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»Adam, ich …«, unterbrach sie ihn. »Ich möchte die Sache auf sich beruhen lassen. Bitte.« Eine Weile musterte er sie schweigend, dann nickte er. »Okay. Selbstverständlich.« Er richtete sich auf, sichtlich unwillig, das Thema fallen zu lassen, dennoch bemüht, es zu tun, und fuhr fort: »Möchtest du essen gehen? Ganz in der Nähe ist ein mexikanisches Restaurant. Oder vielleicht Sushi? Richtiges Sushi? In der Nähe ist auch ein Kino, vielleicht gibt es da einen Film, in dem keine Pferde sterben.« »Ich habe … ich habe eigentlich gar keinen Hunger.« »Oh.« Er wirkte amüsiert. »Das hätte ich nicht für möglich gehalten.« »Ich auch nicht.« Sie lachte leise und zwang sich dann weiterzusprechen. »Heute ist der neunundzwanzigste September.« Eine kurze Pause trat ein. Adam sah sie an, abwartend und erwartungsvoll. »Stimmt.« Sie biss sich auf die Unterlippe. »Weißt du schon, was die Fakultätsleitung wegen deiner Gelder beschlossen hat?« »Oh, richtig. Die sind tatsächlich freigegeben.« Er schien sich zu freuen, sein Gesicht strahlte – fast jungenhaft. Wieder brach es ihr fast das Herz. »Ich wollte es dir beim Essen erzählen.« »Großartig.« Sie brachte ein Lächeln zustande, schwach und jämmerlich in ihrer wachsenden Nervosität. »Das ist wirklich toll, Adam. Ich freue mich sehr für dich.« »Bestimmt sind deine Sonnenschutzfähigkeiten dafür verantwortlich.« »Ja.« Selbst in ihren eigenen Ohren klang ihr Lachen gekünstelt. »Das muss ich in meinen Lebenslauf aufnehmen. Fake-Freundin mit umfassenden Fähigkeiten. Microsoft Office und exzellente Sonnenschutzerfahrung. Sofort verfügbar, bitte nur ernstgemeinte Angebote.« »Nicht sofort verfügbar.« Er sah sie seltsam an. Zärtlich. »Eigentlich eine ganze Weile nicht, würde ich sagen.« Ihr wurde noch schwerer ums Herz. Also, das war es dann wohl. Der Schlusssatz. Der Augenblick, in dem alles endete. Olive konnte es tun, sie würde es tun, weil es einfach das Beste war. »Ich denke, ich sollte es lieber sein.« Sie schluckte, und es war, als rinne ihr Säure durch die Kehle. »Verfügbar, meine ich.« Sie versuchte, sein Gesicht zu deuten, bemerkte seine Verwirrung und krallte die Faust in den Saum ihres Pullovers. »Wir haben uns eine Deadline gesetzt, Adam, und wir haben alles erreicht, was wir uns vorgenommen hatten. Jeremy und Anh sind fest zusammen – ich bezweifle, dass sie sich überhaupt noch daran erinnern, dass ich mal was mit Jeremy hatte. Und deine Fördergelder stehen dir zur Verfügung, was wunderbar ist. Die Wahrheit ist …« Immerhin konnte sie die Tränen zurückhalten, indem sie ihre Augen zusammenkniff, die entsetzlich brannten. Allerdings nur mit Mühe. Die Wahrheit ist, Adam, dass dein Freund, dein Mitarbeiter, ein Mensch, den du offensichtlich magst und der dir nahesteht, absolut grässlich und abscheulich ist. Er hat mir Dinge an den Kopf geworfen, von denen ich nicht weiß, ob sie zutreffen oder nicht. Ich bin mir nicht sicher. Ich bin mir über gar nichts mehr sicher. Wie gern würde ich dich fragen, wie du darüber denkst. Aber ich habe schreckliche Angst davor, dass er recht haben könnte und du mir nicht glauben würdest. Und noch mehr Angst, dass du mir glaubst und dich das dazu zwingen würde, etwas aufzugeben, was dir so viel bedeutet: deine Freundschaft und deine Arbeit mit diesem Menschen. Eigentlich habe ich Angst vor allem. Deshalb werde ich dir statt meiner Wahrheit eine andere erzählen, eine Wahrheit, von der ich denke, dass sie für dich am besten ist. Eine Wahrheit, die mich zwar aus der Gleichung herausnimmt, das Ergebnis aber auf alle Fälle besser macht. Denn ich beginne mich zu fragen, ob vielleicht genau das Liebe ist. Dass man bereit ist, sich zu zerreißen, damit der andere ganz er selbst bleiben kann.