr vor ihnen geheim wäre! 
Und an alldem trüge nur sie, Alissa, die Schuld. 
Die Ärzte gingen auseinander, ohne zu einem 
Ergebnis gekommen zu sein. Freilich erlaubten sie ihr 
wenigstens, aufzustehen. 
Da der Glaser, der das Fenster in ihrem alten Zimmer 
auswechseln sollte, noch immer nicht aufgetrieben 
worden war, blieb Alissa vorerst in der anderen 
Krankenstube. Das fand sie auch besser so - vielleicht 
waren ihr die Piraten auf diese Weise noch nicht auf der 
Spur. Sie holte Julkas Briefchen hervor und las es 
mehrmals durch, um sich Adresse und Telefonnummer 
 
 
193 
zu merken: Julkas Mutter hatte ihr auch fünf 
Zweikopekenstücke dagelassen, damit sie anrufen 
konnte. Dann zerriß sie den Zettel in kleine Stücke. 
Nach dem Mittagessen ging Alissa in den 
Fernsehraum. Es kann nur gut für mich sein, wenn ich 
mir die alten Filme ansehe, dachte sie. Schließlich will 
ich noch eine Weile hierbleiben und Kolja finden, da 
schadet es bestimmt nicht, wenn ich das Leben und die 
Menschen dieser Zeit ein bißchen studiere. 
Um sie her saßen einige Kranke, die gleichfalls 
aufstehen durften, und starrten wie gebannt auf den 
Bildschirm. Da hörte Alissa plötzlich jemanden hinter 
sich. Sie drehte sich hastig um - es war ein großer, 
dünner Junge mit blassem Gesicht. Er hatte ein Bein in 
Gips und stützte sich schwer auf die Krücke. 
»Darf ich mich setzen?« fragte er leise. »Aber ja, hier 
ist frei«, antwortete Alissa. 
Der Junge ließ sich ungeschickt in einen leeren Sessel 
fallen und legte die Krücke neben sich. Er tat Alissa 
leid, denn sie wußte bereits, daß man mit einem 
gebrochenen Bein früher einen ganzen Monat im 
Krankenhaus liegen mußte, wenn nicht länger, solange 
bis der Knochen wieder zusammengewachsen war. Es 
gab ja nicht jene einfachen Medikamente, die die 
Knochen innerhalb eines Tages wieder 
zusammenschweißten und Wunden in einer halben 
Stunde heilten. Der Junge machte eine unbedachte 
Bewegung und stöhnte. 
»Hast du Schmerzen?« fragte Alissa. 
 
 
194 
»Manchmal«, erwiderte er, »aber laß dich dadurch 
nicht stören.« 
Die Sendung war ohnehin nicht sehr interessant, und 
so kamen die beiden ins Gespräch. »Zu Hause hab ich 
immer einen Wolfshunger«, sagte der Junge. »Ich 
könnte auf Anhieb einen stier verputzen. Oder zwanzig 
Schnitzel. Hier dagegen hab ich kaum Appetit.« 
»Trotzdem, was würdest du gern essen?« 
»Soll ich ganz offen sein?« 
»Na klar.« 
»Also - Erdbeeren würd ich jetzt gern essen. Oder 
eine Banane.« 
»In welchem Zimmer liegst du?« erkundigte sich 
Alissa. 
»In der Vier. Wieso?« 
Alissa gab keine Antwort. Sie wußte, daß noch 
Erdbeerkompott im Kühlschrank war. Von Julka. Doch 
bevor sie dem Jungen etwas versprach, wollte sie 
sichergehn, daß es auch wirklich da war. Deshalb erhob 
sie sich kurze Zeit später und sah im Kühlschrank nach, 
Tatsächlich, gleich obenauf stand ein Schälchen mit 
Erdbeeren. 
Sie kam, das Schälchen in der Hand, zum Fernseher 
zurück, doch der Junge war bereits verschwunden. 
Wahrscheinlich war ihm langweilig geworden. 
Alissa beschloß, ihm die Erdbeeren aufs Zimmer zu 
bringen. Die Vier befand sich am Ende des Korridors, 
gleich dahinter war die Nottreppe. Und dort, an der 
Treppe, entdeckte sie auch den Jungen. Er hob den 
Arm, winkte sie zu sich heran. 
 
 
195 
»Ich komme«, rief Alissa, »sieh mal, was ich im 
Kühlschrank gefunden habe!« Sie zeigte ihm von 
weitem das Schälchen. 
Doch der Junge benahm sich seltsam. Er fuchtelte die 
ganze Zeit mit dem Arm, drängte sie zur Eile und 
beachtete die Erdbeeren kein bißchen. Als Alissa schon 
ziemlich nahe heran war, deutete er plötzlich zur Treppe 
und rief: »Hierher, schnell!« 
Da ist was passiert, dachte Alissa und beschleunigte 
den Schritt. Sie rannte fast im Laufschritt am Zimmer 
vier vorbei die Tür war angelehnt, und Alissa warf einen 
flüchtigen Blick hinein. 
Es überlief sie siedendheiß: Der Junge mit der Krücke 
machte gerade Anstalten, sich aufs Bett zu setzen. 
Dann schaute sie wieder nach vom - der zweite Junge, 
übers Treppengeländer gebeugt, winkte sie heftig heran. 
Nun hätte Alissa natürlich sofort kehrtmachen, sich in 
Sicherheit bringen müssen, doch - man sollte es nicht 
für möglich halten! - es tat ihr leid um die Erdbeeren. 
Deshalb schlüpfte sie in die Vier und geradenwegs zum 
Bett des Jungen mit der Krücke. »Hier«, sagte sie hastig 
undstellte ihm das Schälchen hin, »du wolltest doch 
Erdbeeren!« 
»Aber wieso denn?«, rief der Junge, »so warte doch!« 
Alissa hielt sich nicht länger auf, hastete schon wieder 
zur Tür und spähte vorsichtig hinaus. Der Korridor war 
leer, der zweite Junge nicht mehr zu sehen. 
Nun aber schnell! dachte Alissa. Sie rannte durch den 
Flur, war freilich nicht darauf gefaßt, daß ihr die Feinde 
den Rückweg abschnitten. Hinter einer Korridorbiegung 
 
 
196 
streckten sich ihr dicke Arme entgegen, vorn an der 
Treppe aber lauerte der Pseudojunge. Er hatte das 
Lächeln des Ratt aufgesetzt, hob die Krücke und zielte 
damit auf Alissa. Das Mädchen warf sich zu Boden; sie 
vermutete, daß die Krücke mit Betäubungspatronen 
geladen war. 
Und sie hatte sich nicht getäuscht- Pfeifend löste sich 
ein Schuß aus dem Stock. 
Die Gaspatrone flog durch den Korridor und traf den 
Fröhlichen U, der genau in diesem Moment hinter der 
Biegung hervorgelaufen kam. Der Dicke stürzte mit 
gräßlichem Getöse zu Boden, wo er wie gefällt 
liegenblieb. 
»Fkrschp!« zischte verzweifelt der Ratt und stürzte zu 
seinem Gefährten. »Wie soll ich dich jetzt wegbringen!« 
Er benutzte die Kosmossprache, die hier niemand außer 
Alissa verstand. Der Fröhliche U schnarchte laut, sein 
gewaltiger Bauch wabbelte, und die Beine zuckten, als 
liefe er im Schlaf weiter. 
Alissa aber verwandte keine Zeit mehr darauf, zu 
verfolgen, wie das Ganze ausging. Während der Ratt 
noch überlegte, was er mit seinem bewußtlosen Kumpel 
anfangen sollte, schlüpfte sie an den beiden vorbei und 
rannte, ohne sich umzudrehn ins Parterre hinunter, 
passierte einen schmalen Gang, wo sie beinahe einen 
Essenwagen umgestoßen hätte, der von einer Schwester 
zum Lastenaufzug gefahren wurde, befand sich plötzlich 
in der Küche und sauste um den Herd herum. 
»He, wo willst du hin!« rief der Koch in seiner hohen 
weißen Mütze. 
 
 
 
 
198 
 
Alissa steuerte auf eine Tür zu, die in die 
Vorratskammer führte, und jagte, über Kisten und 
Säcke mit Graupen stolpernd, in den 
Krankenhausgarten hinaus. 
Es war ein großer Garten mit alten Eichen und 
Linden, die zwar noch keine Blätter trugen, doch schon 
erste Knospen. Die Krähen spektakelten laut, es war ein 
sonniger, mäßig warmer Tag, Alissa aber, obwohl sie 
nur mit Pyjama und Hausschuhen bekleidet war, kam es 
heiß vor. Das Mädchen kannte den Garten bereits 
durch die Sicht aus dem Zimmerfenster und wußte, daß 
der Weg bis zum Tor sehr lang und daher gefährlich 
war. Unter Garantie würde jemand sie in ihrer 
Krankenhauskluft sehn und zurückhalten. Deshalb 
rannte sie geradenwegs auf eine nahe Ziegelmauer zu, 
ohne zu wissen, ob sie verfolgt wurde oder nicht. Sie 
schreckte zwei Mädchen auf, die einen kleinen 
Genesungsspaziergang machten, die beiden riefen 
»Oh!«, und Alissa sagte im Vorbeilaufen: »Zu 
niemandem ein Wort!« 
 
Die Mädchen stoben auseinander, und der Weg 
zur.Mauer war frei. Es war eine alte, hohe Wand mit 
hier und da hervortretenden Ziegeln, so daß Alissas 
Füße beim Klettern Halt fanden. In drei Sekunden war 
sie oben, sprang aus zwei Metern Höhe auf der anderen 
Seite hinunter und befand sich nun in einem stillen 
Gäßchen. Sie war von niemandem gesehen worden und 
 
 
199 
konnte auch hier, jenseits der Krankenhausmauer, 
nichts Verdächtiges entdecken. 
Dann rannte sie los. Sie hielt sich links - nur schnell 
weg vom Krankenhaustor! 
 
 
 
200 
7. Die Retter 
 
 
Vom Krankenhaus bis zu Julkas Wohnung war es nicht 
weit, keine fünfzehn Minuten, wenn man zu Fuß ging 
und Abkürzungen nahm. Wollte man jedoch mit dem 
Trolleybus fahren, mußte man zunächst auf den 
belebten Kalininprospekt, von da aus zum Arbat und 
sich dort in den Bus setzen. Das alles aber wußte Alissa 
nicht. 
Sie kam zu einer kleinen Kirche und blieb stehen, um 
sich nach dem Weg zu erkundigen. Möglichst bei 
jemandem, der keine Fragen stellte. Sie hatte ganz 
vergessen, wie seltsam sie gekleidet war. Die Sonne 
schien zwar, doch die Leute trauten der Wärme noch 
nicht, hatten Regenumhänge oder auch Mäntel an. 
Alissa beschloß lieber keinen Erwachsenen 
anzuhalten - je jünger, desto besser. Keinesfalls durfte 
sie sich an eine Frau oder gar ein Großmütterchen 
wenden- Für die war ein Kind im Pyjama auf der Straße 
so etwas wie ein rotes Tuch für einen Stier. 
Einige Passanten drehten sich bereits nach Alissa um, 
wunderten sich über ihr Aussehen, stellten jedoch keine 
Fragen. Da entdeckte Alissa zwei Halbwüchsige mit 
schulterlangen Haaren und Hosen mit Schlag. Sie waren 
ziemlich ärmlich gekleidet, ihre Hemden und Hosen 
sogar geflickt, und das auch noch recht unordentlich. 
Die werden mich wenigstens nicht aushorchen, dachte 
Alissa, rannte auf die beiden zu und sagte: 
 
 
201 
»Entschuldigen Sie, wo ist die Haltestelle für den 
Trolleybus Nummer fünfzehn?« 
»Was will die Kleine?« fragte einer der Burschen den 
andern auf englisch, was Alissa natürlich verstand, denn 
sie sprach ja Englisch wie Deutsch, Deutsch wie 
Französisch und Französisch wie Russisch. In der 
Zukunft bekam man Fremdsprachen nämlich schon als 
Kind mit besonderen Spritzen eingeimpft, um nicht 
unnötig Zeit fürs Auswendiglernen zu verlieren. 
»Wo fährt hier der Trolleybus Nummer fünfzehn?« 
wiederholte Alissa nun auf Englisch. 
»Oh, wie schön, ein paar heimatliche Laute zu hören!« 
rief der eine Bursche aus. »Bist du auch aus England?« 
»Nein, von hier« erwiderte Alissa. »Aber du sprichst 
besten Londoner Akzent. Sag bloß, den hast du in 
Moskau gelernt!« 
»Natürlich«, antwortete Alissa, »bei uns reden viele 
so.« 
Zwei Jungs, die das Gespräch mit angehört hatten, 
blieben in einiger Entfernung stehen. Sie mochten 
zwölf, dreizehn Jahre alt sein. 
»Die haut vielleicht auf den Putz!« sagte der eine zum 
andern. 
»Komm«, erwiderte der zweite Junge, »das sind 
offenbar Touristen, Hippies.« 
»Sie auch?« »Na gewiß.« »Ich hätt nie gedacht, daß die 
jetzt sogar in Pyjamas rumlaufen!« 
Alissa verkniff sich ein Lachen und rief ihnen beiden 
zu: »Ich bin kein Hippie, ich hab mich nur verlaufen.« 
 
 
 
 
203 
 
Die beiden Engländer sagten: »Moment, wir schaun 
mal nach, wo der Trolleybus Nummer fünfzehn fährt. 
Wir haben eine Karte von Moskau dabei.« 
Inzwischen hatten sich bereits einige Schaulustige 
versammelt. Auf einer belebten Straße mangelt es nie an 
Neugierigen, und je mehr Leute stehenbleiben, desto 
mehr kommen hinzu, um festzustellen, was los ist. Und 
natürlich war ein altes Mütterchen darunter, das sogleich 
loszeterte: »Himmel, sehen Sie doch nur, wie das Kind 
angezogen ist! Es wird sich unter Garantie eine 
Lungenentzündung holen! Wo wohnst du denn, Kleine, 
bist du vielleicht krank?« 
Alissa wollte sich davonstehlen, doch arbeite dich mal 
durch eine solche Menschenmenge. »Da haben wir die 
Bescherung«, sagte sie zu den beiden gleichaltrigen 
Jungs, die ihr Gespräch mit den Engländern angehört 
hatten, »was mach ich jetzt? Die bringen mich doch 
postwendend zurück.« 
»Ich versteh überhaupt nichts«, sagte der größere von 
beiden; er trug eine Brille und hatte etwas von einem 
Musterschüler an sich. »Wohin bringen sie dich 
zurück?« 
»Hör zu, Kind, du mußt uns jetzt erzählen, was 
passiert ist«, beharrte das Mütterchen. 
»Du bist wohl irgendwo abgehaun?« fragte der zweite 
Junge. Er war etwas kleiner als Alissa, ziemlich dick und 
trug eine Glanzjacke, an deren Aufschlag etwa zehn 
Abzeichen prangten. Er hatte so runde rote Backen, daß 
Alissa ihn bei sich »Tomate« taufte. 
 
 
204 
»Habt ihr das noch immer nicht begriffen? Ich 
brauche den Trolleybus Nummer fünfzehn.« 
»Miliz!« rief unterdessen das Mütterchen. »Wo bleibt 
die Miliz?« 
»Warte, wir retten dich«, sagte Tomate. Er wandte 
sich an die Touristen, die verständnislos mit den Augen 
klappten, und sagte auf Englisch, nicht gerade gut, doch 
so, daß sie ihn verstehen konnten: »Wir müssen dem 
Mädchen helfen, Mister. Die Alte da ist ihre Stiefmutter 
und will ihr was antun. Okay?« 
»Oh, yes, natürlich!« Und sie bedachten dasMütterchen mit einem verstörten Blick. 
»Wir werden jetzt behaupten, daß das Mädchen zu 
Ihnen gehört. Dann reden Sie englisch mit ihr und 
gehen alle drei weiter, klar?« 
»Oh, yes!« antworteten die Touristen, die zum Glück 
nicht schwer von Begriff waren. Sie nahmen Alissa in 
die Mitte und sagten zu den Umstehenden: »Sorry, wir 
sind in Eile.« 
Die beiden Jungs gaben ihnen Rückendeckung, und 
Tomate erklärte: »Bitte, Bürger, behindern Sie uns nicht, 
das hier ist ein Kinoteam. Wir werden gerade gefilmt, 
von der Kirchenkuppel dort, sehen Sie?« 
Alle hoben die Köpfe, währenddessen hakten die 
beiden Engländer Alissa unter und führten sie aus der 
Menge. So gelangten sie zu fünft bis zur nächsten 
Straßenecke. 
»Danke«, sagte Tomate zu den Touristen, »Sie haben 
uns sehr geholfen.« 
 
 
205 
»Was ist denn nun mit dem Mädchen?« erkundigten 
sich die Engländer. 
»Sind Sie noch immer nicht dahintergekommen? Das 
Mädchen ist aus der Heilanstalt entlaufen.« »Oh!« sagten 
die Jungen Männer und rückten ein Stück von Alissa ab. 
»Glauben Sie ihm nicht«, widersprach Alissa, Ich bin 
völlig normal.« 
»Da sehen Sie's«, erwiderte Tomate, »sie streitet's ab. 
Das tun sie alle.« 
»Bringt ihr die Kleine jetzt zurück?« fragten die 
Engländer. 
»Auf gar keinen Fall«, antwortete Tomate. »Wir 
verstecken alle kleinen Mädchen, die aus der Heilanstalt 
entlaufen. Weil sie ja von ihren bösen Stiefmüttern dort 
reingesteckt werden.« Die Engländer begriffen, daß es 
sich um einen Scherz handelte, lachten und schenkten 
ihnen zum Abschied je ein Päckchen Kaugummi. 
Tomate aber vermachte ihnen zwei von seinen 
Abzeichen. Endlich langten die drei an der 
Bushaltestelle an. Tomate plapperte ohne Unterlaß und 
war äußerst zufrieden, daß sie Alissa aus der Not 
geholfen hatten. »Na«, prahlte er, »kann man sich auf 
uns verlassen?« 
Im Schatten der Hochhäuser war es kühl, Alissa 
fröstelte, doch sie erwiderte lächelnd: »Man kann.« 
Der zweite Junge, der mit der Brille, gefiel ihr besser. 
Er hatte die ganze Zeit geschwiegen, offenbar ordnete 
er sich Tomate unter. Jetzt jedoch, als er Alissa frösteln 
sah, zog er seine Jacke aus und reichte sie ihr. 
 
 
206 
»Danke, nicht nötig«, sagte das Mädchen, »dann frierst 
du ja selber, du hast doch außer dem Hemd nichts 
weiter an.« 
»Mir ist nicht kalt«, erwiderte der Junge mit der Brille. 
»Nimm sie ruhig«, drängte Tomate, »so eine Jacke ist 
die beste Tarnung. Damit sind all unsre Probleme 
gelöst. Darauf hätt ich schon eher kommen können.« 
Alissa fügte sich, zog die Jacke über. 
»Ich hätte dir ja auch meine gegeben«, erklärte 
Tomate, »aber ich hab empfindliche Mandeln und bin 
im Nu erkältet. Übrigens haben wir uns noch nicht 
bekannt gemacht. Ich heiße Fima Koroljow, und das ist 
mein Freund Kolja Sulima.« 
Das Mädchen stutzte, ließ sich jedoch nichts 
anmerken. Sie sagte nur: »Sehr angenehm, Alissa.« 
Der Bus kam. Beim Einsteigen sah sich Alissa hastig 
um. Sie wollte sich vergewissern, ob sich, maskiert, 
nicht der Ratt unter die Passagiere geschlichen hatte. 
»Hast du Angst, verfolgt zu werden? « fragte Fima. 
»Ein bißchen schon«, sagte Alissa. 
Sie standen allein hinten am Fenster. Alissa holte ihre 
Zweikopekenstücke aus der Tasche, die sie von Julkas 
Mutter bekommen hatte, und machte Anstalten zu 
bezahlen. Als Fima das merkte, sagte er: »Du bist wohl 
Millionär? Oder fährst du bis zur Endstation?« 
»Nein, bis zur Ostrowskigasse. Ich muß am Haus der 
Wissenschaftler aussteigen.« 
»Das sind ja nur lumpige drei Haltestellen. Untersteh 
dich, das Geld einzuwerfen. Du wirst es noch 
gebrauchen können.« 
 
 
207 
»Vielleicht sollten wir doch lieber Fahrscheine lösen«, 
sagte Kolja Sulima leise. »Wenn nun Kontrolle kommt?« 
»Dem Kontrolleur sagen wir, daß wir ein Mädchen 
aus einer Heilanstalt bei uns haben. Dafür braucht man 
nicht zu bezahlen.« 
»Ich bezahle trotzdem«, beharrte Alissa. »Betrügen ist 
nicht anständig.« 
»Dann gib das Geld lieber mir«, sagte Fima, »ich hab 
eine würdigere Verwendung.« 
Während er noch redete, holte Kolja Sulima Kleingeld 
aus der Tasche, steckte es in die Box, riß drei 
Fahrscheine ab und teilte sie aus. 
»Du bist ein Angsthase«, sagte Fima. 
»Ach was, du willst doch bloß vor Alissa angeben. 
Wärst du allein, hättest du gleichfalls bezahlt.« »Allein 
wär ich zu Fuß gegangen«, erwiderte Fima, »ich muß 
abnehmen.« Und zu Alissa: »Ich bin nämlich auf Diät, 
weißt du. Morgens eß ich einen Apfel, am Tag trink ich 
ein Glas Kefir.« 
»Und das ist alles?« fragte Alissa. 
»Abends ißt er dann für zwei«, fügte Kolja Sulima 
hinzu. 
»Hier, nimm«, Alissa streckte Kolja ihr Geld hin, »du 
hast doch für mich mitbezahlt. Wieviel bekommst du?« 
»Oho«, rief Fima aus, »jetzt bin ich in der Tat 
überzeugt, daß dieses Mädchen von irgendwo 
ausgerückt ist. Sie weiß ja nicht einmal, wieviel ein 
Fahrschein kostet! Vielleicht war sie noch nie in unsrer 
Stadt?« 
 
 
208 
»Laß sie in Ruhe, Fima«, sagte Kolja Sulima. »Wenn 
sie will, wird sie uns von selbst alles erzählen.« 
»Danke«, sagte Alissa und dachte, daß der mit der 
Brille sich dem Dicken wohl doch nicht so sehr 
unterordnete, wie sie anfangs geglaubt hatte. 
»An der nächsten Haltestelle mußt du raus«, sagte 
Fima. 
»Und wann steigt ihr aus?« 
»Wir fahren eine weiter. Aber hör zu: Das ist nicht fair 
von dir. Wir haben dir geholfen, und du hast uns nicht 
das geringste verraten.« 
»Wollt ihr wirklich wissen, warum ich weggelaufen 
bin? Ich hatte einenUnfall und wurde ins Krankenhaus 
gebracht. Ich lag mit einem anderen Mädchen 
zusammen, wir haben uns angefreundet, sie ist entlassen 
worden, und ich mußte dableiben. Sie hatte mir ihre 
Adresse gegeben, und als ich's nicht länger aushielt, bin 
ich getürmt.« 
»War wohl langweilig dort?« fragte Fima. 
»Sehr. Und da ich nicht aus Moskau bin, werde ich 
vorläufig bei meiner Freundin wohnen.« »Ich hab auch 
mal im Krankenhaus gelegen«, sagte Fima. »Du kannst 
dir gar nicht vorstellen, wie mich das angeödet hat!« 
Der Bus hielt, und Alissa stürzte zur Tür, wobei sie 
ganz vergaß, daß sie noch Koljas Jacke anhatte. Im 
letzten Augenblick fiel es ihr ein, sie wollte die Jacke 
ausziehn, doch Kolja sagte: »Steig aus, sonst geht die 
Tür zu. Ich komme mit.« 
Sie sprangen auf den Bürgersteig, hinter ihnen 
zwängte sich, gerade noch rechtzeitig, Fima durch die 
 
 
209 
Tür. »Was denn«, schimpfte er, »ihr wolltet mich wohl 
loswerden!« 
»Ich hatte die Jacke ganz und gar vergessen«, 
entschuldigte sich Alissa. 
»Hast du's weit?« erkundigte sich Kolja. 
»Ich glaube nicht. Ostrowskigasse sechzehn.« 
»Gehen wir«, sagte Fima, »ich weiß, wo das ist.« 
Firma brachte es nicht fertig, neben einem her zu 
laufen wie andere Leute. Er rannte mal ein Stück 
voraus, mal um einen herum und plapperte dabei 
unaufhörlich. Alissa tat es fast schon leid, daß er es 
geschafft hatte, aus dem Bus zu springen. 
»Bist du in einer Schule mit Englischzweig? Was war 
das für ein Unfall, den du hattest? Mußtest du lange im 
Krankenhaus liegen? Ich wär voriges Jahr beinahe 
ertrunken ... « So ging das ohne Pause. 
Alissa versuchte zunächst, seine Fragen zu 
beantworten, unterließ es aber bald, da er sie ohnehin 
kaum zu Wort kommen ließ und lieber selber redete. Sie 
wechselte einen' Blick mit Kolja - der lächelte bloß. 
Sie gingen durch die stille, mit Grün bestandene 
Gasse, und Alissa war froh, daß die beiden 
mitgekommen waren: Allein hätte sie schwerlich 
hergefunden. 
»Hier ist es schon«, sagte Kolja. 
Sie befanden sich vor einem fünfstöckigen, soliden 
Gebäude, das ein bißchen eingerückt im Hof stand. Im 
Vorgärtchen, unter einem Kastanienbaum, saßen 
Großmütter mit Kinderwagen. 
»Danke, Jungs«, sagte Alissa. 
 
 
210 
»In diesem Haus wirst du also wohnen?« »ja.« »Und 
willst du auch hier zur Schule gehn?« 
»Das weiß ich noch nicht.« 
»Sollen wir dich bis zur Wohnung bringen?« 
»Danke, nicht nötig, ich werd's schon finden. Hier, 
Kolja, deine Jacke zurück.« 
Alissa verabschiedete sich von den beiden und ranntezum Hauseingang. Und so hörte sie nicht mehr, wie 
Kolja ihr hinterherrief: »Aus unsrer Klasse wohnt die 
Julka Gribkowa hier!« 
»Aber ja, natürlich«, erwiderte Fima. »Und sie ist 
gestern aus dem Krankenhaus entlassen worden.« 
 
 
 
 
211 
8. Wir werden gemeinsam lernen 
 
 
Julkas Großmutter öffnete die Tür. »Himmel, wie siehst 
du denn aus! Ist im Krankenhaus was passiert?« 
»Guten Tag«, sagte Alissa, »entschuldigen Sie, daß ich 
mich nicht angemeldet habe ... « 
»Komm rein«, erwiderte Maria Michailowna. »Ist auch 
wirklich nichts passiert?« 
»Wer ist denn da?« fragte Julka aus dem Zimmer. »Ist 
es Mila?« 
»Willst du behaupten, du bist in diesem sonderbaren 
Aufzug durch die Straßen gelaufen, ohne daß dich 
jemand angehalten hat? Also los, ab mit dir in die 
Wanne, ich setz inzwischen Teewasser auf.« 
Julka kam' aus dem Zimmer, sah Alissa und rief: »Ich 
trau meinen Augen nicht! Du bist wohl getürmt?« 
»So ist es.« 
»Na mach schon, erzähle.« 
»Also weißt du, Julka«, protestierte die Großmutter, 
»siehst du nicht, daß Alissa friert, so nackt, wie sie ist? 
Bevor sie nicht gebadet und sich umgezogen hat, laß sie 
gefälligst in Ruhe.« 
»Ich such ein paar Sachen für sie raus, wir haben doch 
fast dieselbe Größe.« 
»Komm jetzt, Alissa«, sagte Maria Michailowna. 
 
 
 
 
213 
Alissa hatte schon befürchtet, die Gribkows würden 
einen Schreck bekommen, wenn sie so plötzlich vor der 
Tür stand, würden umgehend im Krankenhaus anrufen 
und verlangen, daß man den Ausreißer wieder abhole. 
Doch nichts dergleichen geschah. 
Eine halbe Stunde später saß sie in einem Kleid von 
Julka am Tisch, trank heißen Tee und schluckte auf 
Geheiß von Maria Michailowna zur Vorbeugung eine 
Aspirintablette. 
Dann kamen sie zur Sache. Maria Michailowna sagte: 
»Ich weiß ja nicht, wie Julkas Mutter entscheidet, wenn 
sie nachher von der Arbeit kommt, doch ich bin der 
Meinung, wir sollten im Krankenhaus anrufen und 
Bescheid sagen, daß Alissa gesund und munter ist.« 
»Oh, bitte, Großmutter, nur das nicht«, bettelte Julka. 
»Dann holen sie Alissa wieder ab.« 
»Also wirklich, das ist unverantwortlich. Begreift ihr 
denn nicht, daß die im Krankenhaus vor Angst Kopf 
stehn, wenn eine Patientin, die ihr Gedächtnis verloren 
hat, plötzlich spurlos verschwindet? Nein, kommt nicht 
in Frage, ich rufe jetzt dort an.« 
»Wenn sie Alissa abholen, geh ich mit«, sagte Julka. 
»Ich lasse sie nicht allein.« 
»Niemand hat die Absicht, sie von hier wegzulassen«, 
erwiderte die Großmutter. »Wenn sie imstande war, zu 
fliehen und herzukommen, ist sie auch gesund.« 
»Aber sie werden verlangen ... « 
»Das sollen sie nur mal versuchen!« entgegnete Maria 
Michailowna und ging ins Nebenzimmer, um zu 
telefonieren.« 
 
 
214 
»Nur keine Angst«, sagte Julka, »sie wird dich schon 
nicht im Stich lassen.« 
»Ich hab ja gar keine Angst.« 
»Die Piraten sind dir wohl erneut. auf die Spur 
gekommen?« 
»Ja. Ich wollte eigentlich erst morgen fliehen, aber sie 
waren plötzlich da.« 
»Wieder in der Verkleidung von Alik und deinem 
Papa?« 
»Nein, der Ratt hatte sich in einen kranken Jungen mit 
Krücke verwandelt.« 
»So ein Halunke!« 
Sie hörten nebenan die Großmutter telefonieren und 
verstummten, um zu lauschen. 
»Wir garantieren Ihnen. . ., aber ja, wir versprechen es, 
Sie können ganz beruhigt sein ... Gleich morgen stellen 
wir den Antrag auf ambulante Betreuung ... « 
Maria Michailowna kam zurück, nahm umständlich 
die Brille ab, legte sie ins Etui und fragte, als wäre nichts 
gewesen: »Möchtest du noch Tee, Alissa?« 
Julka hielt es nicht mehr aus. »Warum sagst du nichts, 
Großmutter? Haben sie es erlaubt? « »Warum sollten sie 
es nicht erlauben?« 
»Oh, Großmama, du bist ein Goldstück!« rief Julka 
überschwenglich. 
»Statt in Freudengeschrei auszubrechen, solltest du 
lieber versprechen, dich anständig zu benehmen. 
Zumindest solange Alissa hier ist.« 
»Versprochen!« 
 
 
215 
»Alissa brauch ich darum gar nicht erst zu bitten, die 
ist nämlich viel verständiger als du. Übrigens darfst du 
nur unter einer Bedingung hierbleiben, Alissa.« 
»Und die wäre?« 
»Du mußt immer mal zur Untersuchung ins 
Krankenhaus gehn und die Anweisungen, die sie dir 
geben, streng befolgen.« 
»Aber nicht gleich heute!« sagte Julka. »Heute muß sie 
sich erholen.« 
»Einverstanden. Heute lasse ich sie selber nicht mehr 
weg.«, Maria Michailowna schenkte sich Tee nach und 
fügte lächelnd hinzu: »Sie waren so froh über Alissas 
Auftauchen, daß sie zu allem ja sagten. Trotzdem hast 
du dich leichtfertig verhalten, Alissa. Du hättest ihnen 
wenigstens einen Zettel dalassen können.« 
»Ach, Großmama, das verstehst du nicht«, sagte Julka, 
»sonst würdest du nicht so reden.« 
Alissa trat ihr unterm Tisch auf den Fuß, Maria 
Michailowna aber erwiderte gekränkt: »Natürlich, ich 
bin ja alt und dumm. Aber hast du überhaupt schon 
Schularbeiten gemacht? Du bist zwar krank, doch 
Ferien hast du deswegen noch lange nicht.« 
»Gleich, Großmutter, ich setz mich sofort ran.« 
»Gib deiner Freundin inzwischen ein Buch. Oder 
möchtest du lieber ein bißchen schlafen, Alissa?« 
»Danke, nein.« 
Als die beiden Mädchen allein waren, bat Julka: »Und 
nun erzähl mal ausführlich, wie es dir gelungen ist zu 
fliehen und vor allem wie du es geschafft hast, im 
Pyjama hierher zu kommen. Das ist doch glatt zum 
 
 
216 
Verrücktwerden - nur mit einem Pyjama bekleidet durch 
eine völlig fremde Stadt zu fahren!« 
Zwei Jungs haben mir geholfen«, sagte Alissa. »Sie 
haben mich bis vors Haus gebracht und mir eine Jacke 
geliehen.« 
Die beiden machten es sich auf Julkas Sofa bequem, 
und Alissa berichtete. 
»Laß uns jetzt überlegen, wofür wir dich ausgeben«, 
sagte Julka, nachdem Alissa ihren Bericht beendet hatte. 
»Vielleicht als meine Cousine, die von weither kommt? 
... Nein, wir behaupten lieber, daß deine Eltern zur 
Arbeit ins Ausland gefahren sind und du solange bei uns 
wohnst. Was meinst du?« 
»Das ist mir egal.« 
»Ich geh übermorgen wieder zur Schule. Du kannst 
mich abholen, und ich zeig dir unsre Jungs.« »Könntest 
du sie nicht lieber hierher einladen?« 
»Was denn, die Jungs? Die sind doch alle dämlich, wer 
lädt so was schon ein!« 
»Wieso dämlich?« fragte Alissa erstaunt. 
»Das ist ihr Alter«, erklärte Julka. »Sie sind einmalig 
zurückgeblieben.« 
»Das hätte ich nicht gedacht«, sagte Alissa. »Die Jungs 
bei uns sind ganz in Ordnung.« 
»Möchte auch sein! Immerhin seid ihr hundert Jahre 
weiter. Der Fortschritt macht sie wahrscheinlich ein 
bißchen klüger.« 
»Julka!« rief die Großmutter aus der Küche. »Du sollst 
Alissa in Ruhe lassen. Mach deine Schularbeiten!« 
»Gleich, Großmama!« 
 
 
217 
»Ich helfe dir«, schlug Alissa vor. 
»Wenn du nur nicht alles durcheinanderbringst. Ihr 
habt doch einen ganz anderen Lehrplan.« »Gib mir mal 
dein Buch.« 
Julka gab es ihr, und Alissa begann zu blättern, ohne 
freilich genau hinzusehn. Julka holte inzwischen Heft 
und Füller hervor und fragte: »Na, habt ihr das in eurem 
einundzwanzigsten Jahrhundert durchgenommen?« 
»Mir ist gerade was andres eingefallen«, erwiderte 
Alissa Und legte das Buch beiseite. »Es reicht nicht, 
wenn ich dich von der Schule abhole. Es wäre besser, 
ich würde direkt zu dir in die Klasse kommen.« »Wozu 
denn das?« 
»Um die drei Koljas einzeln zu befragen.« 
»Und wenn sie's nicht zugeben?« 
»Dann muß ich eben eine Weile bei euch in der 
Klasse bleiben.« 
»Jeder erstbeste Lehrer wird dich fragen, was du hier 
treibst. Damit ist dein Ausflug schon zu Ende.« 
Doch wie es manchmal so geht. Man überlegt und 
zerbricht sich den Kopf, dabei lösen sich die Probleme 
ganz von allein. 
Julkas Mutter telefonierte am Abend lange mit Alik 
Borissowitsch und sagte schließlich zu den Mädchen: 
»Hört her, ihr beiden, der Doktor und ich haben 
beratschlagt, und wißt ihr, zu welchem Ergebnis wir 
gekommen sind?« 
»Daß Alissa wieder zurück ins Krankenhaus muß«, 
sagte Julka. Das sollte natürlich ein Scherz sein, aber in 
jedem Scherz steckt auch ein Körnchen Wahrheit. Julka218 
hatte zwar Vertrauen zu ihrer Mutter, doch man durfte 
nicht außer acht lassen, daß Erwachsene mitunter - aus 
den besten Beweggründen heraus - Dummheiten 
machten. 
»Falsch getippt. Wir haben beschlossen, bei Alissa 
eine neue Heilmethode zu versuchen.« »Und was für 
eine?« 
»Alissa soll zur Schule gehn. Das Jahr schreitet voran, 
weshalb soll sie unnütz Zeit verlieren?« »Und der 
Aufenthalt unter Kindern«, ergänzte Maria 
Michailowna, »könnte ihr beim Gesundwerden helfen.« 
»Genauso ist es«, sagte Julkas Mutter. »Nun müssen 
wir bloß noch herausfinden, in welcher Klasse Alissa 
war.« 
»In der sechsten!« riefen beide wie aus einem Munde. 
»Nanu, woher auf einmal diese Sicherheit?« 
»Wir haben es heute herausgefunden«, erklärte Alissa. 
»Ich hab mir Julkas Schulbücher angesehn und mich 
erinnert.« 
»Das stimmt«, sagte nun auch Julka. »Alissa ist in der 
Sechsten.« 
»Na wunderbar. Dann werde ich morgen früh gleich 
mit Julkas Direktor reden. Wenn nötig, ruft auch das 
Krankenhaus dort an. Alissa sollte zeitweilig in Julkas 
Klasse gehen. Seid ihr zufrieden?« 
»Hurra!« rief Julka. »Du kannst dir gar nicht 
vorstellen, wie zufrieden wir sind!« 
 
 
 
219 
Einige Zeit später, als die beiden schon im Bett lagen, 
hörten sie die Mutter und Maria Michailowna leise im 
Nebenzimmer miteinander sprechen. 
»Schade, daß du dir seinerzeit nicht noch ein zweites 
Kind angeschafft hast«, sagte die Großmutter. »Ist dir 
schon aufgefallen, wie Julka sich zu Alissa hingezogen 
fühlt? Sie braucht eine Schwester.« 
»Ich bin auch froh, daß sie sich angefreundet haben«, 
erwiderte die Mutter. »Alissa ist ein gutes Mädchen und 
... « 
»... und hat ein so schlimmes Schicksal«, fügte Maria 
Michailowna hinzu. 
In diesem Augenblick blitzte etwas hinter der 
Fensterscheibe auf, und Alissa hob den Kopf. 
»Keine Angst«, flüsterte Julka, »das sind bloß die 
Tauben. Wir sind hier im fünften Stock, so hoch 
kommen deine Piraten nicht.« 
Doch Alissa kannte die kosmischen Piraten besser. Sie 
zweifelte kein bißchen daran, daß sie sogar die zehnte 
Etage erklimmen würden, wenn sie wüßten, wo Alissa 
sich versteckt hielt. »Sie haben deine Spur längst 
verloren«, sagte Julka. 
»Das kann ich nur hoffen.« 
»Die Sache mit der Schule hat meine Mama 
wunderbar gedeichselt, findest du nicht? Wenn du 
Schwierigkeiten haben solltest - keine Bange. Ich helfe 
dir.« 
»Da hab ich überhaupt keine Bange«, erwiderte Alissa. 
»Hauptsache, wir finden das Myelophon, damit ich es 
wieder zurückbringen kann. Sollte ich aber schlechte 
 
 
220 
Zensuren bekommen, so macht das nichts: Ich bin ja 
noch gar nicht geboren.« 
»Schade«, sagte Julka, »ich hätte nichts dagegen, wenn 
du für immer hierbleiben würdest.« 
 
 
 
 
221 
9. Ich habe sie noch nie gesehn 
 
 
In der Sechs b hatte an diesem Morgen keiner Lust zum 
Lernen, und das lag an dem schönen Frühlingswetter. 
Auf den Schulbeeten war das erste Grün zum Vorschein 
gekommen, der Asphalt war trocken und von den 
Knirpsen bereits in Hopsefelder unterteilt. Die 
Knospen an den Bäumen hatten sich entfaltet, sie 
verströmten Frische, was allgemein zur guten Stimmung 
beitrug. 
Fima Koroljow hatte zwei Marienkäfer gefangen und 
veranstaltete auf dem Fensterbrett ein Wettrennen 
zwischen ihnen. Der eine Käfer war schwarz mit gelben 
Punkten, der andere rot mit schwarzen Punkten. Sie 
wollten ständig davonfliegen, doch Fima drückte ihre 
Flügel mit einem Bleistift nieder, denn die Käfer sollten 
sich den Regeln entsprechend verhalten. 
Die Klasse hatte sich in zwei Parteien gespalten - die 
eine feuerte den schwarzen Käfer an, die andere den 
roten - und machte ziemlichen Krach. Als Julka und 
Alissa den Raum betraten, wurden sie deshalb nur von 
Katja Michailowa und Mila Rutkewitsch bemerkt. Mila, 
unangefochten Klassenbeste, war damit beschäftigt, die 
Hausaufgaben in Englisch ein letztes Mal durchzugehn, 
während Katja, die sich sehr für Tennis interessierte, in 
einem Buch über den Daviscup las. 
 
 
222 
»Macht euch bekannt, Mädchen«, sagte Julka, »das ist 
meine Freundin Alissa. Wir waren zusammen im 
Krankenhaus.« 
»Sehr angenehm«, erwiderte Mila Rutkewitsch. 
Katja Michailowa aber, die Klassenälteste, fragte 
sofort: »Wirst du hierbleiben, oder bist du bloß mal 
mitgekommen?« 
»Ich bleib eine Weile.« 
»Hat man dich schon ins Klassenbuch eingetragen?« 
»Keine Ahnung«, sagte Alissa. 
»Wie heißt du überhaupt?« 
»Alissa Selesnjowa.« 
»Na schön, und welche Sportart wählst du?« 
»Ich weiß noch nicht.« 
»Laß sie doch in Ruhe«, sagte Mila Rutkewitsch. 
»Kaum ist sie aus dem Krankenhaus, da willst du ihr 
sonstwas aufhalsen.« 
»Ach, was verstehst du schon«, schimpfte Katja, »dir 
ist die Klassenehre doch völlig egal, bist nicht bereit, sie 
zu verteidigen.« 
»Ich verteidige sie, indem ich gut lerne«, erwiderte 
Mila. 
»Darüber streiten sie sich ständig«, erklärte Julka. 
»Kannst du Volleyball spielen?« erkundigte sich Katja 
bei Alissa. 
»Früher hab ich ein bißchen gespielt.« 
In diesem Augenblick drehte sich Borja Messerer um, 
entdeckte die beiden und brüllte laut: »He, Leute, seht 
mal - Julka Gribkowa ist wieder da, ohne ihren 
wesentlichsten Körperteil!« 
 
 
223 
»Sehr witzig«, sagte Julka. 
»Der ist ja bloß neidisch«, sagte Mila Rutkewitsch und 
warf ihren schweren schwarzen Zopf zurück. Katja 
Michailowa hatte sie in Verdacht, nur deshalb keinen 
Sport zu treiben, weil sie sich in den eignen Haaren 
verheddern könnte. 
Die Marienkäfer waren augenblicklich vergessen, alle 
wandten sich Julka zu. 
»Und wer ist dieser Typ da?« fragte Borja Messerer 
mit einem Blick auf Alissa. 
»Das ist meine Freundin«, erwiderte Julka. »Wir sind 
sogar ein bißchen verwandt. Sie wird einige Zeit in 
unsre Klasse gehn.« 
Fima Koroljow hatte unterdessen seine Marienkäfer 
in einer Streichholzschachtel verstaut, trat zu den 
anderen und sagte mit ganz normaler Stimme: »Grüß 
dich, Alissa, ich hab mich ohne dich direkt ein bißchen 
gelangweilt.« 
»Guten Tag, Fima.« 
»Was denn, ihr kennt euch?!« Julka krochen fast die 
Augen aus dem Kopf, und auch die anderen waren 
erstaunt. 
»Ich bin in gewissem Sinne ihr Retter«, erklärte Fima. 
Alissa machte ihm ein Zeichen, er solle schweigen, 
doch Fima begriff nicht. 
»Ich hab ihr geholfen, als sie, nur mit einem 
Schlafanzug bekleidet, aus der Heilanstalt türmte. 
Über einen Zaun. Auch Sanitäter mit Zwangsjacken 
und ein Professor waren hinter uns her.« 
»Ach du!« sagte Alissa und wandte sich ab. 
 
 
224 
»Quatschkopf!« sagte Julka. 
»Das stimmt«, empörte sich Fima, »Kolja Sulima 
kann's bezeugen. Da waren auch noch zwei Engländer 
... Aber da' kommt Kolja gerade ... He, Sulima, erkennst 
du das Mädchen hier?« 
»Grüß euch!« Kolja Sulima ging zu seinem Platz, 
setzte die Schulmappe ab und sagte. »Guten Tag, Alissa. 
Ich hab mir neulich gleich gedacht, daß du zur Julka 
Gribkowa wolltest.« 
»Hör zu, Sulima«, unterbrach ihn Fima, »du mußt 
bestätigen, daß Alissa aus der Heilanstalt getürmt ist.« 
»Ich denk nicht dran«, erwiderte Kolja. 
»Danke«, sagte Alissa. 
»Keine Ursache. Ich hab nur gesagt, was ich für 
richtig halte. Schön, daß du bei uns bleiben willst.« 
Fima war durch den Verrat des Freundes so 
niedergeschmettert, daß sich seine ohnehin roten 
Backen himbeerfarben färbten. Katja Michailowa aber 
sagte: »Du bist ein Fiesling, Fima, das ist mir schon seit 
langem aufgefallen.« 
Julka beugte sich zu Alissas Ohr und flüsterte: »Einen 
der Koljas kennst du also schon?« »Ein bißchen.« 
Alissa setzte sich auf den freien Platz neben Katja 
Michailowa. Die anderen schauten verstohlen zu ihr 
herüber - jemand Neues in der Klasse weckt immer 
Interesse. Außerdem war da die seltsame Anspielung 
Fima Koroljows auf die Heilanstalt, auch wenn ihn alle 
als Spinner und Quatschkopf kannten. 
 
 
 
 
226 
Es klingelte, und Alla Sergejewna, die Englischlehrerin, 
betrat den Raum. Sie war zugleich Klassenlehrerin der 
Sechs b und sagte deshalb: »Von heute an wird Alissa 
Selesnjowa bei uns lernen.Bitte steh auf, Alissa.« 
Alissa kam der Aufforderung nach. 
»Ich denke, ihr habt euch schon miteinander bekannt 
gemacht?« 
»Fima Koroljow hat sie bereits vorgestern 
kennengelernt«, rief Borja Messerer, »und zwar unter 
dramatischen Umständen!« 
»Die Klärung dieses Problems sparen wir uns für die 
Pause auf«, sagte Alla Sergejewna. »jetzt fangen wir mit 
dem Unterricht an.« 
Sie hatten einen langen Text über London aufgehabt, 
der nur so mit neuen Vokabeln gespickt war, und die 
Lehrerin rief als ersten Fima Koroljow auf, darüber zu 
sprechen. Fima hatte freilich ganz anderes im Kopf. Er 
begann zu reden, blieb aber schon beim zweiten Satz 
stecken und drehte den Kopf in der Hoffnung hin und 
her, jemand würde ihm vorsagen. Doch da hoffte er 
vergebens. Mila Rutkewitsch sagte aus Prinzip nicht vor, 
Julka war auf Fima böse, die anderen aber, die ihm 
hätten aus der Patsche helfen können, waren noch nicht 
bei der Sache. 
»Nun, was ist, Koroljow?« fragte Alla Sergejewna mit 
Engelsstimme. Ȇber London scheinst du nicht sehr 
viel zu wissen.« Sie sagte das natürlich auf Englisch, und 
Fima, der nur halb hinhörte, stimmte ihr zu. Er war 
überhaupt der Meinung, daß man Lehrern ohne 
 
 
227 
Umschweife recht geben sollte. »Wer hilft?« fragte Alla 
Sergejewna. 
Natürlich hob Mila Rutkewitsch die Hand, denn sie 
wußte immer alles. Sie gehörte zu jenen 
Musterschülerinnen, die bereits von der ersten Klasse an 
für eine Goldmedaille vorbestimmt scheinen. Den 
Lehrern war es direkt peinlich, ihr mal eine Zwei geben 
zu müssen. Sie wurde auch nur selten aufgerufen - 
wozu, wenn sie ja doch alles wußte? Deshalb nahm Alla 
Sergejewna sie auch jetzt nicht dran, fragte nur: »Wer 
noch?« 
Alissa las den Englischtext unterdessen für sich, ohne 
Wörterbuch, scheinbar zum Vergnügen, obwohl ja 
bekanntlich kein Mensch einen Text aus dem Lehrbuch 
einfach zum Vergnügen liest. »Also dann Kolja 
Sadowski«, bestimmte Alla Sergejewna. »Du bist heute 
so nachdenklich, vielleicht kannst du uns etwas über 
London erzählen?« 
»Nein«, sagte, sich erhebend, ein großer rothaariger 
Junge mit Sommersprossengesicht, »das kann ich nicht.« 
Kolja Sadowski war weder dick noch dünn, er hatte 
blaue Augen, die mit dichten rötlichen Wimpern besetzt 
waren. sprach betont langsam und ernsthaft; man hätte 
meinen können, er gäbe sonstwas für Geheimnisse 
preis, als er betrübt, wiederholte: »Wirklich, ich kann 
nicht antworten, das ist völlig ausgeschlossen.« 
»Dann versuch mir das wenigstens auf Englisch zu 
sagen«, beharrte Alla Sergejewna, die Koljas Mätzchen 
bereits kannte. 
 
 
228 
»Ist er es?« fragte Julka leise. Sie saß auf der Bank 
hinter Alissa, die sich aber nicht umdrehte, sondern nur 
den Kopf schüttelte. 
Nein, sagte sich Alissa, dieser Rotschopf kommt nicht 
Frage. Ihn hätte sie, wäre er in der Zukunft gewesen, 
auf Anhieb wiedererkannt. 
Nächstes Opfer der Englischlehrerin wurde Katja 
Michailowa. Katja lernte nicht schlecht, diesmal jedoch 
waren ihre Gedanken beim Daviscup, so daß sie 
ziemlich lustlos antwortete. Alla Sergejewna unterbrach 
sie, erkundigte sich nach dem Londoner Tower, worauf 
Katja erwiderte, es handle sich um einen Turm. 
»Um was für einen Turm?« fragte die Lehrerin. 
Katja zuckte die Achseln, was soviel bedeuten mochte 
wie: Ist doch egal, Turm ist Turm! »Wer kann 
ergänzen?« fragte Alla Sergejewna. 
»Der Tower ist ein Schloß«, rief Alissa, ohne 
aufzustehn, auf Englisch, was alle verwunderte - 
niemand hatte erwartet, daß die Neue sich am 
Unterricht beteiligen würde. 
»Steh auf, wenn du antwortest«, sagte die Lehrerin. 
»Wie bitte?« Alissa verstand nicht. 
»Steht man bei euch in der Schule nicht auf, wenn 
man antwortet?« 
»Nein«, erwiderte Alissa, »wir bleiben sitzen.« 
In der Klasse wurde gelacht, doch Alla Sergejewna tat 
so, als hätte sie das überhört, und wiederholte. »Steh 
trotzdem auf.« 
Alissa erhob sich und begann auf Englisch vom 
Tower zu erzählen, in dem früher die englischen Könige 
 
 
229 
gewohnt hatten, und von der Themse, die an diesem 
Schloß vorbeifließt. 
»Oje«, flüsterte Julka der vor ihr sitzenden Katja 
Michailowa zu, »sie spricht ja besser englisch als Alla 
Sergejewna! 
»Sehr gut«, lobte die Lehrerin, nachdem Alissa 
geendet hatte, »nehmt euch an der Selesnjowa ein 
Beispiel. Hast du dein Englisch außerhalb der Schule 
gelernt, Alissa?« 
»Ja«, erwiderte das Mädchen, »ich hab die Sprachen 
noch vor meiner Schulzeit gelernt.« »Du kannst noch 
andere Sprachen?« 
»Ich bin nicht sonderlich begabt«, sagte Alissa, 
»deshalb sind's nur acht.« 
»Welche?« 
in der Klasse herrschte Grabesstille. Der Sinn dieser 
Unterhaltung wurde jedem klar, selbst dem Dümmsten. 
»Deutsch, Finnisch, Tschechisch, Französisch, Hindi, 
Chinesisch ... japanisch und ... und noch eine ... « 
»Meine Güte!« rief Fima Koroljow. »Dann sag uns 
mal was auf japanisch.« 
In der Klasse wurde es laut, man bat Alissa um 
Sprachproben. Nur Mila Rutkewitsch schien 
unzufrieden, war sie doch von diesem Augenblick an 
nicht mehr Klassenbeste. 
»Setz dich, Selesnjowa«, sagte Alla Sergejewna, als 
wäre nichts geschehen. 
»Prüfen Sie die Neue«, verlangte Kolja Sadowski, »sie 
soll geprüft werden!« 
 
 
230 
»Dich haben wir heute bereits gehört«, erwiderte die 
Lehrerin, »jetzt ist mal ein anderer dran.« 
Sie rief Mila Rutkewitsch auf. Währenddessen erhielt 
Alissa zwei Zettelchen. Auf dem einen, das von Borja 
Messerer stammte, stand: »Waren Sie schon in England, 
Madam?« Das zweite kam von Larissa Trojepolskaja, die 
völlig unbegabt für Sprachen war, dafür aber große 
blaue Augen hatte. Die Lehrer und auch Larissas Eltern 
trösteten sich damit, daß ein Mädchen mit so hübschen 
Augen schon nicht untergehen würde. Larissa schrieb: 
»Ich wäre sehr gern mit dir befreundet, Alissa. Wir 
könnten auch zusammen Schularbeiten machen. 
Antworte mir in der Pause.« 
In der Pause trat Borja Messerer auf Alissa zu und 
sagte: 
»Das mit England habe ich geschrieben.« Borja war 
klein, kraushaarig und draufgängerisch. Er wollte Maler 
werden und bedachte jeden mit Karikaturen, die freilich 
kaum ins Schwarze trafen. »ja und?« erwiderte Alissa. Sie 
hatte keine Zeit. 
»Warst du nun in London oder nicht?« 
»Natürlich war ich.« 
»Das hab ich mir gedacht. Hier, die Zeichnung ist für 
dich. Das bist du in London.« Die Karikatur zeigte 
Alissa mit Flügeln, wie sie um ein paar Türme 
herumschwebte. 
»Danke«, sagte Alissa. Sie konnte auf dem Bild 
keinerlei Ähnlichkeit mit sich feststellen. 
 
 
231 
Dann kam Larissa, klappte mit ihren Wimpern von 
einem halben Meter Länge und fragte: »Na, was ist, 
werden wir Freundinnen?« 
Larissa wurde von Fima Koroljow verdrängt, der auf 
seineRechte als alter Bekannter pochte und sagte: »Was 
machst du heute nach der Schule, Alissa? Wir wollten 
ins Kino ... « 
»Ich hab keine Lust, mit dir ins Kino zu gehn.« 
»Sei nicht eingeschnappt, ich hab doch nur Spaß 
gemacht. 
In diesem Augenblick entdeckte Alissa Julka. »Wo 
steckst du denn?« rief sie. 
Julka nahm sie beiseite: »Ich bin unzufrieden mit dir.« 
»Und weshalb?« 
»Du verrätst dich noch. Warum gibst du so mit 
deinen Sprachen an? Das wird bald die ganze Schule 
wissen.« 
»Da denke ich anders, Julka. Wo man nicht unbedingt 
schwindeln muß, sollte man es bleiben lassen. Ich hab 
schon so viel zusammengeflunkert, daß mein Soll für 
drei Jahre im voraus erfüllt ist.« 
»Wie du meinst. Aber was ist mit den Kolias?« 
»Ich kenne bisher nur zwei. Sulima und Sadowski.« 
»Und was hältst du von ihnen?« »Sulima war's 
bestimmt nicht«, sagte Alissa. »Er ist sehr zurückhaltend 
und wäre wohl schwerlich hinter den Piraten 
hergerannt.« 
»Ich glaube auch nicht, daß er's war. Sadowski 
dagegen ist ein Früchtchen. Der stellt sonstwas an.« 
 
 
232 
»Aber er ist rothaarig, der wär mir aufgefallen. Zeig 
mir mal Naumow.« 
»Dort drüben sitzt er. Soll ich ihn rufen?« Ja. Er 
schaut sowie zu uns rüber.« 
Kolja Naumow war ein ganz normaler Junge, 
mittelgroß, ein bißchen stupsnäsig, dünn, doch kräftig.Als als er näher kam, sah Alissa ihn durchdringend an. 
»Was ist los?« fragte er. 
»Ich wollte dich mit meiner Freundin bekannt 
machen«, sagte Julka. »Hast du sie schon mal gesehen?« 
Kolja zuckte die Achseln. »Wann sollte ich sie denn 
gesehen haben. Sonst noch was?« 
»Nein«, sagte Julka. 
»Dann hätte ich 'ne Sache - heute ist Volleyball. 
Vergeßt das nicht, klar?« 
Als er weg war, fragte Julka: »Na, was meinst du, ist -
er's?« 
»Vielleicht. Aber er leugnet ja, mich zu kennen.« 
»In der nächsten Pause nimmst du dir die andern zwei 
vor«, sagte Julka. »Wozu Zeit verlieren?« Das tat Alissa 
auch. Zwischen der zweiten und dritten Stunde trat sie 
auf Kolja Sulima zu und fragte: »Sind wir uns früher 
schon mal begegnet? Dein Gesicht kommt mir irgend 
wie bekannt vor.« 
Kolja legte einen Finger zwischen die Seiten eines 
Lehrbuchs für Schacheröffnungen, musterte Alissa 
aufmerksam und erwiderte: »Du mußt dich irren. Wir 
sind uns vorgestern zum ersten Mal begegnet. Ich habe 
ein gutes Personengedächtnis.« 
 
 
233 
Mit Kolja Sadowski aber gab es ein ganz 
merkwürdiges Gespräch. Er kam nach der dritten 
Stunde von sich aus zu den beiden Mädchen, 
betrachtete zerstreut Alissas Nasenspitze und sagte. 
»Weißt du, was ich denke?« 
»Na?« »Ich denke, daß du aus der Zukunft gekommen 
bist. Du hast dir aus einem Fahrrad eine Zeitmaschine 
gebastelt und ... « 
Julka war baff und unterbrach ihn hastig: »Alissa 
besitzt gar kein Fahrrad.« 
»Ich meine ja auch kein gewöhnliches«, erwiderte 
Kolja Sadowski, »sondern eins mit drei Rädern. 
Sie hat mich erst gestern drauf fahren lassen.« 
»Und wo soll das gewesen sein?« Julka war auf der 
Hut. Kolja galt zwar als ausgemachter Spinner, doch 
diesmal traf er ziemlich ins Schwarze. 
»Na, wo schon.« Kolja sah Julka unverwandt an. »Auf 
den Kurilen. Aber laßt gut sein, ich hab sowieso zu tun. 
Möglich, daß ich nächste Stunde drankomme, und ich 
weiß noch nicht mal, was wir aufhatten.« 
Als Kolja Sadowski weg war, packte Julka Alissa am 
Arm un flüsterte: »Was machen wir jetzt?« »Nichts. Das 
nächste Mal wird er behaupten, daß ich vom Mond 
stamme. Langsam versteh ich überhaupt nichts mehr.« 
Es klingelte, und sie mußten in den Geographieraum. 
Katja Michailowa trat auf Julka zu und sagte: »Vergiß 
nicht, daß wir heute gegen die Sieben a antreten.« 
»Ich darf noch nicht spielen, meine Naht könnte 
aufgehn.« 
 
 
234 
»Dann komm wenigstens, um uns anzufeuern. Keine 
Ahnung, wie wir gegen die bestehen sollen!« »Wir 
verlieren sowieso«, sagte Julka. »Vor allem die 
Mädchen.« 
 
 
 
235 
10. Der Ersatzspieler 
 
 
Das Volleyballspiel fand in der Turnhalle statt, weil es 
draußen noch zu kalt war. Als die Sechs b lärmend in 
die Halle stürmte, war gerade das Spiel zwischen der 
Sechs a und der Sieben b im Gange, und Eduard 
Petrowitsch, der Sportlehrer, ermahnte sie zur Ruhe. Er 
entdeckte Alissa sofort und fragte: »Wer ist das? Ein 
Wikinger?« 
»Wieso ein Wikinger?« erwiderte Julka verwundert. 
»Das ist meine Cousine. Sie ist jetzt in unserer Klasse.« 
»Dann nehme ich meine Worte zurück. Von der 
Größe her bist du jedenfalls in Ordnung. Wie heißt du 
weiter?« 
»Selesnjowa.« 
»Treibst du Sport?« 
»Ja.« 
»Und welchen?« 
»Ich bin Ballonflieger«, antwortete Alissa und 
erschrak: das war ihr so rausgerutscht. 
»Was sollen die Späße!« tadelte Eduard Petrowitsch. 
Er war im Grunde ein gutmütiger und vertrauensseliger 
Mensch, den man leicht auf die Schippe nehmen 
konnte. Weil er das wußte, war er stets auf der Hut. 
Früher Ringkämpfer, war er nach Beendigung seiner 
aktiven Laufbahn ziemlich dick und auch ein bißchen 
kahlköpfig geworden, er innerte kein bißchen mehr an 
 
 
236 
einen Sportler. Aber stark war er immer noch, das 
wußten alle. 
»Ich habe mich versprochen«, sagte Alissa, 
»entschuldigen Sie bitte. Ich meinte 
Fallschirmspringerin.« 
»Schon klar, du bist ein Spaßvogel«, erwiderte der 
Lehrer, und damit war das Gespräch beendet. 
Fima Koroljow aber, der die Unterhaltung mit 
angehört hatte, fragte: »Ist das mit dem Fallschirm auch 
kein Schwindel?« 
»Natürlich nicht.« 
»Das soll in unserem Alter schon erlaubt sein?« 
»Bei uns ja.« 
»Du immer mit deinem >bei uns, bei uns< Wo ist 
denn das, auf dem Mond?« 
»Dort auch«, sagte Alissa. 
Kolja Naumow trat hinzu, er war Kapitän der 
Jungenmannschaft. Er sagte zu Julka: »Wir werden's 
ganz schön schwer haben.« 
»Warum?« fragte Alissa. 
»Sieh dir doch mal den da an!« Und er zeigte auf einen 
Burschen aus der Sieben a, der fast zwei Meter groß 
war. 
»Himmel, das ist ja kein Mensch, sondern die 
Akzeleration in Person!« rief Julka aus. 
Alissa sah Kolja Naumow durchdringend an und 
fragte: »Was meinst du, werden die Leute in der 
Zukunft alle so riesig sein?« 
»Was weiß man schon über die Zukunft«, erwiderte 
Naumow, »vielleicht werden sie im Gegenteil wieder 
 
 
237 
kleiner.« »Hättest du nicht Lust, dich selbst davon zu 
überzeugen?« 
»Ich hab auch hier genug zu tun.« 
Eduard Petrowitsch holte seine Trillerpfeife hervor, 
die sich in seiner gewaltigen Pranke winzig ausnahm, 
nichtsdestoweniger aber sehr schrill war. »Macht euch 
warm«, rief er, »als erste spielen die Mädchen!« 
»Schade, daß ich noch nicht mitmachen darf«, sagte 
Julka. 
»Es ist ja nicht das letzte Spiel«, tröstete der Lehrer. 
Die erste Aufgabe hatte Katja Michailowa. Sie machte 
das gut, die Gegenseite vermochte den Ball nicht 
anzunehmen. Bei der zweiten Aufgabe aber parierten 
sie, der Ball kam zurück und wurde von Larissa 
Trojepolskaja so widerstandslos durchgelassen, daß sie 
selber ganz verdattert auf ihre Hände starrte. 
Das Spiel lief alles andere als günstig für die Sechs b. 
Sie verloren die erste Partie mit 5 : 15. Die aus der 
siebenten Klasse lachten und höhnten laut, die Sechs b 
war sauer, doch nicht allzu sehr - im Grunde war die 
Sache ja klar. In der Pause aber knöpfte sich Katja 
Michailowa Larissa vor, schimpfte: »Du wärst am besten 
gar nicht dabei! Kannst nicht spielen und behinderst 
noch die andern! Ich hätte den letzten Ball gut 
bekommen, wenn du mir Platz gemacht hättest, aber 
was tust du?« 
»Wieso ich? Ich bin doch weggegangen!« erwiderte 
Larissa. Ihre Augen füllten sich mit hellblauen Tränen. 
Sogar Eduard Petrowitsch empfand Mitleid mit ihr, 
wies Katja in die Schranken: »Hier gibt's keine Meister«, 
 
 
238 
sagte er. »Der Unterschied zwischen dir und Larissa ist 
nicht gar so groß.« 
Larissa aber glaubte jetzt den Moment für gekommen, 
die tödlich Beleidigte zu spielen. »Na bitte, wie du willst, 
dann stör ich euch eben nicht mehr. Spielt nur allein 
weiter.« 
»Nun hört aber auf!« empörte sich Kolja Naumow. 
»Ihr könnt schließlich nicht zu fünft antreten.« 
»Zu fünft geht's wirklich nicht«, sagte nun auch der 
Lehrer. »Dann muß ich die Mannschaft aus dem 
Wettkampf nehmen.« 
Julka sah Alissa an, fragte leise: »Du hast doch 
zugesehn, könntest du nicht einspringen?« 
Alissa stand auf »Einverstanden«, sagte sie, »aber ich 
bin nicht besonders in Form.« 
»Augenblick, Eduard Petrowitsch«, rief Katja 
Michailowa erfreut, »es geht gleich weiter. Wir haben 
einen Ersatz. Alissa zieht sich nur schnell um.!« »Wir 
wollen aber nicht länger warten!« rief jemand aus der 
Siebenten. mit 
»Ich bin sofort wieder da«, versprach Alissa und lief 
mit Julka in den Umkleideraum. Als sie kurze Zeit 
später aufs Spielfeld kam, sahen alle, wie braun sie 
schon war. 
»An welchem Strand hat die sich denn die Sonne auf 
den Pelz brennen lassen«, rief Kolja Sadowski, »das muß 
wohl auf der Venus gewesen sein!« 
»Ich übernehme die Aufgabe«, sagte Katja, die der 
Neuen noch nicht so recht traute, »du aber bleib dicht 
am Netz und versuche, mit beiden Händen zu spielen. 
 
 
239 
»In Ordnung.« Alissa nickte. 
»Es geht los!« rief Eduard Petrowitsch. 
Danach hatte die Sieben a Aufgabe. Katja nahm den 
Ball an, doch er kam so kräftig daher, daß sie ihn weit 
übers Spielfeld hinausschlug. Eins zu null für die 
Siebente. Die zweite Aufgabe parierte Katja richtig, und 
derBall stieg kerzengerade hoch. Eine andere Spielerin 
wollte ihn ins gegnerische Feld schmettern, doch Alissa 
rief: »Zu mir!« und machte einen solchen Satz in die 
Höhe, als hätte sie Sprungfedern in den Turnschuhen. 
Sie warf den Arm hoch, ihre Finger berührten den Ball 
nur ganz sacht, er aber schoß wie eine Kanonenkugel im 
spitzen Winkel ins Feld der Sieben a und prallte dann 
ins Aus. 
»Gut, Aliss«, rief Katja, »weiter so!« 
Die aus der Sechs b klatschten Beifall, allerdings 
dachten sie, es wäre Zufall. Die Sieben a aber rief: »Das 
gilt nicht, sie hat übers Netz gegriffen!« 
»Ruhe«, schrie Eduard Petrowitsch, »ich kann das 
besser beurteilen! Der Treffer gilt!« 
Als Alissa auf diese Weise fünf weitere Treffer erzielt 
hatte und feststand, daß die gegnerische Partei dem 
nicht gewachsen war, forderte die Siebente eine Auszeit. 
Jemand schrie: »Und überhaupt, sie gehört gar nicht zur 
Sechs b. Wir haben sie noch nie gesehn!« 
»Wir können euch ja das Klassenbuch zeigen«, sagte 
Katja Michailowa. 
»Klar gehört sie zu uns!« schrien nun auch die Jungs. 
»Sele-snjo-wa, Sele-snjo-wa!« 
 
 
 
 
241 
Das Spiel wurde fortgesetzt, und die Sechs b gewann 
den zweiten Satz. Die Mitschüler wollten Alissa am 
Ende vor Begeisterung in die Luft werfen, doch sie 
sagte »Nicht, ich bin ganz naßgeschwitzt, hab lange 
nicht mehr gespielt.« 
»Du bist wohl in einer Sportschule?« erkundigte sich 
Fima. »Oder spielen sie bei euch alle so?« 
»Die meisten«, erwiderte Alissa. 
»Möcht nur mal wissen, wo du herkommst«, sagte 
Fima. 
Alissa gab keine Antwort und ging mit den Mädchen 
in den Duschraum. Auf dem Rückweg aber sagte Katja 
Michailowa: »Warum hast du dich nicht gleich gemeldet, 
Alissa? Wärst du statt dieser Niete nur von Anfang an 
aufs Spielfeld gegangen.« 
»Wen meinst du denn mit Niete?« fragte Larissa 
zuckersüß. »Könntest du dich ein bißchen genauer 
ausdrücken?« 
»Ich denke nicht daran«, erwiderte Katja. »Du hast 
genau gehört, was ich gesagt habe.« 
Katja war stets geradezu, und man legte sich besser 
nicht mit ihr an. Larissa unterließ es auch, zumal ihr 
diese Alissa mit ihren Superfähigkeiten langsam 
unsympathisch wurde. Eduard Petrowitsch aber fragte: 
»Hast du dich mal mit Leichtathletik beschäftigt, 
Alissa?« 
»Nicht speziell. Nur was so allgemein verlangt wurde.« 
»Alles klar«, sagte der Sportlehrer. »Ich erwarte dich 
morgen nach dem Unterricht im Stadion. Unsre Schule 
 
 
242 
nimmt dort an den Kreismeisterschaften teil. Du wirst 
uns hoffentlich nicht enttäuschen.« 
»Das wird sie nicht«, antwortete Katja für die andere. 
Auf dem Nachhauseweg ließen sich Julka und Alissa 
Zeit. Julka ging noch einmal die einzelnen Phasen des 
Volleyballspiels durch. Sie war der Freundin nun nicht 
mehr böse, daß die ihre Qualitäten so zur Schau stellte, 
dachte vielmehr, Alissa habe ganz richtig gehandelt, 
ihrer Klasse zu einem Sieg über die stolze Sieben a zu 
verhelfen. »Und überhaupt wär es mir lieber, du würdest 
deinen Kolja nicht so bald finden«, sagte sie. »Du bist 
eine wahre Fundgrube für uns. Wir können deine Sache 
doch in Ruhe angehn, meinst du nicht? Zumal sich 
keiner von den dreien zu erkennen gibt.« 
»Red keinen Unsinn, das ist schließlich kein Spiel!« 
»Was werden wir also tun, Sherlock Holmes?« 
Sie waren schon fast an ihrem Haus angelangt, als 
Alissa die Freundin plötzlich am Arm packte und 
flüsterte: »Schnell, wir müssen uns beeilen!« Sie zerrte 
Julka in den Hauseingang und preßte sich an die Wand. 
»Was ist denn los?!« »Schau ja nicht raus!« 
Auf dem Bürgersteig näherten sich schwere, 
schlurfende Schritte, und die beiden entdeckten durch 
die kleine Scheibe in der Tür den Fröhlichen U. Der 
Dicke hatte es eilig, er rannte fast und hielt dabei nach 
allen Seiten, Ausschau. 
»Er hat uns gesehen«, flüsterte Alissa, »aber wieder 
aus den Augen verloren.« 
Die Schritte verharrten an der Haustür. 
 
 
243 
»Los, mir nach!« rief Julka. »Es gibt hier noch einen 
Hinterausgang.« 
Sie schlüpften ins Freie, überquerten den Hof, 
passierten ein Tor und befanden sich nun in einer 
Seitengasse. Erst als sie ihre Spur endgültig verwischt 
und den Piraten abgehängt hatten, hielten sie an, um 
Luft zu holen. 
»Na, was sagst du dazu«, murmelte Alissa. 
»Du glaubst, sie haben uns vor der Schule 
aufgelauert?« 
»Ich hoffe nicht. Aber das kann schon morgen anders 
sein. Vergiß nicht, daß wir es mit ausgewachsenen 
Banditen zu tun haben.« 
»Stimmt«, seufzte Julka, »das vergesse ich immer 
wieder. Mir sind solche Leute eben noch nie begegnet.« 
»Am liebsten würde ich zu diesem verdammten Kolja 
gehn und sagen: Gib das Myelophon besser gleich 
zurück. Denn wenn dir erstmal die Piraten auf den 
Fersen sind ... Aber das mit den Piraten würde er mir 
sowieso nicht glauben.« 
»Natürlich nicht«, sagte Julka. Und nach einer Pause: 
»Vielleicht aber doch?« 
 
 
 
 
244 
11. Das ist ein Bandit aus der Zukunft 
 
 
Borja Messerer wollte sich an Kolja und Fima hängen, 
doch als Kolja erklärte, sie würden Hausaufgaben 
machen, zog er auf der Stelle ab. Allein der Gedanke, 
sich freiwillig an die Schularbeiten zu setzen, 
widerstrebte ihm. 
»Setzen wir uns ein bißchen auf die Bank?« sagte 
Kolja. 
»Liegt was an?« fragte Fima seinerseits. 
»So ist es.« 
Sie nahmen auf einer Bank Platz, doch Kolja schaute-
sich fortwährend um, ob sie von niemandem belauscht-
würden. 
»Was zappelst du so rum?« fragte Fima. 
»Ach, wenn du wüßtest ... « Kolja verstummte. 
Fima aber hielt das Schweigen nicht lange durch, 
zumal ihm die Ereignisse des Tages durch den Kopf 
schwirrten. »Was hältst du von Alissa?« fragte er. »Ein 
toller Kumpel, stimmt's?« 
»Genau darum geht es.« 
»Wie meinst du das?« 
»Sie sucht mich«, erwiderte Kolja. 
»Wie bitte?« 
»Sie sucht mich.« 
»Wozu denn, wenn du offen vor ihren Augen 
herumspazierst.« 
 
 
245 
»Meine Lage ist so, daß ich's niemandem erzählen 
kann.« 
»Nun sag schon, was du angestellt hast.« 
»Du hast ja keine Ahnung, in was für eine schlimme 
Geschichte ich geraten bin!« 
»Mir kommen gleich die Tränen. Aber was hat Alissa 
damit zu schaffen, sie ist doch erst vorgestern bei uns 
aufgekreuzt.« 
»Nein, schon eher. Vorher lag sie mit der Julka 
zusammen im Krankenhaus und hat alle an der Nase 
herumgeführt. Allee haben sie für ein gewöhnliches 
Mädchen gehalten.« 
»Ja und, ist sie's nicht?« 
»Warst du heute vielleicht nicht in der Schule? Hast 
du nicht gehört, wie sie über London losgelegt hat? Hast 
du vergessen, daß sie japanisch kann?« 
»Das mit dem japanisch ist doch geflunkert.« 
»Nein, ich glaub ihr.« 
»Dann ist sie eben ein Sprachgenie«, sagte Fima. »Das 
beweist noch gar nichts.« 
»Und vorhin beim Volleyball? Hast du schon mal 
gesehen, daß Mädchen so spielen?« 
»In richtigen Mannschaften spielen sie noch viel 
besser.« 
»Ja, in richtigen! Das hier aber ist eine 
Schulmannschaft. Hör zu: Alissa ist nur hergekommen, 
um mich ausfindig zu machen.« 
»Und warum hat sie das bisher nicht getan?« 
»Weil sie nicht weiß, daß ich es bin, den sie sucht. Sie 
hat mich ja nicht von nahem gesehen.« 
 
 
246 
»Was will sie denn von dir?« 
»Sie ist keine von uns!« 
»Was heißt das - keine von uns. Sie spricht russisch 
wie wir beide.« 
»Was besagt das schon. Ich meine etwas anderes ... « 
»Moment!« Fima schnellte hoch. »Sie stammt von 
einem anderen Planeten, stimmt's? Daß ich da nicht 
gleich drauf gekommen bin! Aber ja, sie ist ein 
Kundschafter der Außerirdischen! Man hat sie, als 
Mädchen getarnt, zu uns in die Schule geschmuggelt. Sie 
soll unsre Geheimnisse rauskriegen, und dann wollen sie 
die Erde überfallen. « 
»Ach, hör schon auf mit deinen Hirngespinsten! Sie 
ist ganz und gar keine Außerirdische, sondern ein 
gewöhnliches Mädchen.« 
»Warum machst du dann die Pferde scheu?« 
»Weil sie aus der Zukunft stammt.« 
»Woher?« 
»Aus der Zukunft. Sie lebt hundert Jahre später!« 
»Was?« 
»Weshalb sollte ich dir was vorlügen, ich hab sie dort 
mit eignen Augen gesehen.« »Wie - gesehen! Wo?« 
»In der Zukunft, wo sonst.«»Also wirklich, du bringst mich um den Verstand«, 
sagte Fima. "Er schwitzte nun vor Aufregung, obwohl 
es alles andere als heiß war. »Und wie willst du in die 
Zukunft geraten sein?« 
»Da gibt's ein paar Dinge, die ich nicht erzählen kann. 
Aber das soll nicht heißen, daß ich dir mißtraue. Ich hab 
nur einfach so viel angerichtet, daß es gefährlich wäre, 
 
 
247 
dich mit reinzuziehn.« »Ich hab keine Angst«, erwiderte 
Fima, »irgendwie wind ich mich schon raus. Paß du 
lieber auf dich auf.« 
»Das mach ich ja ... Soll ich's dir nun erzählen?« 
»Na klar, fang endlich an.« 
»Also gut. Ich kam in die Zukunft und ... Ach du 
lieber Himmel!« 
»Was ist denn jetzt wieder los!« 
Kolja rutschte blitzschnell seitlich von der Bank und 
versteckte sich dahinter. Fima beugte sich nach hinten 
über die Lehne und fragte: »Bist du völlig 
übergeschnappt?« 
»Guck weg und tu, als wärst du allein! Sonst bin ich 
verloren!« 
Kolja sagte das in einem solchen Ton, daß Fima 
begriff - es war ernst. Er holte ein Schulbuch aus der 
Tasche, schlug es auf und fragte, ohne den Kopf zu 
drehen, mit fast geschlossenen Lippen: »Wer?« 
»Siehst du den Dicken dort?« flüsterte Kolja hinter der 
Bank hervor. »Der so rennt?« 
Ein unheimlich korpulenter Mann mit Sonnenbrille 
und langem, fast bis auf die Erde reichendem Umhang 
kam schnell näher. Er hielt offenbar nach jemandem 
Ausschau, denn er drehte fortwährend den Kopf hin 
und her. Als er bei Fima angelangt war, musterte er ihn 
eingehend, ohne allerdings Kolja zu entdecken. Erst als 
er bereits vorüber war, hätte es fast eine Katastrophe 
gegeben. Kolja mußte nämlich unvermittelt so laut 
niesen, daß Fima vor Schreck in die Höhe sprang. 
Der Dicke blieb stehen und drehte sich um. 
 
 
 
 
249 
Fima wischte sich mit der Hand über die Nase, als hätte 
er selbst geniest. »Entschuldigen Sie bitte«, sagte er. 
Der Mann brummte etwas und setzte seinen Weg 
fort. 
Nach einer Weile wagte es Kolja, aus seinem Versteck 
hervorzukommen. »Das wär um ein Haar 
schiefgegangen«, sagte er. 
»Kannst dich bei mir bedanken«, erwiderte Fima. »Du 
niest los, und ich muß einen Schnupfen vortäuschen. 
Wer ist der Mann?« 
»Los, schnell weg von hier. Es kann auch noch ein 
zweiter kommen. An den aber erinnere ich mich nicht. 
Das war so ein Kleiner, Unscheinbarer.« 
Sie sprangen über eine niedrige Umzäunung und 
rannten in das erstbeste Haus. 
»Nun sag schon, wer sind diese Männer? Oder ist das 
auch ein Geheimnis?« 
»Nein, ist es nicht. Aber ich bin trotzdem verloren. 
Ich dachte, daß nur Alissa hinter mir her wäre. Nun 
stellt sich heraus, daß auch sie mir auf der Spur sind.« 
»Und wer sind diese Männer?« 
»Es sind Banditen aus der Zukunft. Und vielleicht 
überhaupt von einem anderen Planeten.« »Das kommt 
hin«, sagte Fima. »Mir ist an seinem Gang gleich 
irgendwie was Außerirdisches aufgefallen.« 
»Gar nichts ist dir aufgefallen. Wenn ich dir's nicht 
gesagt hätte, wärst du nie im Leben drauf gekommen.« 
»Aber wo wollen wir etzt hin?« fragte Fima. 
»Hoffentlich sind nicht noch mehr hinter dir her.« 
 
 
250 
»Keine Ahnung. Ich hab jedenfalls nur die beiden 
gesehn.« 
»Was gefällt denen nicht an dir? Dein Gesicht?« 
»Ach, was verstehst du schon!« 
»Ja, ja, ich weiß. Du hast ihnen das Geheimnis der 
ewigen Jugend geklaut, und nun wollen sie ... « Kolja 
spähte vorsichtig hinter einem Torbogen hervor und 
sagte: »Die Luft scheint rein zu sein.« »Und was jetzt? « 
»Wir gehn zu mir. Ich zeig dir etwas, sonst glaubst du 
mir ja doch nicht.« 
»Warum sollte ich dir nicht glauben. Ich nehm dir 
sogar ab, daß du gestern im Traum auf dem Mars 
gewesen bist und deine Großmutter auf Hawaii lebt.« 
Kolja legte sich nicht mit ihm an. Er führte Fima auf 
Schleichwegen zu sich nach Hause, wobei er sich immer 
mal umdrehte. 
Fima musterte ihn belustigt, was sollte er sonst auch 
tun. Einerseits lockte ihn, was er von Kolja erfahren 
hatte, andererseits konnte er kaum jemandem glauben, 
der behauptete, in der Zukunft gewesen zu sein und 
nun vor ein paar Leuten von dort flüchten zu müssen. 
Dazu diese Neue in der Klasse, die ebenfalls ein 
getarnter Abgesandter aus der Zukunft sein sollte. 
Sie stiegen zur zweiten Etage hoch, und Kolja schloß 
die Wohnungstür auf. »Es ist niemand da«, sagte er, 
»meine Alten sind auf Arbeit. Komm rein.« 
»Sieh erst mal im Kühlschrank nach, ob was zu essen 
da ist«, verlangte Fima. »Ich hab mächtigen Kohldampf. 
Schließlich wollte ich zu mir nach Hause, und dort steht 
bereits das Mittagessen auf dem Tisch.« 
 
 
251 
»Du bist echt kein Romantiker«, sagte Kolja, ging aber 
in die Küche. Auf dem Tisch lag ein Zettel von seiner 
Mutter mit Anweisungen, was er sich aufwärmen sollte. 
»Wenn ich Hunger habe, bin ich absolut nicht 
romantisch«, erklärte Fima. »Und überhaupt glaube ich 
nicht, daß es Romantiker mit knurrendem Magen gibt.« 
»Du hast keine Ahnung vom Leben«, erwiderte Kolja. 
»Romantiker sind in der Regel immer hungrig. Du 
dagegen ... Ißt du einen Teller kalte Suppe mit?« 
»Wir fangen lieber mit den Buletten an. Du aber 
erzähl inzwischen.« 
 
 
 
 
252 
12. Handfeste Beweise 
 
 
Während Kolja von seiner Reise in die Zukunft 
berichtete, verputzte Fima unmerklich sämtliche 
Buletten - Koljas ebenso, wie die für seine Eltern. Kolja 
bekam davon allerdings nichts mit, denn er war so in 
seine Erinnerungen vertieft, daß sein Kumpel sogar den 
Kühlschrank samt Inhalt hätte verspeisen können. 
Der Mensch kann ein Geheimnis nur schwer für sich 
behalten; je erstaunlicher und rätselhafter es ist, desto 
mehr fühlt er sich gedrängt, es weiterzugeben. Er 
begreift zwar sehr gut, daß er besser schweigen sollte, 
trotzdem trägt er das Geheimnis mit sich herum wie 
eine Bombe mit Zeitzünder, bis sie schließlich 
explodiert. Vielleicht hätte Kolja sich beherrscht, wäre 
Alissa nicht in der Schule aufgekreuzt. Doch nach dem 
Mädchen auch noch der dicke Bandit - das war zuviel 
für einen allein, das überstand man nicht ohne 
Mitwisser. 
Fima hörte gebannt zu, und er hatte all die Buletten 
eigentlich nur vor Aufregung verschlungen. Hatte sie 
runtergeschluckt, ohne sich dessen bewußt zu werden, 
und zwischendurch nur immer mal ausgerufen: »Junge, 
Junge!« oder: »Na weißt du!« oder: »ldiot!« 
 
»... Dann bin ich wie der Blitz aus seiner Wohnung«, 
beschloß Kolja seinen Bericht. »Bin in mein Zimmer, 
hab alles versteckt und hoffte, daß die Sache damit 
 
 
253 
ausgestanden ist. Glaubst du mir?« »Ja«, sagte Fima und 
biß ein riesiges Stück Weißbrot ab. Seine roten Backen 
glänzten wie poliert. »So was hättest du dir nie 
ausdenken können, das hätte nicht mal ich geschafft.« 
»Aber wehe, du erzählst es weiter!« 
»Das hab ich nie vorgehabt. Außerdem findet man so 
jemand Vertrauensseligen wie mich kaum noch mal.« 
»Und was sagst du nun dazu?« 
»Was soll ich sagen? Ich frag mich, weshalb du das 
Myelophon nicht sofort oder wenigstens am nächsten 
Tag zurückgebracht hast. Wärst mit der Zeitmaschine 
schnell zurück in die Zukunft gefahren, hättest denen 
den Apparat mit einem Zettelchen auf den Tisch gelegt, 
und die Sache wär erledigt gewesen.« 
»Das konnte ich nicht«, erwiderte Kolja. »Meine 
Mutter hatte den Schlüssel der Nachbarwohnung an 
sich genommen Nikolai Nikolajewitsch hatte sie 
ausdrücklich darum gebeten, als sie ihn im Krankenhaus 
anrief. Wahrscheinlich war ihm eingefallen, daß er das 
Zimmer mit der Zeitmaschine nicht abgeschlossen 
hatte. Meine Mutter hat den Schlüssel irgendwo 
versteckt, vielleicht nimmt sie ihn auf Arbeit mit.« 
»Hättest du eben nachts mal nachgucken müssen.« 
»Hab ich ja gemacht. Es hat nicht geklappt.« 
Sie schwiegen. Plötzlich fragte Fima: »Und wo ist das 
Myelophon jetzt?« 
»Ich kann es dir zeigen. Auch ein paar andere 
Beweisstücke.« 
»Dann los, zeig.« 
 
 
254 
Kolja holte aus der Schublade seines Tisches eine 
Zigarettenschachtel. »Als erstes das hier!« Er förderte 
das goldene Sternchen zutage. »Weißt du, was das ist?« 
»Klar, sieht man doch.« 
»Es ist ein persönlichesGeschenk von Kapitän 
Poloskow er ist Kosmonaut für Fernraumfahrt. jedes 
Sternchen steht für eine Sternenexpedition ... Und nun 
das hier. Es ist zwar schon etwas ausgetrocknet, aber 
trotzdem noch zu erkennen.« 
»Eine Bananenschale«, sagte Fima. 
»Genau. Bist ein Genie, Fima. Aber die stammt nicht 
etwa aus der Jetztzeit, sondern von der künftigen 
Station Junger Naturforscher auf dem Gogolboulevard.« 
»Sag bloß, die wachsen dort unter freiem Himmel!« 
»In hundert Jahren schon. Auch Affen springen dann 
dort rum.« 
»Und die Banane, hast du sie gegessen?« 
»Ja, einen Tag später. Sonst wäre sie verfault.« 
»Na weißt du, ich an deiner Stelle hätte sie mit 
meinem Freund geteilt.« 
»Ich hab es ja nicht aus Geiz gemacht, sondern weil 
ich das Geheimnis für mich behalten mußte.« »So ist das 
immer«, maulte Fima. »Wenn man den Freund nicht 
braucht, ist er vergessen. Aber wenn man nicht weiter 
weiß, schreit man nach ihm, ruft um Hilfe.« 
»Hör schon auf. Willst du noch mehr sehn?« 
»Zeig her.« 
»Hier. Erkennst du das?« 
»Ja, eine Brezel. Knochentrocken.« 
 
 
255 
»Es ist eine pflanzliche Brezel, die sehr schnell wächst. 
Arkascha hat sie gezüchtet.« 
»Kann ich mal abbeißen?« 
»Nein, warte. Du hast doch schon das Weißbrot 
gegessen.« 
»Ist ja gut. Und was hast du außerdem mitgebracht?« 
»Reicht dir das noch nicht? Hier ist ein getrocknetes 
Blatt vom Brezelbaum ... « 
»Tja«, sagte Fima nachdenklich, »ich glaub dir 
natürlich, doch was hast du mir im Grunde gezeigt? Ein 
goldnes Sternchen von einer Achselklappe, eine 
Bananenschale, eine Brezel und ein getrocknetes Blatt. 
Wollte jemand an deinem Bericht zweifeln, könnte er 
dir im Handumdrehn beweisen, daß du dir alles bloß 
ausgedacht hast und gar nicht in der Zukunft warst.« 
»Aber ... « Kolja betrachtete seine Schätze mit den 
Augen eines Außenstehenden und mußte zugeben, daß 
sie in der Tat ziemlich mager wirkten. »Aber du hast 
gesagt, daß du mir glaubst, oder?« 
»Unbesehen«, sagte Fima entschieden, »wenn du mir 
das Entscheidende zeigst.« 
»Nur wenn du schwörst, daß du niemandem ein Wort 
verrätst.« 
»Mann, bist du naiv! So reden sie doch bloß in 
Kinderbüchern.« 
»Also gut, Ehrenwort genügt mir.« 
»Das hab ich dir bereits gegeben.« 
Kolja kroch seufzend unter den Tisch, wo eine Kiste 
mit den Überresten eines ausgedienten Baukastens, 
Drähten, kaputten Schaltern und anderen wertvollen 
 
 
256 
Dingen stand. Ganz unten lag ein Schuhkarton, worin 
sich unter allem möglichen Krimskrams eine schwarze 
Umhängetasche befand. »Hier ist der Apparat. Aber 
mach ihn nicht kaputt.« 
Fima betrachtete das Myelophon, wog es in den 
Händen und fragte: »Und wie funktioniert es?« »Ganz 
einfach.« Kolja hängte sich die Tasche über die Schulter, 
klappte den Deckel zurück und brachte einen dünnen 
Draht zum Vorschein. An seinem Ende befand sich ein 
kleiner Ohrhörer, den er sich ins Ohr steckte, dann 
sagte er: »Wir können anfangen.« 
»Woher weißt du denn, wie du ihn bedienen mußt?« 
»Die in der Zukunft haben ganz einfache Maschinen. 
Ich hab gesehen, wie Alissa damit umging, und schon 
ein bißchen geübt.« 
»Na gut, dann sag mir jetzt, woran ich denke«, 
verlangte Fima und gab sich Mühe, an nichts zu denken. 
»Da brauch ich dich gar nicht erst anzupeilen - du 
überlegst, wie du das Gerät selber ausprobieren 
könntest.« 
»Und was noch?« 
»Moment, das haben wir gleich.« Kolja begann 
langsam an einem Rädchen im Innern der Tasche zu 
drehen. »Aha ... jetzt ... Du möchtest essen. Dabei hast 
du schon alle Buletten verputzt.« 
»Dein Apparat spinnt ja, ich hab kein bißchen an 
Essen gedacht!« 
»Na, ich weiß ja nicht. Dann müssen sich deine 
Gedanken verselbständigt haben.« 
 
 
257 
»Das stimmt nicht!« »Merkwürdig ... « »Sehr 
merkwürdig.« »Ach, halt, wo ist der Kater?!« Kolja 
drehte sich um, Fima ebenfalls. Der Kater saß, in der 
Ecke des Zimmers, leckte sich die Schnauze und starrte 
die Jungen aus seinen gelben Augen unverwandt an. 
»Entschuldige, Fima«, sagte Kolja, »ich hatte die 
falsche Frequenz erwischt, hab die Hirnströme von dem 
Katzenvieh eingefangen, das nichts weiter im Sinn hat, 
als zu fressen. Dabei hat er sich heute früh schon einen 
ganzen Teller Dorsch ein verleibt.« 
»Laß mich mal probieren«, bat Fima. »Du sagst ja 
selbst, daß es einfach geht.« 
»Augenblick noch.« Kolja drehte erneut an dem 
Rädchen. »Hier«, sagte er, »jetzt hab ich's. Ich kann 
deine Gedanken Wort für Wort wiederholen. Man 
hört's deutlicher als im Telefon. Und hör auf, heimlich 
zu zählen - du bist bei neununddreißig -, mich führst du 
nicht an der Nase herum ... 
Also, du denkst: Kann der wirklich Gedanken lesen? 
Das wär toll für die Schule. Bei 'ner Kontrollarbeit 
könnte ich von Mila Rutkewitsch abschreiben, ohne 
hinzusehn. .. « 
»Ist gut, hör auf!« rief Fima. »Hast mich überzeugt, 
genau das hab ich gedacht! Und jetzt laß mich mal.« 
Kolja hängte ihm vorsichtig die Tasche um, gab ihm 
den Ohrhörer und trat zum Fenster, als ginge ihn das 
Ganze nichts an. »Du mußt an dem Rädchen drehn. 
Wenn du was übers Essen hörst, ist's der Kater. Dann 
mußt du weitersuchen, die Frequenzen liegen dicht 
 
 
258 
beieinander. Offenbar liegt jedes Gehirn auf einer 
anderen Welle.« 
Fima hantierte an dem Apparat, dann wurde er ganz 
still und lauschte eine Weile mit geschlossenen Augen. 
Schließlich legte er Tasche und Ohrhörer auf den Tisch 
und sagte: »Wenn ich ehrlich sein soll, hatte ich trotz 
allem gedacht, du spinnst. Aber warum hast du auch 
nicht schon eher was gepfiffen?« 
»Weil es in der Tat unglaublich klingt.« 
Fima setzte sich aufs Sofa, verschränkte die Hände 
auf dem Bauch und sagte: »Meine Güte, hab ich eine 
Menge Buletten verdrückt. Ich kann gar kein Mittag 
mehr essen.« 
»Himmel, so komm doch endlich zur Sache!« 
schimpfte Kolja. »Wie kann man in dieser Situation vom 
Essen reden!« 
»Tja, was soll ich sagen? Du hast dir da schön was 
eingebrockt.« 
»Das weiß ich selber.« »Und du mußt es nun 
auslöffeln.« »Ich denke, du bist mein Freund!« 
»Klar bin ich dein Freund, sonst würd ich ja nicht so 
mitleiden. Trotzdem darfst du nicht glauben, daß du 
ungeschoren davonkommst.« 
»Meinst du das im Ernst?« 
»Völlig. Denn du hast gegen die Grundregel eines 
Zeitenkundschafters verstoßen. Du bist in ihr 
Geheimnis eingedrungen.« 
»Aber ich wußte doch gar nicht, daß ich in die 
Zukunft geraten würde!« 
»Dein Nachbar wird übrigens auch einiges abkriegen.« 
 
 
259 
»Ach was, die in der Zukunft sind nicht so grausam.« 
»Du bist vielleicht naiv! Weißt du, was ich glaube? Sie 
werden dich in die Zukunft verschleppen und 
beseitigen. Um das Gleichgewicht wiederherzustellen.« 
»Was für ein Gleichgewicht?« 
»Na, den Schaden ausbügeln, den du angerichtet hast. 
Ich hab mal so eine Erzählung von einem Amerikaner 
gelesen, da ist ein Mann in die Vergangenheit geraten, 
hat einen Schmetterling zerquetscht, und am Ende 
haben sie einen anderen Präsidenten gewählt. Es gibt 
eben überall Zusammenhänge.« 
»Genau das hab ich befürchtet«, sagte Kolja. 
»Und dann hab ich noch eine Erzählung gelesen, wo 
jemand ganz phantastische Dinge erfunden hat. Später 
sind aber welche von der gegnerischen Abwehr 
gekommen und haben ihn abgemurkst.« 
»Ich hab doch gar nichts erfunden.« 
»Aber was geraubt.« 
»Ob ich mich lieber stelle? Ich hab schon überlegt, zu 
Alissa zu gehn und ihr zu sagen: Entschuldige, ich hab's 
bloß gut gemeint. Ich hab das Myelophon nicht 
gestohlen, sondern nur den Piraten abgenommen.« 
»Das würde dir ja doch niemand glauben. Der Fakt 
liegt auf der Hand - du hast ein wertvolles Gerät 
mitgehn lassen. Nein wirklich, sie werden kein 
Erbarmen mit dir haben. Leider.« 
»Aber was soll ich denn machen, Fima! Ob ich mal 
mit meinen Alten rede?« 
»Bist du völlig übergeschnappt?! Die würden dich 
zum Psychiater schleppen, eh du dich's versiehst: Oje, 
 
 
260 
unserJunge hat sich überanstrengt, er redet wirres 
Zeug!« 
»Da hast du auch wieder recht.« 
»Der einzige Ausweg ist, die Klappe zu halten. Und 
wennsie dich noch so an die Wand drücken. Den 
Apparat aber solltest du in die Moskwa werfen.« 
»Also das auf keinen Fall. Wenn du willst, geb ich ihn 
dir zur Aufbewahrung.« 
»Damit sie mich statt deiner beseitigen, was?« 
Sie schwiegen etwa fünf Minuten, dann rief Fima: 
»Heureka, ich hab's!« 
»Was hast du?« 
»Einen Ausweg. Wann kommt dein Nachbar zurück?« 
»Ungefähr in einer Woche. Meine Mutter hat ihn 
neulich besucht.« 
»Na wunderbar. Sobald er wieder da ist, gehst du zu 
ihm und nimmst das Myelophon mit.« 
»Unmöglich. Ich hab Angst, ihm die Sache zu 
beichten.« 
»Brauchst du ja auch nicht. Du sagst, daß du die 
Fregatte ausmessen willst. Und während du das machst, 
schiebst du ihm unauffällig den Apparat unter den 
Tisch. Dann verschwindest du wieder.« »Wenn er ihn 
findet, hat er sofort mich in Verdacht.« 
»Aber er hat keine Beweise. Kann doch sein, daß ihn 
einer seiner Mitarbeiter vergessen hat.« »Und wenn ... « 
»Nichts und wenn! Wichtig ist, daß du deine 
Fingerabdrücke abwischst. Vergiß das ja nicht!« »Nein.« 
»Damit dürfte die Sache erledigt sein.« 
 
 
261 
»Schön wär's. Und noch einmal: Du darfst 
niemandem was verraten, hörst du?« 
»Ich bin doch nicht so dämlich, mich zu deinem 
Komplizen beim Verbrechen des Jahrhunderts zu 
machen! Nein, mein Lieber, ich möchte gern noch ein 
bißchen am Leben bleiben ... Und überhaupt geh ich 
jetzt nach Hause. Also halt die Ohren steif, es wird 
schon gut gehn.« 
»Warte noch. Wollen wir das Myelophon mit 
runternehmen und uns anhören, was die Leute denken?« 
»Ach weißt du, irgendwie ist mir die Lust dazu 
vergangen. Ich werd auch zum Mittagessen erwartet. 
Außerdem lauert uns vielleicht dein Dicker im Hof auf 
oder sonst einer von diesen Ganoven« Fima zog seine 
Jacke über und fügte hinzu: »Komm lieber nicht mit an 
die Tür. Es ist besser, keiner sieht uns zusammen.« Und 
dann, er hatte die Tür schon geöffnet, drehte er sich 
plötzlich um und fragte flüsternd: »Aber wie konnte 
Alissa unsre Klasse finden? Sie hatte dich ja nicht von 
nahem gesehn.« 
»Ich hatte mich doch auf der Bank verewigt, hast du 
das vergessen?« 
»So ein Idiot!« 
»Du hast ja recht, aber woher hätte ich wissen sollen, 
daß sich alles so entwickelt.« 
»Wer in die Zukunft gerät, muß doppelt überlegen. 
Hast du auch deinen Nachnamen eingeritzt?« 
»Nein, nur den Vornamen. Und die Klasse.« 
 
 
262 
»Dein Glück, daß wir drei Koljas in der Klasse 
haben«, sagte Fima. »Wir werden eine falsche Fährte 
auslegen. Morgen erzähl ich dir die Einzelheiten.« 
Und Fima verschwand. 
 
 
 
 
263 
13. Ein seltsames Mädchen 
 
 
Abends trat Julka, mehr zufällig, ans Fenster und rief: 
»Na, das ist ein Ding!« 
»Was gibt's denn da?« fragte Alissa. 
»Du wirst es kaum glauben. Sieh selbst raus.« 
Doch Alissa zögerte und wiederholte: »Also was ist da 
draußen?« 
»Keine Angst«, Julka lachte, »die Piraten sind's nicht. 
Dort unten steht Napoleon mit seinem Dreispitz. 
Direkt unter der Laterne. Er winkt mir zu. Das ist ja 
zum Totlachen!« 
Alissa trat noch immer nicht ans Fenster, fragte nur: 
»Ist es bei euch üblich, daß Napoleons durch die 
Straßen spazieren?« »Natürlich nicht, aber weshalb 
sollten sich deine Piraten eine so merkwürdige 
Verkleidung zulegen?« 
»Ich hab mal gelesen, daß sich vor langer Zeit die 
Jäger in Afrika ganz idiotisch anzogen, um die 
neugierigen Strauße anzulocken und zu töten.« 
Julka trat vom Fenster zurück. »Vielleicht hast du 
recht«, sagte sie, »warum verkleidet sich einer als 
Napoleon und bezieht Posten unter meinem Fenster?« 
»Ich werde dir sagen, warum. Was hätte denn ich an 
Stelle der Piraten getan? Ich hatte die Spur dieser Alissa 
verfolgt und die Spur jenes anderen Mädchens, das sich 
ihnen im Krankenhaus so tapfer widersetzte. Wäre doch 
möglich, daß sich Alissa diesem Mädchen anvertraut hat 
 
 
264 
und später zu ihr geflüchtet ist. Oder klingt das nicht 
logisch?« 
»Weißt du was?« sagte Julka. »Ich werde Alik 
Borissowitsch anrufen.« 
»Wozu denn das? Deine Mutter hat heute schon mit 
ihm telefoniert.« 
»Ich werde ihn fragen, ob sich jemand nach meiner 
Adresse erkundigt hat.« 
»Das ändert gar nichts. Wenn sie dir auf der Spur 
sind, kannst du bald mit Besuch rechnen. Ach, hätte ich 
dich bloß nicht da reingezogen!« 
»Wen hast du wo reingezogen?« fragte Julkas Mutter, 
die in diesem Augenblick das Zimmer betrat. »Ihr habt 
irgendein Geheimnis, ihr beiden, und wollt es mir nicht 
verraten.« 
»Aber nein, wo denkst du hin, Mama!« rief Julka aus. 
»Wir haben keinerlei Geheimnisse.« 
»Na gut, dann bring jetzt den Tee rein, und ruf die 
Großmutter.« 
Beim Tee aber sagte Julkas Mutter plötzlich: »Ach ja, 
beinahe hätte ich es vergessen. Als ich vorhin mit Alik 
Borissowitsch telefonierte, erwähnte er, daß sich 
irgendein Junge nach Julkas Adresse erkundigt hätte. 
Möcht nur wissen, wie du es so schnell geschafft hast, 
dir einen Verehrer zuzulegen.« 
»Ich hab überhaupt keinen Verehrer!« entrüstete sich 
Julka, doch Alissa trat ihr unterm Tisch auf den Fuß, so 
daß die 
Freundin sofort begriff. »Ach ja«, sagte sie, »jetzt weiß 
ich. Wie sah er denn aus?« 
 
 
 
 
 
266 
»Danach habe ich nicht gefragt.« 
Es klingelte an der Tür. Julka wollte schon 
aufspringen, aber Alissa hielt sie zurück. 
»Na, was ist, wollt ihr nicht aufmachen?« fragte die 
Mutter. 
»Könntest du nicht zur Tür gehn, Mama?« bat Julka. 
»Wenn es Napoleon sein sollte - ich bin nicht zu 
Hause.« 
»Wer - Napoleon?« fragte die Großmutter. »Bei dem 
öffne ich selber. Ich träum schon lange davon, diesem 
berühmten Mann zu begegnen.« 
»Bitte, Mama, geh du!«, bettelte Julka. 
»Wir sind nicht zu Hause!«, sagte Alissa. 
»Und überhaupt, wir wohnen nicht hier«, fügte Julka 
hinzu. 
Die Klingel schrillte unaufhörlich. 
»Also gut, sagte die Mutter, »mal sehn, was los ist.« 
»Ich verstehe eure Aufregung nicht, Kinder ... 
«begann Maria Michailowna, doch die Mädchen 
machten ihr ein Zeichen, ruhig zu sein. 
Sie hörten Julkas Mutter die Tür öffnen und dann ihre 
Stimme: »Was möchtest du?« 
Eine dünne Mädchenstimme erwiderte: »Ich möchte 
zu Alissa.« 
»Zu welcher Alissa?« 
Das hat sie gut gemacht, fand Alissa. 
»Ich bin aus derselben Schule« hörten sie wieder das 
Mädchen sagen. »Die Lehrerin hat mir aufgetragen, zu 
Julka und Alissa zu gehn.« 
»Und warum?« fragte die Mutter. 
 
 
267 
»Sie sollten mir bei den Vorbereitungen für eine 
Prüfung helfen. Sie haben's versprochen.« Das Mädchen 
sprach so kläglich, als wollte es jeden Augenblick 
anfangen zu weinen. 
»Was für eine Prüfung?« fragte Julkas Mutter. 
»Na was schon für eine«, schrie das Mädchen 
plötzlich böse, »eine ganz wichtige!« 
»In welcher Klasse bist du denn?« 
»Das verrat ich nicht.« 
»Mir scheint, kleine Mädchen wie du legen keine 
Prüfungen ab, sondern spielen mit Puppen. Du bist hier 
falsch.« 
»Sie haben mir noch nicht gesagt, ob Alissa hier 
wohnt!« 
»Das ist der Ratt«, flüsterte Julka, und Alissa nickte. 
»Ein seltsames Mädchen«, sagte die Großmutter, »ich 
seh es mir mal an.« 
Die Wohnungstür fiel ins Schloß, und die beiden 
Frauen kamen zurück ins Zimmer. 
»Ein seltsames Mädchen«, sagte nun auch Julkas 
Mutter, »wer kann sie zu uns geschickt haben? 
Und weshalb?« 
Julka schwieg. Alissa beugte sich tiefer über ihre 
Tasse. 
»Wollt ihr nicht doch lieber offen mit mir reden?« 
Die Mädchen gaben keine Antwort. 
»Na schön«, sagte die Mutter, »aber denkt ja nicht, 
daß ich die Sache vergesse.« 
»Wir erzählen es dir ganz bestimmt, Mama, 
Ehrenwort!« sagte Julka. 
 
 
268 
»Wartet nicht zu lange damit.« 
Abends, als die Mädchen schon im Bett lagen, kam 
Julka zu Alissa aufs Sofa und flüsterte: »Sollten wir sie 
nicht doch lieber einweihen? Sie versteht's bestimmt 
und hält zu uns.« 
»Ja begreifst du denn nicht?« erwiderte Alissa. »Deine 
Mama ist unheimlich in Ordnung, aber sie ist in erster 
Linie Mutter. Sie hat die Verantwortung für dich und 
mich, und wenn sie die Wahrheit erfährt, verliert sie vor 
Angst um uns glatt den Verstand.« 
»Und Großmutter gleichmit«, sagte Julka betrübt. 
»Eben drum. Deshalb müssen wir beide jetzt 
besonders vorsichtig sein. Morgen oder übermorgen 
werden sie sich bis zu unsrer Schule vorgearbeitet 
haben. Wir aber wissen noch nicht das geringste.« 
 
 
 
 
269 
14. Frag den Sadowski 
 
 
Am nächsten Tag fiel Alissa erneut auf, diesmal in 
Mathematik. Das aber geschah, weil sich Kolja 
Sadowski an der Tafel mit einer Gleichung 
herumschlug, die er nicht lösen konnte. Gewiß, sie war 
schwierig, und draußen schien die Sonne, so daß alle 
außer Mila Rutkewitsch mit ihren Gedanken sonstwo 
waren. Schließlich hatte es die Lehrerin satt, sich mit 
Sadowski abzuquälen, und fragte, wer helfen könnte. 
Natürlich hob Mila die Hand, ging zur Tafel, warf ihren 
prächtigen Zopf zurück, wischte alles ab, was ihr 
Vorgänger hingeschrieben hatte, und notierte die 
Lösung: x = 1,25. Da aber rief Alissa, gleich vom Platz 
aus: »x ist gleich eins!« Mila schnaufte empört, sogar ihr 
Zopf geriet in Bewegung. Sie schaute zur Lehrerin, die 
nickte ihr zu und sagte: »Alissa hat unrecht. Deine 
Lösung ist richtig, Mila. Setz dich.« 
»Das ist eben doch was andres als Volleyball spielen«, 
rief Fima Koroljow. 
Während Mila triumphierend an ihren Platz 
zurückkehrte und die Lehrerin die Hausaufgaben 
anschrieb, wiederholte Alissa laut: »Und x ist doch 
gleich eins, das kann ich beweisen.« 
»Beweisen?« Die Lehrerin hob erstaunt die dünnen 
Brauen. Sie war jung, hatte eine Frisur aus lauter 
Ringellöckchen und trug ein langes Kleid. Sie war 
 
 
270 
ausgesprochen schick, und die Mädchen in der Klasse 
vergötterten sie. 
»Natürlich«, sagte Alissa, »wenn Sie erlauben.« 
»Aber ja, komm zur Tafel.« 
Julka flüsterte: »Hör auf!«, doch Alissa winkte nur ab. 
Sie ließ Milas Lösung stehen und setzte ihre flink, in 
kleiner Schrift daneben. Dabei passierte genau das, was 
Julka befürchtet hatte: Alissa verwandte völlig 
unverständliche Zeichen und Symbole, wie man sie 
wahrscheinlich noch nicht mal in der zehnten Klasse 
kannte. Alle hielten den Atem an, Mila aber wandte sich 
zum Fenster und tat, als ginge sie die Sache nichts an. 
Die Lehrerin sah auf die Tafel, und alle warteten, was 
geschehen würde. Wäre die Lehrerin schon älter und 
erfahrener gewesen, hätte sie Alissa gewiß mit der 
Begründung auf ihren Platz zurückgeschickt, daß 
höhere-Mathematik nichts für eine sechste Klasse sei. 
So aber ließ sie sich hinreißen und rief ungestüm: »Na 
bitte, da haben wir's! Hier ist der Fehler!« Sie riß Alissa 
die Kreide aus der Hand, strich die letzte Zeile durch 
und setzte ihre Variante darunter, ebenfalls ziemlich 
verschlüsselt. 
Alissa zeigte sich verwundert. »Das müßte doch wohl 
eher so lauten.« 
Außenstehende erinnerte das Ganze an ein 
Tennismatch. Die Gegnerinnen schlugen sich den Ball 
übers Netz zu, ohne auf die Zuschauer zu achten. Sie 
waren so in ihren Disput vertieft, daß sie selbst das 
Klingelzeichen überhörten. Wie übrigens die ganze 
Klasse. Erst als plötzlich die Tür aufgerissen wurde und 
 
 
271 
jemand aus der Nachbarklasse rief: »Na, was ist, habt ihr 
Watte in den Ohren, ist doch längst Pause!«, legten die 
beiden die Kreide aus der Hand und traten von der 
Tafel zurück. 
»Und doch hast du unrecht«, beharrte die Lehrerin. 
»Das müssen Sie erst mal beweisen«, erwiderte Alissa. 
Mila Rutkewitsch, während sie ihre Bücher 
zusammenpackte, sagte laut, daß es jeder hören konnte: 
»Warum nur manche Leute dauernd mit ihrem Wissen 
prahlen müssen!« 
Julka aber stürzte sich im Korridor auf Alissa und 
schimpfte »Weshalb mußt du dich immer so rausstellen? 
Möchtest wohl als mathematisches Genie gelten!« 
»Ihre Lösung war wirklich falsch, wie hätte ich da 
schweigen können? Außerdem war das eine interessante 
Problemstellung.« 
»Ach was, wenn ich zu Puschkins -Zeit im Lyzeurn 
aufgekreuzt wäre, hätten sie mich auch als Wunderkind 
angesehn.« 
»Ins Lyzeum hätten sie dich gar nicht gelassen«, 
erwiderte Alissa, »das war nämlich nur für Jungs. Aber 
jetzt sieh dir lieber den Zettel hier an. jemand hat ihn 
mir ins Heft gelegt.« »Wer?« »Keine Ahnung.« 
Julka las: »Frag mal den Sadowski, wie man solche 
xGleichungen in hundert Jahren löst. - Einer, der es gut 
mit dir meint.« 
»Oje«, sagte Julka, »ist er das?« 
»Ich weiß nicht. Kennst du die Schrift?« 
»Sie kommt mir bekannt vor. Ich muß nachdenken, 
dann fällt es mir bestimmt ein. Aber im Grunde hatte 
 
 
272 
ich den Sadowski von Anfang an in Verdacht. Er ist 
ständig auf Abenteuer aus. Na los, wir nehmen ihn ins 
Verhör.« 
»Warte. Vielleicht hat ihn jemand absichtlich 
verleumdet.« 
»Aber warum?« 
»Um von sich selbst abzulenken. Könnte doch 
möglich sein, daß jemand einen gehörigen Schreck 
bekommen hat.« 
»Und wer sollte das sein?« 
»Na, zum Beispiel Sulima. Oder Naumow.« 
»Die würden ihre Schuld niemals auf einen anderen 
abwälzen! Ich hab dir schon mal gesagt, daß wir keine 
Gauner in unsrer Klasse haben, die zuerst ein 
Myelophon klaun und die Sache dann einem andern in 
die Schuhe schieben. Aber eins glaube ich jetzt auch. 
jemand hier hat von dem Geheimnis Wind bekommen 
und möchte dir helfen.« 
»Wenn er das will, braucht er bloß den Mund 
aufzutun.« 
»Und wenn derjenige Angst hat?« 
»Vor wem denn, doch nicht etwa vor Sadowski?« 
»Was weiß ich, jedenfalls kann man das auch ohne 
deine Zurückhaltung in Erfahrung bringen ... Sadowski, 
komm mal her!« 
Kolja Sadowski hielt sich, wie von ungefähr, in ihrer 
Nähe auf. 
- »Kann ich dich mal was fragen?« begann Julka. 
»Natürlich, aber nur, wenn du keine Vieren verteilst.« 
»Laß es, Julka, bat Alissa, »du verdirbst alles.« 
 
 
273 
»So ernst?« spöttelte Sadowski. »Dann geb ich keine 
Ruhe, bis ich weiß, was los ist.« 
»Sag mal, Kolja, hast du kürzlich einen wertvollen 
Gegenstand an dich genommen?« fragte Julka. 
»Ich?« 
»Ja, du. Und dann nicht zurückgegeben?« 
»Was denn für ein Gegenstand? Vielleicht hab ich ihn 
genommen, ohne es zu merken.« 
»Verstell dich nicht, du hast es sehr wohl gemerkt.« 
»Also da mußt du dich schon ein bißchen genauer 
ausdrükken.« 
»Du hast also nichts weggenommen?« 
»Aber klar, ich nehme doch stets und ständig was 
weg, ohne es je wieder zurückzugeben. 
Übrigens hab ich erst heute früh eine alte Frau um 
hundert Rubel erleichtert, in einzelnen Scheinen, um mit 
ihnen die Tür in unserem Badezimmer zu bekleben.« 
»Hör auf mit dem Geblödel!« entrüstete sich Julka. 
»Ich frag dich im Ernst.« 
»Also wenn es dein Ernst ist«, erwiderte Kolja, 
»müßte ich dir das übelnehmen. Du hast mir Diebstahl 
vorgeworfen und dich bis jetzt nicht entschuldigt. Ich 
hoffe, du holst das sofort nach.« 
Alissa war erstaunt, wie sehr sich die Stimme Kolja 
Sadowskis verändert hatte. Eben noch hatte er an eine 
schlafmützige rothaarige Vogelscheuche erinnert, und 
plötzlich war ein Zorn in seinen Augen, als wollte er 
Julka im nächsten Moment ein paar verpassen. 
»Wir bitten um Entschuldigung«, lenkte Alissa schnell 
ein. »Es war ein Test, vergiß es.« 
 
 
274 
»Was für ein Test?« 
»Ob jemand Sinn für Humor hat«, sagte Alissa. »Du 
hast ihn nicht bestanden.« 
»Das wäre das erste Mal, seit ich lebe«, erwiderte 
Sadowski, und es wurde nicht klar, ob er ihnen glaubte. 
»Also wirklich, Julka, das war dumm von dir«, rügte 
Alissa, als Kolja weg war. »Ich hatte dich so gebeten, 
dich nicht einzumischen.« 
»Das ist jetzt schon nicht mehr allein deine 
Angelegenheit, es geht uns alle an, die ganze Klasse. 
Verstehst du das nicht?« 
»Ich versteh nur eins - einer der Jungs hält das 
Myelophon bei sich versteckt, das aber finde ich mies 
und feige. Und was noch schlimmer ist: Er befindet sich 
in großer Gefahr.« Die letzte Stunde war Geographie. 
Die Lehrerin erzählte vom Klima und der 
Bevölkerungsdichte in Indien, und als sie bei der 
Tierwelt angelangt war, rief Fima Koroljow plötzlich 
dazwischen: »Die Selesnjowa war schon mal in 
London!« 
»Ja und«, sagte die Lehrerin verwundert, »wir sind 
doch heute bei Indien?« 
»Vielleicht war sie auch in Indien«, beharrte Fima. 
Was willer bloß, dachte Alissa, der hat mir gerade 
noch gefehlt. 
»Also gut«, erwiderte die Lehrerin. »Alissa, warst du 
schon mal in Indien?« 
Himmel, gleich wird sie's zugeben, dachte Julka 
entsetzt, und tatsächlich stand Alissa auf und sagte: »Ja, 
ich war dort.« 
 
 
275 
»Sehr interessant!« Die Lehrerin hatte bereits von der 
neuen, ungewöhnlichen Schülerin gehört. 
»Dann berichte uns doch mal von deinen 
Eindrücken.« 
»Ich war nur kurze Zeit dort«, sagte Alissa. 
»Trotzdem. Irgendwas mußt du doch gesehen haben.« 
»Ja, natürlich.« 
»In welchen Städten bist du gewesen?« 
»In Dehli, Madras und Gandhibad.« 
»Nanu«, sagte die Lehrerin, »die dritte Stadt ist mir ja 
völlig unbekannt.« 
»Sie ist zu Ehren von Indira Gandhi so benannt 
worden«, erklärte Alissa. »Wir sind da gelandet, als wir 
nach Australien flogen.« 
»Merkwürdig«, sagte die Lehrerin. 
»Meine Güte, Australien!« rief Borja Messerer aus. 
»Da könnt man glatt überschnappen!« 
Aber ja, dachte Julka, eine Stadt namens Gandhibad 
wird es erst in der Zukunft geben. Warum kann diese 
Alissa bloß ihre Zunge nicht im Zaum halten! Und dann 
noch Fima, der jetzt mit seltsam gehässiger Stimme rief: 
»Sie soll sagen, in welchem Jahr das war!« 
Alissa drehte sich heftig zu ihm um und fragte: »Was 
willst du damit sagen?« 
»Genau das, was du gehört hast.« 
»Ruhe, Kinder!« rief die Lehrerin. »Und du, Alissa, 
setz dich!« Dann fuhr sie, als wäre nicht das geringste 
vorgefallen, in ihrem Bericht über Indien fort, doch 
niemand hörte mehr richtig zu. In der Klasse wurde 
 
 
276 
getuschelt, man sah zu Alissa hinüber, sie aber schrieb 
einen Zettel an Firma: »Was hast du gemeint?« 
Die Antwort kam umgehend: »Das weißt du selber.« 
Alissa drehte sich zu Julka um und flüsterte: »Laß ihn 
nicht aus den Augen.« 
»Ist klar.« 
Nach dem Unterricht wollte Alissa auf Fima zugehn, 
doch er sprang über die Bank und rannte in den Flur 
hinaus. Alissa lief ihm nach, wurde dort aber von Julka 
eingeholt, die ihr mit erschrockenen Augen zuflüsterte: 
»Und wenn es nun gar nicht Kolja war?« 
»Wie denn das?« 
»Ich meine, wenn es nun Fima war? Der ist 
unheimlich raffiniert und bringt es fertig, mit einem 
fremden Namen zu unterschreiben.« 
»Tja«, sagte Alissa, »an so was hab ich natürlich nicht 
gedacht.« 
»Ganz bestimmt ist er es! Wollen wir ihm nach? Na 
los, wir bearbeiten ihn!« 
»Warte. Ich glaube trotzdem, daß er den Sadowski ins 
Spiel gebracht hat, um mich auf eine falsche Fährte zu 
locken.« 
»Jedenfalls muß er wissen, wer das Myelophon hat«, 
sagte Julka, »dafür leg ich meine Hand ins Feuer!« 
»Du hast recht. Mit wem ist er am meisten 
befreundet, mit Sulima?« 
»Ich glaube. Obwohl der Fima mit allen befreundet ist 
und sich mit jedem zankt.« 
»Wo ist eigentlich Sulima?« 
 
 
277 
»Beim Schach. In der Aula findet heute ein Turnier 
mit einem Großmeister statt.« 
»Na, dann nichts wie hin!« 
 
 
 
 
278 
15. Ein Supergirl 
 
 
In der Aula waren die Tische zu einer Reihe 
zusammengerückt worden - auf ihnen standen dreißig 
Schachbretter. Der Großmeister, schlank und 
braungebrannt, erinnerte an einen lustigen Räuber. 
Alissa hielt auf Zehenspitzen nach Kolja Sulima 
Ausschau, in diesem Augenblick drängte sich Borja 
Messerer zu ihr durch und sagte: »Ich weiß, wie man 
dich nennen könnte.« 
Die andern drehten sich zu den beiden um, und Katja 
Michailowa fragte: »Wie denn?« 
»Alissa spielt besser als alle Volleyball, sie ist ein As in 
Mathe, war in London, in Australien und kann Englisch, 
sogar besser als ich. Sie ist ein Superman.« 
»Blödsinn!« entrüstete sich Alissa. »Was bist du bloß 
für ein Quatschkopf, Borja.« 
»Superman ist außerdem männlich«, widersprach 
Katja Michailowa. 
»Dann ist sie eben ein Supergirl«, parierte Kolja 
Sadowski. 
Alissa hatte nun Sulima entdeckt, sie wollte schon zu 
ihm gehn, drehte sich dann aber plötzlich zu Julka um 
und flüsterte: »Himmel, jetzt ist es mir eingefallen!« 
»Was ist dir eingefallen?« 
Alissa beugte sich ganz dicht zum Ohr der Freundin 
und sagte hastig: »Aber das ist ein riesiges Geheimnis - 
 
 
279 
wir haben zu Hause ein Buch mit dem Titel >Das 
künstlerische Schaffen Boris Messerers<.« 
»Ach was, das ist bestimmt nur ein Namensvetter«, 
winkte Julka ab. »Aus dem wird nie was, er ist viel zu 
unernst.« 
»Auf die Plätze, Ihr Schachexperten!« rief Eduard 
Petrowitsch, der Sportlehrer, und die Spieler setzten 
sich an die Tische. Von den Mädchen spielten lediglich 
Mila Rutkewitsch und eine Schülerin aus der Achten. 
»Sind alle bereit?« erkundigte sich Eduard 
Petrowitsch. 
»Timoschkin fehlt«, sagte jemand. 
Der Platz neben Kolja Sulima war leer geblieben. 
»Timoschkin ist krank geworden.« 
»Nun ja, dann müssen wir eben ohne ihn 
auskommen«, erwiderte der Lehrer. 
»Wie sieht's aus, Alissa«, sagte Borja Messerer, »kannst 
du nicht auch Schach spielen? Nie ist das bei euch 
Supergirls?« Und an Eduard Petrowitsch gewandt: »Die 
Selesnjowa möchte für Timoschkin einspringen!« 
»Die Selesnjowa? Ach so, natürlich. Dann nimm 
Platz, Alissa, aber beeil dich.« Er wies auf den freien 
Stuhl neben Sulima. »Nur zu«, sagte der Großmeister 
lächelnd, »keine Scheu!« 
Alle im Saal starrten Alissa an, die eilig neben Sulima 
Platz nahm. »Grüß dich, Kollegin«, sagte Kolja belustigt. 
»Wenn es brenzlig für dich wird, will ich versuchen, dir 
zu helfen.« »Danke«, antwortete Alissa, »aber ich spiele 
lieber allein.« Der Großmeister ging die Tische entlang 
und zog mit einer schnellen Bewegung den 
 
 
280 
Königsbauern um zwei Felder vor. Einige Spieler 
reagierten sofort, andere überlegten. Als der 
Großmeister zu seinem zweiten Rundgang ansetzte, 
hatten alle bis auf Mila Rutkewitsch den Gegenzug 
getan. Der Herausforderer setzte nach einem kurzen 
Blick auf die jeweilige Antwort des Gegners zur 
Erwiderung an. Nach dem vierten Zug trat er ein Stück 
von den Tischen zurück und begann sich mit Eduard 
Petrowitsch zu unterhalten. Die Fans hatten sich hinter 
den stärksten Spielern versammelt, schauten auf die 
Bretter. Hinter Kolja Sulima drängten sich an die 
zwanzig Mann. 
Beim fünften Zug unterlief dem Spieler am zweiten 
Brett ein grober Fehler. Er handelte sich ein 
Schäfermatt ein, und der Großmeister sagte: 
»Entschuldigung«, so als hätte er ihm versehentlich auf 
den Fuß getreten. Der Schüler wurde rot und kam 
kleinlaut hinter dem Tisch hervor. 
Mila Rutkewitsch gab auf, als an den Tischen keine 
zehn Mann mehr saßen. Sie hatte einen Turm 
eingebüßt, weil sie sehr aufgeregt war und immer etwas 
zu übersehen fürchtete. 
Sulima überlegte lange, und der Großmeister war 
bereits zweimal vergeblich an seinem Brett 
vorübergegangen. Plötzlich sagte Alissa, die immer mal 
zu Kolja hinübergeschaut hatte: »Springer f 6«, und 
wandte sich sofort wieder ab. 
»Oho!« sagte Kolja Naumow, der Sulimas Spiel 
aufmerksam verfolgt hatte. »Sie hat recht - Springer f 6! 
Dann zieht der Gegner vielleicht mit dem Turm.« 
 
 
 
 
282 
 
»Sagt doch nicht dauernd vor!« schimpfte Sulima. 
»jetzt geh ich erst recht anders.« 
»Na was ist, Junger Mann«, sagte der Großmeister, 
»bist du soweit?« 
Kolja schwieg. 
»Er wollte Springer f 6 ziehn«, sagte Borja Messerer, 
»zögert aber noch.« 
Der Großmeister lächelte. »Warum nicht, ein guter 
Zug. Versuch es. Das könnte interessant werden.« 
Sulima setzte den Springer. Der Großmeister 
überlegte, parierte dann aber doch nicht mit dem Turm, 
wie Naumow vermutet hatte, sondern zog seinen König 
zurück. 
Nun hatten sich fast alle Zuschauer hinter Kolja 
Sulima versammelt, bedrängten ihn so, daß sich Eduard 
Petrowitsch einschalten mußte. »Tretet ein Stück 
zurück, Kinder! Ihr stört die Spieler und werft noch den 
Tisch um!« 
Alle bangten um Kolja, deshalb bemerkte niemand 
außer Julka, wie lange der Großmeister vor Alissas Brett 
verweilte. Schließlich seufzte er und sagte nachdenklich, 
mehr zu sich selbst- »Nein, dieses Opfer nehme ich 
nicht an.« 
Er schob einen Bauern vor und ging zum letzten 
Brett in der Tischreihe. Auf halbemWeg drehte er sich 
noch einmal zu Alissa um, schüttelte den Kopf.
 
 
283 
 
Alissa machte ihren Zug und schaute zu Kolja Sulima 
hinüber, um zu sehen, was der mit Hilfe seiner 
»Ratgeber« zu tun gedachte. Obwohl Eduard 
Petrowitsch gefordert hatte, nicht vorzusagen, hatten sie 
ihn mit ihrem Gerede nun gänzlich 
durcheinandergebracht. 
»Die Dame, du mußt mit der Dame ziehn!« flüsterten, 
zischten, riefen ja schrien die Fans in seinem Rücken. 
Und: »Nimm den Läufer!« beharrten andere. Es hätte 
nicht viel gefehlt, und das Ganze wäre zu einem 
Gerangel ausgeartet. 
Kolja schaute verstört zu Alissa herüber, die aber 
bewegte einzig die Lippen: »Bauer h 4.« 
Als der Großmeister kam, zog Kolja Bauer h 4. 
»Das hast du gut gemacht«, lobte der Großmeister, 
sichtlich erfreut, »genau diesen Zug hatte ich 
befürchtet.« Aber da er ihn offenbar vorausgesehen 
hatte, war er auch sofort zum Gegenzug bereit. 
»Schach«, sagte er. 
»O Mann!« stöhnten Koljas Anhänger, und Sulima 
griff sich an den Kopf. 
»Ich hab's dir gleich gesagt«, schimpfte Borja 
Messerer, »ich hab dich gewarnt.« 
Der Großmeister war unterdessen zu Alissa 
zurückgekehrt, die Lage dort gefiel ihm ganz und gar 
nicht. »Tja«, sagte er schließlich, »da hab ich nicht richtig 
aufgepaßt.« 
Julka zog Kolja Naumow am Ärmel, flüsterte: »Schau 
doch mal!« 
 
 
284 
»Was gibt's denn?« fragte Naumow unwirsch. 
»Sieh nur hin!« 
Der Großmeister begab sich zum anderen Ende der 
Tischreihe, wo er einen Schüler aus der zehnten Klasse 
mattsetzte. jetzt hatte er nur noch zwei Gegner. Eduard 
Petrowitsch, der bei Alissa stand und den Spielstand 
abschätzte, sagte kopfschüttelnd und mit 
Verschwörerstimme zu Julka: »Sie muß unbedingt an 
unsrer Schule bleiben. Wenn du ein wenig Patriot bist, 
Julka, mußt du das erreichen.« 
Da wurde Julka klar, daß Alissa im Begriff war, gegen 
den Großmeister zu gewinnen. Sie sagte. »Das wäre 
auch mein größter Wunsch.« 
Alissa sah unterdessen zu Koljas Brett hinüber und 
überlegte fieberhaft, auf welche Weise er den 
Großmeister besiegen könnte. Wie die Dinge standen, 
würde der ihm einen Damentausch aufzwingen und 
damit ein ewiges Schach erreichen. Das aber hieße 
Remis. 
»Soll ich aufgeben?« fragte Kolja das Mädchen. 
»Bist du verrückt?!« 
In diesem Augenblick trat der Großmeister zu Sulima. 
»Nun, wie hast du dich entschieden?« 
»Darf ich noch ein bißchen überlegen?« 
»Natürlich«, sagte der Großmeister und wandte sich 
wieder Alissa zu. »So, so«, murmelte er, nachdem er 
ihren Zug zur Kenntnis genommen hatte, »nun denn, 
vielen Dank. Ich war zu selbstsicher, und du hast mir 
eine Lektion erteilt. Ich geh auf.« Er drückte Alissa die 
Hand. 
 
 
285 
Alissa erhob sich und erwiderte: »Den Dank haben 
Sie verdient. Ich an Ihrer Stelle hätte von den dreißig 
Partien bestimmt zehn verloren. Es ist unheimlich 
schwierig, so viele Bretter im Kopf zu behalten.« 
»Das stimmt nicht ganz«, antwortete der Großmeister. 
»Ich hatte lediglich drei oder vier Positionen im Kopf, 
die anderen waren für mich ungefährlich.« 
Sie wandten sich Kolja Sulima zu, der noch immer 
grübelte. Außer Julka und dem Sportlehrer hatte 
niemand bemerkt, daß der Großmeister gegen Alissa 
verloren hatte. Alle starrten wie gebannt auf Koljas 
Brett. 
Kolja streckte schon zum dritten Mal die Hand nach 
seinem König aus, unentschlossen, wohin er ihn stellen 
sollte, obwohl das jetzt keine Rolle mehr spielte. 
Schließlich schob der Großmeister seine Dame vor: 
»Schach!« 
»Und Gardez«, ergänzte Mila Rutkewitsch, aber das 
war auch so allen klar. 
Kolja schaute hilfeheischend zum Nachbarbrett 
hinüber, an dem Alissa hätte sitzen müssen, doch sie 
war nicht da. 
»Schnapp dir die Königin«, sagte Naumow, der kaum 
eine Ahnung vom Schach hatte. 
»Nicht die Königin, sondern die Dame«, verbesserte 
Mila Rutkewitsch. 
Kolja tauschte - es war mittlerweile ganz still 
geworden seine Dame gegen die des Großmeisters, und 
der führte umgehend ein ewiges Schach mit Turm und 
Springer herbei. Die Stellung wiederholte sich dreimal. 
 
 
286 
»Remis!« verkündete Eduard Petrowitsch am Ende. 
»Remis! Hurra, Remis!« riefen die Fans. »Sulima hat 
gegen den Großmeister Remis gespielt!« »Hört mal 
einen Moment her!« sagte der Lehrer. »Ich möchte 
Wladimir Arkadjewitsch in eurem Namen dafür danken, 
daß er sich die Zeit genommen hat, zu uns zu 
kommen.« 
Alle klatschten. 
»Das Ergebnis des Turniers«, fuhr der Lehrer fort, 
»lautet achtundzwanzigeinhalb zu anderthalb für den 
Großmeister.« 
Die Anwesenden waren baff. »Da müßten ja noch 
zwei Remis gespielt haben«, rief Mila Rutkewitsch. »Das 
ist bestimmt ein Irrtum.« 
»Keineswegs«, sagte der Großmeister. »Ich möchte 
mich ebenfalls bei euch bedanken, Kinder. Einige 
meiner Gegner haben sich als echte Kämpfer erwiesen. 
Und ich glaube sogar, daß mein letzter Widersacher 
ebenfalls hätte gegen mich gewinnen können wie dieses 
Mädchen, wäre er nur ein bißchen entschlossener 
gewesen und hätte er nicht soviel auf die anderen gehört 
... « »Was für ein Mädchen?« fragte Mila Rutkewitsch. 
»Na wer schon.- Alissa Selesnjowa!« rief Julka, die 
nicht länger an sich halten konnte. »Sie hat den 
Großmeister besiegt!« 
»Was denn für eine Alissa, wo ist sie?!« Die Schüler 
aus den anderen Klassen kannten Alissa noch nicht, und 
es ging ein mächtiges Durcheinander los. Am lautesten 
aber hörte man die Stimme Borja Messerers, der immer 
wieder erklärte: »Ich hab's euch doch gesagt - sie ist ein 
 
 
287 
Supergirl! Es ist meine Entdekkung! Und ich hab sie als 
erster gemalt!« 
 
 
 
 
288 
16. Sie ist gefährlich 
 
 
Am nächsten Morgen überschlugen sich die Ereignisse 
geradezu. Auf dem Weg zur Schule wurde Kolja 
Sadowski von einem auffallend dicken Mann in langem, 
schwarzem Regenumhang angehalten, der seinen Hut 
tief in die Stirn gezogen hatte. 
»Guten Tag«, sagte der Dicke, »bist du aus der Sechs 
b?« 
»Wie kommen Sie darauf?« erwiderte Kolja. »Sieht 
man mir das an?« 
Der Dicke gefiel ihm nicht - er hatte ein gar zu 
gutmütiges Gesicht, es wirkte aufgesetzt. Deshalb sagte 
Kolja: »Wären Sie mal so freundlich, Ihre Maske 
abzunehmen?« 
»Was für eine Maske?« 
»Unter der Sie Ihre Hauer verstecken.« 
Der Dicke fuhr sich mit der Hand schnell ins Gesicht, 
als befürchte er, daß dort tatsächlich ein paar Hauer 
zum Vorschein kommen könnten. 
Sadowski setzte seinen Weg fort, ließ den Dicken 
einfach stehn, der aber holte ihn ein und sagte: 
»Augenblick. Gibt es bei euch in der Klasse einen 
Kolja?« , 
»Soll ich ehrlich sein?« fragte der Junge. 
»Ja, natürlich! Ehrlichkeit ist die höchste menschliche 
Tugend.« 
»Also gut, wenn ich ehrlich sein soll - ich bin Kolja.« 
 
 
 
 
290 
»Nein«, rief der Dicke aus, »du bist nicht Kolja. 
Zumindest nicht der richtige.« 
»Das haben Sie sehr genau festgestellt«, erwiderte 
Sadowski. »Ich frag mich in der letzten Zeit nämlich 
schon selber, ob ich der Kolja bin, der ich mal war. Ich 
hab ziemlich rote Haare, finden Sie nicht?« 
»Was denn, hattest du früher andere?« Der Dicke 
musterte ihn aufmerksam. 
»Früher war ich blond«, antwortete Kolja, »und 
außerdem ein Mädchen.« 
Der Dicke schnaufte. »Also gut«, sagte er, »dann hab 
ich jetzt eine zweite Frage. Kennst du eine Alissa?« 
»Ja, aber die geht nicht mehr zur Schule«, erwiderte 
Kolja. Also wirklich, der Dicke gefiel ihm immer 
weniger. Er wollte ihn möglichst schnell los werden, um 
so mehr, als er keine Lust hatte, ihm etwas über Alissa 
zu erzählen. »Sie ist übrigens in den Pamir geflogen«, 
fügte er hinzu, »und läßt Ihnen ausrichten, daß Sie 
ihrem Hündchen nichts tun sollen. Sonst noch Fragen?« 
»Du bist ein sehr ungezogener Bengel!!« entrüstete 
sich der Dicke. »Deine rothaarige Visage merk ich mir!« 
Gleich darauf war er wie vom Erdboden verschluckt. 
Kolja blieb noch ein Weilchen stehen, seufzte dann und 
ging schließlich weiter. 
Fünf Minuten später traf an genau derselben Stelle 
Mila Rutkewitsch mit dem Dicken zusammen - er ragte 
unvermittelt wie ein Berg vor ihrauf und sagte: 
»Entschuldigung, mein Mädchen, bist du aus der Sechs 
b?« 
»Ja«, antwortete Mila. 
 
 
291 
»Wärst du so nett, mir ein paar wichtige Auskünfte zu 
geben?« Der Dicke ging neben Mila her und sprach 
höflich, geradezu unterwürfig. 
»Was könnte ich Ihnen schon für Auskünfte geben?« 
sagte Mila. 
»Mir ist ein großes Mißgeschick widerfahren«, barmte 
der Dicke, »und nur du, mein Mädchen, könntest mir 
helfen.« 
»Aber ich bin in Eile, ich muß zur Schule. Wir haben 
in der ersten Stunde Englisch, und ich will meine 
Übersetzung noch einmal durchgehn.« 
»Ich werde nicht länger als zwei Minuten von deiner 
kostbaren Zeit in Anspruch nehmen«, versprach der 
Mann. »Ich muß mit dir über Alissa reden.« 
»Über welche Alissa?« Mila Rutkewitsch wurde 
mißtrauisch. 
»Ich hab keine Ahnung, unter welchem 
Familiennamen sie bei euch eingetragen ist, aber ich 
denke doch, daß ihr nur diese eine Alissa habt.« 
»Ja, Alissa Selesnjowa«, sagte Mila. »Was ist passiert?« 
»Ich hoffe, nichts Schlimmes. Wenigstens vorerst 
nicht.« Der Mann legte eine lange, bedeutungsvolle 
Pause ein. 
»Könnte denn etwas passieren?« Mila warf ihren 
schwarzen Zopf auf den Rücken. »Sind Sie von der 
Miliz?« 
»In gewisser Weise, ja«, sagte der Dicke. »Wann und 
warum ist Alissa in eure Klasse gekommen?« 
 
 
292 
»Vor drei Tagen«, erwiderte Mila. »Sie wohnt bei Julka 
Gribkowa, die beiden haben zusammen im 
Krankenhaus gelegen.« 
»Soso, das kommt hin... .«, murmelte der Dicke. Sie 
gingen an einem kleinen Platz vorüber, auf dem eine 
freie Bank stand. »Wenn du nichts dagegen hast«, sagte 
der Mann, »könnten wir uns einen Augenblick setzen.« 
Mila nickte, sie hatte noch Zeit. Die Sache begann sie 
zu interessieren, zumal ihr diese Alissa ziemlich 
unsympathisch war. 
»Ist dir an ihrem Verhalten etwas Seltsames 
aufgefallen?« erkundigte sich der Dicke. »Etwas, das 
nicht zu uns paßt? Etwas, das sie von den anderen 
abhebt?« 
»Tja, wie soll ich sagen ... « Mila zuckte die Achseln. 
»Ich verstehe. Du willst nicht schlecht von deiner 
Mitschülerin sprechen. Das ist sehr löblich, ja wirklich. 
Doch es geht um so ernste und wichtige Dinge, daß du 
unbedingt die Wahrheit sagen mußt. Du bist schließlich 
ein verständiges Mädchen, nicht wahr? Also: Wie 
findest du Alissa, gefällt sie dir?« 
»Nein!« brach es aus Mila, fast gegen ihren Willen, 
heraus. 
»Warum nicht?« 
»Sie gibt überall mit ihrem Wissen an«, sagte Mila. 
»Aha, mit ihrem Wissen«, wiederholte der Dicke. »ja, 
auch das paßt zum Bild. Doch nun eine andere Frage: 
Habt ihr einen Kolja in eurer Klasse?« 
»Aber ja, gleich drei!« 
»Und mit welchem von ihnen ist Alissa befreundet?« 
 
 
293 
»Sie ist nur mit Julka Gribkowa befreundet«, erwiderte 
Mila, »aber ich kümmere mich nicht um fremde 
Angelegenheiten.« 
»Sehr löblich«, sagte der Dicke wieder. »Trotzdem 
mußt du uns helfen. Ich bin nämlich Chefarzt eines 
Krankenhauses für besonders aggressive Kinder. 
Voriges Jahr ist ein hoffnungslos krankes Mädchen 
namens Alissa bei uns eingeliefert worden, sie neigte zur 
Brutalität, zum Randalieren. Sie schlug Kinder und 
Erwachsene, biß, wenn man sich ihr näherte. Sie hat 
auch aus einem Schulmuseum ein Tigerfell gestohlen, 
sich damit verkleidet und nachts Passanten beraubt. Als 
man Alissa einfing, hat sie drei Milizionäre zerkratzt und 
den Fährtenhund erwürgt, so daß wir ihr die 
Zwangsjacke anlegen mußten.« 
»Aber das ist ja schrecklich!« sagte Mila. 
»Nein, nicht schrecklich«, sagte da eine melodische 
Frauenstimme, »man muß im Gegenteil Mitleid mit 
Alissa haben. Es ist ja nicht ihre Schuld, daß sie krank 
ist.« 
An Milas Seite stand plötzlich eine kleine, hübsche, 
zierliche Frau in weißem Kittel und mit einem roten 
Kreuz am Ärmel. 
»Ach ja, darf ich vorstellen?« sagte der Dicke. »Das ist 
Frau Doktor Iwanowa. Sie hat unzählige Nächte damit 
verbracht, das arme Mädchen zu beruhigen, ihr 
Märchen zu erzählen und Medikamente zu geben.« 
»Das ist wahr«, stimmte die Frau zu, »leider waren all 
meine Bemühungen vergeblich. Dieses unselige Kind ist 
 
 
294 
neulich aus dem Krankenhaus geflohen, indem es aus 
einem Fenster im fünften Stock sprang.« 
»Und ihr ist nichts passiert?« 
»Nein, nicht das geringste. In diesem Zustand 
verspüren die Patienten keinerlei Angst. Wir haben 
schon in sämtlichen Schulen und Krankenhäusern 
nachgefragt - Alissa ist spurlos verschwunden. Doch 
nun haben wir erfahren, daß ein Mädchen, auf das die 
Beschreibung zutrifft, bei euch in der Klasse 
aufgetaucht sein soll.« 
»Aber sie macht insgesamt einen ruhigen Eindruck«, 
wandte Mila ein. »Und sie kann ganz ausgezeichnet 
Englisch.« 
»Das ist ja gerade das Unnormale«, erklärte der Dicke. 
»Ihr ganzer Verstand ist einzig darauf gerichtet, ihre 
Umgebung zu täuschen und den Eindruck zu erwecken, 
sie sei völlig normal. 
Genau darin liegt die Gefahr. Und daß sie so viel 
weiß, geht auch nicht mit rechten Dingen zu. Oder 
findest du es einleuchtend, daß ein Mädchen ihres 
Alters so klug ist?« 
Dieses Argument gefiel Mila sehr, es wischte all ihre 
Bedenken weg. Aber ja, das war die Lösung: Alissa war 
nicht normal, es konnte gar nicht anders sein! Kein 
Schüler der sechsten Klasse konnte klüger sein als sie, 
Mila Rutkewitsch! 
Als sie das begriffen hatte, war ihre Antipathie 
gegenüber Alissa wie weggeblasen. Nun tat ihr die 
andere direkt leid. »Was werden Sie mit ihr machen?« 
fragte sie. 
 
 
295 
»Wir nehmen sie mit.« 
»Warten Sie«, sagte Mila, »Alissa ist so still. Vielleicht 
wäre es besser für sie' bei uns in der Klasse zu bleiben. 
Sie könnte wieder gesund werden und am Ende ganz 
normale Leistungen bringen, genau wie die andern.« 
»Und wenn sie erneut zu toben anfängt? jemanden 
beißt? Denk doch mal an die Gefährdung deiner 
Mitschüler.« 
»Oje«, sagte Mila, »das hab ich ganz vergessen. Also 
gut, gehen wir schnell zum Direktor und erzählen alles.« 
»Nein, das ist leider nicht möglich«, erwiderte der 
Dicke betrübt. »Denn wenn wir uns geirrt haben und es 
gar nicht die von uns gesuchte Alissa ist, würden wir 
eine Unschuldige schwer belasten.« »Doch, doch, 
natürlich ist sie es!« beharrte Mila. »Es ist völlig 
unnormal, wie gut sie alles kann.« »Trotzdem wollen wir 
diskret vorgehn«,, sagte die zierliche Doktor Iwanowa. 
»Wir werfen zuerst einen Blick in die Klasse, 
vergewissern uns, daß es sich um das richtige Mädchen 
handelt. Und du hilfst uns dabei.« »Aber wie?« 
»Du bringst uns jetzt zum Hintereingang der Schule 
und zeigst uns, wo sich eure Klasse befindet. Aber so, 
daß Alissa es nicht bemerkt. Alles weitere übernehmen 
wir selbst. Und niemand wird erfahren, daß du uns 
geholfen hast, einverstanden?« 
»Na schön. Wenn es für die Medizin und die 
Sicherheit der Mitbürger notwendig ist, bin ich 
einverstanden. Dann kommen Sie jetzt, der Unterricht 
fängt bald an.« 
 
 
296 
Sie führte die beiden von hinten, durch den 
Schulgarten, ins Haus, erklärte ihnen, daß sie zum 
dritten Stock hinaufsteigen müßten, und sagte: »Aber 
nehmen Sie sie nicht direkt in der Klasse fest, das würde 
mir sehr leid tun.« 
»Keine Angst«, versicherte Doktor Iwanowa mit 
gütiger Stimme, »wir machen das sehr schonend und 
human. Wir sind solche Fälle gewöhnt.« 
 
 
 
 
297 
17. Zweimal Alla Sergejewna 
 
 
Mila verabschiedete sich von den beiden und rannte in 
ihre Klasse. Direkt an der Tür stieß sie mit Alissa und 
Julka zusammen. »Oh!« Sie starrte Alissa erschrocken 
an, preßte sich an die Wand und ließ die Neue 
vorangehen. 
»Was hat sie denn?« fragte Julka. »Die hat uns ja 
angesehn, als wären wir Gespenster.« 
»Keine Ahnung«, sagte Alissa, »ist bei mir alles in 
Ordnung? Vielleicht hab ich die Schuhe falsch rum an.« 
»Nein, es ist alles in Ordnung.« 
»Bei dir auch. Trotzdem muß sie irgendwas an uns 
verschreckt haben.« 
Mila Rutkewitsch war, ohne nach rechts oder links zu 
schaun, zu ihrem Platz geeilt, während die andern Alissa 
umringten und sich lautstark den gestrigen Tag in 
Erinnerung riefen, Borja Messerer schenkte ihr sein 
neuestesPorträt. Alissa mit Schachkrone. Es besaß 
nicht die geringste Ähnlichkeit mit ihr, trotzdem 
mußten alle lachen. Kolja Sadowski aber fragte deutlich, 
so daß es alle hören konnten: »Sag mal, Alissa, hast du 
einen Bekannten, der mächtig dick ist? « 
»Wieso? Wo hast du ihn gesehn?« 
Mila erstarrte zur Salzsäule - hatte dieser Sadowski sie 
etwa belauscht? 
»Nun sag schon, wo du ihn gesehen hast!« drängte 
Alissa. 
 
 
298 
»Auf dem Weg zur Schule«, erwiderte Kolja, »aber ich 
hab ihn abgehängt.« 
Die Klassentür wurde langsam geöffnet, und Mila 
dachte entsetzt: jetzt geht's los. 
Doch es war bloß Fima Koroljow. Er stürzte zum 
Lehrertisch und rief: »Hallo, Freunde, ihr seht jetzt eine 
Mordsnummer.« 
»Du bist verrückt, Fima«, sagte Katja Michailowa, 
»Alla Sergejewna wird jeden Augenblick hier sein.« 
»Das wird sie nicht«, widersprach Fima, »denn sie 
unterhält sich im Flur mit irgendeinem Dickwanst. Also, 
ich bitte um Aufmerksamkeit!« Fima öffnete seine 
Mappe und brachte ein sich wild gebärdendes Kätzchen 
zum Vorschein. »Ich bitte um Aufmerksamkeit!« 
wiederholte er. »Ihr seht vor euch die Superkatze mit 
Namen Alissa - sie kann bis hundert zählen!« 
In diesem Augenblick betrat Alla Sergejewna den 
Raum. Sie blieb an der Tafel stehen, ohne auch nur im 
geringsten Fima zu beachten, der dem flüchtenden 
Kätzchen hinterherjagte. »Ist das hier die Sechs b?« 
fragte sie, als würde sie nicht fast jeden Tag den Fuß in 
diese Klasse setzen. Die Kinder waren baff - wie konnte 
ihre Lehrerin nur eine so merkwürdige Frage stellen? 
Normalerweise würde sie sagen: »Koroljow, hör sofort 
mit dem Unsinn auf!« Und auch Alissa begriff sofort, 
daß etwas nicht stimmte. Sie duckte sich, verbarg das 
Gesicht. 
Nur Kolja Sadowski, der die seltene Gabe besaß, seine 
Späße stets zur richtigen Zeit anzubringen, antwortete: 
»Nein, wir sind die Zwei a.« Woraufhin Alla Sergejewna, 
 
 
299 
wiederum zur Verblüffung aller ausrief: »Das kann nicht 
stimmen! Du lügst schon wieder, Junge!« 
Nein, ausgeschlossen, daß Alla Sergejewna so mit 
Sadowski redete! 
Die Lehrerin ließ ihren Blick durch die Klasse 
schweifen, saugte sich mit den Augen geradezu an den 
Kindern fest, entdeckte schließlich Mila und fragte sie: 
»Wo ist Alissa?« 
»Dort, unter der Bank«, antwortete Mila gehorsam. 
»Aha«, rief Alla Sergejewna aus, »dann ist auch er hier!« 
Sie ging zur Bank, unter der Alissa sich versteckt hatte, 
bohrte ihre Blicke dabei aber unaufhörlich in die 
Gesichter der Kinder. »Wo ist Kolja?« fragte sie, 
wiederum an Mila gewandt. 
Die Rutkewitsch kniff vor Schreck die Augen zu. Das 
konnte doch nicht wahr sein! Alla Sergejewna sprach 
jetzt mit der Stimme von Doktor lwanowa. 
»Na also!« rief Alla Sergejewna. »jetzt hab ich dich!« 
 
In diesem Augenblick hörte man draußen gewaltigen 
Lärm. Die Klassentür wurde aufgerissen, und alle sahen, 
daß eine zweite Alla Sergejewna ins Zimmer stürmen 
wollte. Ein furchtbar dicker Mann mit verrutschtem 
Hut und langem schwarzem Regenumhang versuchte 
das zu verhindern, indem er sie in den Korridor 
zurückzog. Der Dicke wiederum wurde vom 
Sportlehrer Eduard Petrowitsch umklammert, der 
ebenfalls an ihm zerrte. Das Ganze erinnerte an eine 
Illustration zu dem »Märchen von der Rübe«. 
 
 
300 
»Lassen Sie mich los!« schimpfte Alla Sergejewna. 
»Das ist eine Unverschämtheit!« 
Eduard Petrowitsch, rot vor Anstrengung, hob den 
Dicken aus - nicht von ungefähr war er früher 
Ringkämpfer gewesen-, riß mit einem Ruck einen Arm 
von ihm nach hinten und warf ihn mit einem 
ausgesprochen eleganten Griff zu Boden. 
Der Dicke ließ Alla Sergejewna los und klatschte mit 
dem Gesicht auf. 
»Hurra!« schrien die sechsundzwanzig Zuschauer aus 
der Sechs b. »Ein Hoch für Eduard Petrowitsch! Ein 
klarer Sieg!« 
Gleich darauf gab es einen lauten Knall - die beiden 
Alla Sergejewnas waren vor der Tafel zusammengeprallt. 
Sie hatten ihre Brillen verloren und die Klassenbücher 
fallen lassen. 
»Das halt ich nicht aus!« rief die echte Alla Sergejewna 
und fiel in Ohnmacht. Die falsche Alla sprang über sie 
hinweg, rannte auf Eduard Petrowitsch zu und stieß 
ihm den Kopf in den Bauch. Der Sportlehrer hatte 
diesen Angriff nicht erwartet; er verlor das 
Gleichgewicht und ging in die Hocke. Mit einer für eine 
Frau ungewöhnlichen Kraft packte die falsche Alla den 
regungslos daliegenden Dicken bei den Beinen und 
zerrte ihn in den Korridor hinaus. Eine Sekunde später 
waren sie wie vom Erdboden verschluckt, man hörte 
nur noch den Kopf des Dicken über die Treppenstufen 
rumpeln. Einzig der schwarze Hut des Mannes und ein 
abgerissener Ärmel von seinem Regenumhang lagen 
noch im Raum, erinnerten an die Schlacht, die 
 
 
301 
stattgefunden hatte. Alla Sergejewna lag nach wie vor 
ohnmächtig am Boden, und auch Eduard Petrowitsch 
hockte an der Wand, ohne einen klaren Gedanken 
fassen zu können. 
Die Kinder fingen sich als erste. Einige von ihnen 
stürzten zur Lehrerin, um sie wieder zu sich zu bringen, 
andere halfen Eduard Petrowitsch auf die Beine. Nur 
Alissa beteiligte sich nicht an alldem. Sie hob Hut und 
Ärmel des Dicken auf, rannte schnell zum Fenster und 
warf die Beweisstücke hinaus. 
Etwa fünf Minuten vergingen, bis alle zur Ruhe 
kamen. Alla Sergejewna trank ein Glas Wasser, Eduard 
Petrowitsch erhob sich wieder und schaukelte wie ein 
dressierter Elefant mit dem Kopf, bis er schließlich in 
die Turnhalle abzog. Endlich kehrten auch die Kinder 
auf ihre Plätze zurück. 
»Setzt euch, Kinder, setzt euch«, murmelte Alla 
Sergejewna mit schwacher Stimme. »Eine unglaubliche 
Geschichte. Ich kann mir überhaupt keinen Reim drauf 
machen.« 
»Vielleicht sollten Sie sich etwas ausruhn?« schlug 
Borja Messerer vor. »Wir werden einfach dasitzen.« Er 
war bestrebt aus jeder Situation Nutzen zu ziehn. Der 
aber bestand darin, möglichst wenig zu lernen und statt 
dessen Bildchen zu malen. 
»Nein«, sagte Alla Sergejewna, bereits eine Spur 
entschiedener, »es ist ja nichts Besonderes vorgefallen. 
Wir werden die Sache später klären, jetzt fangen wir mit 
dem Unterricht an ... « 
 
 
 
 
303 
 
Alissa ließ ihren Blick inzwischen prüfend durch die 
Klasse gleiten. Zu dumm, daß sie sich im 
entscheidenden Moment unter der Bank versteckt hatte: 
Sonst wüßte sie jetzt, welchen der drei Koljas der Pirat 
als den richtigen erkannt hatte ... Kolja Sulima war an 
seinem Platz, Fima Koroljow ebenfalls, auch Kolja 
Sadowski ... Doch halt, wo steckte Kolja Naumow? 
Natürlich, der Naumow! Seine Tasche lag da, sein 
aufgeschlagenes Heft, er selbst jedoch war 
verschwunden. 
»Julka!« flüsterte Alissa hastig. »Naumow ist weg!« Sie 
stürzte zum Fenster. 
»Großer Himmel, Selesnjowa«, rief Alla Sergejewna, 
»was ist denn nun schon wieder los!« 
Alissa konnte gerade noch sehen, wie Kolja Naumow 
zum Schultor hinausrannte, ihm auf den Fersen die 
Piraten: der Fröhliche U im Regenmantel mit nur einem 
Ärmel, hinter ihm der Ratt. Er war gerade dabei, die 
Hülle Alla Sergejewnas abzustreifen und sich in 
Napoleon zu verwandeln, denn in Uniform ließ es sich 
besser laufen als in Frauenkleidern. 
»Julka, sie verfolgen ihn!« rief Alissa. »Ich lauf ihnen 
nach!« 
»Wer verfolgt wen?« fragte Alla Sergejewna. »Also 
nein, das ist zuviel für mich!« 
Alissa riß das Fenster auf, sprang, ehe auch nur 
jemand den Mund auftun konnte, mit einem gewaltigen 
Satz zu einer großen Eiche hinüber, die auf dem 
Schulhof wuchs. Bis zu ihrer Krone waren es vom 
 
 
304 
Fenster zwei, drei Meter. Alissa klammerte sich im Flug 
wie ein Affe an einen dicken Ast, wippte auf ihm und 
schwang sich zum nächstniederen Ast. Schließlich war 
sie unten angelangt, rannte hinter Kolja und den Piraten 
her. 
Alle aus der Sechs b waren zu den Fenstern geeilt und 
hatten diese waghalsige Nummer beobachtet. Nur Alla 
Sergejewna hatte nicht alles mitbekommen - sie war 
glücklicherweise erneut in Ohnmacht gefallen. 
Während Alissa ihre Sprünge vollführte, riefen die 
Mädchen ach und weh, die Jungs aber feuerten sie mit 
Rufenan. Lediglich Mila Rutkewitsch blieb gelassen. Als 
Alissa dann aus ihrem Blickfeld verschwunden war und 
die Mädchen sich abermals anschickten, die Lehrerin zu 
sich zu, bringen, sagte sie laut, so daß es alle hören 
konnten: »Das ist nicht weiter verwunderlich, Alissa ist 
nämlich nicht normal, ich habe mit ihrem behandelnden 
Arzt gesprochen. Und überhaupt, sie wird gesucht, weil 
sie aus einer Spezialklinik entflohen ist.« 
»Du solltest dich was schämen!« rief Julka. »Sie ist 
normaler und gesünder als du, ich weiß es!« 
Alla Sergejewna war nun wieder bei Bewußtsein und 
sagte »Ihr müßt schon entschuldigen, aber es ist wohl 
besser, ich gehe jetzt zur Sanitätsstelle. Ich bin völlig mit 
den Nerven runter.« 
Mila Rutkewitsch eilte ihr als erste zu Hilfe, begleitete 
sie hinaus. Die andern umringten sofort Julka, und 
Katja Michailowa verlangte: »Gribkowa, du erzählst uns 
jetzt alles, was du weißt!« »Ich weiß gar nichts«, 
 
 
305 
erwiderte Julka. Sie hielt ihre und Alissas Tasche 
umklammert. »Laßt mich durch, ich muß nach Hause.« 
»Wir lassen dich nirgendwohin!« sagte Fima Koroljow. 
»Ich weiß nämlich auch das eine und andere. Und wenn 
du es nicht erzählst, werde ich es tun.« 
»Nun red schon, Julka«, bat Kolja Sulima. 
»Wahrscheinlich müssen wir den beiden helfen.« 
 
 
 
 
306 
18. Ischutin hält sich raus 
 
 
Alissa sah weit vor sich den Nilpferdrücken des 
Fröhlichen U und auch die Napoleonsuniform, sie 
rannte aus Leibeskräften hinter den beiden her. Ihr 
wurde klar, daß die Entfernung nicht größer werden 
durfte, sonst war die Sache gleich verloren. Zumal sie 
sich nur schlecht in dieser Gegend auskannte. 
Plötzlich sah Alissa die drei in eine Seitenstraße 
einbiegen. Sie sauste wie ein Pfeil hinterher, hätte 
beinahe ein paar Passanten umgerannt, bog gleichfalls 
um die Ecke und sah gerade noch, daß die Piraten ein 
hinterhältiges Manöver versuchten: Hinter Kolja rannte 
nur noch der Fröhliche U her, während der Ratt auf der 
anderen Straßenseite dicht an den Häusermauern 
entlanghetzte. Er wollte Kolja überholen, so daß sie ihn 
in die Zange nehmen konnten. 
Kolja durchschaute ihre Absicht und schlüpfte 
blitzschnell in einen Hauseingang rechts neben ihm. 
Ihm blieb nur dieser Ausweg. 
Die Haustür schlug laut hinter ihm zu, und der 
Fröhliche U rief zufrieden: »Schrschschfk!« - was wohl 
hieß »Jetzt haben wir dich, Freundchen!« Sie hatten den 
Jungen in der Falle. 
Der Dicke folgte Kolja ins Haus, während der Ratt zu 
einem Torbogen weiterlief, der zum Hof führte. Alissa 
wartete einen Augenblick, ob einer der drei aus dem 
 
 
307 
Haus oder dem Torbogen käme, doch die Straße lag wie 
ausgestorben da. 
Nun rannte auch Alissa zu dem Haus - doch dort war 
Kolja nicht. Alissa hielt nach einem zweiten Ausgang 
Ausschau, und tatsächlich entdeckte sie einen, gleich 
hinter dem Lift. Das Mädchen trat zu der kleinen 
dunklen Tür und stieß sie auf. Sie gab nach, und Alissa 
stand jetzt in einem Hof, der von Häusern eingerahmt 
war. In seiner Mitte befand sich ein zugenagelter 
zweigeschossiger Schuppen, der offenbar abgerissen 
werden sollte. Außer dem Torbogen, den Alissa bereits 
kannte, gab es nur noch einen zweiten Ausgang am 
anderen Ende des Hofes. 
Der Hof war leer. Lediglich auf einer Bank unter 
einem ausladenden Baum saß ein Junger Mann in 
Wildlederjacke, Wildlederschuhen und sogar Hosen aus 
Wildleder. Wie er da Pfeife rauchte und las, wirkte er 
modisch, adrett und seriös. 
»Guten Tag«, sagte Alissa. 
»Guten Tag«, erwiderte der Junge Mann und legte 
einen Finger zwischen die Seiten. »Ach bitte, sind hier 
eben ein Junge und zwei Männer vorbeigelaufen?« 
»Ein Junge?« fragte der in Wildleder gehüllte Mann 
erstaunt. »Wie alt soll er denn sein?« »Ungefähr wie ich«, 
antwortete Alissa. »Zwei Männer waren hinter ihm her. 
Ein Dicker in zerrissenem Mantel und ein Kleiner, der 
wie Napoleon aussah.« 
»Sie waren hinter ihm her, sagst du? Aber warum? Ich 
finde das ziemlich merkwürdig.« »Sie wollten ihm einen 
Gegenstand wegnehmen. Es sind Verbrecher.« 
 
 
308 
»Ja, ist denn so was möglich?!« Der Junge Mann sah 
so rosig und glatt aus, als hätte er sich eben erst 
abgeschrubbt. Auf seinem Gesicht krochen, zwei 
Raupen gleich, rechts und links die Enden eines 
schwarzen Bärtchens zum Kinn hinunter. »Das ist 
wirklich merkwürdig«, sagte nun auch Alissa, »sie 
müssen nämlich hier vorbeigekommen sein. Vor 
wenigen Minuten erst.« 
»Wenn ich etwas Ordnungswidriges beobachtet hätte, 
würde ich hier nicht so ruhig herumsitzen«, erwiderte 
der Junge Mann. 
»Sie haben also niemanden gesehen?« 
»Du bist die erste, die hier das Treiben verrückt 
macht.« 
»Sagen Sie auch die Wahrheit?« 
»Hör zu, ich hab dir in reinstem Russisch erklärt, daß 
niemand vorbeigekommen ist, weder irgendwelche 
Jungs noch sonst jemand. Und nun verschwinde, du 
störst mich beim Lesen.« Mit diesen Worten schlug der 
Wildledermann sein Buch auf und vertiefte sich erneut 
in die Lektüre. Doch der Junge Mann hatte gelogen. Er 
hatte sehr wohl beobachtet, daß vor ungefähr zehn 
Minuten ein seltsamer Mann in der Uniform Napoleons 
in den Hof gerannt und durch einen Hinterausgang 
wieder verschwunden war. Er hatte sich noch über den 
Aufzug des Mannes gewundert, sein Buch beiseitegelegt 
und Betrachtungen über die Kompliziertheit des Lebens 
angestellt. Vielleicht drehen sie einen Film, dachte er, 
mit versteckter Kamera. Er holte sicherheitshalber ein 
Kämmchen aus der Tasche und fuhr sich damit durch 
 
 
309 
die Haare. Wenn man schon zufällig gefilmt wurde, 
sollte man tipptopp in Ordnung sein. Vielleicht würde 
der Regisseur aufmerksam werden, sich nach dem gut 
aussehenden Jungen Mann erkundigen und erfahren: 
»Der wurde zufällig gefilmt. Er heißt Pjotr Ischutin, ist 
Oberkoch in einem Restaurant, sehr belesen und auch 
sonst nicht dumm ... « 
Während Pjotr Ischutin noch seinen Träumereien 
nachhing, wurde die Hintertür ein zweites Mal geöffnet, 
und seinen Augen bot sich ein sonderbarer Anblick. 
Voran ging, nach allein Seiten Ausschau haltend, 
Napoleon und hinter ihm ein ungeheuer dicker Mann 
mit zerrissenem Mantel. Der Dicke trug einen leblos 
wirkenden Jungen unterm Arm. 
Wenn es sich hier tatsächlich um einen Film handelt, 
dachte Ischutin, dann bestimmt um keinen historischen. 
Es geht um einen Abenteuerfilm, in dem ein Kind 
geraubt wird. Er erhob sich von seiner Bank und ging 
neugierig auf die beiden Männer zu. 
Der Pirat Ratt, der voranschritt, erblickte den Jungen 
Mann als erster und fragte barsch: »Was willst du?« 
»Ich?!« Ischutin, war verdattert. »Ich wollte nur ... « 
Inzwischen war der Dicke zu dem zugenagelten 
Schuppen getreten und hatte ein Brett von einem der 
Fenster im Parterre beiseite gerückt. 
»Hör zu«, sagte der Ratt und schob den Dreispitz 
tiefer in die Stirn, »wenn du mir noch lange vor den 
Beinen herumspringst, mach ich Hackfleisch aus dir, 
hast du verstanden?« 
»Ja«, antwortete Ischutin, »ich habe verstanden.« 
 
 
310 
»Hast du etwa was gesehn?« 
»Nein, nichts«, beeilte sich Pjotr Ischutin zu 
versichern. Er hielt es für besser, sich rauszuhalten. 
»Nochmals«, drohte der Ratt und zog ein Messer aus 
der Tasche, »wenn du auch nur ein einziges Wort zu 
jemandem sagst, ist es aus mit dir. Weißt du, wer ich 
bin?« 
»Nein«, antwortete Ischutin. 
»Dein Glück. Wer mich kennt, lebt nämlich nicht 
lange.« 
Der Pirat drückte ihm das Messer gegen den 
Wildlederbauch und grinste sarkastisch. 
»Ich würde niemals ... «, stotterte Ischutin. Er konnte 
nicht wissen, daß es sich bei dem Messer um eine 
Attrappe handelte. 
»Dafür kennen wir dich um so besser«, fuhr Napoleon 
fort. »Du heißt Ischutin und wohnst in dem Haus dort 
drüben. Du siehst also, du kannst uns nicht 
entkommen.« 
»Schon klar«, sagte der Junge Mann. »Und überhaupt 
wollte ich bloß helfen.« 
»Wir brauchen deine Hilfe nicht.« 
Der Dicke war mit dem Jungen inzwischen 
verschwunden. 
»Kann ich jetzt gehn?« fragte Ischutin. »Es ist Zeit 
fürs Mittagessen.« 
»Warte noch.Setz dich hier auf die Bank.« 
Der Junge Mann gehorchte. 
 
 
311 
»Hier wird gleich ein Mädchen aufkreuzen und dich 
fragen, ob du uns gesehen hast. Was willst du ihr 
antworten?« 
»Daß ich niemanden gesehen habe ... ist doch 
einleuchtend. Man muß sich gegenseitig helfen, alle 
Menschen sind Brüder.« 
»Sieh an, wie schlau du bist. Also setz dich jetzt hin 
und lies. Aber wehe, du versuchst Tricks. Ich werde 
dich beobachten. Solltest du nicht Wort halten, hast du 
die längste Zeit gelebt. Die Buletten im Restaurant kann 
dann ein andrer braten, kapiert?« 
»Ja, ja!« versicherte Ischutin und schickte sich an, auf 
das Mädchen zu warten. Als sie dann auftauchte, 
handelte er wie verlangt. In gewisser Weise gefiel es ihm 
sogar, in eine so geheimnisvolle Sache verwickelt zu 
sein. Wer weiß - und dieser Gedanke beruhigte sein 
Gewissen etwas -, bestimmt haben dieser Junge und 
seine Freundin auch was auf dem Kerbholz. Alissa 
stand eine Weile unschlüssig im Hof und lief schließlich 
zu dem Torbogen am anderen Ende. Ischutin aber 
erhob sich vorsichtig und eilte nach Hause. Dort legte 
er sich erst mal aufs Sofa - Arme und Beine zitterten 
ihm. Dann sagte er laut zu sich selbst: »Man fährt am 
besten, wenn man sich nicht einmischt.« Darüber schlief 
er ein. Alissa aber glaubte dem Jungen Mann und kam 
zu dem Schluß, daß die Piraten und Kolja durch den 
zweiten Torbogen geflüchtet sein mußten. Deshalb 
nahm auch sie diesen Ausgang und fand sich nun in 
einem anderen Hof wieder, der sich vom vorigen 
deutlich unterschied. Es gab hier viele blühende 
 
 
312 
Sträucher mit Bänken, auf denen Junge Frauen und 
Großmütter mit Kinderwagen saßen. Ein paar Knirpse 
spielten im Buddelkasten und bauten Sandburgen. 
Alissa trat zu einer alten Frau, die ihr am nächsten 
saß, und fragte: »Entschuldigung, ist hier eben ein Junge 
vorbeigelaufen?« 
»Hat er dich geärgert?« fragte das Mütterchen zurück. 
»Nein«, antwortete Alissa, »das hat er nicht. Aber zwei 
Banditen sind hinter ihm her.« »Was, Banditen?!« Das 
Mütterchen sprang auf. 
»Wo sind Banditen?« fragten nun auch die anderen 
Frauen und begannen ihre Kinder einzusammeln. 
»Nur keine Aufregung!« Alissa versuchte, sie zu 
beruhigen. »Ich hab mich doch bloß erkundigt, ob hier 
ein Junge vorbeigelaufen ist, dem zwei Männer auf den 
Fersen waren - ein Dicker und ein Dünner, angezogen 
wie Napoleon.« 
»Wie barbarisch!« sagte ein anderes Mütterchen. 
»Hinter einem Kind her zu jagen!« 
»Es ist also niemand hier vorbeigekommen?« fragte 
Alissa. Ihr war mittlerweile klar, daß das nicht 
geschehen war, andernfalls gäb's hier helle Aufregung. 
»Nein«, sagte eine Junge Mutter. »Aber vielleicht 
kommen sie noch? Sag die Wahrheit, damit ich die 
Kleinen nach Hause bringen kann.« 
»Nein, niemand wird kommen«, versicherte Alissa 
und eilte zurück in den ersten Hof. Hinter ihr tönten die 
erregten Stimmen der Frauen, von denen einige zum 
Aufbruch rüsteten. 
 
 
313 
Was hat das bloß zu bedeuten? dachte Alissa. Im 
ersten Hof waren sie nicht, sonst hätte der Mann in der 
Wildlederkleidung sie sehen müssen, im zweiten waren 
sie auch nicht. Blieb also nur das Haus, in dem sie 
zuerst gewesen war. Dort mußte sie nach Kolja suchen, 
aber wie? Sie konnte doch nicht an allen Wohnungen 
klingeln. Und überhaupt, wonach sollte sie fragen? 
Alissa trat, in Gedanken versunken, durch den 
Torbogen auf die Straße hinaus und blieb stehen. Und 
hier stieß sie auf ihre Mitschüler aus der Sechs b. 
 
 
 
 
314 
19. Kriegsrat 
 
 
Nachdem Julka ihren Bericht beendet hatte, erklärte 
sich mindestens die Hälfte der Klasse bereit, Alissa und 
Kolja zu Hilfe zu eilen. Die Kinder suchten die 
umliegenden Straßen nach ihnen ab, doch ohne Erfolg. 
Sie wollten gerade beraten, was weiter zu tun sei, da 
sahen sie plötzlich, wie Alissa aus einem Torbogen trat. 
Alle stürmten auf das Mädchen zu, umringten sie. 
»Wo ist Kolja?« »Hast du die Piraten eingeholt?« »Wo 
sind die Banditen jetzt?« »Nur keine Angst, wir sind 
informiert. Fima und Julka haben uns alles erzählt.« 
»Ja, wir wissen, daß du aus der Zukunft kommst!« 
»Wir werden dir helfen, den Apparat zu finden ... « 
Alle redeten wild drauflos, es war kaum etwas zu 
verstehen, dennoch begriff Alissa und freute sich. 
»Danke«, sagte sie nur schlicht. 
Einer fiel dem andern ins Wort, sie spektakelten so 
laut, daß die Fensterscheiben der umliegenden Häuser 
zu klirren begannen. Plötzlich rief Larissa mit 
silberheller Stimme und Tränen in den himmelblauen 
Augen: »Oje, bestimmt foltern sie Kolja jetzt!« 
»Los, wir müssen ihn suchen!« rief Borja Messerer. 
Im zweiten Stock kam ein rundes, verschlafenes 
Gesicht zum Vorschein. »Spielt euer Räuber und 
Gendarm woanders ihr Rabauken! Unsereins will sich 
etwas ausruhn, ihr aber krakeelt herum. Ihr solltet euch 
schämen!« 
 
 
315 
Gleich darauf steckte einen Stock höher eine Frau mit 
Lockenwicklern ihren Kopf aus dem Fenster und fiel in 
das Geschimpfe ein: »Was sind das bloß für Zeiten! Als 
wir klein waren, haben wir brav Verstecken gespielt, 
statt zu randalieren!« 
»Was verstehen Sie denn!« knurrte Julka. 
»Streit nicht mit ihr«, sagte Katja Michailowa, »wir 
gehen zum Boulevard, setzen unsre Beratung da fort.« 
»Einer muß hierbleiben«, entgegnete Alissa. »Sonst 
fliehen sie womöglich, verschleppen Naumow.« 
»Ich bleib hier«, erbot sich Kolja Sulima. »Wer noch?« 
Borja Messerer meldete sich. Während Sulima in der 
Seitenstraße Posten bezog, nahm Borja im Hof 
Aufstellung. Die übrigen rannten zum Boulevard, um 
dort zu entscheiden, was weiter zu tun sei. Ein solches 
Abenteuer hatte die Klasse in den ganzen sechs Jahren 
ihres Bestehens nicht erlebt. Erstens war die Neue, wie 
sich herausstellte, nun doch kein Supergirl, sondern ein 
gewöhnliches Mädchen aus der Zukunft. Zweitens hatte 
sich Kolja Naumow in die Zukunft geschmuggelt und 
dort, wenn auch nicht in böser Absicht, allerhand 
angerichtet. Drittens war Fima Koroljow in all das 
eingeweiht gewesen, hatte sich aber niemandem 
anvertraut. Außer Kolja Sulima, der seinerseits Alissa 
informieren wollte, aber zu spät kam. Und viertens 
befanden sich nun ganz in der Nähe zwei echte 
kosmische Piraten, von denen einer ständig die Gestalt 
veränderte. Ereignisse also in Hülle und Fülle! 
Alissa setzte sich auf eine Bank, von der aus sie die 
Seitenstraße im Blick hatte. Die anderen umringten sie. 
 
 
316 
»Die Beratung ist eröffnet«, sagte Fima Koroljow. »Zwei 
Fragen stehen auf der Tagesordnung.« 
»Wieso zwei?« fragte Katja Michailowa. »Eine!« 
»Nein, zwei. Erstens: Wie finden und retten wir Kolja 
Naumow? Zweitens: Wie helfen wir Alissa, das 
Myelophon wiederzubekommen und in ihre Zeit 
zurückzukehren?« 
»Das hängt doch alles zusammen«, sagte Julka. 
»Unterbrich mich nicht!« protestierte Fima. »Wir 
müssen eine gewisse Ordnung einhalten, sonst kommen 
wir nie ans Ziel.« 
»Dich hat niemand zum Vorsitzenden gewählt!« rief 
Mila Rutkewitsch. 
»Im entscheidenden Moment muß eben einer die 
Sache in die Hand nehmen, der dazu befähigt ist. 
Übrigens hatte ich dir, Rutkewitsch, nicht das Wort 
erteilt. Wer weiß, vielleicht machst du sogar gemeinsame 
Sache mit den Piraten.« 
»Du solltest dich was schämen!« schimpfte Katja 
Michailowa und legte tröstend die Hand auf Milas 
Schulter: »Du kennst doch Fimas idiotische Späße.« 
»Das war kein Spaß!« Mila fing an zu weinen. »Wenn 
ich gewußt hätte ... « 
»Was ist denn los?« fragte Alissa, die nicht ahnte, daß 
Mila die Banditen in die Schule eingeschleust hatte. 
»Ach, nichts Besonderes«, sagte Julka, »ich erzähl es 
dir später.« 
Mila wandte sich ab, damit niemand ihre Tränen sah. 
Zum letzten Mal hatte sie vor einem Jahr geweint, als sie 
 
 
317 
von einer Praktikantin, die ihre Stellung als Klassenbeste 
nicht kannte, im Aufsatz eine Zwei bekam. 
»Das Wort hat jetzt Alissa Selesnjowa«, ließ sich Fima 
vernehmen. »Sie macht uns mit dem Stand der Suche 
nach dem Genossen Naumow bekannt. Wollen wir uns 
auf eine Beschränkung der Redezeiteinigen? « 
»Hör auf mit den Faxen!« sagte Katja streng. »Sonst 
setzen wir dich als Vorsitzenden ab. Alissa, fang an.« 
»Da gibt's so gut wie nichts zu erzählen«, begann 
Alissa. »Ich konnte die drei bis zu dem Haus da drüben 
verfolgen, Kolja rannte hinein, und der Fröhliche U ihm 
hinterher.« 
»Wer?« fragte Kolja Sadowski. 
»Der Fröhliche U, das ist der Dicke«, erklärte Julka. 
»Der Ratt jedoch - das ist der zweite Pirat, der sich in 
Alla Sergejewna verwandelt hatte - lief in den Hof.« 
»Ist das ein Durchgangshof?« fragte Katja Michailowa. 
»Ja. « 
»Alles klar«, sagte Fima, »er wollte Kolja am 
Hinterausgang abfangen.« 
»Aber er hat es nicht getan«, entgegnete Alissa. »Im 
Hof saß ein Mann mit einem Buch, und er hat mir 
versichert, daß nie- mand vorbeigekommen ist.« 
»Und wenn das nun der Ratt war, der bloß sein 
Äußeres geändert hatte?« fragte Julka. »Vielleicht hat er 
dich getäuscht, damit der Dicke inzwischen hinter Kolja 
her konnte?« 
Alissa überlegte einen Augenblick. »Nein, der Mann 
war echt. Ich hab mich lange mit ihm unterhalten. Die 
beiden hätten auch nicht unbemerkt in den 
 
 
318 
angrenzenden Hof gelangen können - dort saßen etliche 
Frauen mit Kindern.« 
»Alles klar«, resümierte Fima. »Wir müssen von der 
Hypothese ausgehen, daß sich die Piraten auf dem 
Dachboden des Hauses versteckt haben.« 
»Wieso auf dem Dachboden?« fragte Katja 
Michailowa erstaunt. »In dem Haus gibt es mindestens 
zwanzig Wohnungen. Ist doch möglich, daß sie sich in 
einer davon verschanzen.« »Nein, wir fangen mit dem 
Boden an. Ich hab da so eine Ahnung, und meine 
Vorahnung trügt nie«, beharrte Fima. 
»Na, gewiß doch«, sagte Julka bissig, »vorgestern 
hattest du ja auch so eine Ahnung, daß du nicht in 
Geografie drankommen würdest, erinnerst du dich?« 
»Ach, Kinder, bin ich aufgeregt!« seufzte die hübsche 
Larissa. »Ich sterbe fast vor Angst. Wär ich mal lieber 
nicht mitgekommen!« 
»Dann geh doch nach Hause«, sagte Fima. »Von dir 
haben wir ohnehin keinen Nutzen.« 
»Fima, das ist jetzt die letzte Warnung«, drohte Katja 
Michailowa. »Wenn du nicht aufhörst mit deinen 
Unverschämtheiten, setzen wir dich ab.« 
»Jawohl, wir setzen dich ab!« 
»Ich hab das ja auch nicht so gemeint«, rechtfertigte 
sich Larissa. »Ich wollte nur sagen, daß ich von all den 
Aufregungen furchtbaren Hunger bekommen habe. Das 
geht mir schon bei Klassenarbeiten so.« 
»Ich muß irgendwo noch ein Stück Schokolade 
haben«, sagte Julka und öffnete ihre Mappe. 
 
 
319 
»Also gut«, lenkte Fima ein, »dann laßt mal konkrete 
Vorschläge hören.« 
»Was für Vorschläge?« fragte Kolja Sadowski erstaunt. 
»Wir müssen das Haus absuchen, das ist doch jedem 
Igel klar.« 
»Gut«, sagte Fima, »der erste Vorschlag lautet: das 
bewußte Haus absuchen. Sollte uns an einer der 
Wohnungen was Verdächtiges auffallen, nehmen wir sie 
ins Visier. Aber anfangen sollten wir trotzdem mit dem 
Dachboden.« 
»Also ich komm nicht mit auf den Boden«, erklärte 
Larissa. »Dort gibt's womöglich Ratten oder Schaben, 
da sterb ich vor Angst.« 
»Na schön, vom Dachboden bist du befreit«, 
gestattete Fima. »Du bleibst unten auf der Bank sitzen.« 
»Moment mal«, schaltete sich Mila Rutkewitsch ein, 
die sich wieder beruhigt hatte. »Fima hat doch gesagt, 
das Myelophon läge bei Kolja Naumow zu Hause. In 
einer Kiste unterm Tisch. Ist das richtig?« 
»Richtig. Er selbst hat es mir gezeigt. « 
»Und wenn Kolja nun nicht dicht hält? Dann gehen 
die Piraten hin und holen sich den Apparat. Das wär 
nicht auszudenken!« 
»Ganz und gar nicht auszudenken!« bestätigte Alissa, 
die sich bis dahin kaum ins Gespräch gemischt hatte. 
»Dann wären all unsre Bemühungen umsonst gewesen.« 
»Er wird es niemals verraten«, sagte Fima, »selbst 
unter der schlimmsten Folter nicht. Kolja ist mein 
Freund, ich kenne ihn wie mich selbst.« 
 
 
320 
»Wie dich selbst!« höhnte Mila voller Verachtung. 
»Dir braucht man gar nicht erst mit Folter zu kommen, 
ein scharfer Blick genügt schon, damit du auspackst.« 
»Wir wissen alle, daß Naumow kein Feigling ist«, sagte 
Katja Michailowa, »aber die Piraten könnten ihn 
täuschen.« 
»Wie denn?« 
»Na, wie schon? Der Ratt verwandelt sich in Koljas 
Mutter und sagt zu ihm: >Nun gib mal den Apparat 
raus.< Und er wird's natürlich tun.« 
»Oje, das ist ja nicht auszudenken!« stöhnte Alissa. 
»Na hör mal, Kolja ist doch kein Idiot!« erwiderte 
Fima, allerdings nicht mehr ganz so überzeugt wie 
vorher. 
»Also ich schlage vor, daß jetzt jemand zu Naumow 
nach Hause geht und das Myelophon holt«, sagte Mila 
Rutkewitsch. »Am besten gehen Alissa und Fima. Alissa 
kennt ihren Apparat, und Fima könnte sagen, daß sie im 
Auftrag von Kolja kommen.« 
»Und was machen wir, wenn wir das Myelophon 
haben?« fragte Fima. 
Die andern schwiegen, sahen Alissa an. Die, aber 
begriff nicht, warum sie angestarrt wurde. Da sagte Mila 
Rutkewitsch: »Wir verstehen sehr gut, daß Alissa so 
schnell wie möglich zurück muß. Soll sie also, sobald ihr 
das Myelophon habt, in die bewußte Wohnung gehn, 
wo sich die Zeitkabine befindet. Fima wird sie 
hinführen.« 
»Ohne Schlüssel kommen wir dort nicht rein«, wandte 
Fima ein. 
 
 
321 
»Dann mußt du dir eben was einfallen lassen, damit 
Koljas Mutter ihn euch gibt«, sagte Katja Michailowa. 
»Du bist doch sonst nicht auf den Kopf gefallen. Also 
setz deine Begabung wenigstens einmal im Leben zum 
Nutzen anderer ein. Du begleitest Alissa und kommst 
postwendend zurück.« 
Julka spürte jäh einen Kloß in der Kehle. Aber das 
ging doch nicht, so plötzlich ... Sie wollte Einspruch 
erheben, wollte sagen, daß Alissa sich zuerst von den 
Gribkows verabschieden müsse, weil sonst die 
Großmutter sehr traurig wäre, doch Larissa streckte 
schon ihre Hand aus und sagte: »Mach's gut, Alissa. Es 
war sehr nett, dich kennenzulernen.« Alissa aber 
erwiderte böse: »Habt ihr denn alle den Verstand 
verloren? Glaubt ihr vielleicht, ich suche das Weite und 
laß euch die Sache mit Kolja allein ausbaden? Also 
wirklich, ihr müßt mich für den letzten Dreck halten, 
wenn ihr mir so was zutraut! Ihr selber seid mir, ohne 
zu zögern, zu Hilfe geeilt, und ich verschwinde so 
einfach, ja?! Wie eine verdammte Egoistin, ja?« Ihr 
traten vor Entrüstung die Tränen in die Augen. Julka 
fief ein Stein vom Herzen. Sie hatte schon befürchtet, 
Alissa könnte den vernünftigen Vorschlag Milas 
beherzigen und auf der Stelle in ihre Zeit zurückkehren. 
Natürlich hätte Julka nicht versucht, sie daran zu 
hindern ... 
Alle schwiegen peinlich berührt, so, als hätten sie 
Alissa etwas Ehrenrühriges vorgeschlagen. Obwohl 
Mila, bei Licht besehn, einleuchtend und logisch 
argumentiert hatte. 
 
 
322 
Als erste nahm Katja Michailowa das Wort. »Alissa 
hat recht. Sie hat so lange nach dem Myelophon 
gesucht, da kommt es jetzt auch nicht mehr drauf an. 
Außerdem wird sie uns sehr von Nutzen sein. Sportlich 
wie sie ist, nimmt sie Hürden, die wir niemals 
bewältigen würden, sie kennt auch die Piraten viel 
besser als wir. Und überhaupt sollten wir die ebenfalls 
zurückschicken.« »Unbedingt!« stimmte Larissa zu. »Die 
dürfen auf keinen Fall hierbleiben! Nein sowas, und ich 
wollte mich schon von Alissa verabschieden ... « 
Julka stieß einen Seufzer der Erleichterung aus und 
bemerkte, daß ihre Mappe noch immer offen war. 
Weshalb eigentlich? Ach ja, sie wollte für den Vielfraß 
Larissa nach Schokolade suchen. Julka steckte die Hand 
in die Tasche, doch statt der Schokolade ertasteten ihre 
Finger einen schweren, in Papier gewickelten 
Gegenstand. 
»Was ist denn das?« fragte sie und brachte ein Paket 
zum Vorschein. Es war ziemlich groß und fühlte sich 
wie ein Brotlaib an. Julka wickelte es raschelnd aus. 
»Na, das ist ein Ding!« sagte Alissa. 
»Was ist denn?« fragte Larissa. »Was ist passiert? 
Etwas Schlimmes? Wie Schokolade sieht das jedenfalls 
nicht aus.« 
»Nein«, sagte Alissa, »es ist das Myelophon.« 
 
 
 
 
324 
 
20. Die Suche geht weiter 
 
 
»Wegen diesem Ding bist du zu uns gekommen?« fragte 
Katja Michailowa. 
»Siehtgar nicht so interessant aus«, sagte Larissa. 
Alissa brachte eine Schnur mit einem kleinen 
Ohrhörer zum Vorschein, steckte ihn ins Ohr und 
drückte einen roten Knopf auf dem Gehäusedeckel. Sie 
wartete einen Augenblick, betätigte einen zweiten 
Knopf und begann an einem Rädchen zu drehen. 
Plötzlich lachte sie laut auf. »Was ist?« fragte Julka. 
»Es funktioniert«, sagte Alissa, »es ist alles in 
Ordnung.« 
»Und warum hast du gelacht?« 
»Weil Larissa gerade darüber nachdenkt, ob du weiter 
nach der Schokolade suchen wirst oder ob du's 
vergessen hast.« 
»Ist doch Quatsch!« Larissa wurde rot wie ein 
gebrühter Krebs. »Ich hab kein bißchen an die 
Schokolade gedacht. Mir ist der Hunger vergangen. 
Dieser Apparat ist nichts als Betrug.« 
Die andern brachen in Gelächter aus, Fima rutschte 
direkt von der Bank, so schüttelte es ihn. Alle wußten, 
wer recht hatte. 
»Aber wie kommt das Myelophon in Julkas Tasche?« 
fragte Mila Rutkewitsch, als wieder Ruhe eingekehrt 
war. »Irgendwer muß es dort reingesteckt haben.« 
 
 
325 
»Ich hab's gesehn, doch natürlich nicht an so was 
gedacht«, sagte Larissa. »Kolja Naumow hat sich vor 
dem Unterricht an Julkas Platz zu schaffen gemacht. Ich 
hab ihn noch gefragt, ob er vielleicht ein 
Liebesbriefchen hinterlegt, aber er fuhr mich so an, daß 
ich mich nicht mehr um die Sache kümmerte.« 
Katja Michailowa faltete, ordnungsliebend wie sie war, 
die Zeitung zusammen, in die das Myelophon gewickelt 
war, und rief: »Seht mal, eine Notiz!« 
»Gib her«, sagte Alissa und las laut vor: »>Du weißt 
sowieso schon alles oder wirst es bald erfahren. Wenn 
du der Meinung bist, ich sei schuld und verdiene Strafe, 
will ich nicht widersprechen. Aber ich geb dir mein 
Ehrenwort, daß ich den Apparat nicht stehlen, sondern 
bloß vor den Banditen retten wollte. Entschuldige die 
Verzögerung. Schade, daß du nicht bei uns bleiben 
kannst.< Das war's.« 
»Keine Unterschrift?« fragte Mila. 
»Nein.« 
»Es ist seine Handschrift«, erklärte Fima, der von 
hinten herangetreten war, »ich kenne sie genau.« 
»Hätte er das Myelophon doch schon gestern 
zurückgegeben«, seufzte Mila Rutkewitsch. 
»Na ja, unsre Jungs zeichnen sich nicht gerade durch 
Schlauheit aus«, sagte Larissa. »Erst fremdes Eigentum 
an sich nehmen und es dann andern in die Mappe 
stecken! Der reinste Kindergarten.« 
Alissa hängte sich das Myelophon über die Schulter. 
»Pack es lieber in die Tasche«, sagte Julka, »sonst 
verlierst du es womöglich.« 
 
 
326 
»Nein«, erwiderte Alissa, »wir werden es brauchen.« 
»Laß mich den Apparat tragen«, drängte Fima, »ich 
würd mir gern ein paar fremde Gedanken anhören.« 
»Ihr müßt schon entschuldigen«, sagte Alissa, »aber 
ich möchte das Myelophon selber nehmen. Nicht etwa 
aus Angst, ihr könntet es kaputt machen und weil ich 
euch nicht traue, sondern weil es diesen Apparat erst in 
hundert Jahren geben wird. Er existiert praktisch noch 
nicht.« 
»Schade«, sagte Fima. 
»Außerdem gehört ihr das Myelophon nicht 
persönlich«, ergänzte Mila, um Alissa den Rücken zu 
stärken. 
Alissa erhob sich von der Bank und bat Kolja 
Sadowski: 
»Würdest du meine Tasche tragen?« 
»Gib her.« 
»Wie geht's jetzt weiter?« fragte Fima, der trotz allem 
hoffte, den Apparat später, wenn alles im Lot war, doch 
noch in die Hand zu bekommen, und sei's für eine 
Minute. 
»Das Gerät kann menschliche Gedanken auf eine 
Entfernung von etwa zehn Metern auffangen«, sagte 
Alissa. »Wenn wir jetzt in das bewußte Haus gehn und 
an den Wohnungen lauschen, können wir genau hören, 
ob sich Kolja und die Piraten dort aufhalten.« 
»Aber ja«, rief Julka, »das ist einfach bis zur 
Genialität!« 
»Es hat allerdings keinen Sinn, wenn wir alle 
zusammen hingehn«, wandte Katja Michailowa ein. »Ein 
 
 
327 
Teil von uns sollte hier warten. Wozu im Riesentrupp 
durch die Etagen stapfen?« 
Doch freiwillig wollte niemand zurückbleiben. 
Schließlich einigten sie sich darauf, daß vier Mann auf 
Erkundung gehen sollten. Larissa wurde nach Hause 
geschickt, denn sie hatte den größten Hunger und 
konnte auch den anderen ein paar Stullen machen. Als 
sie weg war, bezweifelten allerdings alle, ob sie je 
zurückkommen würde. Hinlänglich als Trantüte 
bekannt, würde sie, sobald sie sich satt gegessen hatte, 
bestimmt einschlafen und nicht vor dem Abend wieder 
an ihre Mitschüler denken. Deshalb opferte sich Mila 
Rutkewitsch, erbot sich ihrerseits, Proviant 
herbeizuschaffen. Zumal sie vom gestrigen Geburtstag 
ihres Bruders eine noch fast unberührte Torte zu Hause 
hätten. Drei Torten hätten sie verputzt, die vierte nicht 
mehr. 
 
Ins Haus gingen Alissa, Fima, Kolja Sulima und Katja 
Michailowa. 
»Ich bestehe trotzdem darauf, mit dem Dachboden 
anzufangen«, beharrte Fima. »Du kennst unser Leben 
nicht gut genug, Alissa, deshalb muß ich dir erklären, 
daß sich die Konterrevolutionäre während des 
Bürgerkrieges fast immer auf den Dachböden 
versteckten.« »Was du nicht sagst!« erwiderte Katja. 
»Das liegt fast hundert Jahre zurück!« 
»Ich hab davon gelesen«, sagte Alissa. 
Der Fahrstuhl machte in der obersten Etage halt, und 
die Kinder stiegen aus, bemüht, leise zu sein. 
 
 
328 
»Stell dich lieber weiter hinten auf«, flüsterte Katja 
Alissa zu, »damit sie nicht gleich an das Myelophon 
herankommen.« 
Alissa nickte - Katja hatte recht: Wenn die Piraten den 
Apparat sahen, könnten sie nach ihm schnappen und 
damit fliehn. 
Die Kinder stiegen die Stufen zum Boden hinauf - vor 
der Tür hing ein massives Vorhängeschloß. »Hier waren 
sie nicht«, sagte Alissa. 
»Wir dürfen sie nicht unterschätzen«, widersprach 
Fima. »Die sind imstande, das Schloß abzunehmen und 
wieder ranzuhängen. Inzwischen wissen wir ja, wozu sie 
fähig sind.« 
Katja Michailowa fuhr mit dem Finger über das 
Schloß - es war staubig. »Hier ist schon seit ein paar 
Tagen niemand mehr gewesen«, konstatierte sie. 
Kolja Sulima lächelte. »Fima wird gleich behaupten, 
die Piraten hätten in ihrer Raffiniertheit den Staub 
nachträglich aufgetragen. Sie hätten eigens zu diesem 
Zweck welchen mitgebracht.« »Warum nicht?« Fima gab 
sich nicht geschlagen. »Ist doch denkbar. Die sind 
verteufelt schlau.« Alissa wollte keine Zeit mehr auf die 
sinnlosen Streitereien verschwenden und machte 
Anstalten, einen Stock tiefer zu steigen.. 
»Halt« rief Fima. »Hör trotzdem rein. Womöglich 
bereust du's nachher.« 
»Also gut ... « Alissa näherte sich der Bodentür, 
schaltete das Myelophon ein und begann die 
verschiedenen Frequenzen abzusuchen. 
 
 
329 
»Na, was ist?« drängte Fima. »Nichts. Bloß ein paar 
Tauben.« »Laß mich mal ran«, bat Fima. »Nur ganz 
kurz.« »Da ist nichts zu hören!« 
»Gib endlich Ruhe, Fima«, schimpfte Katja 
Michailowa. »Wir waren uns schließlich einig.« 
Alissa schaltete den Apparat aus, und die vier begaben 
sich eine Treppe tiefer. Auf diesem Absatz gab es drei 
Wohnungen. 
»Wollen wir klingeln?« fragte Kolja Sulima. 
»Nein, wir versuchen's ohne«, antwortete Alissa. »Die 
Gedanken dringen auch durch die Tür.« Sie ging zur 
ersten Tür, lauschte. »Es ist niemand da«, erklärte sie 
nach einer Weile. 
»Hör zu, Alissa«, sagte Fima, »vielleicht hat Naumow 
den Apparat kaputt gemacht?« 
Alissa wollte schon brüsk widersprechen, doch Kolja 
Sulima, der an der zweiten Tür stand, flüsterte-. »Dort 
drinnen unterhalten sich welche.« 
Alissa rannte hinüber. »Na, hörst du was?« »Stör mich 
nicht, Fima, da ist wirklich jemand.« »Und wer? Etwa 
die Piraten?« 
»Nein. Bloß ein altes Ehepaar. Sie streiten sich schon 
seit dem Morgen, wer die Milch für ihre Katze holen 
soll.« 
»Die arme Katzel!« sagte Katja Michailowa. 
»Naumow ist jedenfalls nicht dort«, erklärte Alissa. 
»Alles klar«, sagte Fima. »Laß mich das mal 
überprüfen.« Alissa reichte ihm den Ohrhörer - dieser 
Quengler gab ja doch keine Ruhe. 
 
 
330 
Fima lauschte mit geneigtem Kopf. »Junge, Junge, 
eine geradezu phantastische Technik! ... 
Sogar die Katze höre ich!« »Nun reicht's aber«, 
schimpfte Katja Michailowa. Sie hätte selber gern 
gelauscht, doch derStolz verbot ihr, darum zu bitten. 
Alissa war inzwischen zur dritten Wohnungstür 
getreten. »Willst du mal?« fragte sie, an Katja gewandt. 
»Danke, sehr gern, wenn's dadurch nicht kaputt geht 
... « 
Alissa reichte ihr den Ohrhörer, in dem es zunächst 
nur rauschte. Alissa drehte eine Weile an dem Rädchen, 
sagte: »Heb die Hand, sobald du was hörst.« 
Kurz darauf hob Katja die Hand. Sie vernahm ein 
fernes, kraftloses Stimmchen: »Warum ruft er bloß nicht 
an? Ach, wenn er doch endlich anrufen würde ... 
Vielleicht hat er meine Nummer nicht richtig notiert? 
Aber nein, ich hab sie, ihm ja selber aufgeschrieben ... 
Er wollte sich doch gleich früh melden, noch vor den 
Vorlesungen ... « 
»Das muß irgendeine verliebte Gans sein«, sagte 
Katja. »Ist ja direkt peinlich, sich das anzuhören.« 
»Wir machen das schließlich nicht zu unserem 
Vergnügen«, sagte Kolja Sulima. 
»Willst du auch mal?« fragte Alissa. 
»Nein, danke ... Vielleicht später.« 
»So, Schluß. Er hat endlich angerufen«, berichtete 
Katja. »Nun gurrt sie und turtelt. Kannst dich selbst 
überzeugen. Piraten jedenfalls sind da keine.« 
Eine Etage tiefer waren zwei Wohnungen leer - ihre 
Besitzer offenbar zur Arbeit gegangen. Nur ein Hund 
 
 
331 
schlief dort und träumte von zehn Katzen, die ihm 
einen Knochen streitig machen wollten. In der dritten 
Wohnung aber saß ein kleines Mädchen und wartete auf 
seine Mutter, die endlos lange nicht vom Einkaufen 
zurückkehrte. Die Kleine war traurig und stellte sich in 
ihrer Angst die schlimmsten Dinge vor, sie fürchtete, 
daß ihre Mama niemals wiederkommen würde. Kein 
Pirat hätte sich so verstellen können. 
Die drei letzten Etagen bewältigten die Kinder in 
zwanzig Minuten. Alissa überließ jedem ihrer Begleiter 
abwechselnd das Myelophon, aber sie konnten nichts 
Verdächtiges entdekken. Hinter den Türen all der 
Wohnungen lebten ganz normale Leute, die sich 
unterhielten, stritten und wieder versöhnten - doch 
keiner, der einen anderen folterte oder bedrohte. Auch 
im Keller fanden sie niemanden. 
 
 
 
 
332 
21. Ischutin wird entlarvt 
 
 
Im Hof wartete Mila Rutkewitsch mit einem 
butterdurchtränkten Stullenpaket. 
»Mittagspause!« rief Julka. »Habt ihr was gefunden?« 
»Nichts«, sagte Alissa. »Sie sind zwar alle in das Haus 
reingegangen, aber rausgekommen ist niemand. Ich hab 
nicht die geringste Ahnung, was wir jetzt noch tun 
könnten.« 
»Wir setzen uns erstmal auf die Bank dort«, schlug 
Katja Michailowa vor. »Ein Kopf ist gut, zehn sind 
besser. Uns wird bestimmt was einfallen.« 
»Klar fällt uns was ein«, sagte Fima Koroljow, ich zum 
Beispiel hab schon die eine und andere Idee.« 
»Na, sicher«, stichelte Kolja Sadowski, »ich kann deine 
Gedanken nämlich ohne Myelophon lesen. Koroljow 
bastelt an einer Idee herum, wie er Kosmosflüge mit 
Hilfe von Luftballons realisieren könnte.« 
»Hör auf!« brummte Fima. »Mit dir kann man 
unmöglich ernsthaft reden.« 
»Ich hab auch nicht vor, ernsthaft mit dir zu reden«, 
erwiderte Sadowski. »Wenn man mit dir ernsthaft redet, 
platzt man vor Lachen.« 
Mila verteilte belegte Brote und Gurkenhälften. In 
diesem Augenblick erschien zu aller Überraschung auch 
Larissa. Sie verzog gähnend das Gesicht und schleppte 
einen vollen Verpflegungskorb mit. »Himmel, bin ich 
 
 
333 
müde!« sagte sie. »Ich bin im Gehen dauernd 
eingeschlafen.« 
»Larissa, du bist großartig!« sagte Kolja Sulima 
anerkennend. »Ist das dein Ernst?« fragte Larissa. »So 
was hört man gern.« Sulima gefiel ihr, weil er besonnen 
war, Schach spielte und eine Brille trug. 
»Natürlich ist das nicht sein Ernst«, sagte Fima. 
»Wenn du mir nicht glaubst, brauchst du bloß das 
Myelophon zu nehmen, dann weißt du, was er wirklich 
denkt.« 
»Ich hab mein Lebtag noch keine fremden Gedanken 
belauscht und werd das auch künftig nicht tun.« 
»Warum?« fragte Julka und machte sich daran, den 
Korb auszupacken. 
»Weil der andere vielleicht was Unanständiges denken 
könnte.« 
»Meine Güte«, rief Julka, »wo hast du denn die vielen 
Fressalien her!« 
»Hat mir alles meine Großmutter mitgegeben«, 
erwiderte Larissa, »ich hab ihr die Sache erklärt.« »Was 
hast du ihr erklärt?!« fragte Katja Michailowa 
erschrocken. 
»Na ja, nur das Nötigste«, schränkte Larissa ein. »Ich 
hah ihr gesagt, daß ein Mädchen aus der Zukunft zu uns 
gekommen ist, das großen Hunger hat.« 
»Und sie?« 
»Großmutter hat bloß geseufzt und gesagt: >Ach du 
lieber Gott, so ein langer Weg und nichts zu essen!< 
Dann haben wir den ganzen Kühlschrank ausgeräumt.« 
Und an Alissa gewandt: »Hier, koste mal die Pirogge, 
 
 
334 
Großmutter hat ausdrücklich erklärt, sie sei für dich. Sie 
sagt, solche gibt es bei euch nicht mehr, weil sie ihr 
Geheimnis mit ins Grab nehmen wird.« 
»Sie sollte es lieber an dich weitergeben«, sagte Julka. 
»Bei mir ist das vergebliche Mühe«, seufzte Larissa, 
»ich bin nämlich völlig unbegabt für Hauswirtschaft.« 
Alissa kaute auf der Pirogge herum und überlegte 
fieberhaft, wie es weitergehen sollte. Die Zeit verstrich, 
es war schon fast zwölf. 
»Und was machen wir jetzt?« fragte Julka, die Alissas 
Gedanken auch ohne Myelophon erriet. »Ist doch klar«, 
sagte Fima. Er mampfte an einem großen Stück Torte, 
und seine roten Backen zierte ein rosafarbener Bart. 
»Wir ruhn uns ein bißchen aus und setzen danach 
unseren Rundgang fort. « 
»Wohin denn noch?« sagte Alissa. »Wir haben ja 
schon das ganze Haus abgesucht.« 
»Dann gehen wir eben in die angrenzenden Häuser«, 
erwiderte Fima. »Wenn du nicht mehr kannst, lös ich 
dich mit dem Myelophon ab.« 
»Ist doch Quatsch,« die anderen Häuser 
abzuklappern!« protestierte Alissa. »Sie sind hier nicht 
rausgekommen.« 
»Moment mal«, sagte Sadowski, »bist du auch ganz 
sicher, daß sie keine Tarnkappen haben?« 
»Ausgeschlossen, das wäre unwissenschaftlich.« 
»Aber wieso bist du überzeugt, daß sie das Haus nicht 
verlassen haben?« ließ sich Mila Rutkewitsch 
vernehmen. »Wenn dieser Mann nun gelogen hat?« 
 
 
335 
Kolja Sulima erhob sich von der Bank und sagte: »Wir 
haben zwei Möglichkeiten. Erstens - wir suchen mit 
dem Myelophon sämtliche Häuser in diesem Hof ab ... « 
»Und die zweite Möglichkeit?« fragte Alissa. 
»Besteht darin, jenen Mann ausfindig zu machen, mit 
dem du gesprochen hast, und seine Gedanken zu 
überprüfen.« 
»Das ist genial!» rief Larissa aus. »Das mit der 
Uberprüfung können wir uns sogar sparen. Ich brauch 
einem Menschen nur tief in die Augen zu schaun, schon 
weiß ich, ob er die Wahrheit sagt oder nicht.« 
»Mit dem Myelophon ist es trotzdem sicherer«, 
beharrte Sulima. 
»Sag mal, Alissa, hast du nicht zufällig bemerkt, in 
welches Haus er gegangen ist?« 
»Ich hab nicht darauf geachtet. Wahrscheinlich in das 
da«, Alissa wies auf die Tür eines gelben dreistöckigen 
Hauses. 
Und - solche Zufälle soll's ja geben - genau in diesem 
Moment öffnete sich die Tür des Hauses, heraus aber 
kam ein etwas dicklicher, geschniegelter Mann mit 
Jacke, Hosen und Schuhen aus Wildleder. »Das ist er!« 
flüsterte Alissa und tastete sofort nach dem Ohrhörer in 
ihrer Tasche. Als der Mann Alissa erblickte, wich er 
unwillkürlich einen Schritt zurück. Er war sichtlich 
erschrocken. Etwa eine Minute blieb er wie angewurzelt 
in der Tür stehen, tat, als überlege er, ob er oben 
vielleicht die Schlüssel vergessen habe. Er klopfte seine 
Taschen ab - da waren die Schlüssel. Dann holte er 
seine Brieftasche hervor, schaute hinein, Alissa aber 
 
 
336 
vernahm die ganze Zeit seine Gedanken: Was will dieses 
verflixte Mädchen denn noch hier? Sogar Verstärkung 
hat sie mitgebracht. Hat sie mir etwa nicht geglaubt, 
hegt einen Verdacht? Doch was hätte ich anderes tun 
sollen, ich will in nichts hineingezogen werden! Das ist 
ganz allein ihre Angelegenheit ... Und überhaupt, die 
machen sich's leicht, die haben bestimmt alle selber was 
auf dem Kerbholz ... Ich werde jetzt versuchen, den 
Ring zu durchbrechen. Sie dürfen auf keinen Fall 
denken, ich hätte Angst vor ihnen ... Und Pjotr Ischutin, 
der Wildledermann, überquerteentschlossen den Hof in 
Richtung Ausgang. 
»Er weiß etwas«, sagte Alissa hastig, »aber er 
verheimlicht es.« 
»Ich werd mit ihm reden«, erbot sich Fima und sprang 
von der Bank auf 
»Laß mal, ich kann das besser«, entgegnete Kolja 
Sadowski. »Du iß erst mal deine Pirogge auf.« Sadowski 
holte den Mann mit einigen Schritten ein, versperrte 
ihm den Weg und fragte laut, so daß ihn die anderen 
hören konnten: »Entschuldigung, Sie sind nicht zufällig 
Napoleon?« »Wie bitte?« fragte Ischutin. »Wieso 
Napoleon?« In seinem Hirn aber jagten sich, für Alissa 
deutlich zu vernehmen, die Gedanken: Das ist eine 
Anspielung. Der Kerl vorhin war als Napoleon 
verkleidet. Ich darf mich unter keinen Umständen 
verraten! Da bin ich schön zwischen zwei Feuer geraten 
.. Ich hab weder von denen hier Schonung zu erwarten 
noch von den anderen ... Ob ich zur Miliz gehe? Aber 
was soll ich dort erzählen? 
 
 
337 
»Sollten Sie nämlich Napoleon sein«, fuhr Sadowski 
fort, der ein Meister darin war, den größten Unsinn mit 
der ernstesten Miene der Welt vorzubringen, »könnten 
Sie jeden Augenblick erschossen werden. Oder wissen 
Sie nicht, daß die Jagdsaison auf Ihresgleichen eröffnet 
worden ist? Ihr Fell würde sich ungemein gut in 
meinem Gästezimmer ausnehmen. Darf ich mal 
anfassen?« Sadowski streckte die Hand aus, um das 
Rauhleder zu berühren. 
Ischutin wich erschrocken zurück, er hatte völlig 
vergessen, daß er im Grunde dreimal so stark wie der 
Junge war. Seine Gedanken galoppierten: Will er damit 
andeuten, daß ich hier nicht lebend wegkomme? Ob ich 
schreie? Das wär wohl das Beste - es ist hellichter Tag, 
irgendwer wird schon zu Hause sein und mir zu Hilfe 
eilen. Aber die Wahrheit sagen, geht auch nicht. Der 
Kerl von vorhin schaut unter Garantie aus dem Fenster 
und beobachtet mich. Sobald ich ein Wort verrate, 
macht er mich kalt ... 
Alissa, als sie das gehört hatte, stand auf und ging 
gleichfalls zur Haustür. Bei Sadowski angekommen, 
sagte sie: »Laß ihn laufen. « 
»Richtig, das ist eine Unverschämtheit«, entrüstete 
sich Ischutin und hastete davon. Er war schon fast am 
Torbogen, da stellte sich ihm dieses gräßliche Mädchen 
erneut in den Weg und sagte leise, fast verschwörerisch: 
»jetzt sieht man Sie vom Fenster aus nicht mehr, Sie 
können also mit der Wahrheit herausrücken.« 
»Woher weißt du?« stotterte Ischutin. Ihm knickten 
die Beine weg, er mußte sich gegen die Wand lehnen. 
 
 
338 
»Haben sie den Jungen gefangen?« »Keine Ahnung..., 
ich hab nichts gesehn!« schrie Ischutin. Alissa hörte mit 
dem einen Ohr die Beteuerungen, mit dem anderen die 
Gedanken des Mannes, der dem Grundsatz lebte, sich 
nirgends einzumischen: Natürlich haben sie ihn 
gefangen, der Junge war fast bewußtlos ... 
Ischutin fand die Kraft, Alissa wegzustoßen und auf 
die Straße hinauszulaufen. Nur möglichst weit weg von 
diesem scheußlichen Haus, dachte er, und: Nie wieder 
hierher zurückkehren! Noch heute besteige ich 
irgendeinen Zug, egal wohin - von mir aus nach 
Magadan ... 
Kolja Sadowski hatte den Mann inzwischen eingeholt 
und ihm abermals den Weg versperrt. »Wir waren mit 
unserer Unterhaltung noch nicht fertig«, sagte er, »das 
Interessanteste kommt erst.« Ischutin war erneut 
gezwungen stehenzubleiben, und Alissa, die ihm 
nachgeeilt war, drängte: »Wohin haben sie den 
bewußtlosen Jungen gebracht?« 
Elende Hexe, dachte Ischutin, sie macht sich noch 
lustig über mich. Weiß ohnehin alles und macht sich 
lustig. Als ob ihr nicht bekannt wäre, daß sie den Jungen 
in den zugenagelten Schuppen dort drüben geschleppt 
haben ... 
»Genug«, sagte Alissa zu Sadowski, »du kannst ihn 
laufenlassen, wir brauchen ihn nicht mehr. Sie haben 
Kolja in den Schuppen dort gebracht.« 
»Du kannst wohl Gedanken lesen?« fragte Ischutin 
und dachte erleichtert: Ein Glück, daß sie mich 
laufenlassen. Es hätte schlimmer ausgehn können. 
 
 
339 
»Sie sollten sich schämen!« sagte Alissa. »Da entführen 
zwei erwachsene Männer einen Jungen, Sie aber haben 
vor lauter Angst nichts anderes zu tun, als die 
Verbrecher zu decken.« 
»Ich wollte das ja nicht, sie haben mich gezwungen«, 
rechtfertigte sich Ischutin. »Konnte ich denn wissen, ob 
die Männer im Unrecht waren?« 
»Sie sind ein Schuft«, sagte Sadowski, nun allen 
Ernstes. »Widersprechen Sie ja nicht! Aber wir werden 
uns wiedersehn, Sie entkommen mir nicht ... « 
Bei diesen Worten gab Ischutin endgültig Fersengeld. 
Er rannte so schnell davon, daß seine wildledernen 
Jackenschöße flatterten wie zwei Gänseflügel. Alissa 
aber vernahm seine sich entfernenden Gedanken: 
Genauso ist es ... ich entkomme ihnen nicht..., 
irgendwer schnappt mich unter Garantie ... Aber wie ist 
das möglich? Ich mische mich nirgends ein und werde 
doch geschnappt ... Nein, soweit laß ich es nicht 
kommen. Niemals! Ich setz mich in den erstbesten Zug 
und fahre nach Magadan, nach Sotschi oder Lwow ... 
Ich such mir dort was als Koch und halte mich künftig 
aus allem heraus ... 
 
 
 
 
341 
 
»Hoffnungslos«, sagte Alissa, »diesen Ischutin ändert 
niemand mehr. Er ist ein Fall für den Psychiater.« 
»Los, zurück jetzt!« mahnte Sadowski. 
Sie machten kehrt, in Richtung Torbogen, plötzlich 
blieb Alissa wie angewurzelt stehen. »Halt!« flüsterte sie. 
An einem der Fenster im Schuppen, der den Piraten 
als Zufluchtsort diente, wurden die Bretter vorsichtig 
auseinandergeschoben, und heraus kletterte ein kleines 
altes Mütterchen mit krummem Rücken, weißem, 
gepunktetem Kopftuch und einem Strauß Tulpen in der 
Hand. Die Alte trippelte ohne besondere Eile zum 
Hoftor, und die Kinder auf der Bank schenkten ihr 
keine Beachtung, sahen nicht einmal, daß sie aus dem 
zugenagelten Haus kam. 
Alissa ging schnell auf Frequenzsuche, bestrebt, die 
Gedanken der Alten einzufangen. Und sie tat gut daran, 
denn niemand außer ihr hätte auch nur ein Wort in den 
Gedankengängen dieses so harmlos wirkenden 
Mütterchens verstanden: Sie dachte nämlich auf 
Kosmisch - einer Sprache, die hier und in dieser Zeit 
noch völlig unbekannt war. 
Konkret aber dachte die Alte- Schnell jetzt, die Gören 
haben diesen feigen Trottel erwischt. Bestimmt wird er 
auspacken, sobald er aus meinem Blickfeld 
verschwunden ist. Ich muß ihn einholen und 
unschädlich machen ... Wie ist ihm diese Alissa bloß auf 
die Schliche gekommen? Aber da steht sie ja, im 
Torbogen, und schaut zu mir herüber ... Was hat sie 
 
 
342 
denn im Ohr? Doch nicht etwa den Hörer vom 
Myelophon? 
Alissa packte Sadowski am Arm. »Beeil dich, wir 
müssen ins Haus!« 
Sie betraten das Gebäude in dem Augenblick, als der 
Ratt in Gestalt des alten Mütterchens mit ganz 
ungreisenhafter Behendigkeit dem Ausgang zustrebte. 
Durch die verglaste Haustür sahen sie, wie die Alte 
ihren Rock raffte, unter dem Napoleonsstiefel mit 
goldenen Sporen hervorblitzten, und auf der Straße um 
das Haus herumlief. Alissa hörte auch die Gedanken des 
Piraten: jetzt haben wir euch, ihr Täubchen, ihr sitzt in 
der Falle! Wenn schon der Bengel nichts erzählt hat - 
Alissa wird auspacken ... jetzt oder nie ... 
»Mir nach!« rief Alissa Kolja Sadowski zu. »Und stell 
jetzt keine Fragen!« 
»Das tu ich schon lange nicht mehr«, erwiderte Kolja 
und folgte dem Mädchen durch den Hinterausgang in 
den Hof. 
Als die andern sie erblickten, war ihnen sofort klar, 
daß etwas Wichtiges passiert sein mußte. »Habt ihr's 
rausgekriegt«, fragte Julka. »Wo sind sie?« 
»Kolja und der Dicke sind in dem vernagelten Haus 
dort drüben«, sagte Alissa, »der Ratt aber ist draußen auf 
der Straße und wird gleich wieder zurück sein. Bis dahin 
müssen wir Kolja befreien. Das Fenster auf der anderen 
Seite des Hauses ist nur flüchtig zugenagelt, die Bretter 
lassen sich auseinanderschieben. Dort klettern wir rein 
und machen, sobald wir drin sind, gewaltigen Krach. 
Wir müssen den Dicken aufschrecken, ist das klar?« 
 
 
343 
Als erste stieg vorsichtig Alissa durchs Fensteer, 
gefolgt von Kolja Sulima, Sadowski, Fima, Julka und 
Katja Michailowa. Die anderen blieben unter dem 
Kommandovon Mila Rutkewitsch draußen und 
umzingelten das Haus, damit niemand flüchten konnte. 
Die sechs aber, die in das Haus eingedrungen waren, 
befanden sich nun in einem großen leeren Raum. Er 
war mit lustiger hellblauer Tapete beklebt, die freilich 
hier und da von den Wänden blätterte. Man sah die 
hellen Flecke, wo früher Schränke und Kommoden 
gestanden oder Bilder gehangen hatten. Die Tür zum 
Korridor war offen, und Alissa näherte sich ihr auf 
Zehenspitzen. Sogleich drangen entfernt und aufgeregt 
die Gedanken des Fröhlichen U an ihr Ohr: Wo steckt 
bloß dieser Ratt? Weshalb läßt er mich so lange allein? 
Hier wimmelt es von Kindern, und sie finden garantiert 
unsre Spur. Vielleicht sollte ich lieber verschwinden ... 
Weshalb ist es so still? Die Gedanken kamen von rechts. 
»Mir nach!« rief Alissa. »Vorwärts!« Und sogleich ging 
ein Riesengetöse los: »Hurra!« schrien die einen. »Haltet 
sie! « - die anderen. »Kolja, wo bist du?« - die dritten. 
Der Lärm war so gewaltig, daß das Haus zu wackeln 
begann. Denn in der Sechs b gab es, wenn die 
Notwendigkeit dazu bestand, ohne Übertreibung 
regelrechte Weltmeister im Brüllen. 
Keine zehn Sekunden später waren die Kinder an der 
Kellertreppe angelangt, wo sie erst mal stehenbleiben 
mußten, weil ihnen, wie eine Bombe und total verstört 
durch die unerwartete Attacke, der dicke Pirat in seinem 
zerrissenen Umhang entgegenstürzte. 
 
 
 
 
 
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Der Dicke sauste durch den Korridor, sprang kopfüber 
durch das erste sich bietende, mit Brettern vernagelte 
Fenster und landete genau zu Larissas Füßen, die 
ahnungslos ein Stück Torte vertilgte. Fast hätte sie sich 
daran verschluckt, als so unversehens und mit Gepolter 
ein großes, rundes, unförmiges Etwas vor ihr 
aufklatschte. Doch sie fing sich schnell wieder und sagte 
zu dem bäuchlings auf der Erde liegenden Piraten: »Da 
sehen Sie, wohin es führt, wenn man sich benimmt wie 
Sie.« 
Der Dicke machte Anstalten, sich zu erheben, doch 
das gelang ihm nicht. Er war, einem besiegten Boxer 
gleich, k. o. 
Borja Messerer sprang zu ihm und begann wie ein 
Schiedsrichter im Ring zu zählen: »Eins, zwei, drei, vier, 
fünf, sechs ... Aus!« 
 
 
 
 
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22. Leb wohl, Supergirl! 
 
 
Die Kinder rannten in den Keller, aus dem soeben der 
dicke Pirat gestürzt war. Dort herrschte Halbdämmer; 
nur ein spärlicher Lichtstreif, in dem aufgewirbelte 
Staubkörnchen tanzten, erhellte das Gesicht des auf 
dem Fußboden liegenden Jungen. 
Alissa beugte sich über ihn. »Kolja«, sagte sie, »hörst 
du mich?« 
Naumow hatte einen großen Bluterguß unterm Auge 
und eine Schramme auf der Wange. Es kostete ihn 
Mühe, die Lider zu heben, als er mit dumpfer, 
benommener Stimme erwiderte: »Macht euch keine 
Hoffnungen, ihr werdet nichts finden ... Das 
Myelophon ist an einem sicheren Ort versteckt ... « 
»Kolja«, flüsterte Julka, »erkennst du uns denn nicht? 
Wir sind's doch, die Sechs b!« 
»Oh ... «, Kolja versuchte den Kopf zu heben, »ihr 
seid's ... Ich hab nichts verraten ... Sie haben einen 
Schuß auf mich abgegeben, da bin ich ohnmächtig 
geworden.. «. Dann haben sie mich geschlagen und 
gesagt, ich würde hier nicht lebend rauskommen ... Aber 
ich hab nichts preisgegeben ... Wo ist Alissa?« 
»Ich bin hier, Kolja, sei ganz ruhig. Wir haben das 
Myelophon gefunden.« 
Doch Naumow wurde plötzlich von Unruhe erfaßt. 
»Schnell«, sagte er, »lauf weg, von mir erfahren sie nichts 
... Nun beeil dich, sie werden dich verfolgen ... « 
 
 
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»Koljalein«, Fima schluckte an seinen Tränen, »du bist 
ein Held.. ., du ... « 
»Ich bin ein Dummkopf und kein Held«, erwiderte 
Naumow. »Lauf weg, Alissa ... « 
»Uns kann nichts passieren«, sagte das Mädchen, 
»denn wir sind viele. Sie können uns nichts anhaben.« 
Doch das sollte sich als Irrtum erweisen. Schon im 
nächsten Augenblick rief eine Stimme hinter ihr: »Keine 
Bewegung! Der Junge hat recht. Du hättest tatsächlich 
sofort fliehen sollen, Alissa, statt dich mit der Rettung 
anderer zu befassen. Wer sich um Fremde kümmert, 
verliert letztlich immer. Und jetzt gib das Myelophon 
her, dummes Ding!« 
Die Kinder drehten sich um. In der Kellertür stand 
der Ratt, diesmal wieder als Napoleon verkleidet. In 
seiner Hand lag glänzend eine Pistole. 
»Komm schön her, na los«, er winkte Alissa mit dem 
Finger heran. »Und falls ihr zu schreien anfangt - hier 
hört euch niemand. Mit jedem Schuß kann ich drei von 
euch einschläfern. Ich bin ja nicht grausam, aber ich 
brauche das Myelophon. Na, wie ist's, muß ich noch 
lange warten?!« »Nimm es dir selber, versuch's doch!« 
sagte Alissa, denn sie hatte bemerkt, daß sich Kolja 
Sulima, vorsichtig und vom Ratt unentdeckt, seitlich 
wegstahl. 
»Da bitte, nimm es dir«, wiederholte sie und 
beobachtete aus den Augenwinkeln, wie sich Kolja an 
den Piraten heranarbeitete. 
»Das mach ich auch!« Der Ratt trat einen Schritt auf 
sie zu. 
 
 
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In diesem Augenblick stürzte sich Sulima auf ihn. 
Allerdings nicht sehr geschickt - Sport war nicht seine 
Stärke. Der Ratt winkelte den einen Arm ab, und Sulima 
prallte dagegen. Durch den Ruck löste sich ein Schuß 
aus der Pistole und traf die Decke. 
In dieser Sekunde griff Julka in den Kampf ein - sie 
aber war sehr gut im Sport. Sie setzte zu einem Sprung 
an und krallte sich in den Ärmel der Napoleonsuniform. 
Alissa vollführte ihrerseits einen Meistersprung, wohl 
den besten, der ihr je geglückt war - sie schnellte wie ein 
Vogel in die Höhe, griff nach der Pistole, die der Ratt 
noch immer über den Kopf hielt, und drehte dem 
Piraten den Arm um, so daß er die Waffe fallen ließ. 
Nun stürzten sich auch die anderen auf den Ratt, der 
unter den Leibern seiner anstürmenden Feinde geradezu 
versank. 
»Na so was«, rief Katja Michailowa plötzlich, »der 
glitscht ja weg!« 
Im Halbdämmer sahen alle, wie sich der Pirat in eine 
glatte, geschmeidige Kugel verwandelte und in die Ecke 
rollte. Niemand außer Alissa wußte, daß er die Gestalt 
eines Rollerers vom Planeten Wsik angenommen hatte. 
 
 
 
 
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Die Kinder standen wie erstarrt, Alissa aber hatte jetzt 
die Pistole - in der Hand und rief: »Keine Bewegung, 
Ratt vom Planeten Rattus! Sonst schieße ich!« 
Die Kugel rollte zum Ausgang. 
Alissa hob die Pistole und zielte - da aber gebot ihr 
eine Stimme von der Tür her Einhalt. »Nicht schießen, 
Alissa. Er kann uns nicht entkommen.« 
Auf den Stufen, die zum Keller hinunterführten, stand 
ein großer, schlanker Mann in blauem Anzug. Alissa ließ 
den Arm sinken. Die Stimme des Mannes hatte so 
entschieden geklungen, daß sie einfach gehorchen 
mußte. 
»Ratt«, befahl der Fremde, »nimm gefälligst eine 
halbwegs vernünftige Form an. Dein Spiel ist aus.« 
Gleich darauf stand wieder Napoleon vor ihnen, 
Kolja Naumow aber sagte: »Ich bin an allem schuld, 
Nikolai Nikolajewitsch ... « 
»Ach, Sie sind wohl der Diensthabende von der 
Zeitstation?« fragte Alissa. 
»Ja, der bin ich«, erwiderte Nikolai Nikolajewitsch, 
»und die Schuld liegt eher bei mir. Aber dazu später.« 
»Der zweite Pirat ist geflohen«, sagte Alissa. 
»Er ist nicht weit gekommen«, entgegnete der Mann, 
»er liegt ausgeknockt draußen auf dem Hof. Wir müssen 
ihn möglichst schnell wegschaffen, ehe die Nachbarn 
aufmerksam werden.« Und an den Ratt gewandt: 
»Komm jetzt, du Kosmosschreck, und versuch nicht, zu 
türmen!« 
 
 
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»Aber nein, auf gar keinen Fall!« beeilte sich der 
Dünne zu versichern. »Ich war ja nur ein blindes 
Werkzeug in den Händen des Fröhlichen U, er hat mich 
gezwungen ... « 
Alle aus der Sechs b, die sich an der »Operation 
Kosmospiraten« beteiligt hatten - die Bezeichnung 
stammte von Fima -, versammelten sich bei Kolja 
Naumow. Nikolai Nikolajewitsch hatte ihm eine 
Medizin gegeben und die Anweisung, bis zum Abend 
liegen zu bleiben, ja keine Kapriolen zu machen. 
Deshalb lag Kolja nun halb in den Kissen, mit stolzer 
und zugleich schuldbewußter Miene. 
Nikolai Nikolajewitsch aber stand, von den Kindern 
umringt, im Zimmer und sagte: »Es hat keinen Zweck, 
jemanden im nachhinein

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