Prévia do material em texto
»Ich hatte zwei Bier. Vor ein paar Stunden«, entgegnet sie irritiert, und Adam merkt, wie er allmählich genauso irritiert ist. Absolut nicht der richtige Zustand, mit ihr zu streiten. Schließlich muss er schon die ganze Zeit mit sich selbst streiten. »Du bist Doktorandin, die zurzeit in einem Abhängigkeitsverhältnis zu mir steht, um ein Dach über dem Kopf zu haben, und selbst wenn es nicht so wäre, könnte sich die Macht, die ich über dich habe, leicht zu einer Zwangsdynamik entwickeln, die …« Sie lacht. Als wäre das, was ihm eine Höllenangst einjagt und nachts den Schlaf raubt – dass Olive nämlich bei dieser Sache, die sie zusammen durchziehen, verletzt werden könnte, dass er irgendwelche Signale nicht richtig auffasst und ihr schaden oder sie ausnutzen könnte –, nichts weiter als ein Witz. »Aber ich … ich fühle mich zu nichts gezwungen.« Es klingt spöttisch, als wäre allein schon die Möglichkeit, dass so etwas passieren könnte, absolut lächerlich. Vielleicht ist es ihr Ton, vielleicht ihr Duft in seiner Nase, jedenfalls verliert Adam die Kontrolle. »Du bist in einen anderen verliebt!«, erklärt er, so wütend, dass er nichts mehr zurückhält. Tatsächlich hört Olive auf zu lachen, zuckt zusammen, und einen Moment sieht es aus, als wolle sie zurückweichen. Sofort möchte Adam sich in den Hintern treten und alles ungesagt machen. Na toll, Arschloch. Reib es ihr so richtig unter die Nase, erinnere sie daran, dass der Typ, den sie wirklich mag, mit ihrer besten Freundin abgehauen ist. Als wüsstest du nicht ganz genau, wie es sich anfühlt, wenn man etwas von jemandem will, der viel lieber mit jemand anderem zusammen wäre. Es ist ja nicht so, als könntest du das jede einzelne Minute, die du mit ihr verbringst, nur zu gut nachvollziehen. »Olive.« Er kneift sich in die Nasenwurzel und versucht, sich zu beruhigen. Schroff und reizbar zu sein ist für ihn nichts Neues, aber Olive hat irgendeinen Einfluss auf seine Hirnchemie, wodurch er ganz sanft wird und geduldig und so zufrieden, wie man es sich als jemand wie er kaum erhoffen kann. Ein knurriges, wildes Biest, endlich gezähmt. Das Problem ist nur, dass sie beide heute Abend nicht sonderlich gut drauf zu sein scheinen. Olive ist müde und durcheinander. Müde ist Adam ebenfalls, obendrein noch total scharf und nach Wochen über Wochen des Wollens und Nicht-Bekommens zermürbt bis auf die Knochen und aktuell in großer Versuchung. Ein Bild des Jammers wegen dieser Frau. Er muss besser werden, schließlich geht es nicht um ihn. Er hat sich von Anfang an eingeschärft, dass es in der Zeit, die er mit Olive verbringt, ausschließlich um sie gehen soll, und deshalb muss er etwas versuchen, was seiner Natur radikal zuwiderläuft: Diplomatie. Seufzend schließt er die Augen, holt tief Luft und denkt darüber nach, wie man auf sensible Art sagen könnte: Du glaubst, du willst mit mir schlafen, aber das ist nicht der Fall. Das Problem ist nur, dass ich es so sehr will, weshalb es äußerst riskant ist, diese Diskussion zu führen. Du solltest lieber schlafen. Dich ein bisschen ausruhen, während ich einen Meter von dir entfernt versuche, dein schwarzes Kleid zu vergessen. Oder das eine Mal, als du die Idee aufgebracht hast, wir könnten in meinem Büro ficken. Oder als du dich eine Stunde lang auf meinem Schoß geräkelt hast und ich nichts anderes denken konnte, außer dass das, was wir tun, in einer gerechten, einer idealen Welt echt wäre, und diese aufdringlichen, halb ausgesprochenen Phantasien, die ich über dich habe, dich nicht dazu bringen würden, schreiend davonzulaufen, und …