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Kapitel 20 Hypothese: Leute, die mir in die Quere kommen, werden es irgendwann bereuen. Sie musste lügen. Schon wieder. Allmählich wurde es zur Gewohnheit, doch während sie für die Sekretärin der Biologischen Fakultät in Harvard eine komplizierte Geschichte erfand, in der sie eine Doktorandin von Dr. Carlsen war und ihn sofort erreichen musste, um ihm persönlich eine äußerst wichtige Nachricht zu überbringen, schwor sie sich, dass es das letzte Mal wäre. Es stresste sie zu sehr. Es war einfach zu schwierig für sie. Die Belastung nicht wert, die ihr Herz-Kreislauf-System und ihre psychophysische Gesundheit dadurch aushalten mussten. Außerdem war sie echt schlecht im Lügen. Obwohl die Fakultätssekretärin nicht den Eindruck machte, als glaube sie auch nur ein einziges Wort dessen, was Olive ihr erzählte, kam sie offenbar zu dem Schluss, dass es keinen Schaden anrichten würde zu verraten, in welches Restaurant das Kollegium mit Adam essen gegangen war – laut Internet ein schickes Etablissement, das in knapp zehn Minuten per Uber zu erreichen war. Olive schaute auf ihre zerrissenen Jeans und fliederfarbenen Converse hinab und fragte sich, ob man sie überhaupt hereinlassen würde. Dann fragte sie sich, ob Adam womöglich sauer wäre. Dann fragte sie sich, ob sie einen Fehler beging und ihr eigenes Leben, Adams Leben und das Leben der Uber-Fahrerin vermasselte. Die Verlockung, das Fahrtziel neu zu definieren und sich zurück ins Kongresshotel bringen zu lassen, wurde mit jeder Minute größer, als der Wagen rechts am Bordstein hielt und die Fahrerin – der App zufolge hieß sie Sarah Helen – sich mit einem Lächeln umwandte und verkündete: »Wir sind da.« »Danke.« Olive wollte aussteigen, merkte jedoch, dass sie ihre Beine nicht bewegen konnte und nicht von ihrem Sitz hochkam. »Alles gut?«, fragte Sarah Helen. »Ja, nur … äh …« »Müssen Sie sich in meinem Auto übergeben?« Olive schüttelte den Kopf. Nein. Ja. »Vielleicht?« »Tun Sie es lieber nicht, sonst versaue ich Ihnen Ihre Bewertung.« Olive nickte und versuchte, vorsichtig von ihrem Sitz zu rutschen. Noch immer kam von ihren Beinen keinerlei Reaktion. Sarah Helen runzelte die Stirn. »Was ist los?« »Ich muss nur …« Olive hatte einen dicken Kloß im Hals. »Ich muss etwas erledigen. Etwas, das ich überhaupt nicht tun möchte.« »Hmm«, machte Sarah Helen und fragte: »Arbeit oder Liebe?« »Äh … beides.« »Ach du Schande.« Sarah Helen rümpfte die Nase. »Doppelgefahr also. Können Sie es verschieben?« »Nein, nicht wirklich.« »Können Sie dafür sorgen, dass es jemand anderes für Sie erledigt?«