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Adam: Ich habe bis 16:30 Uhr Termine, danach habe ich Zeit. Hast du Lust, essen zu gehen? Es gibt mehrere gute Restaurants in der Nähe des Campus (wenn auch mit einem beschämenden Mangel an Fließbändern). Wenn du nichts Besseres vorhast, könnte ich dir ein bisschen den Campus zeigen, vielleicht sogar Toms Labor. Adam: Kein Stress natürlich. Es war schon fast zwei Uhr nachmittags. Obwohl Olive das Gefühl hatte, dass ihre Knochen doppelt so schwer waren wie tags zuvor, holte sie tief Luft, straffte die Schultern und begann, eine Antwort an Adam zu schreiben. Denn auf einmal wusste sie genau, was sie tun musste. Punkt fünf Uhr klopfte sie an seine Tür, und fünf Sekunden später öffnete er auch schon, noch in Stoffhose und Buttondownhemd, was sicher sein offizieller Aufzug war, und … Er lächelte sie an. Nicht eine dieser halbgaren Geschichten, nein, ein echtes, wahrhaftiges Lächeln. Mit Grübchen und Lachfältchen um die Augen und erfüllt von offener Freude, sie zu sehen. Es brach ihr das Herz in tausend Stücke, noch ehe er zu sprechen begann. »Olive.« Warum die Art, wie er ihren Namen sagte, so einmalig war, hatte sie noch nicht ergründet. Irgendetwas lag darin verborgen, etwas, das es nicht an die Oberfläche schaffte. Ein Gefühl unbegrenzter Möglichkeiten. Eine Verheißung von Tiefe. Olive fragte sich, ob es real war oder ob sie es sich einbildete. Ob er sich dessen bewusst war. Sie fragte sich so viele Dinge, aber dann pfiff sie sich umgehend zurück. Das alles spielte nun keine Rolle mehr. »Komm rein.« Das Hotel war sogar noch schicker als das vorherige, und Olive verdrehte die Augen. Warum gab man für Adam Carlsens Unterbringung Tausende von Dollar aus, wo er doch ohnehin völlig blind für seine Umgebung war? Man hätte ihm einfach eine Pritsche geben und das Geld für einen guten Zweck spenden sollen. Vom Aussterben bedrohte Wale zum Beispiel. Schuppenflechte. Olive. »Ich hab dir das mitgebracht – ich nehme an, es ist deines.« Sie kam ein paar Schritte näher, streckte ihm ein Ladegerät entgegen, ließ aber das Kabelende baumeln, damit keine Notwendigkeit bestand, dass Adam sie berührte. »Stimmt. Danke.« »Es lag hinter der Nachttischlampe, wahrscheinlich hast du es deshalb vergessen.« Sie presste die Lippen aufeinander. »Vielleicht ist es auch das Alter. Vielleicht hat die Demenz schon eingesetzt. Die amyloiden Plaques und all diese senilen Ablagerungen, du weißt schon.« Er funkelte sie an, und sie bemühte sich, ernst zu bleiben, musste aber selbst grinsen, worauf er die Augen verdrehte und sie kleine Klugscheißerin nannte, und … Da ging es schon wieder los. Verdammt. Sie ließ die Augen in die andere Richtung wandern, denn – nein. Nicht mehr. »Wie waren deine Gespräche?«