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»Komplizierte Geschichte.« Er rieb sich das Kinn, wobei er in seinen Gedanken weit entfernt zu sein schien. »Nein. Ich mochte ihn nicht. Bis heute mag ich ihn nicht. Er war …« Adam hielt inne, so dass Olive schon fast glaubte, er würde nicht mehr weitersprechen. »Er war erbarmungslos. Mein Betreuer war erbarmungslos.« Olive kicherte, und Adam sah sie verwirrt an, mit schmalen Augen. »Entschuldige.« Sie konnte noch immer nicht aufhören zu lachen. »Es ist einfach komisch, dich über deinen alten Mentor klagen zu hören, weil …« »Weil?« »Weil er nach deiner Beschreibung genauso klingt wie du.« »Ich bin überhaupt nicht wie er«, konterte er, schärfer, als Olive es von ihm erwartet hätte. Sie schnaubte verblüfft. »Adam, ich bin ziemlich sicher, wenn wir die Allgemeinheit bitten würden, dich mit einem einzigen Wort zu beschreiben, würde wiederholt das Adjektiv ›erbarmungslos‹ auftauchen.« Noch ehe sie den Satz beendet hatte, sah sie, wie er erstarrte, wie seine Schultern plötzlich steif und verkrampft wurden, sein Gesicht sich verhärtete und in ihm ein Muskel zu zucken begann. Ihr erster Impuls war, sich zu entschuldigen, aber sie wusste nicht recht, wofür. Was sie ihm gerade gesagt hatte, war nichts Neues – sie hatten sich schon oft über seinen direkten, kompromisslosen Mentorenstil unterhalten, und er hatte es immer spielend weggesteckt. Es sogar zugegeben. Und nun saß er mit geballten Fäusten da, und seine Augen waren dunkel geworden. »Ich … Adam, hab ich …?«, stammelte sie, aber er fiel ihr ins Wort. »Alle Studenten haben Konflikte mit ihren Betreuern«, sagte er, und der Ton war so endgültig, dass Olive ihren Satz lieber nicht vollendete. Lieber nicht fragte: Was ist passiert? Stattdessen schluckte sie und nickte. »Dr. Aslan ist …« Sie zögerte. Inzwischen waren seine Fingerknöchel nicht mehr ganz so weiß, und seine Anspannung hatte nachgelassen. Womöglich hatte sie sich alles nur eingebildet. »Sie ist großartig. Aber manchmal habe ich das Gefühl, sie versteht überhaupt nicht, was ich brauche …« Orientierung, Unterstützung. Ein paar konkrete Ratschläge statt blinder Ermutigung. »Ich weiß nicht einmal selbst genau, was ich brauche. Wahrscheinlich ist das ein Teil des Problems – ich bin nicht sehr gut darin, meine Bedürfnisse zu kommunizieren.« Er nickte, und Olive hatte den Eindruck, dass er seine Worte erneut sehr sorgfältig wählte. »Mentoring ist schwierig. Niemand bringt es einem bei. Wir lernen, Wissenschaftler zu sein, aber als Dozenten gehört es dann auch zu unseren Aufgaben, die Studenten zu konsequenter wissenschaftlicher Arbeit anzuleiten. Ich ziehe meine Doktoranden zur Verantwortung, stelle hohe Anforderungen an sie. Sie fürchten mich, und für mich ist das kein Problem. Bei unserer Forschung steht viel auf dem Spiel, und wenn ihre Angst vor mir dazu führt, dass sie ihre Ausbildung ernst nehmen, finde ich das in Ordnung.« Olive legte den Kopf schief. »Wie meinst du das?«