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Wortlos deutete sie in die Richtung. »Bist du sicher, dass du meine Tasche tragen willst? Ich hab gehört, dass man in einem gewissen Alter sehr darauf achten muss, seinen Rücken nicht zu überlasten.« Er sah sie grimmig an. Olive lachte, und so verließen sie nebeneinander den Parkplatz. Die Straße war still, zu hören nur das gelegentliche Quietschen von Olives Converse auf dem nassen Pflaster und ein paar Sekunden später Malcolms Auto, das sie überholte. »Hey«, rief Holden aus dem Beifahrerfenster, »was stand denn nun auf Adams Glückskekszettel?« »Hmm.« Mit großer Geste holte Olive das Zettelchen heraus und antwortete: »Nichts Interessantes. Nur: ›Holden Rodrigues, Ph. D., ist ein Loser‹.« Holden zeigte ihr den Stinkefinger, Malcolm trat aufs Gaspedal, und Olive sah ihnen lachend nach. »Was steht wirklich darauf?«, fragte Adam, als sie endlich allein waren. Olive gab ihm das zerknitterte Stück Papier und wartete stumm, während Adam den Zettel ins Laternenlicht hielt. Als sie sah, wie ein Muskel an seinem Mund zuckte, wunderte sie sich nicht, auch nicht, als er den Zettel wortlos in die Hosentasche steckte. Schließlich wusste sie, was darauf stand. Verlieb dich ruhig Hals über Kopf – es wird dich jemand auffangen. »Können wir über Tom sprechen?«, fragte sie stattdessen und wich einer Pfütze aus. »Wir müssen nicht, aber wenn wir es könnten …« »Wir können. Und wir sollten.« Sie sah, wie Adam schluckte. »Selbstverständlich wird Harvard ihn feuern, über weitere Disziplinarmaßnahmen wird noch beraten – gestern gab es noch Sitzungen bis in die Nacht.« Er warf ihr einen kurzen Blick zu. »Deshalb konnte ich mich auch nicht früher melden. Harvards Title-IX-Koordinatorin wird demnächst Kontakt mit dir aufnehmen.« Gut. »Und was ist mit eurem Projekt?« Er biss die Zähne zusammen. »Das weiß ich noch nicht genau. Ich werde mir etwas einfallen lassen – oder eben nicht. Im Moment ist mir das nicht besonders wichtig.« Das überraschte Olive. Andererseits auch nicht, wenn sie in Betracht zog, dass die beruflichen Folgen von Toms Verrat nicht annähernd so einschneidend waren wie die persönlichen. »Es tut mir leid, Adam. Ich weiß, dass ihr Freunde wart …« »Er war nicht mein Freund.« Mitten auf der Straße blieb Adam stehen, wandte sich zu Olive um, und seine Augen schimmerten in einem klaren, tiefen Braun. »Ich hatte keine Ahnung, Olive. Ich dachte, ich würde ihn kennen, aber …« Er schluckte. »Ich hätte dich ihm nicht anvertrauen dürfen. Es tut mir leid.« Er sagte »anvertrauen«, als wäre Olive etwas ganz Besonderes, etwas für ihn einmalig Wertvolles, was sie gleichzeitig zum Lachen und zum Weinen brachte. Es machte sie ebenso froh, wie es sie verwirrte.