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Anh warf ihr einen verständnislosen Blick zu. »Warum? Du nimmst Platz ein, den wir nicht haben, und es ist nur logisch, dass du Carlsen als Stuhl benutzt. Ich würde es ja selbst tun, aber er ist dein Freund, nicht meiner.« Einen Moment überlegte Olive, wie Adam reagieren würde, wenn Anh beschließen würde, sich auf seinen Schoß zu setzen, und kam zu dem Ergebnis, dass wahrscheinlich einer von ihnen ermordet werden und der andere den Mord begehen würde – sie war sich nur nicht sicher, wer welche Rolle übernehmen würde. Die Vorstellung war so albern, dass sie fast laut gelacht hätte. Dann sah sie den erwartungsvollen Blick, mit dem Anh sie taxierte. »Anh, ich kann das nicht.« »Warum?« »Darum. Das ist ein wissenschaftlicher Vortrag.« »Na und? Weißt du noch, letztes Jahr, als Jess und Alex in der CRISPR-Vorlesung fast ununterbrochen rumgemacht haben?« »Ja – und das war sehr merkwürdig.« »Nein, war es nicht. Und Malcolm schwört, er hätte mal gesehen, wie dieser große Typ aus der Immunologie sich während eines Seminars einen runtergeholt …« »Anh.« »Ich will damit nur sagen: Das interessiert keinen.« Anhs Gesicht nahm einen flehenden Ausdruck an. »Der Ellbogen dieses Mädchens durchbohrt meinen rechten Lungenflügel, und ich habe nur noch Sauerstoff für etwa dreißig Sekunden. Bitte, Olive.« Olive wandte sich zu Adam um, der, wie nicht anders zu erwarten, mit ausdruckslosem Gesicht zu ihr aufblickte. Aber sein Kiefer mahlte, und sie fragte sich unwillkürlich, ob das der Tropfen war, der das Fass zum Überlaufen bringen würde. Der Moment, in dem er aus ihrer Vereinbarung aussteigen würde. Denn selbst ein Millionen-Dollar-Budget an Fördermitteln konnte es nicht wert sein, dass sich irgendeine Frau, die er kaum kannte, im überfülltesten Raum in der Geschichte der überfüllten Räume auf seinen Schoß setzte. Ist das okay?, versuchte sie, ihn mit den Augen zu fragen. Vielleicht ist es ein bisschen zu viel. Viel mehr auf jeden Fall, als im Flur Hi zu sagen und zusammen Kaffee zu trinken. Adam nickte ruckartig, und dann trat Olive – oder zumindest Olives Körper – auf ihn zu und setzte sich vorsichtig auf seinen Oberschenkel, ihre Knie zwischen seine gespreizten Beine geklemmt. Es passierte wirklich. Sie saß auf Adams Schoß. Jepp, so weit war es gekommen. Dafür würde sie Anh umbringen. Ganz langsam. Vielleicht sogar qualvoll. Sie würde wegen Beste-Freundinnen-Mordes ins Gefängnis wandern, aber das war es wert. »Tut mir leid«, flüsterte sie Adam zu. Er war so groß, dass ihr Mund nicht ganz auf einer Höhe mit seinem Ohr war. Aber sie konnte ihn riechen – sein nach Wald duftendes Shampoo, sein Duschbad und noch etwas darunter, etwas Dunkles, Frisches, Angenehmes. All das fühlte sich so vertraut an, und nach ein paar Sekunden wurde Olive klar, dass das an ihrer letzten intimen Begegnung lag. An dem Kuss. »Wirklich.«